Sonntag, 26. September 2010

Ein Bote aus dem Reich des Vergessens. Zum 70. Todestag von Walter Benjamin

Heute vor siebzig Jahren hat Walter Benjamin in Portbou, an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien, seinem Leben mit Morphium (das er zuvor noch mit Arthur Koestler in einem Internierungslager in Südfrankreich geteilt hatte, damit jeder für den Notfall genug hätte), ein Ende gemacht. (Koestler setzte es nicht ein.) Obwohl Benjamin ein Durchreisevisum für Spanien hatte, um in die USA auszureisen, ließen ihn die Grenzer in den Pyrenäen nicht passieren, da er ein „Staatenloser“ war. Um als Jude den Nazis nicht ausgeliefert zu werden, wählte er am 26.9.1940 den Weg in den Himmel – dorthin, woher sein Engelbild „Angelus novus“ von Paul Klee auf die Erde gestürzt war, als er auf die Geschichte des Landes blickte – und das Benjamin zeitlebens begleitete.

Walter Benjamin ist nur achtundvierzig Jahre alt geworden. Seine Lebensorte waren vornehmlich Berlin – dort ist er 1892 geboren worden –, die Schweiz – dort hat er die Kriegsjahre des ersten Weltkriegs verbracht und studiert – und Paris – das ihm ab den 30er Jahren Exil bot. Von Paris war er fasziniert. Bis zuletzt hat er am „Passagenwerk“ geschrieben, an einer "Urgeschichte der Moderne". Benjamin war ein eigensinniger Intellektueller zwischen den Weltkriegen, bewegte sich zwischen Tradition und Moderne, ganz dem deutschen Geist verschrieben. Erst die Postmoderne hat seine Werke entdeckt. Es waren die Freunde, die seine Manuskripte veröffentlichten.

Seitdem ist es zu einer wahren Flut an Literatur von und über ihn gekommen. Das Gesamtwerk wurde bei Suhrkamp publiziert, Benjamin selber hat zu Lebzeiten nur ganz wenig veröffentlichen können. Die Freunde von damals, Gershom Scholem, Theodor Adorno, Gretel Karplus, Bert Brecht, Hannah Arend, haben seine Manuskripte, die er ihnen zwecks Kommentierung zusandte, verwahrt und dann der Öffentlichkeit übergeben. Sie waren sein Archiv, denn er hatte viele Jahre lang kein Zuhause mehr. Er war ein Reisender, ein Suchender, ein Mann, der überleben wollte und einen Ort dafür brauchte. Benjamin war mit einer Aktentasche unterwegs.

David Wittenberg hat einen Film gedreht: „Geschichten einer Freundschaft. Walter Benjamin zum Gedächtnis.“ Er läuft zurzeit auf arte (http://videos.arte.tv/de/videos/geschichten_der_freundschaft-3423058.html). Dieser Film zeigt auf hohem Niveau das Dilemma, in dem Benjamin steckte. Er beschwört die Zeit von damals herauf. Mit eindringlichen Bildern aus Berlin, der Schweiz und Paris. Oft sind es stille Bilder, fotografische Filmaufnahmen, die mich als Zuschauerin durch ihre Stille bewegen und aufwühlen. In einem Spannungsverhältnis dazu werden bewegte Bilder gezeigt, fahrende Züge, Autos oder Schiffe – und sie machen still, betroffen. Sie machen die Stille erfahrbar, die eine Frage braucht, und die Bewegung, die ins Unausweichliche führt.

Bilder von damals wechseln sich mit Bildern von heute ab. Eine Zeitreise durch Orte mit ungewöhnlichen Perspektiven. Die unsichtbare Erzählstimme kommentiert, zitiert, stellt dar und mahnt mit leisen Worten. Ein anspruchsvoller Film, der an einen Mann erinnert, der heute bekannter ist als je zuvor. Der Film macht aufs Neue betroffen, weil die Zeitereignisse überhand nehmen und das Individuelle keine Berechtigung mehr zu haben scheint.

Walter Benjamin hatte viele Freunde, er war zu Lebzeiten nicht berühmt – das geschah erst posthum – aber bekannt, er war ein Mann des intellektuellen Lebens, der Auseinandersetzung. Er war ein Mann seiner Zeit, der sich einen Weg zwischen Vergangenheit und Zukunft zu bahnen versuchte. Und dabei, auch er, ein Gefangener. Er hat sich öffentlich eingebracht, solange das ging, und ist denkerisch immer eigene Wege gegangen. Benjamin war jemand, der die Dinge sich hat aussprechen lassen, sie neu durchdacht hat, ihnen zu neuem Licht verholfen hat.

Sein Freund Gershom Scholem ist schon in den zwanziger Jahren nach Palästina ausgewandert, und hat Benjamin wieder und wieder nicht nur eingeladen, sondern auch dringend gebeten zu kommen, sich in Sicherheit zu bringen. Aber Benjamin kam nicht, er war in diesen Dingen selten unbeholfen und die Tragödie nahm ihren Lauf. Benjamins Ort war Paris – und dort durfte er nicht bleiben.

Die Stellung, die seine intellektuelle Leistung ihm auf literarischer Ebene gebührte, wurde ihm zu Lebzeiten versagt, seine Habilitationsschrift abgelehnt. Was nützt einem Menschen der große Nachruhm, wenn er sich aus Angst vor seinen Zeitgenossen das Leben nehmen „muss“ um nicht von ihnen umgebracht zu werden. Sein Grab in Portbou verschwand nach einigen Jahren, der Autor drohte in das Meer der Unbekannten zu versinken. Heute aber ist der Ort zu einer intellektuellen Pilgerstätte geworden, seine Werke sind weithin bekannt.

Damals, in den Kriegswirren, waren es die persönlichen Freunde, die ihn und seine Schriften wie in einem Archiv in sich trugen. Das Schicksalsnetzwerk hat nach seinem tragischen Tod einen Toten mit seiner Aura zu neuem Leben erweckt. Zumindest auf literarischer Ebene. Durch Anteilnahme, Freundschaft, Wissen und Achtung. Benjamin ist mit seinen Worten ein Bote aus dem Reich des Vergessens, und ruft dazu auf einander wahrzunehmen. „Das wahre Maß des Lebens ist Erinnerung“ – sagte Benjamin schon, als er in Paris Proust übersetzt hat. Der Film von Wittenberg macht Erinnerung aufs Neue möglich, macht Zukunft nötig.

Sonntag, 19. September 2010

Identitätsverleugnung. Lügen auf Deutsch

Der warme Sommermorgen wurde von stillen Sonnenstrahlen umringt. Die prächtigen Gebäude machten weiterhin sichtbar, dass sie zwar noch stünden, aber einer liebevollen Restaurierung bedürften. Die Zeit ist stehengeblieben. Hier und da fällt ein Stück Putz von einer Fassade ab, Vögel landen auf dem Fußweg und picken etwas auf, Mülltonnen stinken vor sich hin. Das Licht mahnt Vergangenes an.

Vor siebzig Jahren stand die Stadt in Feindesland. St. Petersburg. Erbitterte Kämpfe brachten die Menschen zu Fall. Leid, Angst, Elend und Bitterkeit beherrschte die Menschen. Der Tod wütete überall. Die Deutschen waren es, die den Krieg anzettelten. Und sich später schuldig bekannten. Gelitten haben alle.

In jedem Geschichtsunterricht werden die verwirrenden Fakten besprochen, die verworrene Lage klargestellt und die Verantwortung deutlich gemacht. Es dauerte eine Weile, bis sich die Deutschen wieder zeigen konnten, bis sie zu einer – ihrer? – Identität zurückfanden. Bis sie wieder locker bekennen konnten Deutsche zu sein. Trotz der historischen Schuld.

Anna ist lange nach dem Krieg geboren worden. In aufgeklärtem Elternhause aufgewachsen. Sie läuft die alte Straße entlang. Am Sonntagmorgen, im stillen Sonnenschein, mit den übel riechenden Mülltonnen auf den Bürgersteigen. Sie sucht ein Haus. Obgleich es auch in ihrer Familie Opfer, Entbehrung und Leid gab – die Heimat musste verlassen werden, Grund und Besitz gingen verloren und es gab Tote zu beklagen – Nazis kannte sie nur aus Erzählungen, aus der Geschichtsbetrachtung eben.

Manchmal fragt sich Anna, warum sie sich in Deutschland inkarniert hat, warum sie eigentlich Deutsche sei. Da sie weder Schmidt, Schulze, noch Müller oder Meyer hieß, lud ihr Nachname oft dazu ein, sie für eine „Ausländerin“ zu halten. Wo sie herkäme, ob sie Deutsch verstünde oder sogar spräche… diese Fragen und Annahmen kannte sie. Und das hinterließ jedes Mal eine tiefe Verwirrung in ihr. In diesen Momenten fühlte sie sich sehr deutsch. Und zugleich in Frage gestellt.

Anna läuft betrachtenden Schrittes die Straße entlang. In St. Petersburg. Sie ist eine Touristin. Eine interessierte Mitbürgerin. Fühlt sich als verantwortungsvoller Mitmensch im 21. Jahrhundert. Sie sucht das Besatzungsmuseum. Auch dies: ein dunkles Kapitel der Geschichte. Die Deutschen haben im Zweiten Weltkrieg die Stadt 900 Tage belagert. Ausgehungert. Entsetzliches Leid ist damals geschehen.

Das Museum ist von außen kaum zu erkennen. Auch hier: bröckelnde Fassaden, eine vernachlässigte Gegend. Aber die Sonne scheint warm auf alles herab. Das Schild ist klein und nur in kyrillischen Buchstaben geschrieben. Wie bekannt ist es eigentlich, dass es eine Belagerung der Deutschen gab, und dass es heute dieses Museum gibt? Zukunft braucht Erinnerung.

Anna tritt mit ihrem Begleiter in den Eingang des Museums. Alles ist hier vollgestellt. Die Luft ist trocken, muffig und alt. Bruchstücke von Bomben, Granaten, Panzern und Gewehren bilden den Empfang. Ob das nun russische oder deutsche Geschütze sind, lässt sich auf die Schnelle nicht feststellen. Auf den riesigen Bildern aber, die die Wände zieren, lassen sich Generäle der Roten Armee erkennen. Der starke Russe ist deutlich präsent.

Die beklemmende und zugleich verstaubte Atmosphäre wird von einer munteren Russin durchbrochen. Sie kommt strahlend auf Anna und ihren ebenfalls deutschen Begleiter zu. Sie spricht Russisch, Deutsch und Englisch zugleich. Ein Kauderwelsch, von dem sich nicht alles, aber doch einiges verstehen lässt. Anna begreift, dass die Russin selber Zeugin der Belagerung war. Ein hungerndes, verängstigtes, verlassenes Kind damals. Sie hat überlebt. Und will nun zeigen was damals war.

Plötzlich fragt die Russin, ob die beiden aus Kanada, Amerika oder England seien. Und Anna antwortet blitzschnell, dass sie Engländer seien…

Was ist in diesem Moment passiert, in dem die Vergangenheit plötzlich zur Gegenwart wurde? Beklemmende Betroffenheit überhandgenommen hat. Hat sich Anna mit der Schuld der vorangegangenen Generationen identifiziert – und gleichzeitig mit der Last dieser Schuld nicht mehr gerade stehen können? Warum verleugnet sie sich – so plötzlich? Welche Identität präsentiert sie als Teil deutscher Geschichte?

Neulich hat mir eine Freundin, die vornehmlich in der französischen und englischen Sprache lebt, mit mir aber Deutsch spricht, gesagt, dass man auf Deutsch nicht lügen könne, weder grundlos noch galant, dass diese Sprache auf einer Wahrhaftigkeit bestünde, die es nicht möglich mache – ganz anders offensichtlich als im Französischen oder Englischen – etwas zu sagen, was nicht stimme. Sie begründete das mit der ehrlichen und differenzierten Begrifflichkeit, der nuancierten Welt der deutschen Wörter.

Anna ist verwirrt. Sie ist Deutsche. Und das ganz ohne Probleme. In St. Petersburg aber, in einem Museum über die Belagerung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, spricht innerhalb von Zehntelsekunden eine Stimme in ihr, die ihre Herkunft verleugnet. Geschah das aus Takt der Russin gegenüber? Oder steckt etwas anderes dahinter?

Wie geht man als Engländer durch diese Welt mit ihrer Geschichte, als Russe, Holländer oder Amerikaner? Wie viel unserer nationalen Vergangenheit tragen wir unsichtbar auf unseren Schultern? In wie fern repräsentieren wir heute, im Zeitalter der Globalisierung, Nationalität? Deutsch zu sein kann bedeuten, aufrichtig mit Schuld und Lüge umzugehen – es schließt aber nicht aus, sich schuldig zu machen oder zu lügen.

Sonntag, 12. September 2010

Aufzeichnungen. Für die Geburt eines Text-Gewebes

Kreuzungspunkte:
Buchmesse Stand AX98, Autohaus Müller, Pastabar di Cornali, Luftschutzkeller, Bushaltestelle, Germanistisches Seminar, Ponte Veccio, Wald.

Zeit:
Hier und Jetzt. Immer. Damals. Dann. Bereits vergangen und noch im Kommen, Kreuzungspunkt Herz, von Inkarnation zu Inkarnation.

Bezugsrahmen:
Sachliche Dokumentation, Wünsche, Hoffnungen, Phantasien, „das“ Leben. Du und ich.

MitspielerInnen:
LeserIn, FahrkartenverkäuferIn, Kafka, zahnlose Großmutter, Benjamin Walter, Politologinnen, Servicepersonal, Hauptfigur, Nebenfigur, Taxifahrer, Gesellschaft, Unterwelt.

Kreuzungslinien in Raum und Zeit:
1958: Rom, nachts 4 Uhr, Flughafenterminal A
1985: Ruhr-Universität Bochum, dienstags 14-16 Uhr
2015: St. Petersburg, Platz am Ehernen Reiter
1907: Somewhere
1892: Berlin-Charlottenburg
XXX: XXX

Verschränkungen:
Metrolinien, Telefonverbindungen, Reisen, Inspirationen, Gefängnis in sich selbst, Suche, Platons Ideenwelt.

Nicht vorkommende Worte:
Blackberry, Donaudampfschiffskapitän, Projektionsfläche, Wahrheit, Whisky, Pferde und Fenster, Schicksal.

