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Freitag, 4. September 2015

Oh, from that Schulz-Family you are? Das Fotographisch-Artistische Atelier von Carl Schulz in Dorpat (Tartu)

Das Land ist alt und leicht zugleich. Die Landschaft ist grün, sehr grün und lädt zum Verweilen ein. Parkähnlich stehen die Bäume im Verbund mit den Wiesenflächen und überdauern die Zeit. Kleine Flüsse mäandern durch die flachen Weiten und münden in stille Seen. Sehr friedlich geht es zu, obgleich auch hier der Boden mit Blut getränkt ist. Wechselnde Machtverhältnisse, Missionare, Okkupationen, Eroberer, Besatzer – die Esten haben schon viel mitgemacht und sind unendlich froh und stolz, dass sie seit 1991 endlich wieder ein souveräner Staat sind.

Es ist nicht ganz einfach, den alten handgezeichneten deutschen Stadtplan mit dem neuen estnischen Druck - in unterschiedlichem Maßstab - überein zu bringen. Jedes estnische Wort ist schier unaussprechlich und heftet sich nur schwer ins Gedächtnis. Aber schließlich finden sich die gesuchten Straßen und der Ort des Hauses lässt sich rekonstruieren. Das alte Stadtbild – innerlich entstanden durch alte Fotographien, Erzählungen und die eigene Phantasie – weicht vom heutigen ab, aber die Straßen sind, wenn auch mit neuem Namen, geblieben.

Hier also hat das Leben über mehrere Generationen stattgefunden. Dort, wo jetzt ein neuer schwarz-glänzender Klotz steht, hat das eine große Holzhaus samt Atelier tatsächlich bis zu den Bomben des Zweiten Weltkriegs gestanden. (Den anderen Ort neben der Universität kannte ich schon.) Meine Großmutter wurde in der Gartenstraße 3 geboren und hat bis 1939 dort gelebt, meine Urgroßeltern haben in dem Haus ihr Leben gestaltet und mein Ururgroßvater hat es wohl erworben. Mitten im alten Stadtkern – in einer anderen Zeit. Ich laufe mit einem Doppelblick durch die Stadt und fühle mich seltsam aufgehoben.

Auf der schmucklosen Brücke über den Embach, die Sowjetzeit lässt grüßen, steht eine Fotoausstellung mit großen Plakatwänden. Hier gibt es alte Stadtportraits zu sehen, vom diesseitigen und vom jenseitigen Ufer. Und als mein Auge auf die unverständlichen Buchstabenkombinationen fällt, springen mir bekannte Worte entgegen: Carl Schulz. Und immer wieder: Fotograf: Carl Schulz. 1870, 1890, 1999, 1910 und so weiter. Die Bilder stammen aus dem Atelier meiner Familie und zeigen die kleine, prächtige Stadt vor langer Zeit.

Plötzlich ändert sich die Farbe des Lichts für mich. Ich bin keine schlendernde Touristin unter dem nördlichen Sommerhimmel mehr, sondern spüre wie der Gang der Zeit mich erreicht. Ich schaue nicht mehr nur noch, sondern empfinde dabei, dass die Vergangenheit da ist. Trotz der gesteigerten Wachheit breitet sich eine Ruhe aus. Und es kommt noch intensiver. Im Stadtmuseum wird für uns die Kuratorin gerufen, die nicht schlecht staunt, dass wir die Nachfahren der Schulz-Fotografen-Familie in Dorpat sind. Nicht nur, dass sie die Bilder des Ateliers kennt, sondern gerade sie hat die Fotoausstellung kuratiert. Sie nennt uns die Orte, wo wir Relikte finden, rät uns, ins Archiv zu gehen.

Und im Archiv werden wir bereits erwartet. Es gibt alte Unterlagen der Familie zu besichtigen, aber vor allem mit einem jungen Esten in Kontakt zu kommen – er spricht perfekt Deutsch! – der seine Magisterarbeit über die drei Fotografengenerationen Carl, Arthur und Dagmar Schulz schreibt. Als wir in sein Büro kommen öffnet er erst einmal unseren Stammbaum auf seinem Computer – und dieses Mal sind wir es, die nicht schlecht staunen. Er öffnet Dokument um Dokument – Abschlusszeugnisse meiner Großmutter, Fotos, Anzeigen… Er kennt sich aus in unserer Familie – hat aber auch einige Fragen an uns, die sich durch die Unterlagen in den staubigen Archiven nicht erschließen.

