Posts mit dem Label Worte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Worte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 15. April 2011

Stille und Worte. Der rote Regionalzug

Was ansteht, ist die Betrachtung des Umstandes, dass Worte nicht immer unmittelbar in Sätzen zusammenhängen, sondern von Zeit zu Zeit auf der inneren Bühne alleine auftreten. Einzelne Worte, die ein Universum des unerschrockenen Schweigens um sich herum tragen und doch den Zugang zueinander suchen. Was haben Worte und das eigene Lebensgefühl miteinander zu tun?

Farben und Klänge von Worten sind unterschiedlich. Manche sind laut, schreien ihre Buchstabenfolge aus sich heraus, wiederholen sie unaufhörlich, suchen eine Einbettung und irren durch die Grenzenlosigkeit. Manche sind vorsichtig, zart und sanft, zeigen sich nur schamhaft verhüllt und versteckt in einer Ecke, zaghaft am Rand. Die beweglichen Worte wirbeln um die statischen herum, in einem stillen Tanz, der Formen sichtbar macht, aber keinen Festpunkt zulässt.

Als sie die Augen schließt, sieht sie plötzlich eine leere Bühne. Eine Bühne, die eine Einladung beinhaltet: etwas zu zeigen, sichtbar zu machen. Aber da ist nichts. Einfach nichts. Ein Angebot ohne Garantie. Luft, Staub, Licht – sonst nichts. Sie sehnt sich danach, in eine Geschichte aufgenommen zu werden. Teil dessen zu sein, was da vorne auf der Bühne stattfinden könnte. Sie springt. Ohne Gurt und doppelten Boden. Alles oder nichts. Findet sich auf der Bühne wieder. Ist vom Zuschauer zum Akteur geworden.

Es ist still um sie herum. Sie sitzt in ihrem Büro im zweiten Stock. Sie sitzt direkt vor dem Fenster – einem großen Fenster nach Westen. Und sie schaut hinaus. Vor ihr schwankt das dürre Dachgras des Vordachs im Wind, dahinter flirren die heftig grünen Blätter der Bäume durch die Luft. Darüber wölbt sich der blaue, sonnenlichtdurchflutete Himmel. Dürres Dachgras, grüne Blätter, blauer Himmel und alle halbe Stunde durchzieht ein roter Regionalzug das Lichter- und Farbenspiel. Einmal in diese Richtung und einmal in jene. Sie schaut ihm nach.

Sie schaut nach außen und lauscht nach innen. Vor ihr auf dem Tisch steht ein Laptop, ein ganz leises Vibrieren ist zu hören. Sie spürt die Bewegung in ihren Fingern. Lautlos gleitet sie auf ihrem Bürosessel hin und her. Der Teppich verschluckt die lautlosen Geräusche fast gänzlich. Sie hat zu tun. Ihre Finger gleiten schnell über die Tastatur, ein leises Klappern ist zu hören, aber die Buchstaben lassen sich kaum unterscheiden. Sie schaut ihnen erstaunt nach. Sinn entsteht, Welten erscheinen, Konturen werden sichtbar.

Sie denkt nach. Erledigt ihre Aufgaben. Fühlt sich aufgehoben. Spürt den eigenen Atem. Fühlt ihr Herz schlagen. Bewegt die Tasten unter ihren Fingern. Sitzt auf einem weichen Sessel und ihre Füße berühren den Boden. Plötzlich stehen die Worte vor ihr auf, richten sich stolz auf, melden sich zu Wort. Sie präsentieren sich, bieten sich an. Und auf einmal hört, spricht, schreibt und liest sie Worte, die einander die Hände reichen, die eine Melodie erklingen lassen.

Mal fährt der rote Regionalzug in die eine Richtung, mal in die andere. Akteure und Zuschauer gehen aufeinander zu. Beginnen Gespräche miteinander zu führen. Mal auf der Bühne, mal im Zuschauerraum – und manchmal auch außerhalb des Saals. Der Himmel ist noch immer blau, die leere Bühne schwarz – sie aber gewinnt ihre Souveränität zurück und bewegt sich zwischen den inneren und äußeren Dingen des Lebens. Mal mit Worten und mal ohne Worte.

Sonntag, 21. November 2010

Zwischen Wörtern sitzen. An- und Abwesenheit

Sie lag noch im Bett, als sie aufwachte, was selten geschah. Meistens kam sie erst zu sich, nachdem sie sich auf leisen Sohlen, und immer wieder zögernd, an den Tag herangemacht hatte und in ihrem halbwachen Zustand mindestens eine Stunde keine Wörter zu benutzen brauchte. Als sie also an diesem ungewöhnlichen Morgen in ihrem Bett erwachte, wusste sie sich von Wörtern umringt. Sie fühlte eine gewisse Erwartung.

Welche der Worte würde sie im Laufe des Tages benutzen, für ihre Anliegen einspannen? Wie oft, in welchem Kontext und mit welcher Melodie? Die Worte präsentierten sich vor ihr. Boten sich herausfordernd an. Das eine machte sich lang und groß, ein anderes strahlte Wichtigkeit aus, es blinkte abwechselnd rot und gelb auf. Andere saßen ganz hinten an der Bettkante und drohten fast herunterzufallen.

Sie war überfordert. Hatte noch keine Orientierung über das, was sie von dem Tag erwartete und worauf sie sich zubewegen würde. Was wollten all die Worte von ihr? Punkt und Umkreis blieben noch unscharf. Und mit Schärfe konnte sie nichts anfangen. Heute nicht. Sie ließ ihre Worte im Bett und stand allein und ohne sie auf. Ein leises Murren hörte sie hinter sich, als sie ins Bad verschwand.

Ein Tag ohne Worte. Da hatte sie sich auf etwas eingelassen. Sie stand vor dem Kühlschrank. Und wusste nicht, was sie wollte. Deshalb machte sie sich einen Kaffee. Danach ging sie in den Garten um eine Zigarette zu rauchen. Die Katze saß unter dem Gebüsch und starrte auf eine singende Amsel, oben auf dem Ast des Apfelbaumes – Gott und die Welt schien sie dabei vergessen zu haben. Die Protagonistin dieses Textes spürt eine gewisse Leere. Trotz der Fülle der Natur. Kaffee und Zigarette schlugen ihr auf den Magen – und kein tröstendes Wort ist zur Hand.

Stille umfing sie, als sie an ihrem Schreibtisch saß. Sie las sich den Artikel noch einmal durch, den der Kollege gestern mit wichtigem Blick eingereicht hatte. Sie konnte an seinen Worten nichts finden. Weder das angekündigte „Anrührende“, noch die Offenbarung. Aber sie hatte heute keine Worte zur Verfügung. Und in diesem Moment war ihr auch noch das Bewusstsein darüber verloren gegangen, wo sie sie gelassen hatte. Sie wusste mit dem Text nichts anzufangen und konnte nicht antworten. Also legte sie den Artikel beiseite und ließ ihren PC hochfahren.