Perspektive:
Wechselnd. Das Netzwerk sichtbar machend. Ich-Perspektive mit unterschiedlichen Ausgangspunkten, Vogelperspektive auf das Geschehen, innen und außen, subjektiv und objektiv.

Rahmen:
Anfang und Ende im Jetzt, randlose, nicht fest umrissene Zukunft, Rückblende in Vergangenes je nach Befinden und Größe der tragenden Herzen.

Wiederkehrendes:
Rothko Bilder, Blogspots, Zarengrab in der St. Nicolaus Kapelle, ein goldener Füller, Wortschubladen, Verwirrungen, Sehnsüchte und Paragraphen.

Klappentext:
Die unverhüllte Wirklichkeit, von der niemand weiß, wo sie sich versteckt, trifft auf Vorstellungen und Ideale in konkreten Figuren, die deutlich machen, was es heißt in einer Verschränkung mit Raum und Zeit zu leben, zu lieben, zu scheitern und zu bangen. Das Unsichtbare wird sichtbar, das scheinbar Nebensächliche avanciert zum Wesentlichen.
Ein Roman voller Überraschungen, berührenden Sequenzen und einer taktvollen Analyse der westlichen Gesellschaft.

Sonntag, 5. September 2010

Begegnung. Die deutsche Sprache braucht ein neues Wort

Heute früh war ich auf dem Markt. Dort bin ich einigen Marktfrauen „begegnet“. Ich bestellte mein Obst und Gemüse, erhielt es, bezahlte es, bedankte mich und ging davon. Ich war an drei oder vier verschiedenen Ständen. Im Nachhinein weiß ich kaum mehr, wer mich eigentlich bedient hat. Mein Markteinkauf war ein funktionales Geschehen. Ich wollte schnell wieder nach Hause – um einen Blog-Text zu schreiben – und habe mich auf die menschlichen Begegnungen nur marginal eingelassen.

Zuhause am Laptop, mit einer Tasse gutem Espresso, entscheide ich mich, etwas über Begegnung zu schreiben – darüber, was ich heute früh auf dem Markt verpasst habe.

Heutzutage wird in vielen gesellschaftlichen Einrichtungen, in denen Menschen zusammenarbeiten, d.h. sich „über den Weg laufen“ und etwas miteinander zu tun haben, weil sie zusammen arbeiten, wie z.B. in Universitäten, Schulen, Kindergärten, Betrieben, Kultureinrichtungen, Firmen etc. danach gerufen, dass es mehr zwischenmenschliche Begegnung geben müsse, damit die gegenseitigen Verabredungen, die spezifischen Interaktionen und die jeweiligen Abläufe „besser funktionieren“. Um miteinander zu arbeiten oder zu leben, miteinander auszukommen und „etwas auf die Beine zu stellen“ braucht es Begegnung.

Begegnung, ist also das große Wort, das im sozialen, zwischenmenschlichen Leben Heilung verspricht. Gegen Einsamkeit, gegen Funktionalisierungen, gegen zermürbende Diskussionen, gegen Unverständnis, Streit und einen riesigen Berg an Verordnungen, Verträgen, Gesetzen und Verabredungen – die alle einmal aus guten Gründen (von Menschen!) erschaffen wurden. Gerade der menschlichen Willkür wollte man entgegenwirken. „Verträge“ gibt es für den Fall, in dem man sich nicht mehr „verträgt“.

(Der Bundespräsident prüft mit seinem Stab zurzeit, ob er dem Gesuch, einen Bundesbankmitarbeiter vorzeitig aus dem Amt zu entlassen, entsprechen kann. Dabei wird eine Begegnung – ein in die Augen schauen, ein Zuhören, ein Verstehen und ein im Gespräch-miteinander-sein und sich Austauschen – ausdrücklich vermieden, dabei geht es nur noch um die Rechtsgrundlage, Verträge und Gesetze also. Nachsatz: Einen Tag später ist zu hören, dass der Betroffene, falls das Verfahren tatsächlich eingeleitet wird, dringend um eine Anhörung bittet.)

All die Papiere und Verabredungen sind genau dafür entstanden, dass man sich nicht mehr begegnen muss. Denn eine Begegnung birgt natürlich auch eine Gefahr. Schon im (deutschen) Wort steckt der „Gegner“. Was ist also Begegnung, nach der wir uns auf der einen Seite sehnen und auf der anderen Seite Angst davor haben?

Wenn ich auf mein Leben schaue, dann sehe ich viele Menschen, denen ich auf angenehme oder unangenehme Weise begegnet bin. Ich schaue auf Begegnungen, die wieder verblasst sind, und auf Begegnungen, die einen reichen und blühenden Platz in meinem Leben haben. Und ich vermute gleichzeitig, dass ich an vielen oder vielem vorbeigegangen bin. Denn auch Gedanken, Impulsen, Landschaften, Städten und vielem mehr kann man begegnen – oder eben „nicht begegnen“.

Begegnung findet auf horizontaler und vertikaler Ebene statt, Begegnung beinhaltet einen ganzen Kosmos an Möglichkeiten. Etwas gesehen, jemanden getroffen zu haben, bedeutet nicht unbedingt, dass eine „echte“ Begegnung stattgefunden hat, etwas Wesentliches geschehen ist. Auf der anderen Seite setzt jede Freundschaft – auch jede Feindschaft – eine Begegnung voraus. Ohne Begegnung passiert - menschlich gesehen - nichts.

Was macht „echte“ Begegnung aus? Mir scheint es dafür wichtig zu sein, dass die Betroffenen überhaupt zu einer Begegnung bereit sind. Das bedeutet, dass sie in dem Moment ein Verhältnis zu sich selber haben, sich so akzeptieren, wie sie in dem Moment sind, um bei sich selbst zu sein. Des Weiteren braucht es eine Akzeptanz des Anderen. Und das ist schon gar nicht unbedingt so einfach. Nehme ich mein Gegenüber mit all seinen Vorzügen, Talenten, Wünschen, Hoffnungen, Schwächen und blinden Flecken wirklich an, sage ich JA zu ihm?

Die jeweilige Akzeptanz (von mir selber und dem Anderen) scheint mir eine Voraussetzung zu sein. Damit es aber zu einem Begegnungsmoment kommen kann, ist ein offener Raum nötig. Ein Moment, in dem etwas entstehen kann. Ohne Vorurteil, ohne Zielvorgabe, ohne Druck. Ein ungeschützter Moment, der frei und offen ist – in dem etwas Unvorhergesehenes entstehen und geschehen kann.

Und diesem Moment weichen viele Menschen aus – weil er eben unvorhersehbar, nicht steuerbar ist. Es ist der Moment, in dem der Freund zum Feind werden kann, der Feind zum Freund – um zwei heftige Extreme zu nennen. Denn kann man natürlich auch einem Gegner begegnen – nicht unbedeutend ist die Tatsache, dass sich zum Beispiel in einem mittelalterlichen Turnier, in einem ritterlichen Kampf die beiden Kontrahenten „echt“ begegnen.

Aber das Wunder ist an dieser Stelle genauso möglich. Das Gefühl des Verstanden-Werdens kann entstehen, ein neuer Impuls kann sich zeigen, eine neue Sicht auf den Anderen wird möglich, ein Geistesblitz kann eintreten, Dankbarkeit und Liebe können sich verbreiten – Begegnung kann bereichern und erfüllen. Begegnung ist ein Mysterium.

Begegnung ist ein Moment, in dem Veränderung möglich ist. Meine eigene und die des Anderen. Die holländische Sprache drückt den Begegnungs-Vorgang meines Erachtens passender aus. Begegnung heißt dort „ontmoeten - es muss nicht“ – aber es ist immer schön, wenn es passiert.

Sonntag, 29. August 2010

Das Leben ist eine Kränkung aus der Literatur erwächst

Bücher lesen wir linear – meistens – von A nach B, von vorne nach hinten, vom Anfang bis zum Ende – weil Schrift bei uns linear geschrieben wird. Von links nach rechts. Auch Zeit verläuft linear. Gestern, heute, morgen. Das Leben aber, so wie auch die Geschichten, die mitunter in einem Buch erzählt werden, verläuft alles andere als linear. Zeit ist elastisch – manchmal vergeht sie wie im Flug, manchmal im Schneckentempo. Und die Bedeutung von Ereignissen ist gar nicht in Kategorien einzuordnen. Das führt zu der Frage, wie Geschichten erzählt, Bücher geschrieben werden könnten, die sich nicht mehr ausschließlich an Linearität orientieren?

Einerseits ist der Mensch das Medium für die Sprache, ohne ihn gäbe es keine Worte. Durch ihn wird Sprache lebendig und ausdrucksstark. Die Sprache ermöglicht dem Menschen andererseits über sich selber hinauszukommen, ja, überhaupt aus sich herauszukommen. Damit er kommunizieren kann. Worte sind für alle da. Sie kosten nichts. Jeder Mensch ist frei, alle Worte die er kennt zu benutzen, so oft er will und in welchem Kontext er will – Worte müssen nicht bezahlt werden, Worte stellen sich frei zur Verfügung, sie schenken sich.

Der Mensch, als Wesen zwischen Himmel und Erde, zwischen Materie und Geist, muss also ständig Entscheidungen treffen, was er wie bezeichnet, wenn er seine Gedanken, Erlebnisse, Empfindungen in Worte fasst. Was drückt er aber aus, wenn er ein Erlebnis des gestrigen Tages in Worte fasst und jemandem erzählt? Kann Sprache tatsächlich Erfahrung transportieren? Können Geschehnisse in Sprache übersetzt werden? Können Gefühle über Sprache ausgedrückt werden?

Aus der mündlichen Sprache ist die schriftliche hervorgegangen. Und obgleich sich Sprache wandelt, können wir heute noch Texte verstehen, die vor hunderten von Jahren geschrieben wurden. Die Protagonisten dieser Erzählungen, die Schreiber und Adressaten sind längst verstorben – wir aber lesen ihre Geschichten, Tagebücher oder Briefwechsel. Wir staunen über sie, weinen mit ihnen, freuen uns für sie und stehen auch oft schlicht und ergreifend vor Rätseln, die sich uns nicht offenbaren. Manchmal erzählt uns die Literatur aber auch etwas über unser eigenes Leben.

Ich hatte einmal einen Traum, in dem sich Raum und Zeit aufgelöst haben. Sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft trafen sich in mir in einem Moment der Gegenwart. Ich konnte den Zeitstrom fühlen und hörte Worte. Vergangene und zukünftige. Sie wurden aber nicht in meiner Sprache gesprochen – ich ahnte nur, dass sie von dem Zeitenlauf handelten, der nicht linear, sondern eher netzartig verläuft. Obwohl ich die Worte nicht „verstand“, lösten sie in mir das Gefühl aus, dass die Sprache das einzige Mittel ist, um als Mensch, der im Leben in seinem Körper gefesselt ist, das Gefühl der räumlichen Weite wiederzuerlangen und der zeitlichen Enge und Gebundenheit zu entfliehen.

Das gesprochene Wort und der Blick (!) entstehen und agieren in der Gegenwart oft nur einen winzigen Moment lang, und können doch Zeit und Raum so durchdringen und gleichzeitig umfangen, dass eine netzartige Verbindung entsteht, die weit über den Moment hinausgeht. Im richtigen Moment, am richtigen Ort. Das Leid, aber auch die Freude, machen sich auf diese Weise selbstständig. Sie werden sprachlich auf die Reise geschickt. Mit dem Wort bewegen wir uns von Mensch zu Mensch, senden Sprache aus und empfangen Worte – begleitet von Gesten, Blicken und zeitgeschichtlichen Ereignissen, denn jeder Mensch ist ein Kind seiner Zeit und seiner Kultur.

In der Literatur wird gerade davon oft berichtet. Und geschriebene Worte sind weitaus geduldiger als die gesprochenen, die so schnell vom Winde verweht werden. Einen Schreibanlass bieten gerade die Momente, in denen etwas nicht im richtigen Moment und nicht am richtigen Ort geschehen ist, in dem Worte, Gesten und Blicke ihr Ziel verfehlt haben – und aus dem das entsteht, was wir gemeinhin die Lebensgeschichte nennen - um nicht zu schreiben das Lebensdrama. Das geschriebene Wort, gute Literatur, speist sich aus Kränkungen des Lebens und schenkt sich damit Raum und Zeit, die über Linearität hinausgeht. Damit ist die Literatur dem Leben weit voraus.

Ich hoffe, dass es einmal Bücher geben wird, die gerade das sichtbar machen. Die sich als Ereignisnetz, als sich verwandelnde Landschaft oder in verschiedenen Zeiten (die mitunter über die irdische Lebensdauer hinausgehen) präsentieren, und die die Bedeutung der Ereignisse auch in ihrer Form sichtbar machen, auch, wenn die Schrift wohl weiterhin linear geschrieben werden muss.

Sonntag, 22. August 2010

Krankheit verändert. Was das Leben mitunter macht

Ich besuche eine Freundin. Sie gehört zu meinem Schicksalsnetzwerk. Die ersten zwanzig Jahre unseres Lebens haben wir miteinander geteilt – die darauf folgenden fünfundzwanzig nicht. Trotzdem sind wir Freundinnen geblieben. Irgendwie. Freundschaft vergeht nicht so einfach, auch wenn man sich nicht sieht. Verbindung bleibt – wenn man sich nicht entzweit. Vor etwa fünfzehn Jahren haben wir uns zuletzt getroffen. Ein paar Telefongespräche haben uns in den folgenden Jahren als Brücke gedient.

Schon lange habe ich vor, sie zu besuchen. Und ich muss gestehen, dass ich viele Gelegenheiten nicht genutzt habe. Jetzt aber ist es soweit. Mir ist ein bisschen bang ums Herz und auch sie musste überlegen, ob ihr mein Besuch nicht zu viel sei – aber wir verabreden uns.