Wir sitzen in einem Gespräch, von dem wir nicht annahmen, dass es überhaupt je stattfinden könnte. Da interessiert sich jemand für unsere Familiengeschichte, da sie Teil der fotographischen Stadtgeschichte ist und schreibt seine Magisterarbeit darüber. Was ist in den Jahren 1937-39 geschehen, wohin ist Dagmar Schulz gegangen, als das Atelier verkauft wurde, hat sie weiterhin selbstständig gearbeitet? In Deutschland gibt es eine „Grüne Kiste“ – darin liegen Aufzeichnungen, Fotos, Pläne, Schriftstücke, Gutachten, Beglaubigungen… Hätten wir sie nur hier!

Die familiären Wurzeln wurden durch den Wirbel des Zeiten Weltkrieges im Baltikum gekappt. Ich habe bislang mit Luftwurzeln gelebt und mich immer wieder gefragt, in welche Richtung ich sie neigen solle. Nun aber können Erd- und Luftwurzeln zusammen kommen und, zumindest geistig, wieder einen gemeinsamen Festpunkt bilden. Die Recherche in Dorpat geht weiter (die sich auch auf die Filialen in Riga, Libau und Majorenhof erweitern ließe) – gespannt erwarten wir die Arbeit über das Fotographisch-Artistische Atelier von Carl Schulz, das über drei Generationen von meiner Familie geführt wurde (yes, I belong to this Schulz-Family!), bis Hitler und Stalin einen Pakt geschlossen haben, der die alte Zeit brutal in eine neue verwandelt hat.

Freitag, 28. August 2015

Von der Auswanderung zur Flucht - Baltendeutsche über drei Generationen


Im Osten Europas schienen die Arbeits- und Lebensbedingungen vielversprechend zu sein, so dass sich mein Ururgroßvater aus Süddeutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts entschloss in den östlichen Norden Europas auszuwandern. In Estland eröffnete er damals eines der ersten und prominentesten Fotoateliers, das über drei Generationen fortgeführt wurde. Mein Ururgroßvater wurde im „Ausland“ unmittelbar als Unternehmer geachtet und gehörte direkt der oberen Gesellschaftsschicht an. Er erwählte Dorpat in Estland zu seiner neuen Heimat und verband sich mit ihr tief.

Soweit ich das beurteilen kann muss das Leben dort angenehm gewesen sein. Die Deutschen machten damals in dem „deutschen“ Universitätsstädtchen etwa ein Drittel der Bevölkerung aus. Jeder sprach mehrere Sprachen: zu Hause unterhielt man sich auf Deutsch, mit den Gästen wurde Französisch gesprochen, mit dem Dienstpersonal sprach man Estnisch, in der Schule wurde auf Russisch unterrichtet. Als Deutscher lebte man gut bis sehr gut.

Carl Schulz stand einem erfolgreichen und florierenden Fotoatelier vor, neben dem Hauptgeschäft hatte das Atelier mehrere Dependancen in weiteren Städten, und noch heute finden sich Fotos von ihm, die zu formidablen und horrenden Preisen angeboten werden. Er hatte eine Familie mit acht Kindern – der älteste Sohn übernahm in geeignetem Alter selbstverständlich das Geschäft.

Als dieser zu früh starb, er erblindete und nahm sich das Leben, so dass er auf dem deutschen Friedhof beerdigt wurde, übernahm sein jüngerer Bruder das Atelier, mein Urgroßvater, Arthur Schulz, und lebte mit seiner Familie, sechs Kinder, weiterhin in Dorpat in der Gartenstraße 3. Das Atelier blühte seit Jahren. Der Erste Weltkrieg brachte allerdings einige Umstrukturierungen, das Land wurde nicht mehr von der russischen Zarenkrone regiert, sondern war für einige Jahre ein freier estnischer Staat geworden. Etwa die Hälfte der Deutschen ging fort, aber es blieben so viele, dass ein kulturell anspruchsvolles Leben weiterhin möglich war.