Und schon hämmerte der Verlust der Worte auf sie ein. Sie geriet in ein immer wilderes Chaos von Gefühlen und Emotionen. Als sie selbst die Schriftzüge auf ihrem Bildschirm nicht mehr in ein sinnvolles Gefüge bringen konnte, gab sie auf. Ohne Worte zu denken schien nicht möglich zu sein. Außerdem wollte sie einen Blogtext schreiben. Und der bestand bekanntlich aus Worten.

Ein postmoderner Tag ohne Worte war in der Metropole ein verlorener Tag. Und sie realisierte, welche Dummheit sie begangen hatte. Wie hatte sie ihre Worte einfach sitzen lassen können? Möglicherweise tummelten sie sich immer noch in ihrem Bett, oder sie waren herunter gefallen, lagen im Staub unter ihrem Bett… Sie rannte durch ihre Wohnung, die Treppe hinauf und öffnete klopfenden Herzens ihre Schlafzimmertür.

Was sie sah, ließ sie erstarren. Sie war nicht darauf gefasst gewesen, dass Worte ein unzivilisiertes Eigenleben führen, wenn sie nicht im Dienste eines Menschen stehen, der sie ordnet, vorschickt, zurückhält oder anbietet. Sie nahm sich unmittelbar vor, besser auf ihre Worte zu achten, sie besser zu versorgen. Deshalb setzte sie sich in die Mitte ihres Bettes, in die Mitte ihrer Worte und bat sie, ihr zuzuhören. Und sie schenkte ihren Worten ihre Worte um wieder Worte zur Verfügung zu haben.

Sonntag, 12. September 2010

Aufzeichnungen. Für die Geburt eines Text-Gewebes

Kreuzungspunkte:
Buchmesse Stand AX98, Autohaus Müller, Pastabar di Cornali, Luftschutzkeller, Bushaltestelle, Germanistisches Seminar, Ponte Veccio, Wald.

Zeit:
Hier und Jetzt. Immer. Damals. Dann. Bereits vergangen und noch im Kommen, Kreuzungspunkt Herz, von Inkarnation zu Inkarnation.

Bezugsrahmen:
Sachliche Dokumentation, Wünsche, Hoffnungen, Phantasien, „das“ Leben. Du und ich.

MitspielerInnen:
LeserIn, FahrkartenverkäuferIn, Kafka, zahnlose Großmutter, Benjamin Walter, Politologinnen, Servicepersonal, Hauptfigur, Nebenfigur, Taxifahrer, Gesellschaft, Unterwelt.

Kreuzungslinien in Raum und Zeit:
1958: Rom, nachts 4 Uhr, Flughafenterminal A
1985: Ruhr-Universität Bochum, dienstags 14-16 Uhr
2015: St. Petersburg, Platz am Ehernen Reiter
1907: Somewhere
1892: Berlin-Charlottenburg
XXX: XXX

Verschränkungen:
Metrolinien, Telefonverbindungen, Reisen, Inspirationen, Gefängnis in sich selbst, Suche, Platons Ideenwelt.

Nicht vorkommende Worte:
Blackberry, Donaudampfschiffskapitän, Projektionsfläche, Wahrheit, Whisky, Pferde und Fenster, Schicksal.

Perspektive:
Wechselnd. Das Netzwerk sichtbar machend. Ich-Perspektive mit unterschiedlichen Ausgangspunkten, Vogelperspektive auf das Geschehen, innen und außen, subjektiv und objektiv.

Rahmen:
Anfang und Ende im Jetzt, randlose, nicht fest umrissene Zukunft, Rückblende in Vergangenes je nach Befinden und Größe der tragenden Herzen.

Wiederkehrendes:
Rothko Bilder, Blogspots, Zarengrab in der St. Nicolaus Kapelle, ein goldener Füller, Wortschubladen, Verwirrungen, Sehnsüchte und Paragraphen.

Klappentext:
Die unverhüllte Wirklichkeit, von der niemand weiß, wo sie sich versteckt, trifft auf Vorstellungen und Ideale in konkreten Figuren, die deutlich machen, was es heißt in einer Verschränkung mit Raum und Zeit zu leben, zu lieben, zu scheitern und zu bangen. Das Unsichtbare wird sichtbar, das scheinbar Nebensächliche avanciert zum Wesentlichen.
Ein Roman voller Überraschungen, berührenden Sequenzen und einer taktvollen Analyse der westlichen Gesellschaft.

Sonntag, 5. September 2010

Begegnung. Die deutsche Sprache braucht ein neues Wort

Heute früh war ich auf dem Markt. Dort bin ich einigen Marktfrauen „begegnet“. Ich bestellte mein Obst und Gemüse, erhielt es, bezahlte es, bedankte mich und ging davon. Ich war an drei oder vier verschiedenen Ständen. Im Nachhinein weiß ich kaum mehr, wer mich eigentlich bedient hat. Mein Markteinkauf war ein funktionales Geschehen. Ich wollte schnell wieder nach Hause – um einen Blog-Text zu schreiben – und habe mich auf die menschlichen Begegnungen nur marginal eingelassen.

Zuhause am Laptop, mit einer Tasse gutem Espresso, entscheide ich mich, etwas über Begegnung zu schreiben – darüber, was ich heute früh auf dem Markt verpasst habe.

Heutzutage wird in vielen gesellschaftlichen Einrichtungen, in denen Menschen zusammenarbeiten, d.h. sich „über den Weg laufen“ und etwas miteinander zu tun haben, weil sie zusammen arbeiten, wie z.B. in Universitäten, Schulen, Kindergärten, Betrieben, Kultureinrichtungen, Firmen etc. danach gerufen, dass es mehr zwischenmenschliche Begegnung geben müsse, damit die gegenseitigen Verabredungen, die spezifischen Interaktionen und die jeweiligen Abläufe „besser funktionieren“. Um miteinander zu arbeiten oder zu leben, miteinander auszukommen und „etwas auf die Beine zu stellen“ braucht es Begegnung.

Begegnung, ist also das große Wort, das im sozialen, zwischenmenschlichen Leben Heilung verspricht. Gegen Einsamkeit, gegen Funktionalisierungen, gegen zermürbende Diskussionen, gegen Unverständnis, Streit und einen riesigen Berg an Verordnungen, Verträgen, Gesetzen und Verabredungen – die alle einmal aus guten Gründen (von Menschen!) erschaffen wurden. Gerade der menschlichen Willkür wollte man entgegenwirken. „Verträge“ gibt es für den Fall, in dem man sich nicht mehr „verträgt“.

(Der Bundespräsident prüft mit seinem Stab zurzeit, ob er dem Gesuch, einen Bundesbankmitarbeiter vorzeitig aus dem Amt zu entlassen, entsprechen kann. Dabei wird eine Begegnung – ein in die Augen schauen, ein Zuhören, ein Verstehen und ein im Gespräch-miteinander-sein und sich Austauschen – ausdrücklich vermieden, dabei geht es nur noch um die Rechtsgrundlage, Verträge und Gesetze also. Nachsatz: Einen Tag später ist zu hören, dass der Betroffene, falls das Verfahren tatsächlich eingeleitet wird, dringend um eine Anhörung bittet.)

