Mittwoch, 4. August 2010

Irdische Hinterlassenschaften – die Wohnungen von Puschkin und Dostojewski

In eine fremde Stadt zu kommen, heißt für mich zunächst unbekannte Luft zu atmen. Sie ruft mich dazu auf, Anknüpfungspunkte zu suchen um irgendwie anzukommen. Mich einzuordnen. Was klingt und schwingt in der Stadt St. Petersburg? Wofür öffne ich mich, worauf richte ich meine Aufmerksamkeit? Ich weiß also nicht, was ich suche und gehe doch so durch die Stadt, als ob es etwas zu finden gäbe. Neben meiner generellen Sympathie für die Stadt und dem geschichtlichen Interesse seines Auf und Nieder ist es natürlich die Literatur, die mir Tore zur verborgenen Seite der Stadt öffnet.

Wir wohnen in einer Ferienwohnung direkt an der Newa, einige Minuten von der Eremitage entfernt. Die Straße ist vierspurig und Tag und Nacht rattern die Autos darauf, als sei sie eine Autobahn. Tags ist der Fluss voller kleiner Boote, nachts, wenn die Brücken hochgefahren werden, rauschen große Schiffe lautlos an unseren Fenstern vorbei. Das prächtige Haus in dem wir wohnen – nachts mit Lichterketten beleuchtet - ist zweigeteilt. Die Wohnung ist groß, hell und mit Ikea-Möbeln eingerichtet. Und das Treppenhaus ist ein alter, dunkler, schlechter und vor allem dreckiger Albtraum. Eine unvereinbare Zweiteilung, die es noch öfters in der Stadt zu finden gibt.

Wie steht es aber zwischen den St. Petersburger Dichtern und mir? Ich hatte einmal eine beeindruckende Tolstoi-Phase in meinem Leben. Das ist lange her. Er hat zwar in der Nähe, aber gar nicht in der Stadt gelebt. Dostojewski habe ich gelesen. Den großen Roman „Schuld und Sühne“ und kleinere Erzählungen. Ich erinnere mich an jede Menge dunkler und kalter Szenen – während ich warm in meinem Bett lag und innerlich in den Weiten Russlands verschwand. Auch habe ich einen Band mit Gedichten – russisch/deutsch. Puschkin natürlich, den großen Nationaldichter. Ich lese dann aber doch lieber die deutsche Übersetzung, die russischen Buchstaben kann ich zwar zu Worten zusammensetzen, aber in meiner Sprache nicht wiederfinden…

Es gibt eine ganze Menge Petersburger Dichter, die sehr berühmt geworden sind. Puschkin, Anna Achmatowa, Marina Zwetajewna… Sie sind alle längst tot und Literatur lässt sich überall lesen, wenn sie denn übersetzt und erhalten wird. Was gibt es also in ein paar Tagen in Petersburg, der Wiege der großen Revolution, diesbezüglich zu erleben? Was die Zeit überdauert hat sind Häuser. Nicht alle natürlich, aber viele. Und so lassen sich Wohnungen oder Häuser berühmter Menschen besuchen – wenn sie denn von ihrer Nachwelt erkannt worden sind.

Das Wort Wohnung bedeutete in althochdeutscher Zeit „zufrieden sein“ – es ist also ein geschützter Ort, der nicht nur leiblichen Schutz bietet, sondern offenbar auch seelischen. Ein friedlicher Ort. Im Mittelhochdeutschen verändert sich die Bedeutung dann, unser heutiges „Wohnung“ bedeutete damals „Gewohnheit“. Die Wohnung wird also ein Ort, den man gewohnt ist, der zum alltäglichen Leben dazugehört – die seelische Geborgenheit scheint nicht mehr im Vordergrund zu stehen. Trotzdem haben fremde Menschen an so einem Ort eigentlich gar nichts zu suchen.