Ohne Titel IV

ist es das, was ich sagen will?
ist es auf diese Weise
wie ich es machen will?
ist morgen der Tag meiner Ziele und wird
heute Nacht
die Ankunft meines Glücks
stattfinden?
Mit leiser Hoffnung am Arbeits-
tisch meiner Gedanken
bewegt sich meine Hand
entsprechend den verschlungenen
Pfaden meines Ichs

Wir sind am Sonntag um 16.00 Uhr verabredet. Da ich die Wegbeschreibung zwar notiert, aber nicht mitgenommen habe, muss ich den Ort suchen, die Adresse habe ich noch halbwegs im Kopf. Es ist ein regnerischer Nachmittag – warm aber dunkel und nass, obwohl es Hochsommer ist. Ich fahre durch ländliches Gebiet, wohlahnend, dass sich das gesuchte Haus nicht im Zentrum eines Ortes befindet, sondern außerhalb. Dort, wo es Wald und Wiesen gibt. Wo nicht zu viel Verkehr vorbeikommt, es keine Geschäfte oder Büros gibt. Das Leben hat sich hier von außen nach innen gestülpt.

Ich werde erwartet. Als ich auf dem Parkplatz ankomme, kommt sie mir entgegen. Was hat das Leben aus ihr gemacht? Ich erkenne sie, natürlich, auch wenn sie sich verändert hat. Was mich durchdringt ist ihre Stimme. Sie ist unverändert. Sie schwingt in meinem Herzen. Sofort. Und bringt Wärme. Meine Freundin lacht mich an. Medikamente können wohl einen Körper beeinflussen – eine Stimme aber nicht.

Ohne Titel III

wenn ich versuche mich zu greifen
bin ich verschwunden
wenn ich versuche mich aufzulösen
bin ich schwerfällig und erdverbunden
ein Bein im Leben, schwebe ich
doch immer über den Wolken


Ich bekomme Tee, Schokolade und den sonntäglichen Kuchen. Wir sprechen über alte Zeiten. Lachen immer wieder miteinander, obwohl die Umgebung so trostlos ist. Schauen uns Fotos an. Ich entdecke mich selber in ihrem Album. Als Kind, als Jugendliche. Wir haben selbstgestrickte Pullover an, unsere ersten coolen Jeans und später Latzhosen. Es gibt Bilder auf denen wir in Frankreich zu sehen sind, oder in Holland auf unserer ersten Reise ohne Eltern. Wir haben zusammen Theater gespielt und gesungen. Auf der Straße. Das Leben lag damals vor uns ausgebreitet.

Aber diese Zeit ist lang vergangen. Während ich meine Kinder groß gezogen, studiert, und mich gesellschaftlich eingebracht habe, umgezogen und gereist bin, hat meine Freundin die Wartezimmer und Sprechzimmer der Psychologen durchwandert. Die Diagnose steht schon lange fest. Zehn Jahre Odyssee, nun das Zimmer in diesem Heim – und auch das schon seit zehn Jahren. Ein selbstgeführtes, eigenständiges Leben bleibt ein Traum, eine Vorstellung, eine Illusion. Der Weg ist zu weit. Die Wünsche von damals bleiben als Wünsche erhalten.

Unsere Gesellschaft kann mit solchen „Fällen“ schlecht umgehen. Menschen werden „untergebracht“. Ihre Herausforderung besteht nun darin, sechs Stunden in der Woche (!) ihr Zimmer zu verlassen. Beschäftigungstherapie. Ansonsten dürfen sie im Rahmen des festgelegten Tagesablaufs in ihrem Zimmer bleiben. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Die Welt hat sich zusammengezogen, das Leben hat einen kleinen Radius.

Der Frühlingspunkt

Verträumt gehen wir
durch die Zimmer
wir rufen sie laut
die Zeit – doch sie will
nicht (kommen)
sie bleibt in der Ecke
liegen, wie ein vertrocknetes
Häufchen Herbstlaub


Ich habe sie besucht, meine Freundin aus Kindertagen. Eine Stunde lang – dann war es ihr genug. Und ich bin froh und betrübt und verwirrt und verstört. Sie gehört zu mir, zu meinem Leben – und das wird auch immer so bleiben, aber ich weiß nicht so gut, wie ich ihre Geschichte in mir integrieren kann. Etwas in mir lehnt sich auf. Muss das alles so sein? Gibt es da keine Möglichkeiten? Was könnte eine Heilung bewirken? Und was zeigt das Schicksal meiner Freundin mir? Was bedeutet so ein Lebenslauf – für sie, für mich, für die ganze Gesellschaft? – wie entsteht er und wohin führt er?

Meine Freundin behält ein Foto meiner drei Kinder – die so alt sind, wie wir damals waren. Sie realisiert ganz zaghaft, dass sie vielleicht in diesem Leben keine eigenen Kinder mehr haben wird… Die Welt ist ungerecht und unverständlich. Und ohne Reinkarnation und Karma kaum zu akzeptieren.

Donnerstag, 12. August 2010

„Dichtung setzt die Kommunikation voraus, die sie stiftet“

August. Stille hat sich über das Land gelegt. Sommerpause. Freunde sind verreist, Handwerksbetriebe machen Betriebsferien, Universitäten, Schulen und Kindergärten stehen still und verlassen da – das Land schweigt. Der Himmel macht mit, entweder regnet es in Strömen oder die Sonne brennt vom Himmel – die Stille bleibt, trocken oder nass, und umhüllt alle Daheimgebliebenen. Es ist fast wie im Winter – wie in der Weihnachtszeit, da hält die Welt auch inne. Aber es ist doch eine ganz andere Stille, die jetzt über dem Land liegt.

Aus dieser warmen Stille heraus zu schreiben bedeutet, ganz nah an meinem eigenen Herzen zu sein. Das Ergebnis ist nicht vorhersagbar. Jetzt am PC zu sitzen und die Finger über die Tastatur tanzen zu lassen heißt, mich vertrauensvoll hinzugeben. Was kommt? Welche Worte finden sich ein? Das alltägliche Funktionieren und Wollen hat aufgehört, messerscharfe Gedanken lassen sich nicht finden, es ist eine unsichtbare aber deutliche Kraft, die mich leitet, den leisen Worten, die sich vorsichtig zeigen, Gehör zu verschaffen. »Hinhören auf die stimmlose Stimme des Herzens heißt, sich selbst nicht belügen« sagt schon der alte Konfuzius.

Gerade für die Stimme des Herzens ist die äußere Stille von Nöten, damit im Inneren etwas erklingen kann. Diese Stille hat auch nichts mit Passivität zu tun, nein, gerade in diesem Bereich ist eine große Wachsamkeit gefragt. Es sind mitunter die unscheinbareren Worte, die sich einstellen, die unbekannteren Bedeutungen, die unerwarteten Zusammenhänge. Wie übersetzt man die „stimmlose Stimme des Herzens“ in allgemeingültige und –verständliche Worte des rauschenden Alltags?

Stille kann warm oder kalt sein – aggressiv oder sanft. Stille kann einladen oder abgrenzen, einsam machen oder eine tiefe Verbindung schaffen. Stille bedeutet, dass Geräusche verschwinden und Bewegungen sich reduzieren. Worte reagieren auf Stille. Und sie suchen die Kommunikation - auch in der Stille. Das geschriebene Wort kennt die Stille gut. Nicht immer erhebt sich eine Stimme, die auf gedruckte Worte reagiert. Das gesprochene Wort ist da anfälliger. Stille erträgt es nur, wenn es durch Anerkennung getragen wird.

Worte setzen sich aus den gleichen Buchstabenkombinationen zusammen, ob sie geschrieben oder gesprochen werden. Schriftdeutsch und gesprochenes Deutsch haben die gleiche Quelle, eine Intention und auch das gleiche Ziel, das menschliche Herz – und doch agieren sie in unterschiedlichen Reichen.

Hilde Domin schreibt etwas, was mich in diesem Zusammenhang sehr beschäftigt:

„Der Mut, den er [der Schreibende] braucht, ist dreierlei Mut:

Der Mut zum Sagen, der der Mut ist, er selbst zu sein, der Mut zur eigenen Identität.

Der Mut zum Benennen, der der Mut ist, die Erfahrung wahrhaftig zu benennen, ihr Zeuge zu sein: das heißt, nicht weg- oder umzulügen, was ja opportun sein könnte.

Der dritte Mut ist der, an die Anrufbarkeit der andern zu glauben. Denn wenn er auch nicht ›für andere‹ im strikten Sinne schreibt, überhaupt nicht ›um zu‹, so müsste er doch verstummen, wäre nicht in ihm der Glaube an den Menschen, ohne den kein Wort geschrieben werden könnte. Noch im negativsten Gedicht ist dieser Glaube, dass das Wort ein Du erreicht, Dichtung setzt die Kommunikation voraus, die sie stiftet.“


(Aus: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen.)

Den Mut zum „Sagen“ und „Benennen“ kenne ich gut, es ist die Kraft, die ich brauche, um zu schreiben – sie kommt aus der Stille. Aber, ob ich genügend Mut aufbringe, damit auch die „Anrufbarkeit“ an meine LeserInnen deutlich wird, kann ich selbst nicht entscheiden. Da dürfen sich, trotz der Sommer-Stille, meine LeserInnen zu Wort melden. Ist das geschriebene Wort, ob es sich nun um ein Gedicht, eine essayistische Miniatur oder sonst einen Text handelt, kommunikativ? Was entsteht aus der Stille?

Mittwoch, 4. August 2010

Irdische Hinterlassenschaften – die Wohnungen von Puschkin und Dostojewski

In eine fremde Stadt zu kommen, heißt für mich zunächst unbekannte Luft zu atmen. Sie ruft mich dazu auf, Anknüpfungspunkte zu suchen um irgendwie anzukommen. Mich einzuordnen. Was klingt und schwingt in der Stadt St. Petersburg? Wofür öffne ich mich, worauf richte ich meine Aufmerksamkeit? Ich weiß also nicht, was ich suche und gehe doch so durch die Stadt, als ob es etwas zu finden gäbe. Neben meiner generellen Sympathie für die Stadt und dem geschichtlichen Interesse seines Auf und Nieder ist es natürlich die Literatur, die mir Tore zur verborgenen Seite der Stadt öffnet.

Wir wohnen in einer Ferienwohnung direkt an der Newa, einige Minuten von der Eremitage entfernt. Die Straße ist vierspurig und Tag und Nacht rattern die Autos darauf, als sei sie eine Autobahn. Tags ist der Fluss voller kleiner Boote, nachts, wenn die Brücken hochgefahren werden, rauschen große Schiffe lautlos an unseren Fenstern vorbei. Das prächtige Haus in dem wir wohnen – nachts mit Lichterketten beleuchtet - ist zweigeteilt. Die Wohnung ist groß, hell und mit Ikea-Möbeln eingerichtet. Und das Treppenhaus ist ein alter, dunkler, schlechter und vor allem dreckiger Albtraum. Eine unvereinbare Zweiteilung, die es noch öfters in der Stadt zu finden gibt.

Wie steht es aber zwischen den St. Petersburger Dichtern und mir? Ich hatte einmal eine beeindruckende Tolstoi-Phase in meinem Leben. Das ist lange her. Er hat zwar in der Nähe, aber gar nicht in der Stadt gelebt. Dostojewski habe ich gelesen. Den großen Roman „Schuld und Sühne“ und kleinere Erzählungen. Ich erinnere mich an jede Menge dunkler und kalter Szenen – während ich warm in meinem Bett lag und innerlich in den Weiten Russlands verschwand. Auch habe ich einen Band mit Gedichten – russisch/deutsch. Puschkin natürlich, den großen Nationaldichter. Ich lese dann aber doch lieber die deutsche Übersetzung, die russischen Buchstaben kann ich zwar zu Worten zusammensetzen, aber in meiner Sprache nicht wiederfinden…

Es gibt eine ganze Menge Petersburger Dichter, die sehr berühmt geworden sind. Puschkin, Anna Achmatowa, Marina Zwetajewna… Sie sind alle längst tot und Literatur lässt sich überall lesen, wenn sie denn übersetzt und erhalten wird. Was gibt es also in ein paar Tagen in Petersburg, der Wiege der großen Revolution, diesbezüglich zu erleben? Was die Zeit überdauert hat sind Häuser. Nicht alle natürlich, aber viele. Und so lassen sich Wohnungen oder Häuser berühmter Menschen besuchen – wenn sie denn von ihrer Nachwelt erkannt worden sind.

Das Wort Wohnung bedeutete in althochdeutscher Zeit „zufrieden sein“ – es ist also ein geschützter Ort, der nicht nur leiblichen Schutz bietet, sondern offenbar auch seelischen. Ein friedlicher Ort. Im Mittelhochdeutschen verändert sich die Bedeutung dann, unser heutiges „Wohnung“ bedeutete damals „Gewohnheit“. Die Wohnung wird also ein Ort, den man gewohnt ist, der zum alltäglichen Leben dazugehört – die seelische Geborgenheit scheint nicht mehr im Vordergrund zu stehen. Trotzdem haben fremde Menschen an so einem Ort eigentlich gar nichts zu suchen.

Im Falle der beiden Herren Dostojewski und Puschkin, deren Wohnungen wir besucht haben, haben wir es auch nicht mehr mit einer einfachen Wohnung zu tun. Nein, diese Wohnungen sind zu Museen avanciert. Und ein Museum ist ursprünglich ein Heiligtum der Musen. Ohne Menschen verfallen Häuser, wenn die Bewohner nicht mehr da sind, muss man sich überlegen, was mit der verlassenen Bausubstanz passiert. In welchem Verhältnis stehen nun aber die Behausungen der Dichter und das heutige Museum?

Ja, dazu kann ich natürlich gar nichts sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich damals dabei war. Puschkin ist vor fast zweihundert Jahren gestorben. Er war nur 37 Jahre alt und ist an den Verletzungen eines Duells verblichen. Er hat am Ende seines Lebens ganz in der Nähe des Zarenpalastes gelebt – diese Wohnung kann man heute betreten. Und was da nicht alles gezeigt wird. Den handgeschriebenen Mietvertrag, Manuskripte, Alltagsgegenstände, die Tür, durch die er nach der Verletzung getragen wurde, und, und, und.

Es ist schön, so einen irdischen Ort besuchen zu können, weil wir ja selbst alle auf der irdischen Welt leben und wenig andere Möglichkeiten haben. Aber spüren lässt sich in der Wohnung nicht mehr viel. Da scheint doch der Griff nach den literarischen Hinterlassenschaften mehr zu bieten.