All die Papiere und Verabredungen sind genau dafür entstanden, dass man sich nicht mehr begegnen muss. Denn eine Begegnung birgt natürlich auch eine Gefahr. Schon im (deutschen) Wort steckt der „Gegner“. Was ist also Begegnung, nach der wir uns auf der einen Seite sehnen und auf der anderen Seite Angst davor haben?

Wenn ich auf mein Leben schaue, dann sehe ich viele Menschen, denen ich auf angenehme oder unangenehme Weise begegnet bin. Ich schaue auf Begegnungen, die wieder verblasst sind, und auf Begegnungen, die einen reichen und blühenden Platz in meinem Leben haben. Und ich vermute gleichzeitig, dass ich an vielen oder vielem vorbeigegangen bin. Denn auch Gedanken, Impulsen, Landschaften, Städten und vielem mehr kann man begegnen – oder eben „nicht begegnen“.

Begegnung findet auf horizontaler und vertikaler Ebene statt, Begegnung beinhaltet einen ganzen Kosmos an Möglichkeiten. Etwas gesehen, jemanden getroffen zu haben, bedeutet nicht unbedingt, dass eine „echte“ Begegnung stattgefunden hat, etwas Wesentliches geschehen ist. Auf der anderen Seite setzt jede Freundschaft – auch jede Feindschaft – eine Begegnung voraus. Ohne Begegnung passiert - menschlich gesehen - nichts.

Was macht „echte“ Begegnung aus? Mir scheint es dafür wichtig zu sein, dass die Betroffenen überhaupt zu einer Begegnung bereit sind. Das bedeutet, dass sie in dem Moment ein Verhältnis zu sich selber haben, sich so akzeptieren, wie sie in dem Moment sind, um bei sich selbst zu sein. Des Weiteren braucht es eine Akzeptanz des Anderen. Und das ist schon gar nicht unbedingt so einfach. Nehme ich mein Gegenüber mit all seinen Vorzügen, Talenten, Wünschen, Hoffnungen, Schwächen und blinden Flecken wirklich an, sage ich JA zu ihm?

Die jeweilige Akzeptanz (von mir selber und dem Anderen) scheint mir eine Voraussetzung zu sein. Damit es aber zu einem Begegnungsmoment kommen kann, ist ein offener Raum nötig. Ein Moment, in dem etwas entstehen kann. Ohne Vorurteil, ohne Zielvorgabe, ohne Druck. Ein ungeschützter Moment, der frei und offen ist – in dem etwas Unvorhergesehenes entstehen und geschehen kann.

Und diesem Moment weichen viele Menschen aus – weil er eben unvorhersehbar, nicht steuerbar ist. Es ist der Moment, in dem der Freund zum Feind werden kann, der Feind zum Freund – um zwei heftige Extreme zu nennen. Denn kann man natürlich auch einem Gegner begegnen – nicht unbedeutend ist die Tatsache, dass sich zum Beispiel in einem mittelalterlichen Turnier, in einem ritterlichen Kampf die beiden Kontrahenten „echt“ begegnen.

Aber das Wunder ist an dieser Stelle genauso möglich. Das Gefühl des Verstanden-Werdens kann entstehen, ein neuer Impuls kann sich zeigen, eine neue Sicht auf den Anderen wird möglich, ein Geistesblitz kann eintreten, Dankbarkeit und Liebe können sich verbreiten – Begegnung kann bereichern und erfüllen. Begegnung ist ein Mysterium.

Begegnung ist ein Moment, in dem Veränderung möglich ist. Meine eigene und die des Anderen. Die holländische Sprache drückt den Begegnungs-Vorgang meines Erachtens passender aus. Begegnung heißt dort „ontmoeten - es muss nicht“ – aber es ist immer schön, wenn es passiert.

Sonntag, 29. August 2010

Das Leben ist eine Kränkung aus der Literatur erwächst

Bücher lesen wir linear – meistens – von A nach B, von vorne nach hinten, vom Anfang bis zum Ende – weil Schrift bei uns linear geschrieben wird. Von links nach rechts. Auch Zeit verläuft linear. Gestern, heute, morgen. Das Leben aber, so wie auch die Geschichten, die mitunter in einem Buch erzählt werden, verläuft alles andere als linear. Zeit ist elastisch – manchmal vergeht sie wie im Flug, manchmal im Schneckentempo. Und die Bedeutung von Ereignissen ist gar nicht in Kategorien einzuordnen. Das führt zu der Frage, wie Geschichten erzählt, Bücher geschrieben werden könnten, die sich nicht mehr ausschließlich an Linearität orientieren?

Einerseits ist der Mensch das Medium für die Sprache, ohne ihn gäbe es keine Worte. Durch ihn wird Sprache lebendig und ausdrucksstark. Die Sprache ermöglicht dem Menschen andererseits über sich selber hinauszukommen, ja, überhaupt aus sich herauszukommen. Damit er kommunizieren kann. Worte sind für alle da. Sie kosten nichts. Jeder Mensch ist frei, alle Worte die er kennt zu benutzen, so oft er will und in welchem Kontext er will – Worte müssen nicht bezahlt werden, Worte stellen sich frei zur Verfügung, sie schenken sich.

Der Mensch, als Wesen zwischen Himmel und Erde, zwischen Materie und Geist, muss also ständig Entscheidungen treffen, was er wie bezeichnet, wenn er seine Gedanken, Erlebnisse, Empfindungen in Worte fasst. Was drückt er aber aus, wenn er ein Erlebnis des gestrigen Tages in Worte fasst und jemandem erzählt? Kann Sprache tatsächlich Erfahrung transportieren? Können Geschehnisse in Sprache übersetzt werden? Können Gefühle über Sprache ausgedrückt werden?

Aus der mündlichen Sprache ist die schriftliche hervorgegangen. Und obgleich sich Sprache wandelt, können wir heute noch Texte verstehen, die vor hunderten von Jahren geschrieben wurden. Die Protagonisten dieser Erzählungen, die Schreiber und Adressaten sind längst verstorben – wir aber lesen ihre Geschichten, Tagebücher oder Briefwechsel. Wir staunen über sie, weinen mit ihnen, freuen uns für sie und stehen auch oft schlicht und ergreifend vor Rätseln, die sich uns nicht offenbaren. Manchmal erzählt uns die Literatur aber auch etwas über unser eigenes Leben.

Ich hatte einmal einen Traum, in dem sich Raum und Zeit aufgelöst haben. Sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft trafen sich in mir in einem Moment der Gegenwart. Ich konnte den Zeitstrom fühlen und hörte Worte. Vergangene und zukünftige. Sie wurden aber nicht in meiner Sprache gesprochen – ich ahnte nur, dass sie von dem Zeitenlauf handelten, der nicht linear, sondern eher netzartig verläuft. Obwohl ich die Worte nicht „verstand“, lösten sie in mir das Gefühl aus, dass die Sprache das einzige Mittel ist, um als Mensch, der im Leben in seinem Körper gefesselt ist, das Gefühl der räumlichen Weite wiederzuerlangen und der zeitlichen Enge und Gebundenheit zu entfliehen.

