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Freitag, 30. Januar 2015

Für V. - Geschichten erfinden und in Abenteuer geraten

Du kamst damals wegen einer Anderen. Sie sollte auf der Bühne zu sehen sein, in einer Nebenrolle. Aber du warst da, bevor das Stück begann – oder trafen wir uns erst in der Pause? Ich gehörte eigentlich nicht zu dem Club. Aber ich war hinzugezogen worden und war nun halt dabei. Mein Job war es Querflöte zu spielen. Und da ich damals ziemlich romantisch veranlagt war, konnte ich das recht gut. In dem Stück ging es um Liebe und Tod. Die Musiker saßen vor der Bühne. Im Dunkeln. Und immer wieder erklangen meine Flötentöne. Das war aufregend und wunderbar.

Wir trafen uns also. Wir kannten uns entfernt von früher – deine Familie gehörte zum Dunstkreis meiner Familie. Bis dahin aber wussten wir nichts miteinander anzufangen. Das änderte sich. Ich stand draußen, vor dem Bühneneingang. Und plötzlich berührte mich jemand mit dem Fuß an meiner Schulter. Das warst du. Schon immer sehr gelenkig. Ich sehe dich noch. Deine dunklen Augen, dein suchender Blick. Du hattest einen blau-grauen Trenchcoat an, stimmt das? Und Turnschuhe. Nein. Es waren Fußballschuhe. Schmal, schwarz. Die mit den Löchern oben. Aber die Noppen unten hattest du abgemacht. Das sah elegant aus. Du meintest vage, dass wir uns kennen würden.

An das Gespräch erinnere ich mich nicht mehr. Aber wir verabredeten uns. Klar war, dass da etwas begann. Als wir wenige Wochen später zusammen in einem Zelt in Südfrankreich lagen, lasen wir gemeinsam in zwei Büchern und unterhielten uns stundenlang darüber. Die Autoren waren Max Frisch und Tolkien. Wir waren an der Schwelle zum Erwachsenwerden und hatten das Gefühl, dass das Leben beginnt. Wir nahmen uns ernst. Wussten, dass es (mal wieder) auf unsere Generation ankommt. Wir wollten alles anders machen, klar, wir wollten natürlich alles viel besser machen.

Wir waren hungrig auf das Leben, aber befangen, denn in unseren Elternhäusern wurde zwar von morgens bis abends über Politik geredet – auch unsere Eltern dachten schon, dass sie die Gesellschaft erneuern könnten – aber farbige, duftende oder seidenweiche Visionen gab es nicht. Nur verbotene Schriften, dunkle Mahnmale und der Tunnelblick auf die Arbeiterklasse, die sich gefälligst zu erheben hatte. Es galt einzusteigen und mitzumischen, irgendwie – aber wir wollten es anders machen.

Der Roman von Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein, hat uns die eine Vorlage gegeben: das Leben ausprobieren. Der Protagonist wechselt Geschichten wie Kleider. Er probiert, testet seine Identität. Er schaut in den Spiegel, verwandelt sich immer wieder. "Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält." Wir waren begierig darauf uns vorzustellen, wie das Leben sein wird, wenn wir es selbst gestalten. Wir ahnten, dass es vielleicht nicht ganz so einfach sei. Aber wir wussten, dass wir uns sicher die richtige Geschichte aussuchen würden – daran gab es keinen Zweifel.

Die andere Vorlage war „Herr der Ringe“ (damals noch ganz unbekannt): treu und unbeirrt für die gute Sache kämpfen. Da wir beide ohne Märchen und Mythen aufgewachsen waren, in einem aufgeklärten Haushalt gab man den Kindern sozialkritische Comics zu lesen, verschlangen wir die Abenteuergeschichte fasziniert. Es galt den Ring zu vernichten. Über die Bösen zu siegen. Freundschaft und Feindschaft zu erleben, Vertrauen und Misstrauen abzuwägen, der eigenen Stimme und der der vermeintlichen Ratgeber zu folgen – es galt um Frodo Beutlin zu zittern und mit ihm zu ziehen: Er musste siegen!

Und so machten wir uns nach ein paar gemeinsamen Jahren auf, unsere eigene Geschichte zu suchen und zu leben, den bösen Ring zu vernichten – und gerieten jeder für sich in Abenteuer, die Jahre in Anspruch nahmen. Auch hatten wir damals nicht angenommen, dass es möglich war in mehreren Geschichten gleichzeitig eine Rolle bekommen zu können. Hie und da haben wir uns aus der Ferne zugewinkt. Du hast Karriere gemacht, ich Familie gegründet. Dann gab es eine Kursänderung, ich wurde in der akademischen Welt aufgenommen und du übst dich jetzt als Vater, wo meine Kinder erwachsen sind. Das Leben hat uns weit auseinander getrieben – ob wir von einem ähnlichen Menschenbild ausgehen? – und doch berühren sich unsere Geschichten immer wieder.

Du hast mich eingeladen, mit all jenen Protagonisten ein Fest zu feiern, die dir heute wichtig sind und ich durfte einen Blick in eine deiner Geschichten werfen – wofür ich dir sehr dankbar bin. Du trägst noch immer einen silbernen Armreif (wie damals) und schätzt dich glücklich mehrere Sprachen zu sprechen. Mindestens drei Länder sind es, die dich beruflich in Atem halten, ganz abgesehen von den Konferenzen all over the world. Ich hingegen versuche noch immer in einem Kleid durch das Leben zu kommen – egal wo ich agiere. Es ist alt und kostbar und nicht sicher, ob es der Zukunft Stand hält. Aber es gibt mir Halt, in dieser sich drehenden Welt, die mir viel mehr Geschichten bietet, als wir es uns damals vorstellen konnten.