Meine Großmutter wurde bereits 1897 geboren. Ihr Selbstverständnis war bis ins hohe Alter das einer Baltendeutschen – sie lebte (die Hälfte ihre Lebens) in Estland auf deutsche Art und liebte ihre Heimat über alles. Ihr Studium machte sie in Berlin – so wie sie sowieso ständig auf Reisen war. Ein Jahr in der Schweiz zu verbringen war ganz normal. Zwischen Berlin und Dorpat ist sie immer wieder hin und her gefahren. Sie arbeitete bis 1939 als Fotografin weiter, ihr Vater war 1921 verstorben, dann rief Hitler die Baltendeutschen in die neueroberten Gebiete im „ehemaligen“ Polen. Die Wahlheimat musste aufgegeben werden, eine erzwungene Umsiedlung stand an…

…die nach den Kriegsjahren in eine Flucht mündete und alles endgültig zerstörte. Am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 brachen deutsche Flüchtlingsströme Hals über Kopf auf, um aus den östlichen Gebieten weiter in den Westen zu ziehen. Während die Umsiedlung noch halbwegs geordnet stattfand, ging es nun nur noch um das Überleben – materieller Ballast konnte nur bedingt mitgenommen werden. Die dritte Generation der Fotografenfamilie in Estland musste endgültig alles hinter sich lassen und „in Restdeutschland“ neu beginnen.

So flüchtete meine Großmutter mit ihrer kleinen Tochter von Ost nach West – „zurück“ nach Deutschland, aus dem einst ihr Großvater ausgewandert war. Diese Flucht war alles andere als ein Spaziergang sondern begleitet von Angst, Bedrohung und gefährlichen Aktionen sowie dem materiellen Verlust jeglichen Besitzes. Die Baltendeutschen wurden zu Flüchtlingen im eigenen Herkunftsland, dessen Sprache sie sprachen, dessen Kultur sie lebten und dessen Ideale sie in der Fremde gelebt hatten.

Fremd in der Heimat? Ganz Europa wurde bevölkerungstechnisch gesehen umgekrempelt und musste sich neu konstituieren – womit wir offensichtlich bis heute beschäftigt sind. Die Zeit der eigenen Aufarbeitung scheint auf Grund der aktuellen Lage dringend notwendig – denn nun sind es die Flüchtlingsströme aus dem Süden, die bei uns ankommen und dringend Hilfe benötigen. Das Wort „flüchten“ kommt ursprünglich von „davonspringen“ (aus der Jägersprache) und hat einen dramatischen Charakter der durch die mitschwingende „Lebensgefahr“ jeglichen Spielcharakter verloren hat.

Ich resümiere: Auch ich komme aus einer Flüchtlingsfamilie. Obwohl ich nie geflohen bin und schon immer in meinem Heimatland lebe. Meine Staatsangehörigkeit ist deutsch. Und auch die meiner Eltern ist deutsch. Sie wurden allerdings nicht auf deutschem Boden geboren, sondern in europäischen Gebieten, die im letzten und vorletzten Jahrhundert von Deutschen seit Generationen besiedelt waren. Warum ist es so schwer den eigenen Ort zu finden – sitzt die Angst vor einer Flucht auch noch der Enkelgeneration so in den Knochen, dass sie mit ihren eigenen Fragen hinterherhinkt?

Samstag, 25. Juli 2015

Dialog. Waren die Großväter Freunde?


Immer wieder muss ich daran denken.

Ob es eine Bedeutung hat?

Für die beiden oder für uns?

Keine Ahnung.

Die müssen sich gekannt haben.

Ja… sieht so aus. Kleiner aber bedeutender Ort.

Komisches Gefühl. Aber irgendwie auch schön. So viele Deutsche gab es damals dort nicht.

Was sie voneinander gehalten haben? 

Wie meinst du?

Ich kann mir das alles irgendwie gar nicht vorstellen. Da lebt man in einem fremden Land und ist doch zu Hause. 

Zu viele undurchsichtige Fragen. Alles lange her.

Die Landessprache werden sie gesprochen haben. Wenigstens um ein Bier zu bestellen. 

Ja. Aber jetzt sitzen wir beide hier und reden Deutsch. Nur Deutsch .

Irgendwie krass

Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Großmutter auch nur ein tschechisches Wort preisgegeben hätte.

Und dein Großvater?