Das gesprochene Wort und der Blick (!) entstehen und agieren in der Gegenwart oft nur einen winzigen Moment lang, und können doch Zeit und Raum so durchdringen und gleichzeitig umfangen, dass eine netzartige Verbindung entsteht, die weit über den Moment hinausgeht. Im richtigen Moment, am richtigen Ort. Das Leid, aber auch die Freude, machen sich auf diese Weise selbstständig. Sie werden sprachlich auf die Reise geschickt. Mit dem Wort bewegen wir uns von Mensch zu Mensch, senden Sprache aus und empfangen Worte – begleitet von Gesten, Blicken und zeitgeschichtlichen Ereignissen, denn jeder Mensch ist ein Kind seiner Zeit und seiner Kultur.

In der Literatur wird gerade davon oft berichtet. Und geschriebene Worte sind weitaus geduldiger als die gesprochenen, die so schnell vom Winde verweht werden. Einen Schreibanlass bieten gerade die Momente, in denen etwas nicht im richtigen Moment und nicht am richtigen Ort geschehen ist, in dem Worte, Gesten und Blicke ihr Ziel verfehlt haben – und aus dem das entsteht, was wir gemeinhin die Lebensgeschichte nennen - um nicht zu schreiben das Lebensdrama. Das geschriebene Wort, gute Literatur, speist sich aus Kränkungen des Lebens und schenkt sich damit Raum und Zeit, die über Linearität hinausgeht. Damit ist die Literatur dem Leben weit voraus.

Ich hoffe, dass es einmal Bücher geben wird, die gerade das sichtbar machen. Die sich als Ereignisnetz, als sich verwandelnde Landschaft oder in verschiedenen Zeiten (die mitunter über die irdische Lebensdauer hinausgehen) präsentieren, und die die Bedeutung der Ereignisse auch in ihrer Form sichtbar machen, auch, wenn die Schrift wohl weiterhin linear geschrieben werden muss.

Donnerstag, 29. Juli 2010

Worte einer Dichterin

Das Gefieder der Sprache

Das Gefieder der Sprache streicheln
Worte sind Vögel
mit ihnen
davonfliegen.

Hilde Domin in: Gesammelte Gedichte.

„Jede Entscheidung für ein Wort ist zugleich für und gegen. Diese Entscheidung ist eine automatische und doch eine bewusste. »Der Widerspruch ist der Vater, die Nachahmung die Mutter des Schöpferischen«, definiert es Benjamin. »Das Schöpferische – dem tiefsten Wesen nach Variante.« Daher gibt es kein Wort und kein Bild, das nicht neu gemacht werden kann. Man hört das bereits Gesagte mit, an dem und gegen das man sich orientiert – wobei heute der Widerspruch Stimmführer ist, in diesem Parallelogramm der Kräfte.“

Hilde Domin in: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

Montag, 28. Juni 2010

Wortspiele. Wenn Worte ihre Bestimmung suchen

Die Annahme ist: es gibt Storys. Allenthalben eine Story. Und sie lässt sich über Worte vermitteln. Der Bildschirm ist leer. Noch. Trotzdem gibt es eine Sicherheit. Ein Gefühl macht sich breit. Da will etwas kommen. Da darf etwas kommen. Eine Geschichte? Vielleicht. Die Worte liegen noch verborgen an einem Ort, den niemand kennt.

Heute können sie geboren werden. Miteinander verknüpft werden. Wieder. Aufs Neue. Wenn sie erwachen, beginnen sie ihren großen Tag. Wenn sie wollen. Und aufmerksam sind. Und sich nicht täuschen lassen. Ein Wortteppich wird gewebt. So oder so. Worte sind Brücken zwischen Inhalt und Form.

…Gustav rannte die Treppe herauf. Atemlos erreichte er das oberste Stockwerk und stürzte an seinen Schreibtisch, auf dem Berge von Papieren, Büchern, Zeitschriften und Merkzetteln lagen. Wütend und hastig wühlte er mit zitternden Fingern darin. Er suchte etwas. Ein Schriftstück. Er hatte nur noch zwei Minuten Zeit.

Wenn er die vorbereitete Wortwahl nicht finden würde, wäre er entdeckt. Schon hörte er Schritte im Treppenhaus. Schweiß lief ihm die Schläfen hinab. Seine Hände zitterten. Sein Herz klopfte wild und ihm wurde übel vor lauter Aufregung….


Worte führen ein Eigenleben. Erschaffen Welten. Innere und äußere. Bekannte und fremde. Angenehme und unerträgliche. Fern von unserer Welt. Die Wort-Welt bietet sich aber als Brücke von Mensch zu Mensch an. In einer gemeinsamen, ineinandergreifenden, verwirrenden Welt.

Worte lassen sich unter verschiedenen Kriterien betrachten und begutachten. Worte wollen in ihrer Welt gesehen und anerkannt werden. Linguisten bestehen darauf. Da gibt es das phonetische Kriterium, das orthographische, das morphologische, syntaktische und semantische. Sind Worte stolz auf diese Welt? Und, ist das von Interesse?

…Simone glitt in die Zukunft. In Gedanken war sie der Zeit weit voraus. Gab es Worte für Zukünftiges? Etwas, was noch nicht geschehen war? Sie sah sich, wie sie in zehn Jahren in einer kleinen Hütte sitzen würde. Angebunden. Rings um sie her Stille. Tote Stille. Langeweile würde sie umgeben. Sie würde ihren Mund nicht mehr bewegen können. Ihre Lippen keine Worte mehr bilden.

Eine innere Sprache würde sie noch besitzen – aber die äußere hätte sie, im Verlauf von zehn Jahren, verloren oder verlernt. Sie hörte, dass ganz leise etwas an ihre Tür klopfen würde. Aber sie konnte nicht antworten, obwohl in ihrem Innern Hunderte von Worten lebendig erwachten…


Worte umspülen Menschen wie Stimmungen und Gefühle. Innerlich und äußerlich. Wenn all die Worte sichtbar wären, die in uns und um uns herum ihr Eigenleben führen, würde ein buntes Farbenspiel sichtbar werden. Da gibt es die geschriebenen Worte, die von mir ausgehen und an dich gerichtet sind. Worte, die das Schreiben und das Lesen verlangen.

Und dann gibt es die gesprochenen Worte. Von dir zu mir, von mir zu dir. Die ausgesprochen und gehört werden wollen. Im direkten Gespräch, von Straßenseite zu Straßenseite, am Telefon, im Traum. Und es gibt die gedachten Worte, die noch vorbereitet werden, bevor sie hervorsprudeln. Gefühlte oder erfahrene Worte, schweigende Worte.