Deine Geschichten und meine Geschichten, manchmal überkreuzen sie sich. Die Leichtigkeit von Max Frisch konnten wir uns nicht immer bewahren, aber ganz so existentiell wie bei Tolkien war es auch nicht immer. Welche Geschichten werden Bestand haben, wenn wir einst zurückschauen werden und den Kindern oder Enkeln berichten…? Erzähle mir mehr davon, wie du deine Geschichte weiter schreiben möchtest. In deinen braunen Augen sehe ich noch immer die bescheidene Frage von damals: Sind es die richtigen Rollen, die wir in der Geschichte einnehmen?

Montag, 19. Januar 2015

Spiegelbild und Filmausschnitt - dazwischen fünfunddreißig Jahre


Das Mädchen sagt, dass sie vierzehn Jahre alt sei. Sie sieht jünger aus. Ihre Stimme ist fest und brüchig zugleich, ein wenig rau und kratzig. Sie hat einen blauen Nickipullover an, darüber eine dunkelrote Weste – farblich passend zur Cordhose. Ihre Haare sind lang und glänzen, sie hängen ihr wie ein warmer Schal um die Schultern. Ihre Augen haben etwas Fragendes. Sie ist bei sich. Und sie ist eine Frage. Wie ist die Welt und warum ist sie so wie sie ist?

Sie sitzt in einer Talkrunde – die Sendung wird live ausgestrahlt – und wird befragt. So, wie die anderen auch, die einen Brief geschrieben hatten und eingeladen wurden. Köln, WDR Studio, Appelhofplatz. Sie bringt sich ein, formuliert Probleme, erzählt von sich – aber die Sendung ist zu kurz. Zu viele Menschen, zu viele Geschichten – ein Blitzlicht einer Thematik, die das Leben schreibt und die Länge eines Romans braucht.

Den Riss in der Welt hat sie von Beginn an mitbekommen. Das hat sie irritiert, von Anfang an. Sichtbar wurde er durch die Menschen in ihrem Umkreis. Aber das kann sie nicht benennen. Zwar scheut sie sich nicht davor, ihre Meinung kund zu tun – aber ein Fragezeichen bleibt immer. Zumindest ein fragender Blick in die Erwachsenenwelt. Kann es sein, dass die Welt so unvollkommen ist? Sie sucht Halt – Liebe und Geborgenheit. Und sie versucht zu verstehen, was sich verstehen lässt. Sie ahnt, dass sich nicht alle Rätsel dieser Welt lösen lassen. Aber glauben kann sie es noch nicht. Sie will es nicht.

Die Frau schaut in den Spiegel. Ein Blick durch die Brille. Ihre Augen sehen erschöpft aus. Falten suchen ihren Weg bis in die Ferne, sie sieht Flecken auf der mit Naturkosmetik gepflegten Haut und hat die Neigung die Tür zwischen Innen- und Außenwelt zu schließen. Auch ihre Haare sind müde, sie erzählen von besseren Tagen, eins ums andere färbt sich langsam grau. Pupillen und Augenwimpern leiten ihren Blick zum Brillengestell – schwarz. Das ist die Farbe der Tatsachen. Aber der blaue Lidstrich korrespondiert mit ihrer blau-grauen Iris, das hält sie wach – da leuchtet etwas.

Die Frau schaut zurück – bin ich die, die ich einmal war? Ich erkenne mich kaum wieder. Der Roman hat sich weiter entwickelt. Damals war es Seite 143, heute ist sie auf Seite 491. Wie viele Seiten noch kommen ist ungewiss. Aber es haben sich Antworten ergeben. Antworten auf Fragen die damals gestellt wurden und Antworten auf Fragen, die nicht gestellt wurden. Probleme, von denen sie dachte, dass sie gelöst werden können müssen heute umformuliert werden: es sind Tatsachen. Das Mädchen von damals schaut nach vorne, offen und fragend – wer werde ich einmal sein? Wie werde ich das Leben handhaben?

Fünfunddreißig Jahre sind vergangen. Ihre Blicke kreuzen sich im Strom der Zeit. Ich sehe mich heute von außen. Im Spiegel und im Film. Bin ich das? Die beiden, das Mädchen und die Frau, haben versucht den Riss in ihrer Welt zu kitten – auf ihre Weise. Bescheiden natürlich. Wie sollte man leben, mit den Ungerechtigkeiten in der Welt, den Gefahren und apokalyptischen Bildern in Umwelt, in einer zerrissenen Gesellschaft und einem ausufernden sozialen Netzwerk? Es galt eine kleine Flamme zu entzünden und ihr treu zu bleiben – durch alle Stürme und Unwetter des Lebens hindurch.

Fünfunddreißig Jahre sind eine lange Zeit. Spiegelbild und Filmausschnitt machen sichtbar, dass Zeit vergeht. Gedanken können aalglatt sein, aber das Erlebnis ruft Betroffenheit hervor. Darüber lässt sich nicht so ohne weiteres hinwegdenken. Ich bin ich, damals und heute. Aber ich habe mich gehäutet, die Materie ist nur noch bedingt die gleiche. Der Abdruck meines Ichs zeigt sich in der sichtbaren Hülle – fremd und vertraut zugleich. Wenn ich am Abend meine Brille abnehme sehe ich den Abdruck an meiner Nase, bis zum nächsten Morgen wird er verschwunden sein – um danach wieder neu zu entstehen. Das geht zwischen Tag und Nacht immer so fort.