Bei Dostojewski ist das etwas anders. Er hat in mindestens zwanzig Wohnungen in Petersburg gelebt, vornehmlich in Eckhäusern, mit Blick auf eine Kirche. Jeder Reiseführer hat ein Kapitel, das den Weg durch Dostojewskis Hinterhöfe beschreibt und ein anderes Petersburg zeigt, als es durch die Zaren repräsentiert wurde. Dostojewski hat Russland mit seinen dunklen Seiten im Ausland sehr bekannt gemacht. Die Wohnung, die wir anschauen, hat eine enigmatische Ausstrahlung.

Denn auch diese letzte Wohnung ist heute natürlich ein Museum – ein Heiligtum also, in dem nichts berührt werden darf – aber überrascht war ich schon, denn die finsteren, verfallenen und dreckigen Hinterhöfe passten mit dieser Wohnung so gar nicht zusammen. Seit Dostojewskis Tod sind 130 Jahre vergangen – wer weiß, was in dieser Zeit alles in und mit diesem Haus geschehen ist. Die Streichholzschachteln aber, die es in dem Souvenirladen zu kaufen gibt, sind mit Bildern eben jener verfallenen Häuser und Höfe geschmückt, die einem das alte Russland näher bringen. Ein Souvenir also, das ich nach Deutschland mitnehme.

Verlassene Wohnungen, in denen seinerzeit so richtig gelebt wurde und unglaubliche Texte entstanden sind, und die dann zu toten Museen avancieren, transportieren eben doch etwas mehr, als die übersetzten Worte, die ich, fern vom Ort des Geschehens in der warmen Sommersonne lesen kann. Wenn ich heute ein Gedicht von Puschkin lese, oder in eine Erzählung von Dostojewski eintauche, dann wandere ich innerlich durch die Wohnungen, die ich in Petersburg betreten habe – auch wenn ich nicht weiß, wie viel sie mit ihren einstigen Bewohnern noch gemein haben.

Donnerstag, 29. Juli 2010

Worte einer Dichterin

Das Gefieder der Sprache

Das Gefieder der Sprache streicheln
Worte sind Vögel
mit ihnen
davonfliegen.

Hilde Domin in: Gesammelte Gedichte.

„Jede Entscheidung für ein Wort ist zugleich für und gegen. Diese Entscheidung ist eine automatische und doch eine bewusste. »Der Widerspruch ist der Vater, die Nachahmung die Mutter des Schöpferischen«, definiert es Benjamin. »Das Schöpferische – dem tiefsten Wesen nach Variante.« Daher gibt es kein Wort und kein Bild, das nicht neu gemacht werden kann. Man hört das bereits Gesagte mit, an dem und gegen das man sich orientiert – wobei heute der Widerspruch Stimmführer ist, in diesem Parallelogramm der Kräfte.“

Hilde Domin in: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Eine Stadt im Osten: St. Petersburg

Städte werden von Menschen geplant, gebaut, bewohnt, zerstört, verherrlicht oder verkannt. Städte entstehen nicht ohne menschlichen Willen. Die Idee einer Stadt lebt in Köpfen und Herzen, die Umsetzung einer Stadt geschieht durch die Arbeit von Menschenhänden. Städte bestehen aus Häusern und Gebäuden, Straßen und Plätzen – durch verschiedene Anordnungen und das Arrangement von Steinen, durch das Verhältnis von Natur und Kultur. Menschen prägen Städte und Städte prägen Menschen.

Peter der Große hat um 1700 eine Reise nach Europa gemacht. Er suchte Anregungen um sein Land zu modernisieren. Besonders fasziniert hat ihn die Stadt Amsterdam mit dem vielen Wasser und den dazugehörigen Schiffen. Da er nicht nur einen starken Willen besaß, sondern auch noch Macht und unerschöpfliche Mittel, wurde 1703 mit dem Bau der Stadt Sankt Petersburg begonnen. Seine Wahl fiel auf die Newa-Mündung, ein sumpfiges Gebiet am Finnischen Meerbusen. Hier entstand am Ostseeufer das offene Fenster zu Europa.

Bereits 1706 wurde St. Petersburg zur Hauptstadt des Landes, denn sie war als solche konzipiert und wurde auch als solche realisiert. Viele Tausende von Leibeigenen haben die Stadt errichtet – viel Blut ist geflossen - und der Adel siedelte sich in prächtigen Gemäuern an. Zweihundert Jahre lang haben die Zaren in St. Petersburg geherrscht, bis sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der russischen Bühne abtreten mussten. Es folgten Revolutionen und Aufstände, Neuorientierungen und dann 900 Tage Belagerung durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg sowie 70 Jahre Sozialismus.

All dies hat die Stadt über sich ergehen lassen. Auch heute noch ist sie eine prächtige Millionenstadt – die nördlichste Europas. Wenn eine Stadt einmal da ist, dann erträgt sie geduldig, was die Menschen in und mit ihr anstellen. Sie zeigt unumwunden ihre Wunden neben ihrer vergangenen Pracht. Schriftsteller wie Dostojewski, Puschkin oder Belyj erzählen die Geschichten von Einzelschicksalen – eingebettet in die Hinterhöfe der Stadt und die Intrigen der Mächtigen.

Weder im alten noch im sozialistischen Russland war es den Menschen vergönnt, ihre Individualität herauszustellen, auszuprägen, geschweige denn sie auszuleben. Die Fähigkeit sich unter- und einzuordnen kann man auch heute noch wahrnehmen, zum Beispiel im Ballett. Fasziniert bin ich den Tänzern mit meinem Blick über die Bühne gefolgt. Kein Schwan ist vom anderen zu unterscheiden, kein Tänzer vom anderen. Aber auch der Gesichtsausdruck eines Verkäufers in einem kleinen Produktui-Laden, der eines Verkäufers von Eintrittskarten, eines Busfahrers oder Bootsführers ist nicht zu entschlüsseln. Die Menschen wirken verschlossen und unnahbar – was innen geschieht bleibt verborgen.

Junge Brautpaare lassen sich an allen prominenten und erhabenen Orten fotografieren. In der Eremitage, in Peterhof oder in prächtigen Kirchen. Stolz oder hochmütig wirkt aber niemand. Man nimmt den Lauf der Dinge, und bewegt sich zwischen den jeweiligen Kulissen, die das Zentrum der Gegenwart bilden. Die russische Sprache ist allgegenwärtig, knapp dreihundert Millionen Menschen sprechen Russisch, als Tourist tut man gut daran, wenigstens die kyrillischen Buchstaben entziffern zu können um sich zu verständigen.

Die weißen Nächte im Sommer lassen die Nacht zum Tag werden. In diesen Wochen schläft kaum jemand. Die Brücken- und Uferfassaden sind in der Dämmerung hell erleuchtet und die Menschen sind in der nächtlichen Metropole unterwegs, als wenn es später Nachmittag wäre. Man sitzt, steht und läuft miteinander, trinkt, redet oder fotografiert sich. Der Newski-Prospekt – prominenteste Straße der Stadt – ist sechsspurig, und die Geschwindigkeit der an Straßencafés vorbei rauschenden Autos weit über unserer Gewohnheit. Straßenlärm und Pracht liegen nah beieinander. Ihren herausgehobenen Status wird diese Straße gewiss nicht verlieren.

Der Blick auf die zurückliegende Geschichte lässt manches der verwirrenden Zeugnisse verstehen. Als Frage bleibt, was das russische Volk vorhat. Die Stadt, die für uns im Osten und für das unermessliche russische Reich im äußersten Westen liegt, ist nicht unbedeutend, nein, hier wirken gewaltige Kräfte, die gelenkt werden wollen. Mich hat die Metropole betroffen gemacht.

Wohin geht die Reise der Stadt, werden die Russen erwachen und wird die Blüte St. Petersburg aufs Neue erblühen?

Donnerstag, 15. Juli 2010

Schicksal: Wissen, was man wirklich, wirklich will - und kann

Ein Frauenschicksal in Paris um 1900.
Camille Claudel wusste, was sie wollte. Vom ersten Moment an. Sie wurde als Bildhauerin geboren. Sie entdeckte den Ton und die Steine schon in ihrer frühen Kindheit. Es scheint, als ob sie an ihrer Berufung nie gezweifelt hätte. Schwierigkeiten hatte sie „lediglich“ mit ihrer Zeit. Mit ihrer Familie – vornehmlich ihrer Mutter – und dem großen Meister in Paris, mit dem sie sowohl fachlich als auch menschlich eine intensive Nähe verband, die jedoch tragisch zerbrochen ist. Camille Claudel konnte ihrer Berufung nur einige Jahre nachgehen. Die letzten zweiunddreißig (!) Jahre ihres Lebens war sie in einer „Anstalt“ eingesperrt und hat nie wieder Ton berührt.

Welche Umstände haben sie in dieses Schicksal geführt – und wohin führt sie ihr Schicksal beim nächsten Mal?

Ein Männerschicksal in Florenz und Rom um 1500.
Michelangelo war ein ähnliches und doch konträres Schicksal beschieden. Auch er ein (der!) berufene(r) Bildhauer und Maler vom ersten Moment an. Auch er musste gegen den Willen seiner Familie anarbeiten, vornehmlich gegen den Vater, aber es ist ihm gelungen, er hat sich durchgesetzt. Seine Ziele standen ihm immer klar vor Augen. Und dafür ist er eingetreten. Auch wenn er – schon als Meister – in die Zwänge von Päpsten geriet, immerhin hat er gearbeitet. Steine behauen - erschaffen. Ein unglaubliches Werk hinterlassen. Seine Skulpturen und Fresken überstrahlen heute die menschliche Einsamkeit dieses großen Mannes.

Was ist dieser Inkarnation vorausgegangen, dass sie so verlaufen ist und welche Umstände, Fähigkeiten und Willensintentionen mögen ihr folgen?

Wenn man diese beiden Biographien durch ihr jeweiliges Leben verfolgt, wird schnell deutlich, wie viel Wille (und Können!) darin liegt. Gerichteter Wille. Beide mussten sich mit zeitlichen, menschlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten zurechtfinden – und das ist ihnen sehr unterschiedlich gelungen – aber der Wille war eindeutig und unumstößlich und so konnten ihre Gaben erblühen und irdisch ankommen. Sie waren beide Künstler. Und sie wussten, was sie konnten, was sie wollten. Oder: was sie sollten. Jedenfalls sieht das im Nachhinein und aus der Ferne so aus.

Nicht jeder Mensch wird mit so einem zielgerichteten Willen und einem daraus entstehenden Können geboren. Nein, ganz im Gegenteil. Welche Heerscharen von Menschen gibt es, die nicht so genau wissen, wozu sie hier sind, was ihr Auftrag, ihr Beitrag ist. Welcher Keim in ihnen schlummert, welche Saat aufgehen möchte. Ganz abgesehen davon zu wissen, was die Saat überhaupt braucht um aufzugehen.

Diesbezüglich scheint mir der Spannungspunkt zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft zu liegen. Zwischen mir und dir. Zwischen dem Individuum und dem Schicksalsnetzwerk, das ihn umgibt. Weiß ich selber, was ich will? Schaut meine Umgebung darauf, was ich kann? Beide Seiten haben Möglichkeiten Beiträge zu geben, dass der Einzelne zu dem erwacht, was in ihm schlummert und das auch handhabbar zu machen. Möglichkeiten zu bieten. Gegenseitige Unterstützung darzureichen. Einander einzuladen hervorzukommen, sich zu zeigen und dann anzukommen.

Über die berühmte Parzival-Frage: „Oheim, was wirret dir?“ habe ich schon öfters geschrieben. Die Wichtigkeit dieser Frage bleibt, sie ist der Ausgangspunkt meiner Anteilnahme am Anderen. Und ich glaube weiterhin, dass diese Frage von konstitutioneller Bedeutung für das soziale zwischenmenschliche Leben ist. Sie birgt ein großes Potential. Es gibt aber in der Parzival-Erzählung noch eine weitere Frage, die die dazugehörige Gegenseite zu der Frage an den anderen darstellt.

In seinem letzten Kampf begegnet der verzweifelte Parzival seinem Bruder Feirefiz – zunächst ohne dass sie sich erkennen. Denn sie wissen nichts voneinander. Sie kämpfen hart miteinander und so lange, bis Parzivals Schwert zerbricht. Und an Stelle dessen, dass Feirefiz nun Parzival besiegt, stellt er ihm eine Frage: „Wer bist du?“

Diese einfache Frage hat eine große Bedeutung und stellt die Gegenseite zur Frage an den Anderen dar. Parzival beginnt sich zu besinnen und etwas von sich preiszugeben. Er schaut auf sich selbst. Taucht in sich ein und eröffnet dem Anderen, seinem Bruder, einen Blick in sein Inneres. Im Mittelalter bezog sich die Antwort auf den Stand, die Herkunft etc. Ich glaube aber, dass die Möglichkeit, die in dieser Frage steckt, viel mit unserer Zeit und dem Wissen, was man wirklich, wirklich will zu tun hat. Eine Suche beginnt erst dann, wenn man den Ausgangpunkt kennt.

Denn erst nach dieser Begegnung mit Feirefiz und dem langen, langen und verzweifelten Weg dorthin, kann Parzival wider Erwarten durch Kundrie zum Gralskönig berufen werden. Was er gelernt hat ist: auf sich selber UND auf den Anderen zu schauen – Anteil zu nehmen.

Den eigenen Willen und das daraus entstehende Können zu entdecken und damit auf eine Reise zu gehen, hat mit mir selber und dem Schicksalsnetzwerk zu tun, in dem ich mich befinde. Wenn wir beginnen miteinander zu sprechen, einander davon zu erzählen, wer wir selber sind und den anderen zu fragen, womit er ringt, werden viele neue Räume geschaffen, wird die Saat gelegt, dass Blumen erblühen können.

Nicht jeder von uns ist stark wir Michelangelo oder verzweifelt wie Camille Claudel (und nicht jeder ein Bildhauer) – in jedem von uns steckt aber der Keim einer Blüte, die erblühen kann, wenn wir einander anschauen und uns anschauen lassen. Wie würde sich die Welt verändern, wenn jeder wüsste, was er wirklich, wirklich will. Und das dann auch tut.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Für Anja. Die stumme und geduldige Sprache eines Gebäudes

Ich laufe über den großen Hof und betrete das stattliche Gebäude durch den Haupteingang. Im Foyer fällt mir sofort etwas auf. Auf dem Boden stimmt etwas nicht. Da irritiert plötzlich ein Muster. Es dauert einen Moment, bis ich klar habe, was los ist. Der Boden des Foyers ist mit großen Steinplatten ausgelegt. Solchen Platten, die so aussehen, als ob ganz viele kleine Steinchen aneinander geklebt worden wären. In der Mitte des Foyerbodens fehlen drei Platten. Dort liegen andere Steine. Ein Muster. Ein Zeichen. Dort muss etwas geschehen sein. Es wird einen Grund haben. Ich kenne ihn nicht, aber ich bemerke die Veränderung.