…und der Schreiber sitzt an den Worten, die nicht mehr das Papier berühren. Er hütet den Bildschirm. Erlaubt Fingerspitzen, Buchstaben in die Tastatur einzugeben. Öffnet innere Tore, wenn geklopft wird. Schaut erstaunt, wenn sich Worte verbinden. Ist ein Diener des geschriebenen Wortes. Ergeben und voller Hingabe.

Aber er versteht nicht, was passiert. Er kann nicht sprechen. Nur schreiben. Er fühlt die Worte mit seinen Fingerspitzen. Jede Fingerkuppe bestimmte Buchstaben. Laute und leise Gesellen, die sich gefügig zur Verfügung stellen, wenn sie tatsächlich etwas erzählen wollen…


Ablenkung. Was sind schon Worte? Rhabarber, Rhabarber. Wortspielereien. Ist das vielleicht eine Story? Worte können übersetzt werden. Müssen übersetzt werden, von Sprache zu Sprache, von Mensch zu Mensch. Haben sie dann noch immer die gleiche Bedeutung? Und, denken wir in Worten oder suchen sich unsere Gedanken ihre Worte? Eine Story braucht einen Inhalt.

Worte stehen zu Gebote, wenn die Stimme ihren Klang kennt, eine Melodie summt und den Plot in die Welt gebiert. Ohne Worte geht gar nichts.

Montag, 21. Juni 2010

Kreuzung. Treffen an einer Straßenecke

Sie schlenderte die Straße am Flussufer entlang. Eine psychologische Beratungspraxis reihte sich an die andere. Zu ihrer Linken floss das Wasser, zu ihrer Rechten waren Bauarbeiter mit der Reparatur der Straße beschäftigt. Es war gleißend heiß und die städtischen Geräusche der Stadt wurden an diesem Nachmittag von der Hitze fast verschluckt. Nur der Presslufthammer durchdrang das warme, stehende Luftmeer immer wieder. Sie blickte auf. Sie war langsam heute. Unschlüssig. Bewegte sich aber weiter und trug tapfer die schwere Tasche.

Er kam von oben. Schnellen und gerichteten Schrittes. Er hatte scheinbar ein Ziel und hastete an den Menschen vorbei. Einen Bürgersteig gab es nur auf einer Seite, dort, wo sich ein kleiner Laden an den anderen reiht. Internetcafe und Waschsalon in einem. Bäckerei, Blumenladen und die Einladung zu einem frischgemixten Fruchtsaftgetränk im bunt verzierten Glas. Auf der anderen Seite beginnt der Berg. Die Städter haben ihn mit einer Mauer abgestützt, damit er nicht in ihre Kultur eindringe. Nicht die Straße, die lebenswichtige Bewegungsader eines bedeutenden, kulturerschaffenden Ortes bedrohe. Die Unterwelt beginnt also direkt hinter den Steinen der Mauer auf der rechten Seite. Sein Blick streifte all dies nur aus den Augenwinkeln.

Der andere wollte gesehen werden und blickte um sich. Er flanierte stolz die Straße von unten nach oben. Gerade jetzt kommt er auf der Brücke an, die über den romantischen Fluss führt. Zwischen den vielen Blumenkästen, die das Brückengeländer zieren und fast überquellen, lehnt er sich über die Brüstung und lässt seinen Blick schweifen. Plötzlich erhascht seine Nase den Duft eines verführerischen Parfüms und er wendet sein Angesicht. Eine weiße Schönheit mit rotem, weit ausladendem Hut droht sich seinem Blick in dem Menschenstrom zu entziehen, wenn er sich nicht bewegt. Äußerlich bleibt er stehen, innerlich entsteht eine Geschichte.

Sie ließ sich treiben. Von oben nach unten. Aus der Altstadt, von der Stiftskirche kommend, den Berg hinab, hinunter zum Fluss. Ihre Füße schmerzten und auf dem Kopfsteinpflaster musste sie achtsam sein, um nicht umzuknicken. Sie betrachtete die Schaufenster zu beiden Seiten und begann ihre Ideen weiterzuspinnen. Aus jedem Schaufenster der eng aneinander gereihten Läden nahm sie ein Detail. Fügte es ihrer Idee hinzu. Die lachenden Stimmen um sie herum boten ihr ein Fundament und sie war überzeugt davon, den richtigen Weg zu gehen. Die Zukunft leuchtete vor ihr auf, sie brauchte sich nur im Strom weitertreiben zu lassen.

Was will der Regisseur? Wohin führt er die Figuren?

An der Kreuzung berühren sich ihre Ziele, ihre Kreise. Er von oben. Und der andere von unten. Die eine vom Flussufer, die andere aus der Altstadt. Jeder steht an seiner Ampel und überquert die gerade vor ihm liegende Straße. Aber das plötzlich entstehende Karussell dreht sich weiter. Jeder überquert noch eine Straße – die rechts von ihm liegende. Die vier sind in eine verwirrende Irritation geraten. Keiner weiß mehr, wohin er will. Wohin er soll. Sie drehen sich im Kreis. Die Kreuzung ist zum Angelpunkt geworden, der sie nicht mehr losläßt.

Die Menschenströme bewegten sich weiter, an ihnen vorbei. Eine Schulklasse, eine Touristengruppe. Autos hupten, Busse hielten an und fuhren weiter, Fahrräder flitzten über Bordsteinkanten und wechselten zwischen Bürgersteig und Straße. Motoräder ratterten. Es war warm, hell und mitten am Tag. Doch die Innenwelt der vier Zeitgenossen zog sich in diesem Augenblick zusammen und erstarrte in der Mitte der Kreuzung zu einer unbequemen Szene. Die Welt, die von der Kreuzung ausgeht, sah plötzlich aus wie ein verlassener, schattenfreier Schotterparkplatz am Sonntagnachmittag wenn die Weltgeschehen innehält und selbst nicht weiß, wie es weiter geht.

Die Tische des Dönerimbisses standen direkt neben denen des italienischen Kaffeeecks. Auf dem Bürgersteig. An der Kreuzung. Einer Kreuzung, die sich selbst gehört. An einem Stehtisch trafen sie aufeinander. Der eine hatte einen Döner in der Hand, der andere einen doppelten Espresso, sie stellte einen Teller Salat vor sich ab und die andere ein Glas frischgepressten Orangensaft. Als sie sich anblickten verschmolzen sie ineinander. Im Kreuzungspunkt begegneten sie sich selbst im anderen und erschraken.

Sonntag, 13. Juni 2010

20 verordnete Worte


„Benjamin war ein freundlicher, kreativer und geduldiger Mann, der in der grässlichen Werkstatt grünlichen Ungehorsam begehrte, Wünsche verschlief, den Konstruktivismus lobte, sich von Frauenschuhen angegriffen fühlte und seine Freude, seine Lust und seinen Tanz mit Begriffen begradigte.


