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Freitag, 6. Februar 2015

Ein Zauberkasten für Sylvia und ein geheimnisvolles Ypsilon

Bei dir zu Hause war alles anders als bei mir. Ich war fasziniert. Auch ein bisschen verunsichert. Aber auf jeden Fall neugierig und immer ein bisschen nervös, wenn ich bei euch war. Ich wusste nie, was da kommen würde, was bei euch galt, was normal war, wie es sein musste… Du lebtest mit deiner Mutter und deinen beiden Schwestern, eine war jünger (Bigi?) und eine älter (Anja?), in einem Wohnblock schräg gegenüber. Ihr drei hattet ein Zimmer zusammen, deine Mutter schlief im Wohnzimmer. Bei euch sah alles anders aus als bei uns.

Ihr hattet eine grünbeschichtete Einbauküche. Und im Wohnzimmer einen geblümten Teppich unter dem Wohnzimmertisch. Der war aus Holz, aus rustikaler Eiche. Die Wände waren mit farbiger Tapete beklebt. Vor den Fenstern hingen Gardinen, damit niemand hereinschauen konnte. Und es gab einen Fernseher, damals, wie überall, nur schwarz-weiß. Aber er stand dekorativ in der Wohnzimmereinbauwand. Auch gab es Dinge, die platziert worden und nicht anzufassen waren. Deko. Ein bisschen wie in einem Museum. Alles hatte seinen Platz. Auch die Plastikblumen, deren Vase auf einem Deckchen stand.

Deine Mutter hatte blonde Locken, die sie sich vom Friseur legen ließ. Und sie war geschminkt. Abends ging sie in die Kneipe – in eine Trinkhalle. Dort trank sie Bier, rauchte und lachte mit den Männern. Sie sprach ganz anders als meine Mutter. Es gab Sprüche - Gewohnheiten und Abmachungen die ich nicht kannte. Die Welt war schlecht, aber man musste irgendwie durchkommen. Mit roten Fingernägeln schien das zu klappen. Ihr fuhrt nie in den Urlaub. Und am Wochenende, wenn deine Mutter Herrenbesuch hatte, durftet ihr nicht ins Wohnzimmer.

Wir gingen in eine Klasse. Wahrscheinlich wurden wir nebeneinander gesetzt. Ich weiß es nicht mehr. Deinen Namen fand ich schön. Sylvia. Mit Ypsilon geschrieben – einem Buchstaben, der Geheimnisse barg. Deinen Vater gab es nicht – auch dies ein geheimnisvolles Abenteuer für mich. Wie konnte das sein? Du musstest doch einen Vater haben… Aber bestimmte Fragen wurden nicht gestellt. Diese gehörte mit Sicherheit dazu.

Meine Eltern fanden es gut, dass wir befreundet waren. Irgendwie sollte ich dir etwas zeigen, dich in meine Welt einladen – obwohl ich lieber bei euch war. Da war alles so anders. So deutlich. Und fremd zugleich. Man durfte auch nicht alles bei euch. Im Wohnzimmer spielen war völlig daneben. Bei euch war klar, was sich gehörte und was nicht. Einmal wollten wir uns nach der Schule verabreden. Aber du durftest nicht. Hattest „Stumares“. Ich wusste nicht, was das war. Aber irgendwie warst du nicht frei zu kriegen. Was das Wort wirklich bedeutete (Stubenarrest!) wusste ich nicht. Ich verstand nur, dass es wieder einmal so war, dass du aus ungeklärten Gründen unabkömmlich warst.

Das passierte immer wieder. Auch gab es Ohrfeigen bei euch. Fernsehverbot. Und du musstest gute Noten nach Hause bringen. Da sollte ich dir eine Stütze sein. Auch wenn ich nicht immer verstand, was die Lehrer wollten, Hr. Faßbender, der Konrektor, war unser Klassenlehrer und irgendwie mussten wir es schaffen, ihm zu gefallen. Einmal kam eine Fotografin in die Schule. Wir mussten uns einzeln hinsetzen und die Arme verschränkt auf den Tisch legen. Für das zweite Bild durften wir jemanden auswählen und wurden dann zu zweit abgelichtet. Wir suchten einander aus und du warst stolz darauf.

Für Geburtstage meiner Freundinnen besorgte meine Mutter immer kleine Geschenke, die ich dann mitbrachte. Aber für dich, du hast in den ersten Januartagen Geburtstag, einige Wochen vor mir, kaufte sie einmal einen Zauberkasten. Das war wirklich ein sehr großes Geschenk, ich war neidisch, aber meine Mutter sagte, du bräuchtest so etwas – du würdest so etwas in deiner Familie nicht bekommen. Und du freutest dich wirklich sehr, konntest es gar nicht glauben, was ich da mitbrachte. Ja, das sehe ich noch vor mir, denn das war etwas Besonderes. Bei dir gab es zu Hause manchmal richtig viel Ärger, deine Mutter hatte es nicht so leicht, allein, mit drei Töchtern und ohne Beruf…

Und so kam sie auch zu uns in die Wohnung und hat bei uns geputzt. Mit dem blauen Staubsauger. Da hat sie nicht schlecht gestaunt, wie es bei uns aussah – kaum, dass sie die Räume herkömmlichen Funktionen zuordnen konnte. Aber meine Eltern fanden, dass sie sie gerne finanziell unterstützen wollten, da sie doch eine alleinstehende Arbeiterfrau war, die sich von ihrem schlägernden Mann getrennt hatte und nun zusehen musste, wie sie in der Sozialwohnung mit der Sozialhilfe zurechtkam.