Sonntag, 28. September 2014

Zwischen Geschichten und Alltag. Über Erzählungen


Sie schlüpft in Geschichten. Nimmt sich einen Roman nach dem anderen vor und richtet ihre Aufmerksamkeit auf die geschriebenen Worte, die Geschichten der anderen. Sie schaut nach innen. In ihr Buch und auf das, was die Geschichten in ihr auslösen. Sie lebt mit Protagonisten mit, die in der DDR gelebt haben und in den Westen gekommen sind, auf Hiddensee Unterschlupf und sich selbst finden, in London auf einer Brücke stehen, als in Island ein Vulkan ausbricht und den europäischen Flugverkehr einschränkt oder von Wien nach Frankfurt reisen und doch nicht den Buchpreis erhalten, jedoch den unbekannten Vater treffen.

Geschichten, die von Autoren geschrieben wurden, die sie nicht kennt. Geschichten aber, deren Protagonisten sich in ihrer Seele ausdehnen, obwohl ihre Leben nur in Ausschnitten auf einer begrenzten Zahl von Seiten durch einen Dritten präsentiert werden. Dennoch ist die Wirkung enorm. Das Wohl und Wehe der Figuren verbindet sich mit eigenen Erfahrungen oder Vorstellungen, mit dem Leben ihres Umkreises, ihrer Freunde und Kollegen, ihrer Familie oder ihren Nachbarn. Die Geschichten werden zu einem Teil ihrer selbst, ihres Innenraums, in dem Figuren (oder Menschen?) einander begegnen, die sich im äußeren Leben noch nicht einmal begrüßen würden - geschweige denn von der gegenseitigen Existenz wüssten.

Während laut DUDEN das Wort "Geschichte" ein "politischer, kultureller und gesellschaftlicher Werdegang, Entwicklungsprozess eines bestimmten geographischen o.ä. Bereichs" ist und damit auf eine mehr oder weniger objektive Erzählung der Vergangenheit beschränkt wird, erlaubt die Bedeutung des Wortes "Geschichte" als Erzählung eine "mündliche od. schriftliche, in einen logischen Handlungsablauf gebrachte Schilderung eines tatsächlichen od. erdachten Geschehens, Ereignisses", auch die Zukunft, in der dieses oder jenes geschehen könnte - auch, wenn die Erzählung in der grammatikalischen Vergangenheitsform präsentiert wird.

Geschichte liegt fest - abgesehen von der Frage, ob sie angemessen betrachtet und interpretiert wird - während Geschichten ungeahnte Möglichkeiten festlegen. Das Unmögliche wird möglich, das Erwünschte wahr, das Hässliche schön - oder umgekehrt. Ein "logischer Handlungsablauf" (siehe oben) ist mitnichten notwendig, um eine Geschichte zu erzählen (so ihre Überzeugung!), ein Ereignis in schriftlicher oder mündlicher Form zusammenzufassen und Dritten (die nicht dabei gewesen sind) zu offerieren. Stunden, Tage oder Jahre von Ed, April, Nelia Fehn oder der namenlosen Icherzählerin gehören jetzt zu ihrem inneren Inventar (zugegeben, es hat mitunter panoptischen Charakter), wobei die Ränder zwischen ihrer Innen- und Außenwelt nicht unbedingt scharf geschnitten sind.

Avancen machen ihr all jene, die sich zeigen ohne zu urteilen, die ihr Ding machen und trotzdem sanft agieren. Die irgendwie in ihren Bemühungen, die mitunter nicht unbedingt erfolgversprechend aussehen, weitermachen, ohne dass Seiten an das Buch angeklebt werden, ohne dass der jeweilige Autor einen zweiten Band herausgibt. Figuren erwachen dann zu einem eigenständigen Leben wenn sie Anknüpfungspunkte bieten, wenn sie sich in Frage stellen lassen. Wenn sich ein innerer Dialog zwischen ihr und ihnen ergibt, ist eine Realität geschaffen, die nach dem Tod einen Grabstein verdient.

Der deutsche Bücherherbst bietet eine Menge an richtig guter Literatur, die schon mal vergessen lassen kann, was im sogenannten realen Leben vor sich geht. Manche Zitate bereichern den Alltag allerdings in der Weise, dass ihre Neugier erwacht, wie die Autoren zu dieser oder jener Erzählung respektive Formulierung gekommen sind. Was offenbaren Autoren von sich selbst durch die Geschichten, die sie erzählen?

Montag, 15. September 2014

Das Ende des Sommers und eine Frau


Als sie aus dem Flugzeug stieg, war der Sommer vorbei. Irgendetwas in ihrer Tasche, die sie über ihre Schulter geschwungen hatte, drückte gegen ihre Seite. Wie immer hatte sie Bücher im Schlepptau, vermutlich hatte sich eins quergelegt. Es war eng in diesem Gang und die kühle Luft aus der Klimaanlage wand sich ihre nackten Waden hinauf. Die Frau vor ihr benutzte ein strenges Parfüm und nestelte an ihrer Bluse herum, die Kontrolle der Pässe dauerte ungewöhnlich lang. Sie stellte ihre Tasche auf den Boden und fror. Ungebührliches Warten war nicht ihre Stärke.

Als sie endlich an der Espressobar stand, ein Doppio kostete hier vierachtzig, sah sie das Paar des gestrigen Abends wieder - zwei selbstvergessene Männer, deren Innenwelt augenscheinlich nicht mit der äußeren kongruent war - die beiden redeten weiterhin aufeinander ein, als gäbe es zur Belohnung ein Eis am Stiel. Geht dem Schreiben das Reden voraus? Die Frage des Schreibens war an das Vorhandensein einer Leserschaft geknüpft. Texte ohne Leser sind graue Schattengestalten, die sich mit billigem Mineralwasser zufrieden geben, an statt Champagner zu fordern.