Er lobte den Tag grundsätzlich nicht vor dem Abend. Er war ein Mann mit eigenen Prinzipien und immer auf der Hut. Wer weiß, was an so einem feuchten Frühlingstag alles noch geschehen könnte. Er war misstrauisch. Vorsichtig warf er einen Blick aus dem Fenster. Aber er sah nichts – denn es gab nichts zu sehen. Doch er hörte jemanden in der Werkstatt. Die Geräusche konnten zweierlei heißen. Nie wusste er, welche Bedeutung am Abend die bedeutende war. Die gleichmäßig singenden Kratz-Hammer-Schleif-Geräusche verwirrten ihn. Nun schon Jahre lang.

Während er am Fenster stand, blickte sie geduldig vor sich hin. Aber er wusste nichts davon, er wusste nichts von ihr. Er sah sie nicht. Denn er kannte sie nicht. Weil er sie nicht erkannte. Sie stand inmitten ihres Zimmers und begann mit dem Tanz. Freundlich lud sie ihre Glieder ein, sich zu bewegen, der inneren Musik zu folgen. Sie wusste, dass sie Vertrauen haben konnte – wie so oft schon hatte sie der Leere standgehalten und war dann in eine kunstvolle Abfolge von Bewegungen geraten, die neue Ebenen erreichen ließ. Morgen würde sich ihre Sprache mit Worten ausdrücken müssen.

Anderen Tags trafen sie in der Bank aufeinander. Sie erkannte ihn, als er vor ihr das Drehkreuz passierte. Er fühlte ihren Blick im Nacken und schaute zu Boden, auf die grünlichen Marmorfliesen, die er noch nie gemocht hatte. Für ihn gab es nur Schwarz oder Weiß. Grün befand er als unverzeihliche Farbe, die es nicht geben dürfte. Er war ein Mann mit klaren Konturen. Er musste tagsüber auf diesen Fliesen gehen, diesen grässlichen, grünlichen Bodenplatten. Sie bildeten den Untergrund, auf dem er stundenlang stehen musste. Er nahm an, dass die Farbe ihm etwa die Hälfte seiner Energie abnahm. Er war also ein Wohltäter. Für die grünen Bodenplatten.

Sie schleppte sich dahin, weil sie schlecht geschlafen hatte. Nach dem Drehkreuz wendete sie sich von ihm ab. All die vorgeschriebenen Wörter sollten in ihrer Rede vorkommen, das war das Erkennungszeichen. Aber sie hatte keine Lust und keine Freude daran. Lieber hätte sie sich vor dem Publikum bewegt. Trotzdem blickte sie freundlich in die Runde, als sie auf dem Podium stand. Geduldig wartete sie, bis sich der hohe Frauenschuh an ihrem linken Fuß wieder an den richtigen Platz begeben hatte und sie fest stand.

Benjamin sah sie und hörte ihr geduldig zu. Er erinnerte sich an den Blick in seinem Nacken und begann nachzudenken. Sie sprach über den Begriff Konstruktivismus, den sie herbei zerrte und mit allen Ecken und Kanten klobig vor die Zuhörer warf. Gleichzeitig tanzten ihre Worte durch den Saal – der Klang ihrer Stimme besänftigte das inhaltliche Aufbegehren. Ihr Ungehorsam würde sich rächen. Und er, Benjamin, begehrte ihre Worte – denn sie waren kreativ und freundlich. Er wusste, dass sie das Unternehmen angriff und er hatte den Wunsch sein Leben mit ihr zu begradigen.

„Geduldig schlief sie mit ihrem Wunsch ein und träumte von begradigten Frauenschuhen, kreativem Konstruktivismus und einem freundlichen Begriff der sie die Werkstatt loben ließ, ihr Lust und Freude brachte mit einem grässlichen, begehrenden Tanz anzugreifen, und dem grünlichen Ungehorsam zu entrinnen.“

Freitag, 14. Mai 2010

Warum ich schreibe. Vom Ich zum Wir

Anfangen – jeder Schreibprozess hat einen Anfang. Der Abgrund will überwunden werden. Ich wähle einen Moment, der mir einen Beginn ermöglicht. Ohne diesen tatsächlich ergriffenen Augenblick entsteht auf dem Papier - und dem Computerbildschirm - nichts. Anfangen heißt loslaufen, weitergehen, Möglichkeiten schaffen, eröffnen – eben beginnen.

Buchstaben
– ich nutze die 26 Buchstaben unseres Alphabets, um die passenden Worte zu bilden, zu kombinieren, sich begegnen zu lassen. Dafür begreife ich sie, fasse sie an und schmecke sie um dann von meinen Funden zu berichten.

Chaos
– ein belebender Aspekt in der Sprachwelt. Gedanken, Stimmungen, Ideen… Ein Schreibprozess nutzt das kreative Chaos um etwas Neues zu erschaffen, Signale zu setzen, um Farben zu kombinieren, neue Blickwinkel einzunehmen.

Dichter – dichte Worte, verdichtete Kombinationen, dichterische Freiheit, gedichtete Bilder. Dichter und Gedichte mag ich sehr.

Erwägen - erfassen, erdichten, ergreifen, ergötzen und erbrechen, erschrecken, erkennen und erstarren. Erinnerungen festhalten. Enden.

Fantasie – ist zum Schreiben notwendig. Wenn ich dumpf bin, kann ich nicht schreiben. Worte fordern innere Beweglichkeit, Plastizität, polyphone Bilder – fantastische Texte entstehen durch fantasievolle Eingangstore.

Gewebe
– ich webe mit Worten und produziere Geschriebenes. Aus meinen Gedanken entstehen unterschiedliche Muster, die geduldig warten gewichtet zu werden. Von der Gabe zur Aufgabe – ohne aufzugeben oder anzugeben. Eben frei etwas zu geben und die Grenzen zu wahren.

Handeln – Schreiben ist Handlung, Tat und „geronnener Wille“. Texte sind Abenteuer und unübersehbare Unterfangen – Höhen und Tiefen inbegriffen.

Ich – zu meinem Ich stehe ich, wenn ich schreibe und veröffentliche. Ohne mein Ich geht es nicht - dazu muss ich stehen und darf nicht sitzen. Intertextuelle Diskurse schreiben sich über Worte fort und bereichern individuelle Entfaltungskräfte. Intuition, Inspiration und Imagination.

Ja sagen – auch wenn es unbequem ist. Mich im Tanz von Ja und Nein mit drehen und wenden, die Polaritäten berühren und abwägen, jetzt ja sagen, den Job ernst nehmen und Jazz dabei hören.

Können – mein Können auf die Probe stellen. Kommentare erwarten, Kreativität einsetzen, Klagen erinnern und klug erwidern.

Lesen – was andere geschrieben haben. Lesen und fühlen, wie sich Worte bewegen, welche Bilder entstehen. Menschen und Situationen, Ereignisse und Geschehnisse lesen, um zu erschreiben, was das Lesen in mir beschreibt.

Mut – Beherzt das Wort ergreifen. Schrift einsetzen. Mut mich im Schreiben zu zeigen. Mut Dinge auszudrücken, die des Mutes bedürfen. Multiplikator werden. Und manchmal müde sein - vor lauter Unerschrockenheit.

Niederlagen
– annehmen, einstecken und verwandeln. Transformieren.