Du warst mir eine Freundin mit vielen Geheimnissen und hast mich in eine Welt eingeführt, die ich nicht kannte. Nach den vier Grundschuljahren kamen wir auf verschiedene Schulen und wir sind umgezogen – fort aus der Betonwüste. Wir haben uns nie wiedergesehen. Gerne wüsste ich, was aus dir geworden ist – wo und wie du lebst, was du machst und wie es dir geht, Sylvia, meine Schulfreundin mit dem geheimnisvollen Ypsilon.

Freitag, 30. Januar 2015

Für V. - Geschichten erfinden und in Abenteuer geraten

Du kamst damals wegen einer Anderen. Sie sollte auf der Bühne zu sehen sein, in einer Nebenrolle. Aber du warst da, bevor das Stück begann – oder trafen wir uns erst in der Pause? Ich gehörte eigentlich nicht zu dem Club. Aber ich war hinzugezogen worden und war nun halt dabei. Mein Job war es Querflöte zu spielen. Und da ich damals ziemlich romantisch veranlagt war, konnte ich das recht gut. In dem Stück ging es um Liebe und Tod. Die Musiker saßen vor der Bühne. Im Dunkeln. Und immer wieder erklangen meine Flötentöne. Das war aufregend und wunderbar.

Wir trafen uns also. Wir kannten uns entfernt von früher – deine Familie gehörte zum Dunstkreis meiner Familie. Bis dahin aber wussten wir nichts miteinander anzufangen. Das änderte sich. Ich stand draußen, vor dem Bühneneingang. Und plötzlich berührte mich jemand mit dem Fuß an meiner Schulter. Das warst du. Schon immer sehr gelenkig. Ich sehe dich noch. Deine dunklen Augen, dein suchender Blick. Du hattest einen blau-grauen Trenchcoat an, stimmt das? Und Turnschuhe. Nein. Es waren Fußballschuhe. Schmal, schwarz. Die mit den Löchern oben. Aber die Noppen unten hattest du abgemacht. Das sah elegant aus. Du meintest vage, dass wir uns kennen würden.

An das Gespräch erinnere ich mich nicht mehr. Aber wir verabredeten uns. Klar war, dass da etwas begann. Als wir wenige Wochen später zusammen in einem Zelt in Südfrankreich lagen, lasen wir gemeinsam in zwei Büchern und unterhielten uns stundenlang darüber. Die Autoren waren Max Frisch und Tolkien. Wir waren an der Schwelle zum Erwachsenwerden und hatten das Gefühl, dass das Leben beginnt. Wir nahmen uns ernst. Wussten, dass es (mal wieder) auf unsere Generation ankommt. Wir wollten alles anders machen, klar, wir wollten natürlich alles viel besser machen.

Wir waren hungrig auf das Leben, aber befangen, denn in unseren Elternhäusern wurde zwar von morgens bis abends über Politik geredet – auch unsere Eltern dachten schon, dass sie die Gesellschaft erneuern könnten – aber farbige, duftende oder seidenweiche Visionen gab es nicht. Nur verbotene Schriften, dunkle Mahnmale und der Tunnelblick auf die Arbeiterklasse, die sich gefälligst zu erheben hatte. Es galt einzusteigen und mitzumischen, irgendwie – aber wir wollten es anders machen.

Der Roman von Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein, hat uns die eine Vorlage gegeben: das Leben ausprobieren. Der Protagonist wechselt Geschichten wie Kleider. Er probiert, testet seine Identität. Er schaut in den Spiegel, verwandelt sich immer wieder. "Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält." Wir waren begierig darauf uns vorzustellen, wie das Leben sein wird, wenn wir es selbst gestalten. Wir ahnten, dass es vielleicht nicht ganz so einfach sei. Aber wir wussten, dass wir uns sicher die richtige Geschichte aussuchen würden – daran gab es keinen Zweifel.

Die andere Vorlage war „Herr der Ringe“ (damals noch ganz unbekannt): treu und unbeirrt für die gute Sache kämpfen. Da wir beide ohne Märchen und Mythen aufgewachsen waren, in einem aufgeklärten Haushalt gab man den Kindern sozialkritische Comics zu lesen, verschlangen wir die Abenteuergeschichte fasziniert. Es galt den Ring zu vernichten. Über die Bösen zu siegen. Freundschaft und Feindschaft zu erleben, Vertrauen und Misstrauen abzuwägen, der eigenen Stimme und der der vermeintlichen Ratgeber zu folgen – es galt um Frodo Beutlin zu zittern und mit ihm zu ziehen: Er musste siegen!

Und so machten wir uns nach ein paar gemeinsamen Jahren auf, unsere eigene Geschichte zu suchen und zu leben, den bösen Ring zu vernichten – und gerieten jeder für sich in Abenteuer, die Jahre in Anspruch nahmen. Auch hatten wir damals nicht angenommen, dass es möglich war in mehreren Geschichten gleichzeitig eine Rolle bekommen zu können. Hie und da haben wir uns aus der Ferne zugewinkt. Du hast Karriere gemacht, ich Familie gegründet. Dann gab es eine Kursänderung, ich wurde in der akademischen Welt aufgenommen und du übst dich jetzt als Vater, wo meine Kinder erwachsen sind. Das Leben hat uns weit auseinander getrieben – ob wir von einem ähnlichen Menschenbild ausgehen? – und doch berühren sich unsere Geschichten immer wieder.