Der zweite Eindruck sind die Wände. Es sind die gleichen, stummen, stillen Wände wie damals. Aber sie haben eine andere Farbe bekommen. Sie sind rot, gelb, grün, orange…. Dadurch sind sie irgendwie nicht mehr meine Wände. Fremd und vertraut zugleich. Waren unsere Wände nicht weiß? Die Türen des großen Saals aber nehmen mich auf. Die alten, hölzernen Türen, wahrscheinlich dunkler und speckiger geworden, haben noch immer ihre holzgeschnitzten, großflächigen Griffe. Dahinter verbirgt sich der Saal. Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie wir damals oft still davor warten mussten, bevor wir eintreten durften. Frau M. war die Türhüterin. Weißt du noch?

Und nun sitze ich im Saal, ich bin nur wenige Augenblicke vor Beginn der Veranstaltung gekommen – also habe ich keine Zeit mehr, mich weiter umzusehen. Ich sitze auf der linken Seite, an der oberen Schräge und schaue auf die Bühne. Anja, genau vor fünfundzwanzig Jahren haben wir zuletzt in diesem Saal, auf dieser Bühne gestanden um uns - nach bestandenem Abitur – von unserer Schule zu verabschieden. Um in die Zukunft zu gehen. Die offene Zeit. Der Blick auf die Bühne ist so vertraut für mich, als wäre keine Zeit vergangen. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen miteinander. Was damals Zukunft war, ist heute auch schon längst vorbei.

Was haben wir auf dieser Bühne nicht alles erlebt? Ich kann mich an meinen ersten Eindruck nicht erinnern. Aber es ist ein warmes Gefühl geblieben. Ich bin ja einige Jahre später gekommen als du, also nicht durch ein Blumentor aufgenommen worden – das war vermutlich deine erste Begegnung mit dieser Bühne, oder? – aber ich erinnere mich an die Gewichtigkeit dieser vielen Momente, wenn wir dort als Klasse, oder sogar allein, auftraten. Man konnte entweder von rechts kommen, aus der Richtung des Musiksaals eben, oder man musste ganz leise hinter der Bühne zur anderen Seite gehen, dorthin, wo es diesen kleinen, zum Zuschauerraum hin offenen Winkel mit dem schwarzen Flügel gab.

Als wir unser letztes Theaterstück aufführten, waren wir auch über der Bühne, dort, wo es heiß und stickig ist – von wo aus noch zusätzlich beleuchtet wurde und man hinunter schauen konnte. Und unter der Bühne war (ist?) ein Stuhllager – dieser hellen, unglaublich unbequemen und hochklappbaren Stühle, die zu meinem Erstaunen nicht mehr im Saal stehen! – und diese Holzverkleidung am Bühnenrand ist auch gestrichen worden. Er ist nicht mehr holzfarben, sondern rotbraun. Ich spüre eine gewisse Empörung in mir aufkommen. Wieso ist da so viel verändert worden? Es ist doch meine Schule! Und sie muss doch so aussehen, wie ich mich an sie erinnere…

Ich spüre eine doppelte Bewegung. Zum einen habe ich das Gefühl, dass überhaupt keine Zeit vergangen ist, dass die Zeit stehen geblieben ist, weil ich mich in dem Gebäude sofort wiederfinde, als hätte ich es gestern verlassen. Am deutlichsten lassen mich das die Treppengeländer spüren. Eine haptische Erinnerung also, die in meinen Händen sitzt. Und zum anderen habe ich das Gefühl, dass Urzeiten vergangen sind, dass sich eine längst verschüttete Zeit wieder öffnet und mit der Gegenwart verschränkt. Ich kenne kaum jemanden, sehe fast niemanden der mir bekannt vorkommt – und das ist verstörend, denn damals war die Schule mit all den Menschen, die wir kannten, doch irgendwie unser zweites Zuhause. Jeder kannte jeden! Jetzt ist es nur noch ein Ort, der Ort. Er ist geblieben und er fängt durch sein unerschütterliches Dasein sofort an, ein Gespräch mit mir zu führen.

In der Pause gehe ich über den hinteren Schulhof und setze mich auf die Treppe. Hier haben wir immer „Fangi“ gespielt. Damals, als wir noch Kinder waren. Und an diesen Hof ist auch meine erste Erinnerung geknüpft – an die du dich vielleicht nicht erinnerst, denn obwohl wir beide dabei waren, sind die Erlebnisse, die zu Erinnerungen avancieren ja sehr individuell. Als ich also neu dazukam – du warst schon vier Jahre da – und den ersten Tag in diese Schule ging, zeigte mir jemand, wo sich meine Klasse aufstellen würde. Und er zeigte auf ein Mädchen mit einem braunen geblümten Rock und einem bunten Filzhaarband. Das warst du. Und du bist geblieben. Vom ersten Tag an. Es entstand eine Freundschaft, die nun schon fünfunddreißig Jahre währt.

Ich bleibe auf der Treppe sitzen, es ist ein strahlend schöner Tag, zwischen Alter Villa, Neubau und dem Altbau – unserem Bau. Weitere Erinnerungen kommen. Die Ecken, in denen wir unsre ersten Zigaretten geraucht haben. Der Fünfecksaal, in dem ich staunend meine erste Eurythmiestunde bei Frau R. mitgemacht habe… Das Alte Lehrerzimmer, in das wir uns im Abiturjahr zurückzogen, gelitten und geschwitzt haben, verkrampft und voller Sorge saßen, als es um die Notenverteilung ging…

Und dann gehe ich übers Gelände, hinunter zum Kindergarten. Erinnerst du dich noch an die große Wiese? Und die schon damals alten Bäume? Sie stehen immer noch groß und prächtig und stolz da. Auch sie haben die Zeit überdauert. Hier haben wir auch Theater gespielt. Damals. Antigone. Wir waren Schwestern, weißt du noch? Jede Ecke des Geländes und der Gebäude bringen andere Erinnerungen hoch. Die Steine und die Bäume sprechen. Und da das Medium der Erinnerung die Sprache ist, dachte ich, dass ich dir von meinem Erlebnis schreibend erzähle.

Donnerstag, 1. Juli 2010

Zukunftsgestaltung: Berufstätigkeit und ein Hauch von Karma

Der öffentliche Diskurs über Arbeitslosenzahlen, Hartz IV Empfänger, Erwerbstätigkeit und -losigkeit, befristete oder unbefristete Arbeitsstellen und die große Angst vor der Zukunft macht es in Deutschland – und nicht nur da – möglich und nötig, tiefer in das Thema einzusteigen. Deutschland als Bildungsland ringt mit der Zukunft ihrer erwerbstätigen Gesellschaft. Wohin führt sich das Land, wohin führen wir uns? Und, „was wollen wir wirklich, wirklich?“ – wie Prof. Dr. F. Bergmann die alles entscheidende Frage immer wieder betonte.

Passend zu diesen weit um sich greifenden, in der Luft fassbaren Themen hat die Anthroposophische Gesellschaft Deutschland einen großen Kongress mit dem Titel „Zukunft der Arbeit – Karma des Berufes“ in Bochum organisiert (24.-27.6.2010). Der große Saal war bis zum letzten Platz belegt – es waren sicher 500 Tagungsteilnehmer anwesend. Mitgeteilt wurde von den Veranstaltern, dass mehr als ein Drittel der Teilnehmer nicht Mitglied der Gesellschaft seien – was positiv hervorgehoben wurde und auf die Relevanz des Themas sowie ein anregendes und kompetentes Veranstaltungsangebot verwies.

Von Donnerstagnachmittag bis Sonntagmittag wurde in und um die Waldorfschule herum in verschiedenen Gruppen und Foren über das Thema nachgedacht und geredet, alte und neue Ideen wurden ausgetauscht – viele Menschen sind miteinander in Kontakt gekommen oder haben sich kennengelernt – konträre Meinungen und Fragestellungen wurden in den Raum gestellt. Es wurde geredet & geredet, man konnte zuhören & zuhören und sich viele Gedanken machen. All dies bezog sich aber im Wesentlichen auf das Begriffsgebiet der heutigen Arbeitssituation.

Die Fragen, mit denen ich angereist war, kamen aber aus einer anderen Richtung: Wie verhalten sich Erwerbstätigkeit und Berufung zueinander? Was verbindet den Beruf mit dem persönlichen Karma? Welche Rolle spielen karmische Gegebenheiten für die Zukunftsgestaltung? Wie stehen Erwerbstätigkeit und Karma zueinander? Kann man Arbeitsämter und Jobcenter in einem Atemzug mit Reinkarnation und Karma nennen? Dass Arbeit und Einkommen keine Synonyme sind, hat sich ja schon herumgesprochen. Und auch, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein voneinander verschiedenes Karma haben.

Diese Fragen und Themen liegen meines Erachtens schon auf dem Tisch. Aber auch innerhalb der anthroposophischen Bewegung wurde darüber nur sehr leise gesprochen. Auf der Bühne gab es im Plenum weder deutliche Fragestellungen geschweige denn Antworten dazu. Gesprochen wurde über das öffentliche und soziale Leben, über Unternehmer und Mitarbeiter, über Begriffe und neue Denkansätze. Und über die Neue Arbeit (Fritjof Bergmann).

Begünstigt durch das strahlende Wetter fand die Konferenz nicht nur in dem Räumen der großzügigen Schule statt, sondern auch draußen unter blauem Himmel. Der Ort bot sich an und trug das Seinige zum guten Gelingen bei. Die Tagung war gleichzeitig die jährliche Mitgliederversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft Deutschlands, was den Umstand mit sich brachte, dass die Mehrheit der Teilnehmer nicht nur grau, sondern schlohweiß war. Und an dieser Beobachtung entsteht eine Frage, die mich beschäftigt hat.

Wer war da eigentlich alles versammelt? Welche Berufsbiographien saßen da beieinander? Welche Positionen bekleideten die Anwesenden? Welche karmischen Fragen schwebten im Raum? Leicht hätte man zu Beginn der Veranstaltung fragen können, welche der Teilnehmer berufstätig, wie viele erwerbstätig oder eben arbeitslos seien? Wer von seinem Beruf leben könne, wer für seinen Beruf lebe oder wer vor seinem Beruf stehe… nur um ein Bild zu kreieren! Die Zahl der Rentner war hoch – das lässt sich nicht verschweigen – aber auch die Jugend, „unsere gesellschaftliche Zukunft“ war deutlich vertreten.

Und obgleich meine Annahme ist, dass die Teilnehmenden alle, auf die eine oder andere Weise, mit den angesprochenen Fragen zu tun haben, drohen wir im Alltag daran zu zerbrechen, wenn die großen Zusammenhänge nicht sichtbar werden. Die Karma-Frage wurde, sogar trotz Totengedenken, nur ganz marginal gestreift, was auch der Grund dafür ist, dass ich darüber kaum etwas berichten kann.

Einige der großen Männer, die sich zurzeit Gedanken über den Fortgang des gesellschaftlichen Lebens in dieser Hinsicht machen, haben auf der Bühne Vorträge gehalten, haben Gedanken und Ideen zum Thema im Raum angeboten. Der Spannungsbogen ging dabei von Götz Werner (Gründer des dm-Konzerns), der frei und erfrischend über die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens sprach, das Publikum sein Manuskript nannte und aus der Gegenwart der Anwesenden schöpfte, bis zu Peter Selg (Arzt und Autor), der über die Arbeitsethik Rudolf Steiners und das soziale Hauptgesetz sprach, und in seinem Vortrag Inhalte referierte, die aus den Ur-Schriften der anthroposophischen Bewegung kamen.

Während Herta Däubler-Gmelin (Bundesjustizministerin a.D.) über die Errungenschaften der Menschenrechte sprach und die Frage stellte, ob wir auch ein Recht auf Arbeit einzufordern hätten, hinterfragte Johannes Stüttgen (Künstler und Schüler von Beuys) die benutzten Begriffe und wies immer wieder darauf hin, dass sich die Sprache an die Gegebenheiten anzupassen habe und nicht umgekehrt. Wolfgang Gutberlet (Unternehmer) zeigte sich im Spannungsfeld zwischen Unternehmertum und Christentum. Die Beiträge dieser drei Referenten mündeten in eine wichtige Feststellung: jeder Mensch darf, kann und soll sein eigenes Leben, seine Biographie unternehmerisch angehen und künstlerisch gestalten.

Die Frage aber, wie ein Mensch seiner eigenen Berufung näher kommt, wurde nur in einem kleinen Forum gestellt. Wie wird man Unternehmer des eigenen Lebens? Was ist das Karma eines Berufes? Welche Rolle spielt der Karma- und Reinkarnationsgedanke im Berufsleben? Wie zeigen sich diese Fragestellungen auf gesellschaftspolitischer Ebene? Und wie im persönlichen Leben? Das Jugendforum war für diese gedanklichen Bewegungen offen – im Plenum wurden diese Fragen aber, bis auf die Feststellung, dass wir Reinkarnation und Karma ernst zu nehmen hätten, nicht thematisiert. So bleibt auch nach dem großen Kongress die Frage bestehen, in welchem Verhältnis Beruf und Berufung zueinander stehen und was die anerkannte Tatsache des Karmas in diesem Zusammenhang denn eigentlich bedeutet?

Kommen wir als Tagungsteilnehmer also ganz einfach zu dem zurück, was wir „wirklich, wirklich wollen“ (F. Bergmann) und gestalten unser Berufsleben so, dass es nach Möglichkeit auch unsere Erwerbstätigkeit ist. Die Organisatoren und Beitragenden der Tagung haben einen guten Griff gemacht diesen Themen Raum zu geben, sie auf den Tisch zu legen, anzuschauen und zu besprechen, die große Nachricht aber, dass Karma und Reinkarnation auch im Berufsleben und der Erwerbstätigkeit eine Rolle spielt, war mir eigentlich schon bekannt.