Den kannte ich nicht. Er ist ziemlich schnell nach dem Krieg gestorben. Die Deutschen wurden ja komplett vertrieben und konnten froh sein, wenn sie zunächst mit dem Leben davon kamen. Sein Status, sein Stolz, ja sein gesamtes Selbstverständnis als Bürger dieser Welt wurden zerstört.

Wie ist das gewesen?

Soweit ich weiß, ist er inhaftiert worden – konnte aber noch seine Frau und seine beiden Söhne auf eine Wilde Flucht schicken. Das war kurz bevor die „geordneten Flüchtlingsströme“ ihren Marsch antraten. Jahrelang wusste meine Großmutter kaum etwas von ihm. Dann tauchte er wieder auf. Mager, hager, still und doch beherzt. Er begann im Erzbergwerk zu arbeiten, um die Familie zu ernähren. Das alles als Untermieter in einem Flüchtlingszimmer. Aber bereits 1949 ist er, laut Akte, an einer Lungenentzündung gestorben. Wir vermuten, dass er eine zu hohe Strahlendosis abbekommen hat… Schon bitter irgendwie.

Du hast ihn nie kennengelernt.

Nö.

Hast du ein Bild?

Ja. Bei meiner Oma hing eins. Kahler, ernster Mann. Hätte ihn gerne was gefragt.

Was?

Weiß ich nicht

Ich kannte meinen Großvater noch als kleines Kind. Kann mich aber kaum an ihn erinnern. Es sind vielmehr die Aufzeichnungen meines Vaters, die mir von dieser Geschichte erzählen.

Bist du einmal dort gewesen?

Nein. Keiner will mehr in die alte Heimat. Aber ich habe das Gefühl, dass dort noch etwas verborgen liegt.

Was meinst du?

Keine Ahnung. Aber ich habe das Gefühl, dass meine eigene Vergangenheit dort irgendwie schlummert. Unsere Väter haben die Geschichte nicht zum Thema gemacht. Obwohl auch sie sich begegnet sind und darauf hätten kommen können, dass sie die gleiche Herkunft haben. Und ihre Väter sogar…

Dein Vater lebt nicht mehr. Du würdest gerne mit ihm reden….

Ach weißt du, alles ist gut, wie es ist. Als ich wusste, dass er sterben wird, hatte ich keine Fragen mehr. Es gab nichts Entscheidenderes als sein Leben. Fakten aus der Vergangenheit spielten dabei keine Rolle. 

Stell dir vor, dass es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben hätte. Vielleicht wären auch wir beide dann dort geboren worden. Und wären zusammen in die Schule gegangen… Oder gerade nicht, weil einer der Beteiligten in eine andere Stadt gegangen wäre… Elektrizitätswerkdirektoren, Brauhausfabrikanten, Geschäftsmänner, da kommt man schon durch die Welt.

Alles sehnsüchtige Scheißträume

Hey! Aber wir sind uns begegnet. Im Westen. Lange ist es her. Dass wir von dieser Geschichte wissen, liegt noch nicht allzu viele Jahre zurück.

Wie sind wir eigentlich darauf gekommen?


Weiß nicht.

Aber ich. Du hast von eurer Reise erzählt. Als ihr euch auf die Suche gemacht habt.


Ach ja. Als wir das Land, die Stadt, das Haus sehen wollten… Und etwas gefunden haben. Die wenigen Fotos, die es gibt, haben wir mit der heutigen Wirklichkeit abgeglichen. Ausflugsorte, Geburtshäuser, Dienststellen… Zu den Fotos, die wir fast 70 Jahre später gemacht haben, ist eine neue Kategorie dazu gekommen. Fotos vom Friedhof. Gräber…

Das muss komisch sein, den eigenen Namen auf Gräbern in der Ferne zu finden. Die unverlierbaren Toten…

Die Enkelgeneration führt die Motive der Großelterngeneration fort.

Lass uns endlich einen Cognac zum Kaffee bestellen und auf unsere Großeltern anstoßen, mehr können wir nicht tun!