Im Falle der beiden Herren Dostojewski und Puschkin, deren Wohnungen wir besucht haben, haben wir es auch nicht mehr mit einer einfachen Wohnung zu tun. Nein, diese Wohnungen sind zu Museen avanciert. Und ein Museum ist ursprünglich ein Heiligtum der Musen. Ohne Menschen verfallen Häuser, wenn die Bewohner nicht mehr da sind, muss man sich überlegen, was mit der verlassenen Bausubstanz passiert. In welchem Verhältnis stehen nun aber die Behausungen der Dichter und das heutige Museum?

Ja, dazu kann ich natürlich gar nichts sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich damals dabei war. Puschkin ist vor fast zweihundert Jahren gestorben. Er war nur 37 Jahre alt und ist an den Verletzungen eines Duells verblichen. Er hat am Ende seines Lebens ganz in der Nähe des Zarenpalastes gelebt – diese Wohnung kann man heute betreten. Und was da nicht alles gezeigt wird. Den handgeschriebenen Mietvertrag, Manuskripte, Alltagsgegenstände, die Tür, durch die er nach der Verletzung getragen wurde, und, und, und.

Es ist schön, so einen irdischen Ort besuchen zu können, weil wir ja selbst alle auf der irdischen Welt leben und wenig andere Möglichkeiten haben. Aber spüren lässt sich in der Wohnung nicht mehr viel. Da scheint doch der Griff nach den literarischen Hinterlassenschaften mehr zu bieten.

Bei Dostojewski ist das etwas anders. Er hat in mindestens zwanzig Wohnungen in Petersburg gelebt, vornehmlich in Eckhäusern, mit Blick auf eine Kirche. Jeder Reiseführer hat ein Kapitel, das den Weg durch Dostojewskis Hinterhöfe beschreibt und ein anderes Petersburg zeigt, als es durch die Zaren repräsentiert wurde. Dostojewski hat Russland mit seinen dunklen Seiten im Ausland sehr bekannt gemacht. Die Wohnung, die wir anschauen, hat eine enigmatische Ausstrahlung.

Denn auch diese letzte Wohnung ist heute natürlich ein Museum – ein Heiligtum also, in dem nichts berührt werden darf – aber überrascht war ich schon, denn die finsteren, verfallenen und dreckigen Hinterhöfe passten mit dieser Wohnung so gar nicht zusammen. Seit Dostojewskis Tod sind 130 Jahre vergangen – wer weiß, was in dieser Zeit alles in und mit diesem Haus geschehen ist. Die Streichholzschachteln aber, die es in dem Souvenirladen zu kaufen gibt, sind mit Bildern eben jener verfallenen Häuser und Höfe geschmückt, die einem das alte Russland näher bringen. Ein Souvenir also, das ich nach Deutschland mitnehme.

Verlassene Wohnungen, in denen seinerzeit so richtig gelebt wurde und unglaubliche Texte entstanden sind, und die dann zu toten Museen avancieren, transportieren eben doch etwas mehr, als die übersetzten Worte, die ich, fern vom Ort des Geschehens in der warmen Sommersonne lesen kann. Wenn ich heute ein Gedicht von Puschkin lese, oder in eine Erzählung von Dostojewski eintauche, dann wandere ich innerlich durch die Wohnungen, die ich in Petersburg betreten habe – auch wenn ich nicht weiß, wie viel sie mit ihren einstigen Bewohnern noch gemein haben.

Kommentare:

  1. Eine schöne Art Endeckungen zu machen und zu teilen.
    Josiane

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  2. Danke Josiane! Hast du auch mal Ähnliches erlebt? Könntest du deine Erfahrungen beschreiben?
    Herzlich! sophie

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  3. Ja viele .... Ein Paar sind auf meine internet Seite ... aber auf Französisch : http://web.mac.com/josiane.simonin unter : Mon blog : le monde autrement (die Welt aber anders).
    Das ist was ich nenne mein geheimer Garten und ich habe das Gefühl das geheime Gärten mussen heute übersetzt und geteilt werden. Das machst du so schön und wegen dem habe ich es so gerne. Vielen Dank Sophie.
    Josiane