Du hast mich eingeladen, mit all jenen Protagonisten ein Fest zu feiern, die dir heute wichtig sind und ich durfte einen Blick in eine deiner Geschichten werfen – wofür ich dir sehr dankbar bin. Du trägst noch immer einen silbernen Armreif (wie damals) und schätzt dich glücklich mehrere Sprachen zu sprechen. Mindestens drei Länder sind es, die dich beruflich in Atem halten, ganz abgesehen von den Konferenzen all over the world. Ich hingegen versuche noch immer in einem Kleid durch das Leben zu kommen – egal wo ich agiere. Es ist alt und kostbar und nicht sicher, ob es der Zukunft Stand hält. Aber es gibt mir Halt, in dieser sich drehenden Welt, die mir viel mehr Geschichten bietet, als wir es uns damals vorstellen konnten.

Deine Geschichten und meine Geschichten, manchmal überkreuzen sie sich. Die Leichtigkeit von Max Frisch konnten wir uns nicht immer bewahren, aber ganz so existentiell wie bei Tolkien war es auch nicht immer. Welche Geschichten werden Bestand haben, wenn wir einst zurückschauen werden und den Kindern oder Enkeln berichten…? Erzähle mir mehr davon, wie du deine Geschichte weiter schreiben möchtest. In deinen braunen Augen sehe ich noch immer die bescheidene Frage von damals: Sind es die richtigen Rollen, die wir in der Geschichte einnehmen?

Freitag, 23. Januar 2015

Als wir noch Kinder waren: Dorothea und Charlotte

Ich habe ein Foto von dir im Internet entdeckt. Auf dem Bild ist eine wunderschöne Frau zu sehen. Ich glaube, du siehst deinem Vater ähnlich, kann das sein? Zu sehen ist nur dein Portrait. Ich wende all meine Phantasie die mir zu Gebote steht auf, um dich wiederzuerkennen. Es gelingt. Ich bin mir sicher, dass du es bist. Deine Augen sind es, die die Erinnerung hervorrufen. Viele Jahre sind vergangen, fast ein ganzes Leben. Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit wir Kinder waren. Ein paar Mal telefoniert, Postkarten – ich kann mich nicht an mehr erinnern.

Aber ich habe dich nie vergessen. Heute hast du Geburtstag. Immer ein Jahr jünger als ich – das hat uns schon als Kinder geärgert. Wir wären gerne gleich alt gewesen – stimmt‘s? Dann wären wir auch in die gleiche Klasse gegangen. So aber haben wir nur den Schulweg hin und her miteinander geteilt – immerhin haben wir aber im selben Hochhaus gewohnt. Ich glaube, dass wir zwei Etagen über euch wohnten. Auf jeden Fall hatte die Wohnung den gleichen Grundriss. Ganz genau den gleichen. Unsere Zimmer lagen übereinander. Unsere Väter haben zusammen studiert und dann miteinander gearbeitet, darum sind die beiden Familien auch gemeinsam aus dem Süden in die Neubauwüste in den Westen gezogen.

Oft haben wir uns damals vorgestellt, über welche Kanäle wir die Wohnungen miteinander verbinden könnten. Auf jeden Fall unsere Zimmer. Telefonieren (graue Apparate mit Wählscheiben) war damals für Kinder keine Selbstverständlichkeit. Aber irgendwie mussten und wollten wir uns ja verständigen. Unsere Brüder, Max und Moritz, waren zu klein, die haben wir in diese Überlegungen nicht einbezogen. Wir haben Büro gespielt und aus den Arbeitszimmern der Eltern so allerlei Papiere, Stifte und wichtige Utensilien mitgenommen, damit wir auch ganz ernsthaft Geschäfte abwickeln konnten. Aber erst mussten wir immer unsere Hausaufgaben machen.

Aus dem Fenster eurer und unserer Küche hat man erst die Straße, dann den Friedhof und schließlich das rote Opelwerk gesehen. Erinnerst du dich? Auf den Friedhof durften wir nicht, das weiß ich noch. Da stand ein Schild, dass Kinder nur in Begleitung erwünscht seien. Aber einmal, daran erinnere ich mich noch ganz genau, haben wir uns erdreistet, den Friedhof zu erkunden. Ohne Erwachsene. Das hat uns sehr gereizt. Wir hatten uns auch eine wasserdichte Ausrede überlegt, wenn man uns erwischt hätte, dann hätten wir gesagt, dass wir zu unserem Großvater wollten, der kürzlich verstorben sei…

Aber sie haben uns nicht erwischt. Nein, wir konnten unbeschadet inspizieren, was uns einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Der Tod. Ewige Ruhe. Wir wussten nicht, wie wir uns das wirklich vorstellen sollten. Als Mensch in eine Holzkiste gelegt werden und dann unter der Erde liegen, ewig… Jedenfalls stromerten wir von Grab zu Grab und phantasierten, wer da aus unserer Verwandtschaft alles begraben läge, wir erfanden Geschichten und konnten gar nicht mehr aufhören… Ich weiß noch, dass ich in der Nacht danach schlecht geträumt habe. Das war schon ein großes Abenteuer für uns kleine Mädchen. Unseren Eltern haben wir bestimmt nichts davon erzählt…

Wir haben auch Wochenenden und Ferien miteinander verbracht – das war eine sonnige, reiche Zeit voller Spiele. Irgendwann ist Willy Brandt zurückgetreten – ich sehe unsere Mütter noch mit der Zeitung WAZ im Treppenhaus stehen und miteinander reden. Ich das blonde und du das braunhaarige Mädchen – was die redeten interessierte uns nicht, wir liefen zusammen zur Schule. Auf deine langen, schmalen Finger war ich schon als Kind neidisch.