Sie hatte nicht bemerkt, dass die beiden Männer offensichtlich in ihrem Flugzeug gesessen haben mussten. Oder gab es innerhalb von vierundzwanzig Stunden mehrere Flüge mit dem gleichen Ziel? Etwas verschränkte sich in ihr, obgleich der gestrige Abend in einem komplett anderen Kontext gestanden hatte. Fremde Räume verschoben sich mit Zeiten, die nicht ineinander griffen. Messerscharf galoppierte die Frage auf sie zu: Wovon hängt das Reden ab?

Die junge Frau neben ihr schwieg beredet in sich hinein. Augenscheinlich war, dass sie in ein innerliches Gespräch verwickelt war, das mitunter von langen traurigen Pausen durchzogen war - ihre Augen glänzten, aber es war noch keine Träne zu sehen. Was war geschehen? Die Kellnerin hingegen tanzte von einem Gast zum nächsten und verteilte fröhliche Floskeln, wünschte gute Flüge, schöne Ferien - sie schien eine Schatztruhe mit sonnigen Sehnsüchten zu besitzen, aus denen sie freizügig verteilte. Das ganze Leben ein Dialog? Sie musste an Buber denken. Das Ich im Du, nein, das Ich durch das Du.

Erst einmal musste sie die Tatsache verwinden, dass der Sommer verschwunden war, bevor sie sich dem Abhängigkeitsgrad von Schreiben, Leben und Reden ergeben konnte. Ohne Abschiedsgruß war der Sommer von der Bildfläche verschwunden, sie musste es hinnehmen - auch wenn sich ihrem Herzen eine Klage entwand, die mit dem lauen Titel "Sommer ohne Abschied" locker einen Roman ergeben hätte, in dem Vorwurf an Vorwurf gereiht werden könnte. Nein. Sie wollte Tacheles reden - brachte aber nicht ein Wort hervor, da sich keine linearen Gedanken präsentierten .

Sie schrak aus ihren verworrenen Tagträumen, als sie ihren Namen über den Lautsprecher hörte. Last call. Da redete jemand - während sie träumte. Sie musste zu Gate 18. Sofort. Wenn sie noch ins Flugzeug wollte. Keine Frage war beantwortet. Was war mit den Männern, mit der jungen traurigen Frau, der ständig lächelnden Kellnerin? Sie wusste nichts - hatte nicht gefragt, keine Geschichte hatte sich etabliert . Und deshalb war auch kein Wort niedergeschrieben worden. Die Leser würden also kein Futter bekommen, sondern nur eine leere weiße Seite, wenn sie nicht...

Die Zeit zwischen den Flugzeugen war definitiv um. Landen und abfliegen gehörten hier zum guten Ton. Sie erschrak ob der Alltagsroutine, der sie sich nicht gewappnet fühlte. Irgendetwas funktionierte aber in ihr, so dass sie gerade noch rechtzeitig ans Gate kam und durch den menschenleeren Flur laufen konnte. Im Flugzeug klappte sie ihren Laptop auf und begann mit der Geschichte. Sie schrieb: Als sie aus dem Flugzeug stieg, war der Sommer vorbei...

Freitag, 27. Juni 2014

Ménage-à-trois: Teil II

Es stand nur ihr Namensschild an der Tür. An ihrem Geburtstag wachte sie inmitten eines verwirrenden Traumes morgens auf, wie eh und je. Sie würde den Tag für sich verbringen, allein, denn sie kannte in der flirrenden Stadt niemanden – außer ihrem Sohn, von dem sie nichts wusste. Es war nichts zu erwarten, stattdessen war es grau und regnete, sie sah den Regentropfen zu, wie sie an ihrem Fenster hinunter liefen. Vor ihr stand ein Strauß roter Tulpen, Rosen gab es noch nicht. Sie stellte den Anrufbeantworter an, setzte sich mit ihrem Espresso an den Tisch und begann zu schreiben, Klaviermusik im Hintergrund.

Weit entfernt setzt sich ihre älteste Tochter Clara in den Zug. Sie hatte seit Monaten weder etwas von ihren Geschwistern noch sonst jemandem der Familie gehört, trotzdem war sie sicher, dass es klappen würde, dass ihre Lebensbahnen sich wieder einmal kreuzten – Handynummern überdauerten. Der Vormittag war bereits im Begriff sich zu verneigen und sie wusste, dass damit die Hürde genommen war, es kostete sie Mut, aber der Nachmittag würde unweigerlich kommen. Sie fuhr durch das helle und warme Sonnenlicht des Südens und legte ihre Beine auf den gegenüberliegenden Sitz. Sie trank das lauwarme Wasser aus der verknitterten Flasche und sah aus dem Fenster. Sie fuhr vorwärts, mitten in ihr Leben – dem sie so lange fern geblieben war. Gleichzeitig ließ sie sich in den Bann der vorbeigleitenden Landschaft ziehen. Der Zug kannte sein Ziel, immer der Nase nach.

Emilie hingegen, ihre Schwester, stand am offenen Garagentor der Autowerkstatt und klimperte nervös mit ihrem Schlüsselbund. Sie war müde und fror in ihrem dünnen Pullover. Konnte das Auto nicht vor der Mittagspause repariert und freigegeben werden, damit sie endlich losfahren konnte? Sie war schon spät dran und musste unterwegs noch die letzte Version ihres Manuskripts entgegen nehmen. Ob es daran wieder etwas auszusetzen gäbe? Der Wind pfiff, als der Kfz-Mechaniker auf sie zu kam und gleichzeitig ihr Handy klingelte.