Montag, 28. Juni 2010

Wortspiele. Wenn Worte ihre Bestimmung suchen

Die Annahme ist: es gibt Storys. Allenthalben eine Story. Und sie lässt sich über Worte vermitteln. Der Bildschirm ist leer. Noch. Trotzdem gibt es eine Sicherheit. Ein Gefühl macht sich breit. Da will etwas kommen. Da darf etwas kommen. Eine Geschichte? Vielleicht. Die Worte liegen noch verborgen an einem Ort, den niemand kennt.

Heute können sie geboren werden. Miteinander verknüpft werden. Wieder. Aufs Neue. Wenn sie erwachen, beginnen sie ihren großen Tag. Wenn sie wollen. Und aufmerksam sind. Und sich nicht täuschen lassen. Ein Wortteppich wird gewebt. So oder so. Worte sind Brücken zwischen Inhalt und Form.

…Gustav rannte die Treppe herauf. Atemlos erreichte er das oberste Stockwerk und stürzte an seinen Schreibtisch, auf dem Berge von Papieren, Büchern, Zeitschriften und Merkzetteln lagen. Wütend und hastig wühlte er mit zitternden Fingern darin. Er suchte etwas. Ein Schriftstück. Er hatte nur noch zwei Minuten Zeit.

Wenn er die vorbereitete Wortwahl nicht finden würde, wäre er entdeckt. Schon hörte er Schritte im Treppenhaus. Schweiß lief ihm die Schläfen hinab. Seine Hände zitterten. Sein Herz klopfte wild und ihm wurde übel vor lauter Aufregung….


Worte führen ein Eigenleben. Erschaffen Welten. Innere und äußere. Bekannte und fremde. Angenehme und unerträgliche. Fern von unserer Welt. Die Wort-Welt bietet sich aber als Brücke von Mensch zu Mensch an. In einer gemeinsamen, ineinandergreifenden, verwirrenden Welt.

Worte lassen sich unter verschiedenen Kriterien betrachten und begutachten. Worte wollen in ihrer Welt gesehen und anerkannt werden. Linguisten bestehen darauf. Da gibt es das phonetische Kriterium, das orthographische, das morphologische, syntaktische und semantische. Sind Worte stolz auf diese Welt? Und, ist das von Interesse?

…Simone glitt in die Zukunft. In Gedanken war sie der Zeit weit voraus. Gab es Worte für Zukünftiges? Etwas, was noch nicht geschehen war? Sie sah sich, wie sie in zehn Jahren in einer kleinen Hütte sitzen würde. Angebunden. Rings um sie her Stille. Tote Stille. Langeweile würde sie umgeben. Sie würde ihren Mund nicht mehr bewegen können. Ihre Lippen keine Worte mehr bilden.

Eine innere Sprache würde sie noch besitzen – aber die äußere hätte sie, im Verlauf von zehn Jahren, verloren oder verlernt. Sie hörte, dass ganz leise etwas an ihre Tür klopfen würde. Aber sie konnte nicht antworten, obwohl in ihrem Innern Hunderte von Worten lebendig erwachten…


Worte umspülen Menschen wie Stimmungen und Gefühle. Innerlich und äußerlich. Wenn all die Worte sichtbar wären, die in uns und um uns herum ihr Eigenleben führen, würde ein buntes Farbenspiel sichtbar werden. Da gibt es die geschriebenen Worte, die von mir ausgehen und an dich gerichtet sind. Worte, die das Schreiben und das Lesen verlangen.

Und dann gibt es die gesprochenen Worte. Von dir zu mir, von mir zu dir. Die ausgesprochen und gehört werden wollen. Im direkten Gespräch, von Straßenseite zu Straßenseite, am Telefon, im Traum. Und es gibt die gedachten Worte, die noch vorbereitet werden, bevor sie hervorsprudeln. Gefühlte oder erfahrene Worte, schweigende Worte.

…und der Schreiber sitzt an den Worten, die nicht mehr das Papier berühren. Er hütet den Bildschirm. Erlaubt Fingerspitzen, Buchstaben in die Tastatur einzugeben. Öffnet innere Tore, wenn geklopft wird. Schaut erstaunt, wenn sich Worte verbinden. Ist ein Diener des geschriebenen Wortes. Ergeben und voller Hingabe.

Aber er versteht nicht, was passiert. Er kann nicht sprechen. Nur schreiben. Er fühlt die Worte mit seinen Fingerspitzen. Jede Fingerkuppe bestimmte Buchstaben. Laute und leise Gesellen, die sich gefügig zur Verfügung stellen, wenn sie tatsächlich etwas erzählen wollen…


Ablenkung. Was sind schon Worte? Rhabarber, Rhabarber. Wortspielereien. Ist das vielleicht eine Story? Worte können übersetzt werden. Müssen übersetzt werden, von Sprache zu Sprache, von Mensch zu Mensch. Haben sie dann noch immer die gleiche Bedeutung? Und, denken wir in Worten oder suchen sich unsere Gedanken ihre Worte? Eine Story braucht einen Inhalt.

Worte stehen zu Gebote, wenn die Stimme ihren Klang kennt, eine Melodie summt und den Plot in die Welt gebiert. Ohne Worte geht gar nichts.

Montag, 21. Juni 2010

Kreuzung. Treffen an einer Straßenecke

Sie schlenderte die Straße am Flussufer entlang. Eine psychologische Beratungspraxis reihte sich an die andere. Zu ihrer Linken floss das Wasser, zu ihrer Rechten waren Bauarbeiter mit der Reparatur der Straße beschäftigt. Es war gleißend heiß und die städtischen Geräusche der Stadt wurden an diesem Nachmittag von der Hitze fast verschluckt. Nur der Presslufthammer durchdrang das warme, stehende Luftmeer immer wieder. Sie blickte auf. Sie war langsam heute. Unschlüssig. Bewegte sich aber weiter und trug tapfer die schwere Tasche.

Er kam von oben. Schnellen und gerichteten Schrittes. Er hatte scheinbar ein Ziel und hastete an den Menschen vorbei. Einen Bürgersteig gab es nur auf einer Seite, dort, wo sich ein kleiner Laden an den anderen reiht. Internetcafe und Waschsalon in einem. Bäckerei, Blumenladen und die Einladung zu einem frischgemixten Fruchtsaftgetränk im bunt verzierten Glas. Auf der anderen Seite beginnt der Berg. Die Städter haben ihn mit einer Mauer abgestützt, damit er nicht in ihre Kultur eindringe. Nicht die Straße, die lebenswichtige Bewegungsader eines bedeutenden, kulturerschaffenden Ortes bedrohe. Die Unterwelt beginnt also direkt hinter den Steinen der Mauer auf der rechten Seite. Sein Blick streifte all dies nur aus den Augenwinkeln.

Der andere wollte gesehen werden und blickte um sich. Er flanierte stolz die Straße von unten nach oben. Gerade jetzt kommt er auf der Brücke an, die über den romantischen Fluss führt. Zwischen den vielen Blumenkästen, die das Brückengeländer zieren und fast überquellen, lehnt er sich über die Brüstung und lässt seinen Blick schweifen. Plötzlich erhascht seine Nase den Duft eines verführerischen Parfüms und er wendet sein Angesicht. Eine weiße Schönheit mit rotem, weit ausladendem Hut droht sich seinem Blick in dem Menschenstrom zu entziehen, wenn er sich nicht bewegt. Äußerlich bleibt er stehen, innerlich entsteht eine Geschichte.

Sie ließ sich treiben. Von oben nach unten. Aus der Altstadt, von der Stiftskirche kommend, den Berg hinab, hinunter zum Fluss. Ihre Füße schmerzten und auf dem Kopfsteinpflaster musste sie achtsam sein, um nicht umzuknicken. Sie betrachtete die Schaufenster zu beiden Seiten und begann ihre Ideen weiterzuspinnen. Aus jedem Schaufenster der eng aneinander gereihten Läden nahm sie ein Detail. Fügte es ihrer Idee hinzu. Die lachenden Stimmen um sie herum boten ihr ein Fundament und sie war überzeugt davon, den richtigen Weg zu gehen. Die Zukunft leuchtete vor ihr auf, sie brauchte sich nur im Strom weitertreiben zu lassen.

Was will der Regisseur? Wohin führt er die Figuren?

An der Kreuzung berühren sich ihre Ziele, ihre Kreise. Er von oben. Und der andere von unten. Die eine vom Flussufer, die andere aus der Altstadt. Jeder steht an seiner Ampel und überquert die gerade vor ihm liegende Straße. Aber das plötzlich entstehende Karussell dreht sich weiter. Jeder überquert noch eine Straße – die rechts von ihm liegende. Die vier sind in eine verwirrende Irritation geraten. Keiner weiß mehr, wohin er will. Wohin er soll. Sie drehen sich im Kreis. Die Kreuzung ist zum Angelpunkt geworden, der sie nicht mehr losläßt.

Die Menschenströme bewegten sich weiter, an ihnen vorbei. Eine Schulklasse, eine Touristengruppe. Autos hupten, Busse hielten an und fuhren weiter, Fahrräder flitzten über Bordsteinkanten und wechselten zwischen Bürgersteig und Straße. Motoräder ratterten. Es war warm, hell und mitten am Tag. Doch die Innenwelt der vier Zeitgenossen zog sich in diesem Augenblick zusammen und erstarrte in der Mitte der Kreuzung zu einer unbequemen Szene. Die Welt, die von der Kreuzung ausgeht, sah plötzlich aus wie ein verlassener, schattenfreier Schotterparkplatz am Sonntagnachmittag wenn die Weltgeschehen innehält und selbst nicht weiß, wie es weiter geht.

Die Tische des Dönerimbisses standen direkt neben denen des italienischen Kaffeeecks. Auf dem Bürgersteig. An der Kreuzung. Einer Kreuzung, die sich selbst gehört. An einem Stehtisch trafen sie aufeinander. Der eine hatte einen Döner in der Hand, der andere einen doppelten Espresso, sie stellte einen Teller Salat vor sich ab und die andere ein Glas frischgepressten Orangensaft. Als sie sich anblickten verschmolzen sie ineinander. Im Kreuzungspunkt begegneten sie sich selbst im anderen und erschraken.

Sonntag, 13. Juni 2010

20 verordnete Worte


„Benjamin war ein freundlicher, kreativer und geduldiger Mann, der in der grässlichen Werkstatt grünlichen Ungehorsam begehrte, Wünsche verschlief, den Konstruktivismus lobte, sich von Frauenschuhen angegriffen fühlte und seine Freude, seine Lust und seinen Tanz mit Begriffen begradigte.
“

Er lobte den Tag grundsätzlich nicht vor dem Abend. Er war ein Mann mit eigenen Prinzipien und immer auf der Hut. Wer weiß, was an so einem feuchten Frühlingstag alles noch geschehen könnte. Er war misstrauisch. Vorsichtig warf er einen Blick aus dem Fenster. Aber er sah nichts – denn es gab nichts zu sehen. Doch er hörte jemanden in der Werkstatt. Die Geräusche konnten zweierlei heißen. Nie wusste er, welche Bedeutung am Abend die bedeutende war. Die gleichmäßig singenden Kratz-Hammer-Schleif-Geräusche verwirrten ihn. Nun schon Jahre lang.

Während er am Fenster stand, blickte sie geduldig vor sich hin. Aber er wusste nichts davon, er wusste nichts von ihr. Er sah sie nicht. Denn er kannte sie nicht. Weil er sie nicht erkannte. Sie stand inmitten ihres Zimmers und begann mit dem Tanz. Freundlich lud sie ihre Glieder ein, sich zu bewegen, der inneren Musik zu folgen. Sie wusste, dass sie Vertrauen haben konnte – wie so oft schon hatte sie der Leere standgehalten und war dann in eine kunstvolle Abfolge von Bewegungen geraten, die neue Ebenen erreichen ließ. Morgen würde sich ihre Sprache mit Worten ausdrücken müssen.

Anderen Tags trafen sie in der Bank aufeinander. Sie erkannte ihn, als er vor ihr das Drehkreuz passierte. Er fühlte ihren Blick im Nacken und schaute zu Boden, auf die grünlichen Marmorfliesen, die er noch nie gemocht hatte. Für ihn gab es nur Schwarz oder Weiß. Grün befand er als unverzeihliche Farbe, die es nicht geben dürfte. Er war ein Mann mit klaren Konturen. Er musste tagsüber auf diesen Fliesen gehen, diesen grässlichen, grünlichen Bodenplatten. Sie bildeten den Untergrund, auf dem er stundenlang stehen musste. Er nahm an, dass die Farbe ihm etwa die Hälfte seiner Energie abnahm. Er war also ein Wohltäter. Für die grünen Bodenplatten.

Sie schleppte sich dahin, weil sie schlecht geschlafen hatte. Nach dem Drehkreuz wendete sie sich von ihm ab. All die vorgeschriebenen Wörter sollten in ihrer Rede vorkommen, das war das Erkennungszeichen. Aber sie hatte keine Lust und keine Freude daran. Lieber hätte sie sich vor dem Publikum bewegt. Trotzdem blickte sie freundlich in die Runde, als sie auf dem Podium stand. Geduldig wartete sie, bis sich der hohe Frauenschuh an ihrem linken Fuß wieder an den richtigen Platz begeben hatte und sie fest stand.

Benjamin sah sie und hörte ihr geduldig zu. Er erinnerte sich an den Blick in seinem Nacken und begann nachzudenken. Sie sprach über den Begriff Konstruktivismus, den sie herbei zerrte und mit allen Ecken und Kanten klobig vor die Zuhörer warf. Gleichzeitig tanzten ihre Worte durch den Saal – der Klang ihrer Stimme besänftigte das inhaltliche Aufbegehren. Ihr Ungehorsam würde sich rächen. Und er, Benjamin, begehrte ihre Worte – denn sie waren kreativ und freundlich. Er wusste, dass sie das Unternehmen angriff und er hatte den Wunsch sein Leben mit ihr zu begradigen.