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  4. Liebe Josiane,
    wenn ich doch nur Französich könnte!!!!
    Na, wir treffen uns wieder!
    Herzlich, sophie

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  5. Ich habe gerade ein Blog von Jelle van der Meulen gefunden über Freundschaft : http://jellevandermeulen.blogspot.com/2010/01/politik-der-freundschaft-vier-beruhmte.html
    Ein Geheimer Garten + ein geheimer Garten = ist das nicht ein zusammenarbeit für die Zukunfst, etwas das nur durch die Qualität von eine wahre Freundschaft entstehen kann ?
    Josiane

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  6. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  7. Ja, Josiane, da hast du einen interessanten Text gefunden! Glaubst du, dass es in der Freundschaft um geheime Gärten geht?

    Wie würdest du Freundschaft beschreiben - geht es um die Mit-teilung des einen und des anderen? Und wie lässt sich die Qualität beschreiben?

    Herzlich, Sophie

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  8. Hier ein Versuch deine Fragen zu antworten liebe Sophie,
    Freundschaft geht in Schritte, manchmal langsam, manchmal schnell, bewusst oder nicht bewusst aber immer in unerwarteten Wegen. In die Kulisse ist etwas dass zwei Menschen anknüpft. Vielleicht wird das zwischen die beiden bleiben aber wir wissen das für diejenige Freundschaften die in die Geschichte geblieben sind, ein «Zusammenarbeit» entstanden ist, das für viel mehr als für zwei wertvoll war.
    Jeder hat seine eigene Talente die er mit anderen aufgebaut hat und Ich glaube dass die bewusst und sichtbar werden können in Geheime Gärten. Mann hat nur Ahnungen wie es weiter gehen könnte und meistens sind das Ahnungen die erdgefärbt sind. Aber um diese Logik zu verstehen muss es weiter als Irdisch gehen, wegen dem ist es so schwer. Ich habe das Gefühl dass eine Freundschaft, eine speziale Qualität haben könnte wenn man es nicht nur geniesst aber übt um weiter zu gehen. Es gibt kein Gebrauchsanweisung weil es mit die Talente von diesen zwei Personen zu tun hat. Es ist jedes mal einmalig, einmalig und noch nicht geboren.
    Ich bin am suchen, tasten, versuchen und habe ein Projekt mit ein Malerfreund. Wir gehen demnächst in ein Ort der ein spezialen Ort für mich ist um Schritte in diese Richtung zu machen. Was wir machen, wie wir es machen kann nicht organisiert werden und mein einzigen Ziel ist zu versuchen in jetzigen Moment zu bleiben.
    Soweit für heute und danke für deine Anregung das Wort Freundschaft etwas mehr zu verstehen !
    Herzlich,
    Josiane Simonin

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  9. Josiane, es entfaltet sich ein Netz von BEgriffen und Bedeutungen.

    Hinterlassenschaften...
    ...erdgefärbte Ahnungen
    Verknüpfungen...
    ...geheime Gärten
    Freundschaft...
    ...Entdeckungen machen
    Schritte gehen...
    ...nicht organisiert sein
    Suchen...Finden...Sehen...Tasten...
    !!!Zusammenarbeit für die Zukunft!!!

    Herzlich, Sophie

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  10. Ich habe das Bedürfnis in diesen Austausch, um die Freundschaft, ein wenig mehr trockenen Realismus mit einzubringen. Für mich ist das Geschenk der Freundschaft, ein kühlender, wohltuender Schatten, in dem ich meine Einsamkeit zu ertragen vermag.

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  11. Sehnt sich deine Einsamkeit nach Schatten? Nach kühlendem Schatten?
    Das ist ungewöhnlich.

    Trockener Realismus kann doch auch Wärme bringen - oder?

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  12. Ganz gewiss nicht, aber köstlich beruhigende Distanz.........und dann vielleicht sowas, wie Geborgenheit.

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