Ohnmacht – Ohnmacht erleben, wenn die Worte nicht kommen, wenn die Buchstaben sich verdrehen, wenn erstarrende Stille entsteht, wenn Stummheit sich ausbreitet und kalt alles verschweigt.

Pläne – planen und verwirklichen, ergreifen und loslassen. Konzepte erstellen und ausklamüsern, Ideen aushecken und austüfteln, damit Pläne zu Ereignissen werden, damit Wunsch zu Wille wird. Planen und ändern – immer wieder neu.

Quadratisch – mit Ecken denken und Tangenten einbauen, aber den Umkreis nicht vergessen und die geometrischen Gebilde in Worte fassen.

Rufen – mit stillen Worten und durch geduldige Schrift. Anrufen, durchrufen und alarmieren. Vom Zuruf zum Aufruf, vom Sprecher zum Hörer, vom Schreiber zum Leser.

Stimme – meine eigene Stimme suchen und finden. Ihren Worten vertrauen, Spuren verfolgen und in geduldige Schrift umsetzen, die stumme Sprache zum sprechen bringen, schreiben um etwas zu sagen und die Quelle der Stimme zu sein.

Tippen – Worte auf der Tastatur eintippen und mein soziales Netz damit antippen. Mich trauen zu texten und Texturen zu erstellen, damit Diskurse eröffnet und geführt werden können. Mir treu bleiben und mich trauen zu schreiben.

Unsicher – unerkannt bleiben in der Unsicherheit. Ohne Rüstung und doppelten Boden in die Sichtbarkeit treten.

Verständnis – verstehen und um Verständnis werben. Einblick gewähren in die Werkstatt der Worte, mit Gespür, Takt und Fingerspitzengefühl. Ohne Verständigung verstehen wir uns nicht.

Wir – vom Ich zum Wir. Am Anfang war das Wort. Mit Worten einen Weg gehen, Brücken bauen, weben und Sätze im Dschungel des Alltags bilden. Vom Ich zum Du im Zwischenraum über die Sprache.

Zweifel – den Zweifel ernst nehmen und überwinden. Er führt mich, wenn ich mich nicht überführen lasse. Der Zweifel ist ein Kreativitätspotenzial, der sich gerne in den Arm nehmen lässt. Vom zaudern, zögern und zagen zum zwielichtigen Zwischenbericht.

Schreiben, um vom Ich zum Wir zu gelangen und die eigene Stimme erklingen zu lassen.

Freitag, 16. April 2010

Vom Einsteigen in Texte und Bilder. Ein offener Zwischenraum

Literarische Texte und Erzählungen erwecken Bilder im Leser. Das Handlungsgeschehen erhebt sich über Worte, Sätze und Strukturen des Textes hinaus und erwacht zu eigenem Leben. Wenn Romanfiguren stimmig beschrieben – gezeichnet – werden, dann erfährt der Leser mehr über sie, als tatsächlich mit Worten beschrieben wird. Aus Buchstaben werden Landschaften, Stimmungen und Figuren, ja es entstehen sogar bewegte Bilder, also Handlungsabläufe, Vorgänge und Bewegungen. Ein guter Text schenkt dem Leser eine innerlich farbige, reich bebilderte Geschichte, die sich formt, bewegt und verändert.

Ein Leser hat die Möglichkeit, die Bedeutung der ihm entgegenkommenden Wortkombinationen mit seinen eigenen Erfahrungen oder Phantasiekräften zu verbinden. Er steigt in die Erzählung ein. Aber jeder Leser liest literarische Texte anders und wir können die Anknüpfungspunkte, die inneren Bilder, die entstehen, nur annähernd miteinander teilen und vergleichen, da sie immaterieller Natur sind.

Wie verhält es sich mit der Arbeit von Malern, mit Bildern die ich als Betrachter von außen anschaue, betrachte und an mich heranlasse? Auch sie erzählen Geschichten. Irgendwie. Auf eine andere Weise als Texte das tun. Es entstehen also beim Betrachten von Bildern innere Texte.

Ein Bild ist eine Momentaufnahme. Und obwohl ein Bild sich nach der Fertigstellung nicht mehr verändert, kann es doch Bewegung ausdrücken. Horizontal und vertikal, in Zeit und Raum. Ein Abdruck aus der Seele des Künstlers, der das Bild nach außen gesetzt hat, zieht sich auf der Leinwand zusammen und befreit sich selber über das Gemälde hinaus und es entsteht etwas Neues. Größeres. Gute Bilder weisen weit über sich selbst hinaus und bilden nur den Quellpunkt ihrer selbst.

So wie sich Leser und Text in einer immer wieder neu entstehenden Gegenwärtigkeit einander zugewandt gegenüberstehen, stehen sich auch Betrachter und Bild im Jetzt gegenüber. Die innere Verbindung, die zwischen den beiden entstehen kann, muss üblicher Weise vom Leser oder Betrachter gesucht werden. Er muss die Tür in sich öffnen, um das Angebot, das ihm gemacht wird anzunehmen oder abzulehnen. Wenn sich die Tür öffnet, kann sich eine Gegenwärtigkeit entfalten, die über den Moment hinausgeht und zum inneren Reichtum wird, der die Zeit überdauert.

In Paris gibt es das Musée de l'Orangerie. Dort werden in zwei ovalen (!) Räumen einige der berühmten Seerosenbilder von Claude Monet gezeigt. Es sind jeweils vier Bilder, die in einem Oval zu erleben sind. Und es lässt sich nicht schreiben, dass die Bilder in den Räumen „aufgehängt“ wurden. Nein, diese vier Bilder bilden den Raum. Der Raum entsteht aus den Bildern, durch die Bilder. Die Verhältnismäßigkeit zwischen Betrachter und Betrachtetem verändert die übliche Hinwendung vom Subjekt zum Objekt. Die Richtung der Bezüglichkeit dreht sich in diesem Bilder-Raum um.

Für den Betrachter entsteht eine besondere Situation. Wenn man in den ovalen Raum hineinkommt, betritt man die Bilder. Der Betrachter steht oder sitzt inmitten der vier Bilder, die viele Meter lang, und damit raumfüllend sind. Der Betrachter wird selber zum Seerosenteich, zu einem Teil der Bilder. Die Geschichte, die sich dort entspinnt, lässt sich nicht mehr losgelöst betrachten. Bild und Betrachter werden eins, die Perspektive verschränkt sich. Der Betrachter wird zum Protagonisten des erzählenden Bildes.

Marcel Proust, ein Zeitgenosse und Bewunderer Monets, hat in seinem Roman A la recherche du temps perdu auf literarischer Ebene etwas Entsprechendes gemacht. Er beschreibt die Suche seines Protagonisten nach Erinnerung. Willentlicher und unwillkürlicher Erinnerung. Er beschreibt, wie in seinem Helden eine Erinnerung durch eine Tasse Lindenblütentee und das Eintauchen einer Madeleine, also durch Geschmack und Geruch aufsteigt. Diese Beschreibung ist sehr berühmt geworden und hat den Begriff mémoire involontaire geprägt. Damit holt der Autor den Leser in den Text hinein.