„Geduldig schlief sie mit ihrem Wunsch ein und träumte von begradigten Frauenschuhen, kreativem Konstruktivismus und einem freundlichen Begriff der sie die Werkstatt loben ließ, ihr Lust und Freude brachte mit einem grässlichen, begehrenden Tanz anzugreifen, und dem grünlichen Ungehorsam zu entrinnen.“

Montag, 7. Juni 2010

Auf der Wort-Suche nach einem Kindheitsgarten

Die geladenen Autoren lasen ihre Geschichten vor. Einer nach dem anderen. Eine nach der anderen. Auf Deutsch. Autoren aus ursprünglich fremden und fernen Ländern – mit anderen Sprachen. Autoren die irgendwie und irgendwann nach Deutschland, ins deutsche Sprachgebiet kamen. Autoren also, die mit oder nach ihrer Mutter- oder Vatersprache, noch eine eigene Sprache gewählt haben: Deutsch. Ihre Werke gehören zur deutschen Literatur. Diese Autoren lasen ihre Geschichten über die Gärten ihrer Kindheit vor. Das war der Auftrag der Veranstalter gewesen. Passend zum Ort der Lesung, einer Landesgartenschau.

Geschichten über die Gärten ihrer Kindheit. Kindheitsgärten. Über das Zuhause aus früheren Tagen. Jeder hatte etwas zu berichten, etwas zu erzählen. Unterschiedlich und bizarr. Was ist ein Garten? Und dann noch, ein Garten der Kindheit? Die Sprache war von verwunschenen Orten, besonderen Bäumen, Ereignissen in der Natur. Großvätern. Menschen, die in der Kindheit eine Rolle spielen. Eigenen und fremden Gärten, Sprachgärten, steinernen Gärten, Pflanzennamen. Und: Erinnerungen.

Innere Gärten. Geheime, verwunschene Bilder wurden freigelegt. „Singende Augustäpfel.“ Sprachlich in die Sichtbarkeit gebracht. „Hörst du das Bild?“ Die Rede war von Hinterhöfen. Flussufern. Jede Wahrheit braucht ihre eigene Sprache. „Ein Herz, das nur im Garten klopft.“ Das Zuhause des Sommers. Der Sonne. Der Unbeschwertheit. Aber nicht nur das. Es ging auch um fehlende Kindheitsgärten. Um Luftwurzeln. Und das Festhalten an Wortwurzeln. Um Vorstellungen die Halt geben, einen Baum, einen Garten ersetzen. Ein nicht existentes Kinderparadies im Innern wachsen lassen.

Und hier beginnt meine Geschichte. Die erinnerte Geschichte. Eine Schicht der Geschichte. In meiner Kindheit gab es keinen Garten. Ich lebte in einer frischbetonierten Hochhaus-Neubau-Siedlung. Da gab es abgezirkelte Rasenplätze. Kleine Grasflächen, die inmitten der Betonwüste mutig ihr Dasein fristeten. Und Schilder gab es: Betreten verboten. Ballspielen verboten. Ich erinnere mich an ein kleines Stück Wiese, umzingelt von Parkplätzen, Betonwegen und Steinplatten. Das durften wir benutzen. Darauf spielten wir Ball. Und: „Ochsenberger eins, zwei, drei“ oder, „Fischer, Fischer welche Fahne weht heute?“

Eine postmoderne Kindheit im Boom der Betonwüsten. Einmal besuchte ich im Sommer eine Freundin in Süddeutschland. Und sie sagte plötzlich: „Komm, wir gehen Kirschen pflücken!“ Da war ich sprachlos. Kirschen pflücken? Das kannte ich nur aus Büchern. Oder aus den Ferien in fremden Ländern. Auf einen Baum klettern und Kirschen pflücken? Ich war baff. Obst und Gemüse begegneten mir eigentlich nur in Supermärkten – dort, wo alles blankgeputzt unter Spiegeln ausgebreitet liegt, damit es noch nach mehr aussieht.

Es gab auch keine Großväter. Beide schon tot vor meiner Geburt. Kein Gemüse, das angebaut wurde. Keine Rosen. Keinen Pfeife rauchenden alten Mann… Keine faltigen Lebensgeschichten, keine Tätigkeit an der Natur. Aber Erinnerungen. Erinnerungsgeschichten. Erzählungen meiner Großmütter. Von ihren Kindheitsgärten.

Die eine kam aus Estland. Sie erzählte immer wieder von den sommerlichen Datschen, Seen und den vielen Birken. Sie erzählte von Gärtnerinnen und frischen Beeren und Gemüse. Die andere kam aus Böhmen. Da war die Rede vom Tennisspielen auf dem eigenen Grundstück, von Ausritten am Morgen vor dem Frühstück, von Bäuerinnen, die sie mit frisch gepflückten Himbeeren erfreuten und mit Natur und bunten Blumensträußen versorgten. Großmütterliche Erinnerungsgärten.

Der Alltagsgarten meiner frühen Kindheit hat nicht viel mit Natur zu tun. Nein. Aber mit Kultur. Ein Vorstellungsgarten also? Ein Garten aus Worten. Aus Ideen und Überzeugungen, aus Vorstellungen und Utopien. Zur Zeit der Ölkrise eroberten wir uns die Straßen. Sonntags durfte nicht gefahren werden. Wir liefen Rollschuh. Auf den breiten, asphaltierten Straßen. Erweiterten unser Revier zwischen Beton und Asphalt. Genossen es, Könige der Straßen zu sein. Ein Ort des vorübergehenden Zufalls also. Der Begriff Naturschutz wurde damals in den deutschen Wortschatz aufgenommen – den kannte ich wohl, vom Wort her.

Und so war ich damals, in frühen Kinderjahren auch nicht in einem „Kindergarten“, nein, der Garten meiner Kindheit war ein „Kinderhaus“. Passend also. Dort verbrachte ich einige Jahre und rüstete mich für das Leben – einem Lebens-Garten entgegen – die Erinnerungen an meine Kindheit reproduzierend, um mit Worten Landschaften und Gärten zu malen.

Dienstag, 1. Juni 2010

Der Mensch. Anthropologische Grundfragen im Kontext institutioneller Pädagogik

Die Studierenden des berufsbegleitenden Masterstudiengangs der Pädagogik an der Alanushochschule haben sich in ihrer letzten Blockwoche mit der Frage nach der Bedeutung eines Menschenbildes beschäftigt. Was ist ein Menschenbild? Haben wir eins, brauchen wir eins? Was bedeutet ein Menschenbild für das persönliche Leben, für den pädagogischen Kontext? Braucht die Institution Schule ein ausformuliertes Menschenbild? Unterscheiden sich unsere Menschenbilder und was hat das gegebenenfalls für Auswirkungen?

„Der Mensch ist, was er als Mensch sein soll, erst durch Bildung.“ G.W.F. Hegel

Überraschend war, dass es gar nicht so einfach ist, über dieses Thema zu sprechen, obwohl alle Beteiligten emotional angesprochen waren und sich lebhaft ins Gespräch hineingestellt haben. Jeder hatte zu dem Thema etwas zu sagen, zu fragen, anzumerken oder einzubringen – gleichzeitig schwebte jedoch ein großes Fragezeichen bzw. eine tastende Stille über dem Gespräch.

„Leben in der Liebe zum Handeln und Leben lassen im Verständnis des fremden Wollens ist die Grundmaxime des freien Menschen.“ Rudolf Steiner


Wie geht man so ein Thema an, das einerseits so groß und andererseits so nah ist? Eigentlich müsste so eine Frage doch evident sein… Wir waren alle betroffen, berührt und verletzlich, aber auch engagiert, wortstark und überzeugt, denn wir sprachen ja gewissermaßen darüber, wie wir selber in der Welt stehen oder darüber denken, wie wir uns im Laufe unseres Lebens in die Welt gestellt haben.

„Als Naturwesen bleibt der Mensch an den Körper gebunden, als Geistwesen aber hat er Flügel.“ Platon

Inhaltliche Nähe und Ferne waren in den Gesprächen, die sich über eine Woche hinzogen gleichermaßen zu spüren. Da der Schauplatz der Frage nach einem Menschenbild die je eigene Seele und deren Positionierung in der Welt ist, brachte dieser Umstand dem Gespräch gleichzeitig eine Tiefe und eine Vorsicht.

„O welch ärmliches Geschöpf ist der Mensch, wenn er sich nicht über das Menschliche erhebt.“ Seneca

Noch schwieriger war es, ein Menschenbild konkret zu beschreiben. Was ist der Mensch eigentlich? Ein arrivierter Affe? Oder ein göttliches Wesen? Dazwischen tauchten kaleidoskopisch jede Menge Blickwinkel auf: Kultur- oder sozialanthropologischer Art, theologischer oder philosophischer Art, natur- oder geisteswissenschaftlicher Art.

„Ich habe auf dieser Welt kein ausgesprocheneres Ungeheuer und Wunder gesehen als mich selbst." Michel de Montaigne

Als Lehrer einer Schule, an der Kinder und Jugendliche unterrichtet werden, dürfte es in meinem Handeln einen großen Unterschied machen, ob ich den Menschen als Maschine denke oder als ein verkörpertes geistiges Wesen. Mal ganz abgesehen davon, welchen Lern- oder Entwicklungsbegriff ich vertrete. Ein christliches Weltbild kann sich von einem naturwissenschaftlichen schon enorm unterscheiden, je nachdem, an welcher Stelle der Ausgangspunkt ist.

„Das Bild der Natur zeigt mir nur Ebenmaß und Harmonie, das Bild des Menschengeschlechtes nur Verwirrung und Chaos.“ Jean-Jacques Rousseau

Und damit wären wir bei der dritten Frage, die aufgetaucht ist: Wo unterscheiden sich Menschenbild und Weltbild voneinander und wo verschränken sie sich – und welche Auswirkungen haben sie aufeinander? An dieser Stelle sind unsere Gespräche immer wieder an die Frage gestoßen, ob ein Menschenbild überhaupt nötig ist. Darüber gibt es wahrhaftig unterschiedliche Meinungen – nicht zuletzt deswegen, weil eine eindeutige Beantwortung der Frage so schwierig ist.

„Mensch sein heißt, das gegenüber seiende Wesen sein.“ Martin Bube
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Festzuhalten war, dass jeder von uns ein mehr oder weniger bewusstes Menschenbild – und damit auch eine Weltanschauung! - in sich trägt. Für den pädagogischen Kontext ist die Bewusstwerdung des eigenen sowie des institutionellen Bildes nicht unwesentlich. Deutlich war ebenfalls, dass es im gemäßigten Bereich keine einfache Beurteilung gibt, weil die Konsequenzen nicht unmittelbar absehbar sind. Die weiterführende Frage ist, was mit der nachfolgenden Generation passiert, wenn wir diesen Fragen – und Antworten! – auf Grundfragen des Lebens, insbesondere der Erziehung, die den Boden auf dem wir gehen ausmachen, ausweichen.

„Dieses Seiende (der Mensch) hat den Ursprung seines Seins in der Sorge.“ Martin Heidegger

Freitag, 21. Mai 2010

Pfingsten. Sprachliche Verwirrungen und Entwirrungen

Walter Benjamin macht sich in seinem zu Lebzeiten unveröffentlichten Sprachaufsatz „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“ aus dem Jahr 1916 Gedanken über vier unterschiedliche Sprachformen. Er beschreibt die „Göttliche Sprache“, die durch das Wort erschaffend, bildend und konstituierend wirkt. „Und Gott sprach: es werde Licht. Und es ward Licht.“ Dann beschreibt er die „Adamitische Sprache“, die den Dingen ihrem Wesen nach einen Namen gibt. Ausdruck und Wesen eines Dinges sind in dieser Sprache äquivalent. Diese beiden Sprachen haben ihre Blüte im Paradies – vor dem Sündenfall.

Nach dem Sündenfall entstehen zwei weitere Sprachformen: die „Urteilende“ und die „Stumme“ Sprache. In der „Urteilenden Sprache“ werden die Dinge zu Objekten, zu Gegenständen, die außerhalb des Sprechers ihren Platz haben. Benjamin spricht vom richtenden und dem getrennten, urteilenden Wort. Sprechendes Subjekt und besprochenes Objekt sind deutlich voneinander unterscheidbar. Die Sprache hat ihre erschaffende und wesenhafte Kraft verloren.

Was durch diese Entwicklung entstanden ist, ist die „Stumme Sprache“. Denn nun beginnen die Dinge - ihrem Wesen nach - von sich aus zu sprechen, sich auszusprechen und treten in einen Kommunikationsprozess mit anderen Dingen, Objekten oder eben mit dem Menschen. Die „Stumme Sprache“ spricht sich im schweigenden Ausdruck der Dinge aus – der nicht minder aussagekräftig ist.

In der „Urteilenden Sprache“ hat der Mensch eine bestimmende Rolle zugewiesen bekommen. Denn ihm wurde vom Schöpfer nicht nur die Sprache mitgegeben, sondern auch die Möglichkeit zu benennen. Die „Dinge“ werden nun durch den Menschen benannt, genannt - es ist dem Menschen gegeben, Wortschöpfungen zu vollbringen und den Dingen einen Namen zu geben, der, im Unterschied zur „Adamitischen Sprache“, eine Beurteilung in sich birgt. Dem Menschen obliegt also Verantwortung gegenüber „dem Ding“ und der Sprache „über das Ding“.

Mir fällt dazu immer wieder die Geschichte des Turmbaus zu Babel aus dem Alten Testaments ein. Die Menschheit wird wegen ihres Hochmuts und ihres Urteils durch Gott mit einer Sprachverwirrung bestraft. Die ursprüngliche, gegenseitige Verständigung - über das Wort, die Sprache - führte zu einer Sprachenvielfalt, die es mit sich brachte, dass sich die Menschen nicht mehr verstehen konnten und viele unterschiedliche Sprachen benutzten. Heute gibt es etwa 6500 verschiedene Sprachen, von denen viele vom Aussterben bedroht sind.

Die Sprachverwirrung hat zur Ausbildung unterschiedlicher Fähigkeiten, Eigenheiten, Gewohnheiten und Ausprägungen der verschiedenen Völker geführt. Ein Verständnis war nicht mehr mit allen möglich, es sind Gruppen, Sippen, Völker entstanden, die ihre eigenen Ausdrucksweisen entwickelt und gepflegt haben. Um sich in verschiedenen Sprachen zu verständigen, ist es nötig geworden sich aufeinander zuzubewegen, Verständnis zu entwickeln, sich eine andere Sprache anzueignen, zu verstehen und sich neu auszudrücken.

Man möge einmal dem Gedanken nachgehen, was es für das Wesen von „Milch“ bedeutet, wenn es in unzähligen Sprachen benannt werden kann. Wo spricht sich ein Urteil und in welchen Worten ein Wesen aus?