Donnerstag, 2. April 2015

Klingender Name. In der Fremde zu Hause


Ich setzte mich an den Schreibtisch, denn ich hatte zwei Stunden Zeit. Ich hatte den Tisch für mein Vorhaben extra leergeräumt. Papiere, Utensilien und Kram aus Handtaschen und Koffern hatte ich fein säuberlich auf das Fensterbrett gestapelt. Nichts sollte mir im Weg sein, der Tisch frei – um die unaufgeräumten Dinge in meinem Leben würde ich mich später kümmern. Es galt mir Gedanken zu machen, zu schreiben, einen Entwurf auf den Bildschirm zu bringen. Wenigstens eine Gliederung anzulegen – überhaupt: festzulegen worum es ging, denn bis auf das inhaltliche Ziel stand nichts fest.

Als Lara den Laptop das nächste Mal aufklappte, saß sie bereits im Zug. Da sie den frühen genommen hatte, war es im BordBistro ruhig. Das Service-Team wusch Tassen ab und legte Croissants in die Mikrowelle. Als der Schaffner kam nickte er ihr zu und gesellte sich zu der dunklen Kleinen hinter der Theke, mit der er offensichtlich einen Morgenplausch zu halten gedachte. Karlsruhe – Mannheim: Dreiundzwanzig Minuten hatte sie Zeit, bis der Zug das nächste Mal halten würde. Sie schaute auf ihre Finger und knibbelte an einem Hautfetzchen herum. Dann las sie den bislang verfassten Text, änderte einige Adjektive und rief Richard an.

Richard war, trotz seines Namens, kein Deutscher. Er war zwar nicht politisch vertrieben worden, hatte sich aber für eine interne Emigration entschieden (wie er das nannte) und sich eine landesübliche Telefonverbindung legen lassen. An seinem neuen Wohnort hatte er genügend Luft zum Atmen (womit er seinen Schritt begründete). Er nahm nicht ab. Sie wusste aber, dass er ihren Anruf auf dem Display sah. Schade. Lara lauschte dem Klingelton hinterher und legte dann das Handy neben sich. Sie musste es selber schaffen. In ihrem Kopf überkreuzten sich verschiedene Stimmen, sie fühlte sich herausgefordert, ihr blieben vorerst neunzehn Minuten.

Ihre Großmutter mütterlicherseits hätte gesagt, dass sie sich in der Fremde, die ihre nationale Heimat war, niemals mehr so zu Hause fühlen würde, wie in der Fremde, in der ihre Familie seit mehreren Generationen gelebt hatte und die ihre emotionale Heimat war. Lara hörte ihre Stimme als sie noch ein Kind gewesen war. Die Großmutter sprach von Birken und Seen. Von Blaubeeren und den Sonnenuntergängen über der Ostsee. Laras Großmutter war Estin. Nein Deutsche. Sie war in Estland geboren - in Dorpat, neben der Universität - und hatte damals einen russischen Pass. Also Russin? Aber ihre Familie war deutsch. Zur Ausbildung reiste sie nach Paris. Sie sprach fünf Sprachen – eine polyglotte Weltbürgerin im Zeitalter der Eisenbahnschiene. Das entnazifizierte Deutschland war nach dem Krieg ihr zu Hause - heim ins Reich. Estland, das Land hinter dem undurchdringlichen Vorhang ihre gefühlte Heimat – alles war dort geblieben. Die Reisemodalitäten in den Osten änderten sich erst nach ihrem Tod.

Ich schaute auf meine Finger. War da nicht irgendwo ein Hautfetzchen, das abzumachen wäre? Ich war in Deutschland geboren worden. Von deutschen Eltern, die als Kinder aus dem Osten kamen. Aber ich weiß nicht, wo ich zu Hause bin, obwohl ich zu Hause bin, wo ich zu Hause bin. Orte ließen sich nennen, Herzblut fließt nicht. Langsam füllte sich das BordBistro der Deutschen Bahn. Draußen wurde es hell, Dunst lag über der raureifbedeckten Landschaft. Neben mich setzte sich eine asiatisch wirkende Frau, sie bestellte mit Handzeichen aus der Speisekarte ein Rührei-Frühstück und eine heiße Milch dazu. Ich sah mir die Hände der Frau an. Sie war nicht mehr jung, trug an der linken Hand vier Ringe, nur der Mittelfinger war frei. „Wo sind Sie zu Hause?“, fragte ich meine Tischnachbarin. Aber die Dame zu meiner Linken schaute mich nur mit großen Augen an und ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Die zwei Schweizer am Nebentisch, offensichtlich Geschäftsmänner, sprachen in gemäßigter Lautstärke Schweizerdeutsch – davon verstehe ich nun wiederum nicht viel. Die Franzosen am Stehtisch, ich sehe sie jede Woche im Zug, verdrückten ihr Croissant, wie immer, das ihnen offenkundig nicht besonders zu schmecken schien. Die globalisierte Welt führte dazu, dass die Menschen unterwegs waren, ständig unterwegs. So wie damals? Eisenbahnschienen schreiben Geschichte. Handys versuchen ob ihrer ungeahnten Möglichkeiten Kontakte zu suggerieren, Heimatgefühle zu vermitteln.