Literarische Texte lassen innere Bilder entstehen und Bilder gebären Texte, Geschichten, Erzählungen. Es entsteht ein Gewebe zwischen Text und Leser sowie zwischen Bild und Betrachter. Diese neue Textur, die in einem Zwischenraum entsteht, macht das Geschehen zu einem sich immer wieder neu vollziehenden Ereignis. Dieser Zwischenraum kann mit unseren Handinnenflächen verglichen werden. Wenn zwei Menschen sich die Hand geben, so berühren sie sich physisch. Diese Begegnung kann angenehm oder unangenehm sein, längerer oder kürzerer Dauer sein, sich kalt oder warm anfühlen. Was aber bleibt ist die Tatsache, dass sich die beiden Hände mit ihren Innenflächen nicht berühren. Darin liegt das Geheimnis verschlossen. Das Rätsel. Etwas Unaussprechbares, Unberührbares. Ein kleiner offener Raum, ein Zwischenraum eben, in dem etwas ohne Worte geschieht. Etwas, was auch zwischen Text und Leser, zwischen Bild und Betrachter entstehen kann.

Die Seerosenbilder von Monet im Musée de l'Orangerie jedenfalls laden herzlich dazu ein in ein Bild einzusteigen und einen delikaten Zwischenraum zu betreten, so, wie es der Roman von Proust auf literarischer Ebene macht.

Donnerstag, 4. März 2010

Minne und Krasser Scheiß. Worte und Begriffe

Als meine erwachsene, studierende Tochter zu Weihnachten ein Geschenk auspackte, das ihr außerordentlich gut gefiel, entwand sich ihrem Inneren ein großes Kompliment, sie strahlte und sagte: „Krasser Scheiß!“ Und das war ernst gemeint. Sie hat sich wirklich unglaublich über das Geschenk gefreut, das sie in Händen hielt.

Sprache, und damit Worte und ihre Bedeutung, wandeln sich. Das ist offensichtlich. Ich hätte in ihrem Alter und in einer vergleichbaren Situation vielleicht „wow“ oder „cool“ gesagt – und hätte das schon sehr gewagt gefunden. Aber die Konjunktur dieser Worte neigt sich ja schon ihrem stillen Ende zu. Heute stehen andere Begriffe auf dem Plan und wer weiß, welche Buchstabenkombinationen nun auf dem Weg sind, geboren zu werden und sich einen Platz und Rang zu erobern.

Meine jüngere Tochter fragte mich neulich, was eigentlich „Minne“ sei. Mit diesem Wort konnte sie nichts anfangen. Da es aber in ihrer Schullektüre öfters vorkam (…Parzivalepoche…) hielt sie es immerhin für angebracht, sich nach der Bedeutung zu erkundigen. „Minne“ ist kein geläufiges Wort für Liebe mehr, es stammt aus dem Mittelalter. Auch ich kannte es als Jugendliche nicht. Manche Worte muss man also richtig „lernen“ – deren Bedeutung ergibt sich nicht nebenbei oder aus sich selbst. Andere Worte gibt es, die ihre Bedeutung über einen langen Zeitraum behalten oder sich verwandeln. So gehören das Herkunfts- und Synonymwörterbuch zu meinen liebsten Nachschlagewerken.

Als ich den letzten Blogtext von Jelle van der Meulen auf mögliche Fehler durchging (http://jellevandermeulen.blogspot.com/2010/03/alle-groen-worte-brauchen-respekt-uber.html), ist in mir die Frage entstanden, was eigentlich der Unterschied zwischen „Begriff“ und „Wort“ ist. Er spricht in seinem Text von „Worten“. Ich hatte die Neigung, an manchen Stellen das Wort „Wort“ durch den Begriff „Begriff“ zu ersetzen. Und da haben wir es schon. Was ist da richtig? Was ist passend, emergent, evident, einleuchtend, plausibel, überzeugend, schlüssig, nachvollziehbar? (Und das Synonymwörterbuch schlägt noch viel mehr Worte im Umkreis vor!)

Wo unterscheiden sich Worte von Begriffen – wo trennen sich die beiden voneinander, wo überschneiden sie sich, was ist wann gemeint? Das entsprechende Verb zum Begriff „Begriff“ ist „begreifen“. Diese Verbindung hat mir schon immer gefallen, weil ein Geheimnis darin liegt. Wie kann man einen Begriff begreifen – anfassen, berühren, ertasten? Und doch hat ein Begriff etwas von der physischen Ebene. Gemeint ist aber, dass wir einen Begriff mit unserem Verstand – oder unserem Herzen - ergreifen, so dass er einen lebendigen Ort in uns erhält. Der DUDEN sagt, ein Begriff sei der „geistige, abstrakte Gehalt von etwas“. Aha.

Das Wort „Wort“ hat kein zugehöriges Verb. „Worten“ – das wäre schön, aber das gibt es wohl noch nicht. Dafür aber wartet der DUDEN mit einem schönen Bedeutungshintergrund auf. Ein Wort sei das „feierlich Gesprochene“. Im Griechischen verweist „Wort“ auf „sagen“, im Russischen auf „lügen“… Das Instrument beider Worte oder Begriffe ist die Sprache, die wir sprechen. Schriftlich oder mündlich. Ob wir mit Worten etwas sagen oder lügen hängt von inneren Dispositionen ab – das Wort an sich ist nur das Kleid, in dem die Bedeutung erscheint.

Aber zurück: Ist Liebe nun ein großes Wort oder ein großer Begriff? Wer könnte darüber etwas sagen?

Jelle van der Meulen verweist am Ende seines Textes darauf, dass die Quelle eines bestimmten Wortes (Anthroposophie) im Herzen des Menschen läge und die Sprache des Herzens ja bekanntlich die Poesie sei. Diesem Blick möchte ich noch eine andere Perspektive hinzufügen. Walter Benjamin, der sich sicherlich auch als Platoniker bezeichnen würde, hat in seinem Sprachaufsatz geschrieben: "Jede Mitteilung geistiger Inhalte ist Sprache." Das bedeutet, dass gerade dann eine stimmige Sprache entsteht, wenn die Worte und Begriffe einen geistigen Inhalt tragen. Er schaut also aus umgekehrter Richtung. Besonders reich wird die Sprache also dann, wenn sie geistigen Inhalts ist und aus dem Herzen der Menschen heraus gesprochen wird – ganz unabhängig davon, ob Worte oder Begriffe verwendet werden.

In diesem Sinne war auch der Ausspruch meiner ältesten Tochter: „Krasser Scheiß“ wirklich als Kompliment zu verstehen und die Frage meiner jüngeren Tochter, was denn „Minne“ sei, eine echte Frage die aus ihrem Herzen kam. Schließlich sind es die jüngeren unter uns, die die neuesten Nachrichten aus der geistigen Welt mitbringen. Da muss man schon mal über den Schatten von Worten springen und für neue Bedeutungen offen sein.