In diesem Moment schlief Benno noch, allerdings befand er sich bereits in der richtigen Stadt, er träumte gerade von einem Unterfangen, den Mond unter dem Blecheimer einzukreisen und zu melken, dazu musste er mit drei Fingern einen Punkt auf dem Stein berühren, der sich hin und her bewegte. Er hatte sich erst spät hingelegt, denn das Gespräch musste aus dem Nullpunkt heraus geführt werden. Sie waren sich lange nicht einig geworden, was nun das eigentliche Problem sei, schließlich hatten sie es aufgegeben, weiter nach Worten zu suchen und sich der wortlosen Sprache anheim gegeben.

„Wie weit bist du?“
„Ich kann dich nicht verstehen…“
„Kommst du?“
Sie versuchte es noch einmal, langsam und deutlich: „W O B I S T D U ? ? ?“
„Ich höre es nur rauschen!“

Ihre Ungeduld brach sich Bahn, ihre Nerven lagen bloß, sie schleuderte den Apparat ins Auto. Gottverlassen und zornig wie sie war, griff sie in ihre Handtasche, um irgendwie Trost zu finden. Schnell zog sie ihre Hand zurück, glitschig und klebrig. Auch das noch. Bananen in Handtaschen benehmen sich unsittlich und preisen bei der ersten Gelegenheit ihre klebrige Nacktheit an. Widerlich. Sie schloss die Augen. Alles schien vertrackt ineinander zu hängen, sie suchte, wie immer, den erlösenden Ausweg. Dafür leckte sie das Süßliche ihrer Finger ab. Im Autoradio jaulte sich eine Popsängerin ihren Liebesschmerz aus der Seele. Gleich würde der Mechaniker zurückkommen, der mit dem Meister zu sprechen hatte, und den sie hoffte dann doch noch erfolgreich um ihre Finger gewickelt zu haben.

Mailbox. Jetzt ging sie nicht dran. Was sie nur wollte? Benno versuchte sich die Nacht aus den Augen zu reiben und schaute dabei schlaftrunken in den Spiegel, der über seinem Bett hing. Im Haus war es still, er hörte nur den Lärm von draußen, immer wieder das Gequietsche der Straßenbahnen. Die Sonne leuchtete scheu in sein Zimmer, der Regen hatte sich verzogen. Die Welt war blank geputzt und verbarg nichts. Er konnte die dampfende Helligkeit kaum ertragen und wünschte sich die Nacht zurück. Bevor er aber wieder in einen sanften Schlaf abzugleiten drohte, schrillte sein Handy.

„… um 16.27 Uhr, holst du mich ab?“ fragte die warme Stimme am anderen Ende. Sie kannten das Spiel von früher, einander nicht zu begrüßen, sondern gleich zur Sache zu kommen, dies Mal war es seine ältere Schwester, Clara, er erkannte ihre Stimme sofort. Schlagartig wurde ihm klar, was der Tag von ihm wollte – er erschrak. Weil er es vergessen hatte. Jetzt musste er sich anstrengen. Würde er es schaffen?

„Schön, dass du anrufst, ich habe schon darauf gewartet“ – log er mit seiner betörenden Unschuldsmiene, wie gut, dass sie nicht sah, wo er war. „Mein Akku ist gleich leer. Bringst du die Schachtel mit, von der du…“ Die Verbindung brach ab. Was war es, worum ging es? Er konnte sich nur vage erinnern. Er sprang unter die Dusche, ließ das kalte Wasser über seinen Körper laufen. Sie wollten sich treffen und es gemeinsam tun. Komme was wolle, er würde dabei sein, es war abgemacht, seit dem Krach, sie wollten zusammen hingehen. Und Emilie sollte auch dabei sein, er wusste gar nicht wo sie war, erinnerte sich aber ausnahmsweise glasklar daran, dass sie damals die Schachtel eingesteckt hatte. Ein paar Stunden blieben ihm noch, bis zu dem Treffen der drei Geschwister, die ihre Mutter zum Geburtstag besuchen wollten.

Auf dem Balkon gegenüber saß der junge Mann, der wie immer alle Zeit der Welt zu haben schien. Benno machte sich einen Kaffee, schlürfte ein Joghurt und überflog die erste Seite der Zeitung. Die Katze schnurrte um seine nackten Füße. Wie er diese Momente hasste, in denen die Dinge nicht zueinander zu passen schienen. Heute wollte er doch seiner Professorin Paroli bieten. Und dabei war er innerlich immer noch bei seinem Traum. Wovon hatte er noch gehandelt? Er wusste es nicht mehr, hatte aber das Gefühl, dass er etwas Wichtiges und Revolutionäres preiszugeben bereit gewesen wäre. Benno war immer darauf aus, die Dinge gleich im Großen umzukrempeln. Er versuchte Emilie zu erreichen.

Clara entspannte sich, sie hatte die unbehagliche Entscheidung hinter sich und döste vor sich hin, es waren noch immer 204 Kilometer, wie sie dem Faltheftchen „Ihr Zugbegleiter“ entnahm. Die Wärme und das gleichmäßige Rumpeln des Zuges hatten etwas bestechlich Beruhigendes an sich. Sie musste nur noch ankommen, endlich würden sie es machen, einen Durchbruch lancieren. Ihr Gepäck bestand aus der obligatorischen Laptoptasche und einem grünen Koffer, der sich in alle vier Richtungen drehen ließ. Ihre langen braunen Haare hatte sie zu einem Knoten auf dem Kopf zusammengedreht, das rote Kleid zeigte Schweißspuren an den Stellen, an denen es ihre nackte Haut berührte. Sie war gerannt, um den Zug zu kriegen. Der Akku ihres Handys war leer, sie hatte das Ladegerät im Schuppen an der Kabeltrommel vergessen.