Ich begann auf dem Laptop zu schreiben. Wie erzähle ich meine Geschichte so, dass deutlich wird, warum ich meine Heimat lauwarm erlebe und nicht weiß, wo ich mich zu Hause fühle? Das alles macht keinen Sinn, ich verstehe mich selber nicht und kann nicht glauben, dass es eine Verbindung zwischen Raum, Zeit und Resonanz gibt. Diese ständige Bahnfahrerei, 50.000 Schienenkilometer pro Jahr (immer in Deutschland!) und dennoch ist mir der Weg zu mir selber unbekannt. Da hilft auch eine Bahncard 100 nicht weiter. Sie dachte an Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen – wo kamen die eigentlich alle her, wer war wo zu Hause?

Als sie aufstand und zur Toilette ging, wurde ihr klar, dass sie, wie immer, das Unmögliche wollte. Aus dem Stehgreif eine Geschichte schreiben, die ihre Identitätssuche poetisch formuliert... Lara biss die Zähne zusammen und sah nicht in den Spiegel. Laut Personalausweis befand sie sich in ihrem Heimatland. Seit aber die Diskussion über Kriegskinder und Kriegsenkel mit ihrem zerbrechlichen Zugehörigkeitsgefühl entbrannt war, fühlte sie sich ertappt und unwohl. Sie war eine lupenreine Kriegsenkelin. Beide Herkunftsfamilien am Ende des Krieges Flüchtlinge. Gab es für sie in der Ferne etwas, das sich heimisch anfühlte? Hier im Land ihrer Geburt fühlte sie sich zwar erlaubt aber nicht wirklich zugehörig. Wie konnte das zugehen?

Als der Zug hielt, stieg sie schnell aus und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmassen auf dem Bahnsteig. Die Kälte umfing sie schroff und forderte konkrete Handlungen. Auf der Rolltreppe war kein Durchkommen, sie musste mit ihrem Köfferchen stehen bleiben und warten, bis sie unten ankam. Vor ihr standen zwei farbige Frauen – sie unterhielten sich auf Schwäbisch über Laugenbrezeln. Plötzlich schien ihr die ganze Welt voller Fremder zu sein. Wo sie auch hinsah – überall waren die Menschen auf Reisen. Offensichtlich ging es nicht nur ihr so. Am ersten Arbeitstag im neuen Jahr musste jeder schnell von A nach B kommen, um pünktlich an einem firmeneigenen Schreibtisch zu sitzen. Noch immer war sie mit der Frage beschäftigt, was ihr Zu-Hause ausmacht.

Und plötzlich machten sich ihre Erinnerungen selbstständig und folgten einer Spur. Ihre Großmutter väterlicherseits hatte auch fliehen müssen. 1945. Haus, Hof und gesellschaftliches Ansehen hinter sich lassend. Lara war einmal dort gewesen. In Tschechien, dort, wo die Deutschen seit Jahrhunderten gelebt hatten und plötzlich meinten, sich über die Landesbevölkerung erheben zu können. Die Landschaft hatte ihr gefallen – Leichtigkeit mit Wurzeln. Die Fahrt mit dem Auto eröffnete ihr einen Blick über Hügel, in die Weite, die Bäume schienen leise zu wispern – ein stilles, blutiges Land. Die Sprache verstand sie nicht, da halfen nur Hände und Füße um sich zu verständigen, die Menschen hatten derb geschnittene Gesichter aber ein freundliches Lächeln auf den Lippen. West und Ost begegnen sich hier im Sudetengebirge.