Wir gehörten zusammen! Aber irgendwann hieß es, dass ihr umzieht. Nach Berlin. In die geteilte und vor allem ferne Hauptstadt. Das war sehr traurig für uns. Ich kann mich noch an eure leergeräumte Wohnung erinnern. Im Flur hinten gab es auf der linken Seite, gegenüber vom Bad, einen eingebauten Wandschrank (den wir auch hatten) mit weißen Türen. Und da hat deine Mutter die letzten Dinge aufbewahrt, die nicht von der Umzugsspedition mitgenommen werden sollten. Draußen stand ein riesiger Laster.

Auf der cremefarbigen Wand des Speditionslastwagens stand Schulze, Berlin-Mariendorf in dunkelgrüner Schreibschrift. Das sehe ich noch heute vor mir. Ich versuchte mir damals vorzustellen, wie all deine Spielsachen, dein Bett und dein Tisch, all deine Kleider und dein Schulranzen irgendwo in dem Lastwagen verstaut waren und sich auf eine unbekannte Fahrt begeben mussten. Ich kannte eure zukünftige Wohnung nicht und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass all deine Sachen in ein anderes Zimmer transportiert würden.

Manchmal habe ich später noch die Lastwagen „eurer“ Spedition auf deutschen Autobahnen gesehen – immer habe ich an dich gedacht.

Wir wohnten schon über zehn Jahre nicht mehr in der gleichen Stadt und als dann meine erste Tochter geboren wurde, warst du enttäuscht, dass ich dich nicht als Patentante erwählt hatte. Das tut mir bis heute Leid. Vielleicht hätten wir dann unsere Freundschaft erhalten können, irgendwie…. Du warst damals in Südamerika, ich in eine kleine Welt verschwunden. Mittlerweile haben wir einen Großteil unseres Lebens gelebt, manche Ziele erreicht, manche Wünsche über Bord geworfen. Zeit, einmal wieder von einander zu hören, ich würde mich freuen – was meinst du?

Montag, 29. Dezember 2014

Von Schätzen der Vergangenheit und Zukunftssternen: ein Inspirationsspaziergang ins Neue Jahr


Wollen wir das Weihnachtsfest christlich feiern,
so muss in uns selbst ein Hirte und König sein.

Ein Hirte, der horchen kann auf das, was andere nicht hören.
Der mit allen Kräften der Hingebung unmittelbar unter dem Sternenhimmel wohnt.
Zu dem es Engel gelüsten kann, sich zu offenbaren.

Und ein König, der schenken kann.
Der sich von nichts anderem leiten lässt als von dem Stern in der Höhe.
Der sich aufmacht, alle seine Gaben an einer Krippe darzubringen.

Aber außer dem Hirten und dem König muss auch ein Kind in uns sein,
das jetzt geboren werden will.

Friedrich Rittelmeyer

Hirte sein: Zwischen den Jahren überkreuzen sich Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart. Die Rückbesinnung auf das Fest der Geburt schafft im Strom der Zeit Weite und Breite, Höhe und Tiefe. Ein Festpunkt in den Tagen des Übergangs sind Erinnerungen (Vergangenheit), Gegebenheiten - irdischer und geistiger Natur (Gegenwart) und Vorhaben (Zukunft).

Erinnerungen, die als Schätze Steine oder Sterne in meiner Seele sind und die hervortreten, wenn es Zeit ist, sich ihrer zu erinnern, neue Kontexte zu schaffen oder Urteile umzudeuten. Es hat Erlebnisse und Begebenheiten gegeben, Momente, Träume, Erschütterungen. Ich bin der, der ich geworden bin durch das, was in mir liegt - auch durch das Vergessene.

Erinnerungen an Menschen kommen hoch, die nicht mehr da sind und deshalb gerade um so kräftiger in meiner Seele anwesend sind – die verlierbaren Lebenden und die unverlierbaren Toten (Hilde Domin) – sie klopfen in diesen Tagen an meine innere Tür, um sich bemerkbar zu machen und Grüße aus einer anderen Welt zu bringen. Das Vergangene kommt aus dem Schlund des Vergessenen über den Horizont erneut in mein Bewusstsein und zeigt sich mitunter in einem anderen Gewand.

Was ist geschehen?
Woran bin ich beteiligt gewesen?
Was habe ich gemacht – und, was habe ich unterlassen?
Wem bin ich begegnet, welche Ereignisse haben sich fortgesetzt, wo ist noch etwas offen geblieben?
Was habe ich so gewollt, wie es geworden ist und was gerade nicht?
Was habe ich verstanden und was ist mir fremd geblieben?

Die Vergangenheit loslassen und in der Gegenwart ankommen heißt, sich in das Spannungsfeld zu stellen, welches gewöhnlich das Hier und Jetzt genannt wird. Der gegenwärtige Moment, in dem sich jeder Einzelne von uns befindet, wird von vier Komponenten geleitet, zwei horizontalen und zwei vertikalen. Im horizontalen Zeitstrom ist es zum einen die Vergangenheit, die uns mit Erinnerungen beschenkt, wenn wir von Minute zu Minute weiter ziehen und aus dem, was gerade noch Zukunft genannt werden konnte unsere Vergangenheit kreieren und zum anderen ist es die Zukunft, die auf uns zukommt.

Leitsterne auf der vertikalen Ebene sind in der Gegenwart die geistigen Motive, die wir mitgebracht haben, als wir uns dem vorgeburtlichen Sein entwunden und uns in einen physischen Körper in Raum und Zeit gefügt haben. Die Motive, die uns in diese oder jene Richtung lenken, Evidenz- oder Fremdheitsgefühle wecken, stehen den physischen Notwendigkeiten auf der anderen Seite der vertikalen Linie gegenüber. Die Miete will bezahlt werden, das Autofahren fordert einen Führerschein, das Studium ein Abitur.

Wo stehe ich?
Wie geht es mir dabei?
Welche Prozesse wollen beachtet und bearbeitet werden?
Womit ringe ich?
Was nährt mich, macht mir Freude?
Wo liegen meine Fähigkeiten und was möchte ich lernen?

Auf der gegenüberliegenden Seite der Vergangenheit, auf dem horizontalen Zeitstrom, ruft uns die Zukunft samt unserer Vergangenheit, unseren Motiven und den irdischen Gegebenheiten ins Offene, Weite und noch Unbetretene. Dorthin, wo das Gewissen wohnt und uns immer wieder aufs Neue dazu einlädt der Spur unseres Lebens zu folgen und Schritte in den unbetretenen Schnee zu wagen. Die Zukunft singt und klingt, wenn wir den Sternen lauschen.

Ahnungen und Träumen darf Raum und Zeit gegeben werden, damit Entschlüsse verwirklicht werden können. Die Zukunft gebiert sich aus den Schnittpunkten zwischen mir und dir, zwischen Wünschen und Entschlüssen, zwischen dem Notwendigen und dem Neuen. Die Spuren die wir verfolgen werden einmal zu den Spuren, die wir hinterlassen.

Was habe ich vor?
Was will ich erreichen?
Wie will ich leben?
Wem will ich begegnen?
Womit will ich mich beschäftigen?
Auf welche Fragen will ich Antworten finden?

Ich lade meine Leserinnen und Leser dazu ein, am Silvesternachmittag einen Inspirationsspaziergang zu machen. Er dauert etwa eine Stunde und sollte im Kern allein gemacht werden. Trotzdem kann sich eine Gruppe bilden, die sich aber während des eigentlichen Spaziergangs aufsplittert. Es bietet sich an, dass man sich gemeinsam trifft und einstimmt, um dann für sich alleine etwa eine Stunde in der Natur zu sein und mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Ein Drittel der Zeit wird dabei der Vergangenheit mit ihren Fragen gewidmet (wo komme ich her, was habe ich im vergehenden Jahr gemacht?), ein Drittel der Gegenwart (wo stehe ich, wie geht es mir?) und ein Drittel der Zukunft (wohin möchte ich, was nehme ich mir vor?).

Jeder stellt sich die für ihn relevanten Fragen in Bezug auf die drei Zeitebenen innerlich und lässt sich von der Natur inspirieren Anknüpfungspunkte und Antworten zu finden. Nach dem Spaziergang, der möglichst noch vor der Dunkelheit stattfinden soll, kann die Gruppe noch einmal zusammen kommen. Jeder, der mag, kann den anderen davon berichten, was er in Bezug auf seine persönliche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erlebt hat und was er ins Neue Jahr mitnehmen möchte.

Ich wünsche allen ein glückliches und kreatives Neues Jahr und freue mich über Resonanz. Herzlich, Sophie Pannitschka

Samstag, 28. Juni 2014

Totengedenken: Coenraad van Houten


* 14.02.1922 in Weesp, Holland
† 28.03.2013 in Überlingen, Deutschland

Noch zehn Tage vor seinem Tod steht Coenraad van Houten vor mir, sein Blick gleitet an mir vorbei aus dem Fenster, in die Weite. Seine Hände zittern ein wenig, er deutet in die Ferne und sagt: „Das Neue kommt, es bricht durch, wir brauchen Menschen, die das wahrnehmen, das Neue will geboren werden.“ Und dann setzen wir uns und er bittet mich zu erzählen, was in meiner Welt passiert. Er hält den Blick nicht mehr durchgängig, zwischendurch gleitet er ab, fängt sich am Horizont und Coen macht Bemerkungen, die aus einer übergeordneten Perspektive stammen.

Wir sprechen Deutsch miteinander, aber nach Momenten der inneren Einkehr kommt es immer wieder vor, dass er Niederländisch oder Englisch spricht und dann plötzlich fragend inne hält, um sich zu vergewissern, woher ich komme und in welcher Sprache wir miteinander sprechen – obwohl wir uns schon so lange kennen. Seine alten Hände, die seine Mitteilungen mit Gesten begleiten, wissen manchmal besser, was gesagt werden will und wofür er Worte sucht. Coen tastet sich mit seinen Fingerspitzen durch die Sprache, in der er sich ausdrücken will.

Seine letzten Jahre hat der vielgereiste Weltbürger in Deutschland am Bodensee verbracht. Langsam senkte sich eine äußere Ruhe und innere Großzügigkeit über ihn, die lange auf sich hat warten lassen. Bis zum Schluss, als seine starken Ätherkräfte ihn nach einundneunzig Jahren verließen, hat er daran gearbeitet Wege zu bereiten, auf dem das Individuum einen unverstellten Blick auf die eigenen Beschränkungen und Potentiale zu werfen lernt, er hat untersucht, wie das persönliche Karma im Alltag wirkt und welche Lern- und Gestaltungsmöglichkeiten sich daraus ergeben.

Diese Leistungen, die weit über ihn hinausgehen werden, hat er in den letzten einundzwanzig Jahren entwickelt. Seine Leitfrage war: Wenn in den ersten drei Jahrsiebten, nach der physischen Geburt, der Geburt des Äther- und Astralleibes sowie des Ich, der Mensch ganz geboren ist, was geschieht dann mit den Kräften die frei werden? Kann der erwachsene Mensch sie zum bewussten Lernen verwenden? Die sieben Lebensprozesse begleiten uns unser ganzes Leben, sie haben sich mit etwa einundzwanzig Jahren so eingespielt, dass sie transformiert für bewusste Lernprozesse zur Verfügung stehen können. So seine These, die sich schnell bewahrheitete.

Coenraad van Houten hat die sieben Lernprozesse aus den sieben Lebensprozessen abgeleitet und damit die Erwachsenenbildung aus anthroposophischer Perspektive ergriffen und erweitert. Aber dabei ist es nicht geblieben, neben den Lernprozessen, die mittlerweile überall in der Erwachsenenbildung Eingang gefunden haben, ist Coen mit seinem Team einen Schritt tiefer gegangen. Fähigkeiten, die wir uns bewusst aneignen wollen, sind mithilfe der Lernprozesse handhabbar, Potenziale und Hindernisse aber, die verborgen in uns liegen, brauchen andere Werkzeuge, um ans Licht zu kommen, damit sie eingesetzt bzw. überwunden werden können.

Wenn die sieben Lernprozesse in einem weiteren Schritt auf Schicksalsereignisse im eigenen Leben übertragen werden, treten sieben Schicksalslernprozesse zu Tage. Der Blick in die Vergangenheit der eigenen Biographie vertieft sich dabei so, dass durch den Kreuzungspunkt hindurch Kräfte für die Handhabung der Zukunft frei werden. Ist es denn nicht unser Alltag, in dem sich Probleme, Konflikte, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zeigen? Warum passiert mir eigentlich dieses und jenes immer wieder? Das soziale Netz als Ort der persönlichen Schulung hat Coen mit der Entwicklung der sieben Schicksalslernprozesse besonders hervorgehoben.

Und er ging noch einen Schritt weiter, denn auch für die Geistige Forschung stehen die sieben Lebensprozesse Pate. Diesen Weg konnte er am Ende seines Lebens noch in einem letzten Buch beschreiben, die konkrete Ausgestaltung der Arbeitsformen müssen aber nun Mitarbeiter und Hinterbliebene übernehmen. Hier steht noch Arbeit an.

Coenraad van Houten war ein lebenslustiger fröhlicher Holländer, der sich trotz seiner Leibesfülle tanzend bewegen konnte. Die Dinge neu, groß und anders sehen, sich nicht in gewohnten Bahnen bewegen, sondern unerprobte Wege wagen, sich selber ernst nehmen und gleichzeitig mutig mit dem eigenen Doppelgänger jonglieren – das war Coen. Er wollte nicht vor der Wand stehen bleiben, sondern hat stets unkonventionelle und unerwartete Wendungen gesucht. Er hat die künstlerische Arbeit in die Schulungskurse integriert, selbstlose Wahrnehmung und selbstständige Urteilsbildung als tägliche Übungen eingeführt und ließ nicht locker, am Morgen einen sogenannten ‚Nachtfang‘ zu etablieren, um das Tag- mit dem Nachtlernen zu verbinden.

Mit unendlich vielen Menschen hat er auf der ganzen Welt gearbeitet, immer ging es darum, der Freiheit zu ihrem Recht zu verhelfen und in einen Einklang mit den Impulsen aus der geistigen Welt zu kommen. In diesen Prozessen blieb es nicht aus, dass er sich selber im Weg stehen konnte. Kein Licht ohne Schatten. Auch Coen hat mit seinem karmischen Doppelgänger gerungen, manche Begegnungen im Zwischenmenschlichen wurden davon kräftig überschattet. Aber er konnte auch über sich selber lachen und seine Schwächen humoristisch nehmen. So hat er sich selbst, als ich ihn in einer Vorstellungsrunde in einem Seminar kennenlernte, als „zahnloser Tiger“ präsentiert.

In den einundzwanzig Jahren, die er in England das Centre for Social Development mit Kollegen aufgebaut und geleitet hat, fanden unzählige Schulungskurse in Anthroposophie statt. Damals kam durch einen Impuls von Bernard Lievegoed die Biographiearbeit auf, mit der Coen begann, die Individualität des Einzelnen in eine Beziehung zur jeweiligen Schicksalssituation zu stellen. Er bildete Gudrun Burkhard aus, die im Verlauf die weitere Entwicklung der Biographiearbeit übernahm, während er sich, wie bereits geschildert, der Karmaarbeit zuwendete.

In diesen Jahren trat die Kanadierin Shirley Routledge in England in sein Leben, die, nach dem Tod von Coens Ehefrau Djobs (Johanna Engel), mit der er seit 1948 verheiratet war und drei Söhne hat, an seiner Seite blieb, seine treueste Mitarbeiterin und später seine zweite Frau wurde. Coen war in den Jahren in England innerlich mit einem erneuerten Selbstverständnis als Lehrer beschäftigt. Was ist zeitgemäß, in welcher Form begegnen sich Lernende und Lehrende, wie wird Wissen weitergereicht? Welche innere Haltung braucht ein Erwachsenenbildner, wenn die Lernenden ihren Lernprozess eigenverantwortlich übernehmen?

Schon früh war Coen klar, dass es für ihn darum ging ein Lehrer zu sein, ohne ein Lehrer zu sein - dass er für die Zukunft arbeitet, die weit über seine eigene Lebensdauer hinausgehen würde, dass er Anregungen gab. Es galt Techniken, Methoden und Wege zu entwickeln, die den Willen des Einzelnen erwecken, die Zugang zum jeweiligen Kreativitätspotential eröffnen. Sein Leitmotiv war dabei stets, den ganzen Menschen zu erreichen, der seine Wurzeln in der materiellen Erde und seinem Alltagsleben hat und dessen Flügel bis in den Himmel der geistigen Motive und in eine Spiritualität reichen, die Anthroposophie genannt wird.

Die genannten Lernimpulse, die er in seiner zweiten Lebenshälfte gestalten und weiterführen konnte, hat er vor seiner Lebensmitte entdeckt und vorbereitet, um sie dann vornehmlich in England und Deutschland mit vielen Kollegen zu bearbeiten (zum Beispiel mit dem Netzwerk NALM – New Adult Learning Movement). Das Werk Rudolf Steiners hat ihn zeitlebens begleitet. Vor dem berufsbiographischen Wendepunkt hat er sowohl die Geschäftswelt kennengelernt, seine Familie gegründet als auch die Anthroposophie gründlich studiert. In seinen privaten Studien hat er sich fortwährend besonders mit dem Grundsteinspruch beschäftigt und verbunden.

Seine eigenen großen Lehrer waren neben Rudolf Steiner Bernard Lievegoed im NPI in Zeist und Willen Zeylmanns van Emmichhoven in der Anthroposophischen Gesellschaft, ebenfalls in Holland. Doch schon in seiner Kindheit wurden Zeichen gesetzt: Coen war Schüler an der Waldorfschule in Den Haag. Auf die Schulzeit folgte ein kurzes Chemiestudium. Dann meldete er sich im Zweiten Weltkrieg als Freiwilliger in die Holländische Armee. Als er nach Indonesien kam, erlebte er menschliche Wunder und Tragödien, die ihn tief prägten. Nach Kriegsende war er in Hongkong im Schiffsbau tätig, reiste durch die ganze Welt und kehrte mit einunddreißig Jahren in die Niederlande zurück wo er erst in der heimischen Van-Houten-Kakao-Produktion tätig war, ein Studium in Sozialpädagogik absolvierte und dann ins NPI wechselte.

Noch als alter Mann hat er aber immer wieder, mit seinen leuchtenden kleinen Augen, von seiner Begegnung mit Ita Wegmann erzählt. Er muss noch ein Vorschuljunge gewesen sein, und er erinnert sich an eine große in Schwarz gehaltene Dame, die in seinem Elternhaus zu Besuch war und der er als kleiner Junge die Hand gegeben hat. Sie war es auch, die ihm in späteren Jahren einmal erschien und ihm wie zuzuraunen schien: 'Führe nicht mehr, ermögliche… Auch wenn sich Gut und Böse nicht mehr eindeutig getrennt voneinander präsentieren, sondern durcheinanderlaufen, so versuche das Unmögliche möglich zu machen, das Neue bricht durch und die geistige Welt braucht die Zusammenarbeit mit den Lebenden...'

Trotz seines an Erfahrungen und Möglichkeiten reichen Lebens, den vielen Gelegenheiten die Welt kennen zu lernen und dem Geschenk mit Menschen auf der ganzen Welt zu arbeiten, blieb Coen innerlich ein einsamer Mann. Äußerlich konnte er poltern, innerlich war er unbeholfen. Er hat nach Gefährten Ausschau gehalten. Er suchte Menschen, die auf gleicher Ebene mit ihm arbeiten und konnte es dann nicht ertragen, wenn sie da waren – manches Mal mündeten die Begegnungen in einen Scherbenhaufen, denn sich auf Augenhöhe zu begegnen, bedeutet auch immer Gefahr. Und so war auch seine Zusammenarbeit mit der Dornacher Führungsriege zum einen von inhaltlichen Gesprächen und zum anderen von Divergenzen geprägt.

Coens Stimme wurde am Ende seines Lebens brüchiger und die Worte standen ihm nicht immer zu Gebote, aber in seinen Handbewegungen, seinen Gesten und Bewegungen war bis zum Schluss zu lesen, dass er das Althergebrachte zu überwinden trachtete und mit Hilfe der Anthroposophie die Zeichen der geistigen Welt zu lesen bereit war. Dafür hat Coen sich hier zur Verfügung gestellt, und, dessen bin ich gewiss, wird es auch von der anderen Seite aus tun. Entsprechend dem ersten Lebensprozess hat er am Morgen des Gründonnerstags 2013 im Beisein seiner Frau aufgehört zu atmen. Ich habe in Coenraad van Houten einen Lehrer gesucht und einen Freund gefunden – über seinen Tod hinaus.

(Dieser Nachruf wurde zuerst in der Johanninummer 2014 der Vieteljahresschrift "Anthroposophie" veröffentlicht.)

Sonntag, 16. Februar 2014

Biographien schreiben und lesen (II): Ein bisschen „Off Track“ nach vierzig Jahren


Meine Kindheit, Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, war geprägt von den politischen Umwälzungen, den endlosen Debatten, den neuen Umgangsformen und dem Ende jeglicher Traditionen und Werte. Die „Erwachsenen“ waren damals heftig bewegt und probierten viel aus, immer subversiv und provokativ. Kindererziehung, Familie und soziale Einbettungen wurden neu erfunden – radikal und fundamental. Das Wahre, Schöne und Gute wurde abgeschafft – stattdessen hieß es bei uns: „macht kaputt, was euch kaputt macht“.

Aus dem Plattenspieler gab es verwirrende und mitunter düstere Jazz- und Rock-Klänge zu vernehmen, dazu rauchige Stimmen die etwas von mysteriösen Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten raunten… die englischen Texte verstand ich nicht, aber ich nahm wahr, dass „die Erwachsenen“ irgendwie darauf abfuhren und sich plötzlich, mit Zigarette im Mund, verklärte Gesichter einstellten, es musste also noch etwas anderes als das politische Establishment geben, das es abzuschaffen galt…

Interessant war es, auch sehr verwirrend, ja sogar verunsichernd – denn so richtig wusste ich das alles nicht einzuordnen. War die Welt nun eigentlich in Ordnung oder gerade nicht?

Schnittpunkt I. Und dann lernte ich dich kennen. Du hattest ein Kleid mit einem Spitzenkragen. Und manchmal hattest du im Sommer weiße Kniestrümpfe mit einem Lochmuster an – so etwas hatte ich mir immer gewünscht, aber nie bekommen, denn solche Dinge galten bei uns als spießig, bürgerlich... und ich fand sie doch so schön! Wir wurden Freundinnen und ich ging mit dir nach Hause: Da gab es eine ganze Familie, Vater, Mutter und vier Kinder – du hattest drei ältere Brüder. Ihr hattet ein richtiges Wohnzimmer und ein Schlafzimmer deiner Eltern, in das wir nicht hineingehen durften.

Und du hattest eine Mutter, so eine richtige Mutter – ich weiß noch, dass sie mich damals schon fasziniert hat. Immer war sie da, immer!, ich erinnere mich an ihre gebatikten Kittel und ihre Zopffrisur. Ich denke an eure kleine Küche, ihr Revier. Ihr hattet einen langen großen Esstisch und da gab es Mahlzeiten mit der ganzen Familie, dein Vater, das Familienoberhaupt... An diesem Tisch machten wir auch gemeinsam die Hausaufgaben und deine Mutter saß bei uns. Und sie fragte uns, was wir erlebt hatten und gab mir rundum das Gefühl, dass die Welt schön, wahr und gut sei.

Bei euch hatte die Welt eine Ordnung, sie war licht und rein. Es gab einen Rahmen, in dem wir uns bewegen durften und es gab Grenzen, die nicht zu überschreiten waren, ein bisschen Strenge war auch dabei, aber immer war es hell. Ich war gerne bei dir, sehr gerne, das Haus in dem ihr lebtet und deine ganze Familie hat mir Halt gegeben, bei euch schien immer die Sonne. Dein Vater war selten zu sehen, er war eine Respektperson – in der Mittagszeit musste im Hause Ruhe herrschen, damit sich deine Eltern ausruhen konnten.

Bei euch gab es keine politischen Diskussionen – jedenfalls nicht wenn ich da war -, keinen Streit und keine Demonstrationsaufgebote, die Welt war klein und rund und selbstverständlich gab es darin auch keine Musik aus dem Plattenspieler, sondern es wurde gesungen und selber musiziert.

Schnittpunkt II. Und nun sehe ich dich wieder, vierzig Jahre später. Das Leben hinterlässt Spuren, wir sind selber längst Mütter, ja fast Großmütter geworden. Vor allem aber treffe ich deine Mutter wieder, deine Mutter, die für mich der Inbegriff einer Mutter war (und ist?). Sie steht mit fast achtzig Jahren auf der Bühne und schmettert mit ihrem „Off Track“-Chor aus Tübingen all die alten Songs von damals. Diese Songs – die Musik meiner Kindheit und Jugend – aus ihrem Mund? Ich fasse es nicht.

Sie verrät dem Publikum des Landestheaters, dass sie damals am Heizungsgriff die Tanzschritte geübt hat, dass die neue Musik Zeichen von Freiheit und Unabhängigkeit waren. Die amerikanische Sehnsucht ist bis in das Wohnzimmer einer gut situierten Familie gedrungen. Das muss wohl vor der Zeit gewesen sein, in der ich bei euch im Hause Gast war (oder spät abends). Wünsche, Träume, verborgene Sehnsüchte?

Rock und Pop. Deine Mutter hat einen „Chor“ ins Leben gerufen, die Sänger/innen sind 60-80 Jahre alt – „damals also“ waren sie jung – und sie singen und konzertieren seit fünf Jahren unter der Leitung einer Jazzsängerin. Sie stehen auf den Brettern der Welt, als wenn sie immer dort gestanden hätten. Lassen die alte Zeit aufleben, als säßen wir mitten drin, Gefühle werden hörbar, Sehnsüchte sichtbar… Das Niveau ist erstklassig und die Authentizität unverhohlen.

Alles habt ihr zu geben, nichts zu verlieren, das Leben ist bunt und voller Klänge – ich bin begeistert, beeindruckt, und wieder geht durch euch die Sonne in mir auf, so völlig unerwartet auf der schwarzen Bühne. Ich war aus Gefälligkeit gekommen und gehe reich beschenkt nach Hause. So wie ihr mich damals aufgefangen und verändert habt – so macht ihr es heute wieder, auf ganz gegensätzliche Art und Weise. „Off track“ – ein bisschen aus der Spur eben - das ist das echte Leben. Dieser erneute biographische Schnittpunkt kam wahrlich völlig unerwartet.