Ihre Gedanken machten sich selbstständig, schlugen diese und jene Richtung ein, dümpelten daher, immer wieder trank sie einen Schluck Wasser. Sie dachte an ihre jüngere Schwester Emilie, wie sehr sie sie um ihre Klarheit beneidet hatte, damals, um ihre Willensstärke und ihren Erfolg. Seit dem Krach hatte sie nicht mehr mit ihr gesprochen, keiner wusste etwas vom anderen. Sie hatte ihre Lebensbahn von der Großstadt aufs Land verlegt, zog es vor die großen Visionen im Kleinen zu verwirklichen, im Gegensatz zu ihrem Bruder, auch, wenn sie jeden Abend sehnsüchtig in den Himmel schaute und die Sterne mit ihren Blicken umfing.

Sie konnte ja nicht ahnen, dass die, an die sie dachte, sich mit ihrem alten Auto fluchend auf der A1 befand, den nachmittäglichen Berufsverkehr in Kauf nahm und darum bangte pünktlich zu sein. Emilie hatte beschlossen, den Entwurf nicht mehr abzuholen und war nach dem Desaster an der Autowerkstatt erst einmal etwas trinken gegangen, um sich neu zu sortieren. Von ihrem Umzug hatte sie niemandem etwas erzählt, keiner wusste wo sie war, es war ja schon Monate her. Für die SMS hatte sie nur 160 Zeichen zur Verfügung, also musste sie die Worte weise wählen.

Die Drei waren ein Herz und eine Seele – gewesen. Jeder war seinem eigenen Plan nachgegangen, sie suchten Abstand und gehörten gleichzeitig zusammen. Damals war es der rettende Gedanke die Mutter zu besuchen, jeder wusste, dass es nur gemeinsam zu machen sei, wie ein lockerer Ausflug, den es in der Kindheit so oft gegeben hatte. Nun kostete es Überwindung.

Während Clara auf Gleis 12 aus dem Zug stieg – er war pünktlich –, parkte Emilie ihr Auto gerade im Parkhaus des Hauptbahnhofs und lief mit wehenden Haaren und der blauen Tasche durch das Treppenhaus in die Eingangshalle. Es war der kleine, alte Kiosk, an dem sie sich verabredet hatten. Reste der Bildzeitung lagen neben einem verwaisten Exemplar der ZEIT, schließlich war es schon Dienstagnachmittag, der Verkäufer, offensichtlich ein Italiener, telefonierte lautstark mit einer Unsichtbaren und gestikulierte dabei elegant.

Benno kam auf dem Fahrrad, mit einem smarten Lächeln, mitten durch den Menschenstrom gefahren. Er hatte den entscheidenden Rucksack auf dem Rücken, in dem die Briefe lagen – zu guter Letzt hatte er sie gefunden. Sein gelbes Rennrad kannten die beiden, er hatte es gekauft, als sie noch Kinder waren und mit Träumen durch den Tag schlenderten. Schuldzuweisungen hatten jetzt keine Chance, auch wenn es einiges zu klären galt. Sie umarmten einander, bevor Verlegenheit und Reue sich zwischen sie stellen würde – über Skype hatten sie die Befangenheit nicht wahrgenommen, der technische Anschein der Unmittelbarkeit fand den Weg bis auf den Bildschirm nicht.

„Ich hoffe, dass sie uns überhaupt die Tür aufmacht, nach all dem…“
„Sie weiß ja nicht, dass wir es sind, sie wird es schon tun. Und sie wird sich freuen, ich bin sicher! Wir werden nicht streiten, sondern…“
„Lasst uns Kuchen kaufen, Himbeertorte, und in die Schachtel legen. Emilie, du hast sie dabei? Schließlich ist es ihr Geburtstag und wir haben sie schon so lange nicht mehr gesehen…“

Sie liefen durch die Fußgängerzone und bogen an der vierten Querstraße ab. Das dritte Haus auf der linken Seite war ihr Ziel. Sie hatten es geschafft, es war 16.51 Uhr, noch neun Minuten, dann würden sie an der Haustür klingeln, so war es früher immer gewesen, um 17.00 Uhr begann der freie Teil des Tages. Sie schauten sich an und drückten auf die Klingel mit dem gemeinsamen Nachnamen. Benno nahm den Rucksack in die Hand und öffnete den Knoten, Clara stand links, Emilie mit der Schachtel rechts; ob die Mutter zu Hause war und die Tür öffnen würde?

Sonntag, 14. April 2013

Ein Stück Pappe, meine Großmutter und ich


Zum Abschied am Bahnhof in Dorpat begleiten sie nur die Mutter, das Kindermädchen und der Kofferjunge. Dagmar Schulz, mit ihrem nicht gerade riskanten Namen, spürt den frischen Wind, endlich ist es soweit. Der Wunsch war 1917 entstanden. Damals wurde sie einundzwanzig Jahre alt, das ist verbrieft und die Urkunden belegen es. Die Revolution brachte für Estland die Unabhängigkeit und damit war es wieder möglich, den Blick von Osten nach Westen zu richten. Der geliebte Zar hatte abgedankt, stattdessen wurden Stromkabel durch das Land verlegt.

Ich lebe seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Meine Stadt im Ruhrgebiet ist im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört worden. Auf dem Brachland der Trümmer wurde sie neu erbaut, nicht mehr als ihren Namen hat sie behalten. Schnell, hoch, funktional, überall Beton. Alles aus dem Boden gestampft. Der Blick aus der Küche meiner Kindheit fällt auf das ziegelrote Opelwerk. Ich kenne nichts anderes als arbeitende Menschen und Autobahnen.

Seit Generationen lebt die deutsche Familie im Baltikum. Nun fährt sie, die junge, neugierige und doch scheue Frau nach Berlin, in die Reichshauptstadt. Ihr Herz klopft mächtig, denn sie ist allein und die Fahrt weit. Sie will die Welt fotografisch einfangen, für sich erobern, so ist es den Unterlagen in der grünen Kiste zu entnehmen. Immer wieder stellt sie sich verwegene Aufnahmen von Frauen vor. Die Recherche ergibt, dass 1890 die „Photographische Lehranstalt des Lette-Vereins“ eröffnete. Sie war weltweit die erste Ausbildungsstätte im Bereich der Fotografie für Frauen. Und das in Berlin. Genau diese Schule ist der Ort ihres Begehrens.

Bei uns geht es beim Essen um Politik, den Umsturz der Gesellschaft und die Demo am nächsten Samstag. Auch mein Leben ist von einer gesellschaftlichen Erschütterung bestimmt, fünfzig Jahre nach der Oktoberrevolution, etwas westlicher und aus anderen Gründen. Alten Geschichten habe ich in meiner Kindheit ungläubig zugehört – es soll Zeiten gegeben haben, in denen „Deutsche“ in ganz Europa zuhause gewesen sein sollen. Es soll ein Land gegeben haben, in dem es im Sommer nachts kaum dunkel wurde, in dem es Birken gab und Blaubeeren… Zeiten, in denen die Menschen viele Sprachen beherrschten - mit dem Kindermädchen Estnisch, mit den Eltern Deutsch, in der Schule Russisch, mit dem Besuch Französisch… Meine Großmutter hat mir nicht alles erzählt.

Ihr Vater, obgleich selbst Fotograf, war entschieden gegen die Erfüllung ihres Berufswunsches, er will seine jüngste Tochter noch immer standesgemäß mit einem Deutschbalten in Estland verheiraten und hält nichts davon, dass Frauen überhaupt Berufe ergreifen. Er ordnet also an, dass die Tochter zunächst eine hauswirtschaftliche Ausbildung zu machen habe und zwingt sie mit väterlichem Gebot in die Knie. Hie und da darf sie in seinem Atelier helfen – aber nicht an den Apparaturen, sondern bei der Einrichtung der Requisiten. Dagmar Schulz erträgt es kaum.

Ich mache mich auf den Weg, um meinen Vorfahren nachzuspüren. Als Kriegsenkel suche ich Wurzeln – denn ich selbst kenne so etwas wie eine gewachsene Verlässlichkeit eines Ortes nicht. Heimat, was soll das sein? Menschen und Orte wechseln, nichts hat Bestand. Die Reise mit dem Zug führt weit in den Osten, die Anzahl der Birken vervielfacht sich. Es ist Sommer und ich träume durch das Land. Ich verstehe die Sprache nicht, sehe aber Klänge, höre Landschaften, fühle Vergangenes, rieche alte Geschichten und fahre über den sandigen Boden, der Blut aus dem Osten und dem Westen aufgenommen hat. Die grünen Ufer der Seen schweigen und laden grußlos zum Verweilen ein. Ich folge den Gleisen der Eisenbahn mit meinem Blick, denn die Ebene verbirgt ihre Geheimnisse nicht.

Das schöne Reh gibt allen Herren, die sie anlächeln, eine abschlägige Antwort. Äußerlich fügt sie sich in ihr Schicksal, innerlich lässt sie nicht davon ab und verfolgt ihren Plan. Sie wird einmal einen Hosenanzug tragen! Und dann, irgendwann, ist es soweit. Der Vater kann ihren Willen nicht brechen, aber auch nicht mit ansehen, dass sie einzuknicken droht, sie bekommt seinen Segen und macht sich auf den Weg, verabschiedet sich am Bahnhof. Sie reist aus der Vergangenheit heraus, meiner Zukunft entgegen.

Ich erreiche die Ostsee am nördlichen Zipfel des Landes. Als der Fischer in den Hafen zurückkehrt, verkauft er mir seine Beute. Viel zu viel, wie werde ich das alles am Feuer verarbeiten? Aber die Geste des Mannes ist groß und voller Herzlichkeit - wie kann ich sein Angebot abschlagen, zumal ich der Landessprache nicht mächtig bin? Ich befinde mich in einem neuen Kapitel meines Lebens. Am Dienstag wage ich mich in die erste Stadt. Zunächst nach Tallin, meine Großmutter hatte es immer Reval genannt. Die Altstadt nimmt mich an, ich füge mich ein, fühle mich irgendwie angenommen - in der Bernsteinstadt. Die Häuser um mich herum präsentieren alten Stolz. Es ist noch immer Sommer und ich trinke mein erstes Bier. Gerstenbier, in einem tönernen Krug. Da die Nächte kurz und die Tage lang sind, erliege ich dem offenen Himmel am Strand und gebe mich ihm hin.

Nach drei Jahren der Ausbildung, Dagmar Schulz hat das Leben in Berlin in vollen Zügen genossen, ist es soweit, die Absolventinnen dürfen ihre Abschlussfotografien, die prämiert werden sollen, vorbereiten. Dafür werden sie, samt ihrem Equipment, auf eine Reise geschickt. Noch immer müssen die Fotografien auf dicke Pappen aufgezogen werden und auf der Rückseite werden Name und Adresse des Ateliers in geschwungenen Lettern und graziös vermerkt.

In Tartu, meine Großmutter hatte immer von Dorpat gesprochen, steige ich aus dem Zug – in den sie einst einstieg – und gehe durch das hölzerne Bahnhofsgebäude. Ich wandere durch den Domberg-Park, bleibe am Kussberg stehen und gehe dann über die Engels-Brücke hinunter in die Stadt, direkt auf die Universität zu. Ich laufe über die alten Steine und denke verstummt daran, dass meine Vorfahren hier über Generationen gelebt haben - seltsam. Bekannt und unbekannt zugleich. Die deutschen Straßennamen sind verschwunden und auf den Schildern finden sich estnische Buchstabenkombinationen, die ich nicht auszusprechen vermag. Spuren sind nur vertikal zu finden, nicht horizontal. Ich erinnere mich: Durch den Hitler-Stalin-Pakt hatte die deutsche Bevölkerung 1939 das Land innerhalb von drei Tagen verlassen müssen. Nichts konnte mitgenommen werden, nur das eigene Leben und ein paar Papiere ließen sich retten, wenn man geschickt und schnell genug war. Meine Großmutter war damals dreiundvierzig Jahre alt, hatte das Atelier meines Urgroßvaters Carl Schulz längst übernommen und war für ihre Aufnahmen in den Metropolen der alten Zeit bekannt. Dieses Mal stieg sie auf Hitlers Geheiß in den Zug, widerwillig, und verließ ihre Heimat, ihr Leben, in das sie niemals zurückkehren würde. Sie fuhr bis Posen und ließ sich dort ein neues Haus samt Atelier zuteilen, in dem sie bis zur Kapitulation…

Dagmar Schulz weiß, wen sie fotografieren will. Sie kennt die junge Frau aus Wien nicht persönlich, in den Boulevardblättern klatscht man aber über sie, die „schöne Sarah“, die die Tollkühnheit besitzt, mit einem eigenen Auto durch Europa zu fahren, so jedenfalls erzählt man es in Berlin. Und ihr Glück will es, dass Sarah Rotblatter auf dem Weg von Warschau nach St. Petersburg auch in Dorpat vorbeikommen soll. Dagmar Schulz fährt wieder in die Heimat und bereitet ihre Apparate dafür vor, Außenaufnahmen zu machen. Sie wählt einen einzigartigen Ort, den es nur einmal in der kulturell so bedeutenden Kleinstadt Dorpat gibt: die Tankstelle. Dort wird sie der Schönheitskönigin auflauern und sie fotografieren.

Der Zweite Weltkrieg fegt auch über Estland, mittendrin wird meine Mutter geboren, Menschen kommen und gehen, nichts bleibt wie es war. Ich weiß davon durch den Geschichtsunterricht, bei uns erzählt man nicht so viel von früher. Erbstücke gibt es nicht, man kam mit leeren Händen. Das Haus meiner Familie in Dorpat war zerstört worden, das wusste ich. Ich suche also die Straße und vergleiche den alten deutschen Stadtplan mit dem neuen estnischen… Eine kleine Gedenktafel erinnert daran. Tatsächlich: an das Haus. Der Platz, auf dem das Holzhaus samt Atelier gestanden hatte, ist leer. Einfach leer. Und ich setze mich in den vergehenden Sonnenschein des Nachmittags und träume, wie es damals wohl war… Oder wie es wäre wenn… Es kommt mir wie eine unvollendete Geschichte vor. Ein bisschen traurig nehme ich Abschied von dem leeren Platz, mit leeren Händen, der einmal… ich schlendere die Straße herunter und komme an ein Antiquitätengeschäft. Ich trete ein, ein alter gutmütiger Herr aus dem letzten Jahrhundert nickt mir freundlich zu. Ich schaue mich um. Überlege, ob die Möbel, die dort stehen, wohl in dem Schulz’schen Haus gestanden haben mochten? Und ich entdecke eine Pappkiste mit Fotos.

Carl Schulz ist von dem Vorhaben seiner Tochter nicht gerade angetan, aber glücklich, sie wieder zu Hause zu haben. Hatte sie noch immer nicht verstanden, wie man seinem Namen Ehre macht? Schließlich hatte er noch vor wenigen Jahren den Zaren fotografiert. Carl Schulz ist ein konservativer Mann, der davon ausgeht, dass die Vergangenheit zurückkehrt. Letztendlich kann er sie aber nicht zurückhalten und gibt seiner Tochter schließlich die teuersten Papiere, auf denen sie ihre Aufnahmen an der Tankstelle in der Dunkelkammer ans Licht holt.

Verträumt schaue ich mir ein Foto nach dem anderen an. Grau-braune Bilder auf dicken Pappen mit allerlei Motiven… Schöne Frauen in altmodischen Kleidern und geschwungenen Hüten. Steife Herren mit ausdrucksstarken Schnäuzern, erschrockene Kinder mit glattgelegten Frisuren… Und dann bekomme ich ein ungewöhnliches Bild in die Hand: Eine junge Frau in einem alten Cabriolet, mit stolzer Miene und erhobenem Busen – an einer Tankstelle. Und ich wende die Fotopappe und lese: Abschlussfoto von Dagmar Schulz, 1928, Lette-Verein Berlin. Atelier Carl Schulz, Gartenstraße 3, Dorpat, Estland.