Sie hatte das Haus gesucht, wollte wissen, wo sich das Leben ihrer Familie über Generationen abgespielt hatte. Sie hatte nur ein altes Foto und wusste den Namen des Ortes. Es war noch immer Sommer gewesen. Sie hatte sich das ganz leicht vorgestellt – aber sie fand das Haus nicht. Die große herrschaftliche Elektrizitäts-Werks-Direktors-Villa. Schließlich war ein Wunder geschehen. Sie hielt das Foto in der Hand und fragte einen Mann am Straßenrand – so gut es irgendwie ging. Der gab keine eindeutigen Antworten, führte sie jedoch zu seinem Haus und bat seine Frau, den Fall zu übernehmen. Da auch diese einer gemeinsamen Sprache nicht mächtig war, wurde die alte Großmutter geholt. Und als sie das Foto sah, sagte sie in reinem Deutsch: „Das Schulz-Haus suchen Sie? Ja, da müssen Sie nur die Straße hinunter gehen und am Fluss links abbiegen. Dann stehen Sie davor!“

Die alte Frau sah das Haus auf dem Foto und verband es mit dem Namen der Bewohner, die es vor siebzig Jahren verlassen hatten – Hals über Kopf. Sie kannte die damaligen Bewohner, meine Großeltern! Lara war von dieser Begebenheit nachhaltig berührt. In der Fremde, sie war das erste Mal in diesem Land und auch nur für ein paar Tage, kannte man ihren Namen – ein Name, der ihre Identität birgt. Die Fremde sprach zu ihr, weil der Klang ihres Namens dort vibriert. Aufgeregt machte sie sich damals auf den Weg. Und ja, da stand sie dann plötzlich vor dem Haus. Es war genau das Haus, das auf dem Foto abgebildet war. Auf dem Bild war jedoch zusätzlich noch die gesamte Familie zu sehen. Von den Menschen lebte nur noch ihr Vater. Sie pflückte eine Rose und versuchte sich mit den Hausbewohnern zu verständigen. Ihr Kopf schaltete sich aus und sie spürte den Schnittpunkt der Geschichte in ihrem Herzen.

Ihr eigener Schreibtisch, er war noch immer abgeräumt und wartete leer und kalt auf ihre Rückkehr, gab ihr unterwegs ein Gefühl von Rückkehrmöglichkeit. Der Gedanke des identitätsschaffenden Namens begleitete sie den ganzen Tag. Am Abend saß sie wieder im BordBistro des ICE nach Karlsruhe. Und sie schrieb: „Einzig der dem Menschen zur Geburt geschenkte Vorname ist ein fester Punkt in dieser Welt, die sich ständig bewegt und verändert. Der Nachname ist ein Fels in der Brandung des gesellschaftlichen Lebens. Der Name bezeichnet im Lauf des Lebens in allen möglichen Welten, sprich Lebens- und Arbeitszusammenhängen ein und dasselbe Subjekt. Durch den Namen wird für das biologische Individuum eine soziale Identität geschaffen.“ Und sie dachte weiter: „Durch den Raum des Zeitlichen ist der Name eine Konstante. Der Eigenname hat Bestand, er ist ein sichtbarer Beleg für die Identität desjenigen, der ihn trägt.“ In der Stadt, in der ich lebe kennt man mich nicht, sagt mein Name nichts. Dort aber, im Osten, wo ich einen Tag meines Lebens verbracht habe, hat mein Name eine Bedeutung. Dort werde ich, als Träger dieses Namens, gesehen und geachtet. Mein Name ist mein Zu-Hause.

Als sie zu ihrem Schreibtisch zurückkam, das Fensterbrett lag noch immer voller Papiere, hatte sie
die Geschichte im vollbesetzten Abendzug bereits fertig geschrieben und packte ihren Laptop gar nicht mehr aus. Sie nahm ihr Handy und schickte Richard nur noch eine SMS.

Montag, 13. Oktober 2014

Berühren und berührt werden. Zu Hartmut Rosa: "Zwischen Resonanz und Entfremdung. Was kann heute Heimat sein?"


Zwischen erwartungsvoller Stille und angeregten Unterhaltungen füllt sich der Saal im Bonndorfer Schloss. Als nahezu alle Plätze belegt sind schließt sich die Tür. Die beiden Herren, die das Gespräch auf der Bühne führen werden, gehen nach vorne - einer auf der linken Seite und einer auf der rechten Seite. Kulturreferent Jürgen Glocker stellt den Gast vor: Hartmut Rosa, Professor für Soziologie in Jena und in unmittelbarer Nachbarschaft in Grafenhausen lebend, wird seine Resonanzthese zur Frage nach Heimat präsentieren.

Es ist still im Saal. Das Publikum richtet seine Aufmerksamkeit nach vorne. Und plötzlich beginnt Hartmut Rosa zu sprechen. Er antwortet auf die Fragen, die ihm gestellt werden. In einer ungeheuren Schnelligkeit und Wendigkeit ist er der deutschen Sprache mächtig. Seine Worte sprudeln wie ein Wasserfall - klar und deutlich, prägnant gewählt und messerscharf formuliert. Hier weiß jemand, wie virtuos Sprache sein kann. Die Atmosphäre im Saal ist gleichsam still und erregt, schnell und gemessen und vor allem von einer ungeheuren Intensität erfüllt - sie resoniert.

Was kann uns heute Heimat sein? Wie wollen wir leben? Hartmut Rosa eröffnet seine These mit einem interessanten Gedanken, er fragt, ob wir mit der Dingwelt um uns herum verbunden sind, ob die Dinge zu uns sprechen. Gibt es eine erlebbare Verbindung zwischen mir und den mich umgebenden Dingen? Nehme ich wahr, was um mich herum steht, liegt, sich bewegt? Natur, Kultur, Technik und Wirtschaft - alles ruft nach Beziehung. Die menschliche Aufmerksamkeit als Achse zwischen Welt und Individuum. Heimat entsteht dort, wo Beziehung gelebt wird.

So definiert Rosa seinen Heimatbegriff als ein Prozessgeschehen zwischen Individuum und Welt. Heimat ist der Weltausschnitt, zu dem wir eine Beziehung haben, mit dem wir uns in einem gemeinsamen Kontext befinden, wo die Dinge mir etwas sagen, wo Gegenstände zu mir sprechen, wo sich Bedeutung konstituiert. Die Sehnsucht nach Heimat ist das Bedürfnis nach Antwort, nach einem Ort oder Platz in der Welt, der mit mir spricht, der mir antwortet.

Hartmut Rosa weist auf eine doppelseitige Berührung hin, eine lebendige Verbindung zwischen Subjekt und Objekt. Er lädt dazu ein die Welt hervorzubringen und den Weltausschnitt zu einem heimatlichen avancieren zu lassen, der zu mir passt, der in mir resoniert. Es geht ihm um eine Resonanzbeziehung, um Anverwandlungsprozesse und die Frage, ob ich die (stummen) Dinge (wieder) zum Sprechen bringen kann (wie die Kinder).

Im Zeitalter der digitalen Welt-Verfügbarkeit (einer Kultur des gesenkten Blicks) geht es ihm darum, die Welt in Reichweite zu halten oder zu bringen, sich innerhalb einer Steigerungsgesellschaft einen Weltausschnitt anzueignen - Orte zu reklamieren, deren Sprache ich verstehe. Rosa geht es um eine resonante Weltbeziehung des Menschen im 21. Jahrhundert, der durch ein postmodernes Nomadentum und ständige Erreichbarkeit geprägt ist.

Wenn die digitale Ortlosigkeit die Verfügbarkeit der Welt schweigen und erstarren lässt, wird der Mensch heimatlos und leer. Der moderne Zeitgenosse, so Rosa, ist getrieben vom Verlangen nach Resonanz. Wenn der Mensch eine Beziehung nicht nur zu Menschen sondern auch zu Dingen aufbaut, entsteht "Augenkontakt", der die Interaktion zwischen Individuum und Welt lebendig werden lässt. Von Nöten ist die körperliche Anwesenheit, damit das Resonanzgeschehen (berühren und berührt werden) zur leiblichen Erfahrung wird.

Fast zwei Stunden reden die beiden Herren miteinander, den Schlussakkord bereichern Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum - ein intensiver Abend mit kristallklaren Gedanken und warmen erkenntniserweiternden Blickwinkeln geht zu Ende. Die Veranstaltung in Bonndorf hat etwas in meine Reichweite gebracht, das mich auf das aufmerksam macht, was zu mir spricht. Heimat als interaktives und sich wandelndes Resonanzgeschehen, ein neuer Blick, der in die Zukunft reicht.