Die Fähigkeit, unterschiedliche Sprachen zu sprechen ist eine Bewegung, die sich vom Ich zum Du bewegt und zu einem neuen Miteinander auf horizontaler Ebene führt. Die Erde ist von einem reichen und vielseitigen Sprachnetz umschlungen, das sich an verschiedenen Orten und durch verschiedene Menschen, die die Sprachen sprechen, durchdringt. Die Fähigkeit des Sprechens, Sprache an sich, ist jedem Menschen prinzipiell gegeben – wenn er in einem sozial miteinander kommunizierenden Netz lebt. Wir sprechen von der Muttersprache die jedem Erdenbürger auf unterschiedliche Weise zur Verfügung steht. Ausgehend von dieser Muttersprache lassen sich weitere Sprachen erlernen und somit den eigenen Sprachhorizont erweitern.

Das hat uns die Sprachverwirrung gebracht, die durch den Turmbau zu Babel über die Menschheit gekommen ist.

Jede Sprache ist und hat eine eigene Welt, die keine Türen oder Schranken besitzt. Sprachen sind gleichzeitig geschlossene und offene Welten. Jede für sich. Wenn wir wollen, so können wir eine uns unbekannte Sprache erlernen – niemand oder nichts kann uns davon abhalten. Sprache ist ein verbindendes, offenes Glied zwischen Menschen. Wenn sich zwei Menschen aufeinander zubewegen die keine gemeinsame Sprache haben, dann werden andere Zeichen als Worte eingesetzt, um sich zu verständigen. Handzeichen, Symbole, Gestik und Mimik. Körpersprache wird benutzt und die Kommunikation auf das Wesentliche, das Wesenhafte dessen was mitgeteilt werden soll, herunter gebrochen.

Nun nähert sich in diesem Jahr wieder das Pfingstfest. Und von Pfingsten wird im Neuen Testament erzählt, dass das, was die Jünger damals verkündeten, in der je eigenen Sprache desjenigen zu verstehen war, der sein Herz geöffnet und den Erzählungen gelauscht hat. Worte verschiedener Sprachen wurden für die Menschen verständlich. Gerade das Gegenteil der Sprachverwirrung beim Turmbau von Babel trat ein. Möglich, dass gerade die „Stumme Sprache“ sich offenbart hat und die unsichtbaren, unscheinbaren Dinge sich durch sich selbst nun aussprechen können. Sprache hat sich entwirrt.

Die Vielheit der Sprachen birgt ihr Wesen in der Sprache an sich, die sich von Mensch zu Mensch bewegt. Mit Worten oder ohne Worte. Dem Menschen ist es gegeben, auf die verschiedenen Sprachen zu lauschen und durch sich sprechen zu lassen. „Jede Wahrheit hat ihr Haus, ihren angestammten Palast, in der Sprache“ - schreibt Walter Benjamin an Hugo von Hofmannsthal am 13.1.1924.

Freitag, 14. Mai 2010

Warum ich schreibe. Vom Ich zum Wir

Anfangen – jeder Schreibprozess hat einen Anfang. Der Abgrund will überwunden werden. Ich wähle einen Moment, der mir einen Beginn ermöglicht. Ohne diesen tatsächlich ergriffenen Augenblick entsteht auf dem Papier - und dem Computerbildschirm - nichts. Anfangen heißt loslaufen, weitergehen, Möglichkeiten schaffen, eröffnen – eben beginnen.

Buchstaben
– ich nutze die 26 Buchstaben unseres Alphabets, um die passenden Worte zu bilden, zu kombinieren, sich begegnen zu lassen. Dafür begreife ich sie, fasse sie an und schmecke sie um dann von meinen Funden zu berichten.

Chaos
– ein belebender Aspekt in der Sprachwelt. Gedanken, Stimmungen, Ideen… Ein Schreibprozess nutzt das kreative Chaos um etwas Neues zu erschaffen, Signale zu setzen, um Farben zu kombinieren, neue Blickwinkel einzunehmen.

Dichter – dichte Worte, verdichtete Kombinationen, dichterische Freiheit, gedichtete Bilder. Dichter und Gedichte mag ich sehr.

Erwägen - erfassen, erdichten, ergreifen, ergötzen und erbrechen, erschrecken, erkennen und erstarren. Erinnerungen festhalten. Enden.

Fantasie – ist zum Schreiben notwendig. Wenn ich dumpf bin, kann ich nicht schreiben. Worte fordern innere Beweglichkeit, Plastizität, polyphone Bilder – fantastische Texte entstehen durch fantasievolle Eingangstore.

Gewebe
– ich webe mit Worten und produziere Geschriebenes. Aus meinen Gedanken entstehen unterschiedliche Muster, die geduldig warten gewichtet zu werden. Von der Gabe zur Aufgabe – ohne aufzugeben oder anzugeben. Eben frei etwas zu geben und die Grenzen zu wahren.

Handeln – Schreiben ist Handlung, Tat und „geronnener Wille“. Texte sind Abenteuer und unübersehbare Unterfangen – Höhen und Tiefen inbegriffen.

Ich – zu meinem Ich stehe ich, wenn ich schreibe und veröffentliche. Ohne mein Ich geht es nicht - dazu muss ich stehen und darf nicht sitzen. Intertextuelle Diskurse schreiben sich über Worte fort und bereichern individuelle Entfaltungskräfte. Intuition, Inspiration und Imagination.

Ja sagen – auch wenn es unbequem ist. Mich im Tanz von Ja und Nein mit drehen und wenden, die Polaritäten berühren und abwägen, jetzt ja sagen, den Job ernst nehmen und Jazz dabei hören.

Können – mein Können auf die Probe stellen. Kommentare erwarten, Kreativität einsetzen, Klagen erinnern und klug erwidern.

Lesen – was andere geschrieben haben. Lesen und fühlen, wie sich Worte bewegen, welche Bilder entstehen. Menschen und Situationen, Ereignisse und Geschehnisse lesen, um zu erschreiben, was das Lesen in mir beschreibt.

Mut – Beherzt das Wort ergreifen. Schrift einsetzen. Mut mich im Schreiben zu zeigen. Mut Dinge auszudrücken, die des Mutes bedürfen. Multiplikator werden. Und manchmal müde sein - vor lauter Unerschrockenheit.

Niederlagen
– annehmen, einstecken und verwandeln. Transformieren.

Ohnmacht – Ohnmacht erleben, wenn die Worte nicht kommen, wenn die Buchstaben sich verdrehen, wenn erstarrende Stille entsteht, wenn Stummheit sich ausbreitet und kalt alles verschweigt.

Pläne – planen und verwirklichen, ergreifen und loslassen. Konzepte erstellen und ausklamüsern, Ideen aushecken und austüfteln, damit Pläne zu Ereignissen werden, damit Wunsch zu Wille wird. Planen und ändern – immer wieder neu.

Quadratisch – mit Ecken denken und Tangenten einbauen, aber den Umkreis nicht vergessen und die geometrischen Gebilde in Worte fassen.

Rufen – mit stillen Worten und durch geduldige Schrift. Anrufen, durchrufen und alarmieren. Vom Zuruf zum Aufruf, vom Sprecher zum Hörer, vom Schreiber zum Leser.

Stimme – meine eigene Stimme suchen und finden. Ihren Worten vertrauen, Spuren verfolgen und in geduldige Schrift umsetzen, die stumme Sprache zum sprechen bringen, schreiben um etwas zu sagen und die Quelle der Stimme zu sein.

Tippen – Worte auf der Tastatur eintippen und mein soziales Netz damit antippen. Mich trauen zu texten und Texturen zu erstellen, damit Diskurse eröffnet und geführt werden können. Mir treu bleiben und mich trauen zu schreiben.

Unsicher – unerkannt bleiben in der Unsicherheit. Ohne Rüstung und doppelten Boden in die Sichtbarkeit treten.

Verständnis – verstehen und um Verständnis werben. Einblick gewähren in die Werkstatt der Worte, mit Gespür, Takt und Fingerspitzengefühl. Ohne Verständigung verstehen wir uns nicht.

Wir – vom Ich zum Wir. Am Anfang war das Wort. Mit Worten einen Weg gehen, Brücken bauen, weben und Sätze im Dschungel des Alltags bilden. Vom Ich zum Du im Zwischenraum über die Sprache.

Zweifel – den Zweifel ernst nehmen und überwinden. Er führt mich, wenn ich mich nicht überführen lasse. Der Zweifel ist ein Kreativitätspotenzial, der sich gerne in den Arm nehmen lässt. Vom zaudern, zögern und zagen zum zwielichtigen Zwischenbericht.

Schreiben, um vom Ich zum Wir zu gelangen und die eigene Stimme erklingen zu lassen.

Samstag, 8. Mai 2010

Firenze. Die Stadt der sonnenbeschienenen Schatten

Firenze vermittelt Wärme. Dunkle Wärme. Die Stadt im Süden kommt körperlich direkt bei mir an – wenn ich an sie denke. Lebensgeister regen sich. Woher kommt das? Ich bin schon oft dort gewesen. Und jedes Mal habe ich wieder erlebt, dass die Stadt „tot“ ist. Immer wieder entstand das starke Gefühl, dass die Stadt von ihrer Vergangenheit lebt, von ihr zehrt und sich noch immer an ihr labt.

Da gab es die Renaissance und mit ihr die unendlich vielen prächtigen Bauten. Diese Steine sind geblieben. Noch heute kann man durch Straßen gehen, durch die auch schon die Meister der Platonischen Akademie vor über 500 Jahren gegangen sind. Und recht viel anders wird es nicht aussehen. Das ist zumindest das erste faszinierende Element: Im 21. Jahrhundert lässt sich Firenze so wahrnehmen, als wenn das Mittelalter gerade erst zu Ende gegangen wäre und die Knospe der Neuzeit kurz vor dem Aufbrechen ihrer eigenen Blüte stehen würde.

Die Stadt präsentiert sich auch so. Sie stellt ihre Kunstwerke aus, Gemälde und Skulpturen, lädt in Paläste, Kirchen und Bauten ein, die in der Anzahl auf so kleinem Raum ihres gleichen vermissen. Philosophen, Dichter und Humanisten werden zitiert, der Aufbruch der damaligen Zeit ist in seiner plötzlichen Erstarrung wahrnehmbar.

Irritierend sind die vielen Touristen aus aller Welt - aber die lassen sich beim Schlendern durch die steinerne Stadt auch irgendwie wegdenken. Ich selber bin ja auch nichts anderes als eine deutsche Touristin, die durch alte Zeiten flaniert. Die große, unbeantwortete Frage ist, was mit den Menschen von damals geschehen ist, ihren Intentionen, ihren Gedanken, neuartigen Ideen und vielen Vorhaben. Die stoffliche Hülle ist weiterhin anwesend, die feinstoffliche gilt es aufzuspüren.

Das Zweite, was mich immer wieder erstaunt, ist die Tatsache, dass die Gebäude sprechen. Die warmen Steine geben etwas von sich preis, wenn man in sie hinein lauscht. Und sie wissen nichts von der heutigen Zeit. Gar nichts. Sie sprechen, klingen und raunen von damals. Etwas Unverständliches. Und sie tun so, als ob nichts geschehen wäre. Sie verhalten sich so, als ob Lorenzo de Medici gleich um die Ecke kommen würde, um sich mit seinen Freunden darüber zu beraten, wann und wo das nächste Dichterfest gefeiert werden solle.

Firenze ist verhaftet. In seine Geschichte. Die Stadt ist tot und lebt gleichzeitig weiter. Ein steinernes Mahn-Mal, denn sie beharrt auf der Gegenwart des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Die Stadt mahnt. Und so erscheint es auch mir, dass ich eine Zeitreise mache und darin gefangen werde. Innerlich finde ich mich in der damaligen Zeit wieder. Was hat das mit heute zu tun?

Zwei unterschiedliche Gefühlsräume entstehen, zum einen: Vertrautheit, Zuhause und Aufgehoben sein und Lebensfreude. Das andere Gefühl aber ist fast gegensätzlicher Natur, es ist mit Gefahr, Zeichensetzung, gewagten Neuerungen und Über-die-Stränge-schlagen zu umreißen. Es ist etwas schief gelaufen, damals. So richtig schief.

Ein schweigender Schatten liegt heute auf der Stadt. Auch damals gab es eine Unterwelt, dunkle Geschichten und Machenschaften – aber die hatten einen anderen Duktus als der traurige, stumme Schatten, der heute über der sonnenbeschienenen und noch immer leuchtenden Stadt am Arno liegt. Es gibt nicht viele Städte, über die so viel publiziert wurde und viele Autoren sind auf die eine oder die andere Weise damit beschäftigt gewesen, das Unsichtbare sichtbar zu machen – was aber wohl noch niemandem gelungen ist.

Damals wurde das Versprechen eines neuen Menschenbildes gegeben. Die Mission Dantes, Petrarcas oder Picos ist eindeutig so zu verstehen – aber die Ideen der Humanisten sind im Verlauf der Geschichte in den Hinterhalt geraten, sie sind versteckt und verdeckt worden, sind aus der Sichtbarkeit verschwunden. Die Steine von Firenze bewahren das Versprechen. Es ist das große Heimweh und die Sehnsucht nach Zukünftigem, einem humanistischen Menschenbild, das aus der Vergangenheit heraus gebrochen werden muss.

Das alte - philosophische - Athen wurde in Firenze wiedergeboren. Ist dort wieder erwacht, hat geblüht und ist dann in seiner eigenen Erinnerung versunken. Wird es nun, noch einmal 500 Jahre später, an einem anderen Ort eine neue Renaissance-Blüte geben, die aus Athen und Firenze - der Stadt am Arno - geboren wird? Die Frage bleibt, wo gegraben werden muss, damit das, was unvollendet geblieben ist, ans Licht kommt. Und damit ich verstehe, woher das warme und gleichzeitig beklemmende Herzklopfen kommt, wenn es um Firenze geht.

Die Steine werden es uns nicht erzählen – sie bleiben bei der alten Geschichte. Es gilt den feinstofflichen Schatten anzuschauen, den sonnenbeschienenen - er kennt die Geschichte genau und verschweigt sie, solange ihn niemand durchdringt. Ein Abbild dieses Schattens ist in den Herzen derjenigen Menschen zu finden, die ein Klopfen spüren. Zukunft entsteht erst dann, wenn die Gegenwart bereit dazu ist, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen.