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Donnerstag, 17. April 2014

Ostern und der Gral. Zwischen Erinnerung und Gewissen


In den Vorträgen von Karl König, die jüngst unter dem Titel: „Paulus und der Gral. Der Weg des Gewissens“ herausgegeben wurden, findet sich im 5. Vortrag: „Der Weg der Weisheit durch die Geschichte“ ein Bild, dass das Osterfest mit bestimmten Persönlichkeiten, die in der Geistesgeschichte bekannt sind, verbindet. Die vier Ostertage, von Gründonnerstag bis Ostersonntag, werden mit Eingeweihten und Protagonisten aus dem „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach verbunden. Das Bild hat eine unmittelbar elektrisierende Wirkung auf mich.

Ich „verstehe“ es (noch) nicht, kann es also nicht „erklären“ – möchte es aber darstellen und dadurch in Bewegung bringen. Vielleicht laden die Ostertage von Gründonnerstag bis Ostersonntag dazu ein, sich in das vierfach lemniskatische Bild zu vertiefen und regen dazu an, Ahnungen, Gedanken und Erlebnisse damit auf diesem Blog zu teilen.

Karl König macht folgende Zuordnungen: Gründonnerstag – Titurel – Skythianos // Karfreitag – Trevrizent – Buddha // Ostersamstag – Anfortas – Zarathustra // Ostersonntag – Parzival – Manes. Über die jeweils letztgenannten Eingeweihten kann ich keine Aussagen machen, möchte sie aber, der Vollständigkeit halber, nennen. König schreibt über sie, „…die vier, die an jener Versammlung teilnahmen, die zur Offenbarung des Grals führte“. Innerhalb der Grals-Geschichte nehmen sie dann die genannten Namen der Gralsfamilie an.

Gründonnerstag und Titurel
Gründonnerstag ist der erste Feiertag vor Ostern, der auch der Weiße Donnerstag genannt wird, an dem still und leise geklagt wird. Er ist der Vorbote des österlichen Geschehens, das am Karfreitag zum Drama wird. Gründonnerstag ist der Tag des (unbewussten) Abschieds, an diesem Tag öffnet sich die Tür für den letzten Gang. Titurel ist der erste Gralskönig auf Erden, der den Gral hütet und beschützt. Titurel ist uralt, als Parzival ihn in der Gralsburg bei seinem ersten Aufenthalt sieht.

König schreibt: „Titurel ist der Hüter der Urweisheit, er ist derjenige, der das Grals-Schloss in 30 Jahren erbaut hat und der in diesem Schloss die gesamte Urweltweisheit der Menschheit wie in einem Schrein eingeschlossen hat. Titurel hat den Kelch vorbereitet.“ Aber Titurel darf erst dann sterben, die Erde verlassen, wenn ein würdiger Nachfolger als Hüter des Grals gefunden ist. Titurel ist also ein Wartender, der darauf angewiesen ist, dass sein Urenkel Parzival „die“ Frage stellt und somit sein Erbe antritt, das Sohn und Enkel nicht angemessen konnten.Titurel übt sich in Geduld.

Karfreitag und Trevrizent
Aber Parzival weiß nicht, wer er ist und was er zu tun hat. Am Karfreitag öffnet sich der Abgrund in zwei Richtungen. Auf der einen Seite stirbt Jesus am Kreuz. Auf der anderen Seite hat Titurel die Gralsherrschaft einst an seinen Sohn Frimutel abgegeben. Aber Frimutel ist zu früh verstorben und so musste einer von Frimutels fünf Kindern: Trevrizent, Herzeloyde, Schoysiane, Repanse de Schoye und Anfortas, die Gralsträgerschaft übernehmen. Anfortas wurde erwählt. Da er jedoch dem Minne-Gebot des Grals nicht gefolgt ist, ist er zum leidenden, siechenden, darniederliegenden König geworden, der unendliche Schmerzen erträgt und sein Gralsamt nicht ausführen kann.

Sein Bruder Trevrizent hat sich daraufhin entschlossen, Buße für ihn zu tun. Er hat sich in seine Klause zurückgezogen und lebt als Eremit im Wald. Und es ist ein Karfreitag, an dem Parzival nach viereinhalb Jahren des Umherirrens Trevrizent vor seiner Klause trifft. Trevrizent, der Wissende, „…ist derjenige, der weiß, dass die Erde zum Leib Christi geworden war; dass das Blut Christi die ganze Erde verwandelt hat“ schreibt König. Trevrizent hat sein Leben dem Gralsgeschehen geopfert und belehrt Parzival über das, was er nicht weiß. Allerdings geht er nicht davon aus, dass Parzival Anfortas noch erlösen kann.Trevrizent übt sich in Treue.

Ostersamstag und Anfortas
Am Karsamstag oder am „Stillen Samstag“, wie es in Holland heißt, bleibt das Weltgeschehen einen Augenblick lang stehen, bereit, dem Ende entgegen zu gehen. Ostersamstag ist ein Tag der Einkehr vor der Wende, dem Schnittpunkt zur Auferstehung. Der Abgrund hat sich geöffnet und scheidet die christliche Welt von der nicht-christlichen. Wie weit reicht der Glaube, wird das Wunder der Auferstehung geschehen? Anfortas leidet an seiner Verletzung, aber er kann sein Amt nicht abgeben. Er hatte sich in den Minne-Dienst Orgeluses begeben, die ihm nicht bestimmt war, auf dem Gral war noch kein Name für Anfortas erschienen.

Der Schmerz ist unendlich, die Reue groß, aber nicht rückgängig zu machen, das Leid kann nur von einem anderen erlöst werden, auch Anfortas ist ein Wartender, Hoffender. Erst Parzival kann ihn erlösen. Anfortas weiß „dass die Macht des Blutes in ihrer alten Form sterben muss, und dass Krankheit und Tod die Erfahrungen sind, welche die Möglichkeit der Erneuerung schaffen“, sagt König. Anfortas übt sich in der Reue.

Ostersonntag und Parzival
Das Wunder geschieht, die Auferstehung findet statt – Christus überwindet den Tod! - die Fastenzeit wird beendet. Der höchste christliche Feiertag beginnt mit dem Friedenskuss. Die Menschen wenden sich einander zu, der Tod ist besiegt. Das Osterlicht erleuchtet schon in den frühen Morgenstunden die Welt, in die der Frieden einzieht. Parzival hat einen langen Weg hinter sich. Zweifel, Schuld und Gram haben ihn begleitet. Aber auch die Hinweise derjenigen, denen er begegnet ist.

„Parzival ist derjenige, der weiß, dass der Stein, der aus Luzifers Krone fiel, das Ich des Menschen ist – und er versucht zu vollenden, was Paulus gewusst hat: «Nicht ich, sondern der Christus in mir»“ schreibt König. Parzival überwindet nicht den Tod, sondern den Zweifel, die Verwirrung, die Unwissenheit. Parzival erringt sich sein Selbstverständnis aus der Erfahrung seines Weges, indem er Anfortas erlöst, kommt er bei sich selber an (und Sigune darf sterben) – er ist reif für die Krone, er ist geworden, was er werden konnte. Parzival übt sich in der Liebe.

Er wird der neue Hüter des Grals. Anfortas gesundet augenblicklich und zieht mit Feirefiz (der sich taufen lässt) und Repanse de Schoye, der Gralsträgerin, in den Osten nach Indien. Trevrizent staunt still ob des unbegreiflichen Geschehens und Titurel darf endlich, endlich sterben. König schreibt über die Wirklichkeit des Grals: „…es ist etwas, das im unserem Blut pulsiert und in unserem Herzen schlägt – zumindest wenn wir es wagen, Ostern als eines der Mysterien der gesamten Menschheit zu erleben.“

In den anderen Vorträgen schildert König die inneren Zusammenhänge zwischen Paulus und Parzival, die sich u.a. darin äußern, dass der Vergangenheitsstrom mit dem Mittel der Erinnerung und der Zukunftsstrom mit dem Mittel des Gewissens in Parzival aufeinandertreffen und ihn zu einem Vorreiter des modernen Menschen machen, der im Zeitalter der Bewusstseinsseele einen Weg zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod sucht und findet. Möge sich langsam verwirklichen: „Denn sie wissen, was sie tun“. In den nächsten Tagen wird nachzuspüren sein, was sich über die Ostertage diesbezüglich erahnen lässt.

Alle Zitate entstammen dem 5. Vortrag: „Der Weg der Weisheit durch die Geschichte“, 12. April 1962, S. 94-106, in: Karl König: Paulus und der Gral. Der Weg des Gewissens. Verlag Freies Geistesleben, 2014.

Sonntag, 30. September 2012

Leerstellen und Stille. Oder: Was ist mitteilbar?


Obgleich unheimlich viel über den Lebens- (und Leidens)weg von Parzival bekannt ist, ja sogar über die Vorgeschichte seiner Eltern ausführlich berichtet wird, gibt es interessanterweise zwei eklatante Leerstellen in der Erzählung. Da wird einfach geschwiegen, kein Wort verloren – ein neues Kapitel aufgeschlagen - und der Leser erfährt nichts mehr vom Helden der Geschichte. Die Leerstellen bleiben leer und die Stille bleibt an diesen Stellen still. Aber was erzählen sie uns?

Die eine Leerstelle, die es in der großen Parzival-Erzählung gibt, sind die viereinhalb Jahre, in denen Parzival irgendwie verschwunden ist. Er sucht und flucht, ist offensichtlich verzweifelt, kämpft immer wieder und siegt an Stellen, die ihm nichts zu bedeuten scheinen. Erst kurz vor seiner Einkehr bei Trevrizent taucht er in der Erzählung wieder auf – vorher muss der Cousin Gawan herhalten und die Leser versuchen von Parzivals dunkler Gestimmtheit abzulenken. Er springt als Lückenbüßer ein.

Ich kann es mir nicht anderes erklären, als dass der Leser damit geschont werden soll. Wie müssen diese Jahre für Parzival ausgesehen haben? Wie oft hat er geweint, einsam und von dunklen Gedanken umzingelt an einem Abgrund gesessen, sich selbst verflucht oder gar bemitleidet, weil er ja dem Gral schon einmal so nahe war? Und erst recht wird ihn die Sehnsucht nach Condwiramurs geplagt haben – warum ist er überhaupt von ihr fortgeritten? Es ging ihm doch gut bei ihr…

Aber er hat weiter gemacht, immer weiter gemacht, irgendwie. So jedenfalls sieht es aus. Die beständigen Motive der Erzählung, die große Freundschaft zwischen Zweifel und Treue, kommen gerade an den Stellen zum Vorschein, in denen geschwiegen wird. An den Stellen, an denen es keine Worte gibt, die wir erahnen könnten, selbst wenn wir die Augen schließen und in uns hinein spüren. Es bleibt dort dunkel und leer.

Die andere Leerstelle der Erzählung ist die Zeit nach der Gralskrönung Parzivals, als die Familie zusammengeführt, der leidende Anfortas geheilt ist, Feirefiz seine Repanse de Schoye geheiratet hat und das Leben in der Gralsgesellschaft offensichtlich in ruhigere Bahnen geraten ist. Warum erfahren wir von dem Glück nicht mehr, warum werden die folgenden Jahre nicht beschrieben? Parzival müsste doch noch jung sein und nach den Mühen endlich das erreicht, was es für ihn nach all der Plage zu erreichen gab…

Wir hoffen und bangen mit dem Titelhelden der Geschichte - bei Wolfram in knapp 25 000 Versen (!) – und die Erzählung ist zu Ende, einfach zu Ende und der Leser wird alleine gelassen. Ist das Glück an dieser Stelle zu banal, zu langweilig um beschrieben zu werden? Verliert das Errungene seine Strahlkraft? Hört mit dem Erreichen eines Ziels alles auf, gibt es dann nichts mehr zu erleben, zu erfahren, zu erzählen?

Ich nehme an, dass es zwei Gründe für diese Leerstellen, die eine ein Flop, die andere ein Hop gibt: sowohl die Depression, das innere Schlachtfeld als auch die glückliche Banalität, die Alltäglichkeit des Lebens sind für die Leser und damit die Mitmenschen einfach zu groß. Kann man an den wirklich dunklen Phasen eines Menschenlebens und an den echt hellen Zeiten richtig Anteil nehmen, empathisch sein, halten wir das überhaupt voneinander aus?

Was uns (und auch die literarischen Figuren) durchs Leben führt sind die Unsicherheiten und die Fragen, nicht die Sicherheiten und die Antworten. Es sind gerade die dunklen oder hellen Momente, über die nicht gesprochen werden kann. Interessant wird das Leben an der Stelle, an der die Sprache versiegt und die Erzählung schweigt.

Samstag, 14. Januar 2012

Parzival und ich. Immer unterwegs

Ich wollte nicht, habe mich gegen das Sprechen entschieden. Es waren zwölf Stunden, die mir zur Verfügung gestanden hätten, um einen Vortrag vorzubereiten. Und ich wusste, dass die Zeit nicht ausreichen würde, um meinen eigenen Ansprüchen zu genügen. Denn ich wollte nicht auf Altes zurückgreifen, keine Fakten berichten, sondern mindestens die Brücke nach innen galant und graziös darstellen, um dann den Weg nach außen wieder aufzunehmen… Ich wusste, dass ich die Sternschnuppen auf dem Weg so schnell nicht würde zeigen können und sagte deshalb auf der Stelle Nein.

Gleichzeitig wusste ich aber, dass ich gerade diese Zeit nutzen würde. Und deshalb sitze ich jetzt hier und schreibe statt zu sprechen. Der Vortrag hätte von Parzivals Weg handeln sollen. Mal wieder. Höhepunkt hätte seine Frage an den kranken Onkel sein sollen. Wie geht Parzival seinen Weg und wie findet er seine Frage? Was geschieht, damit er für seine Mitmenschen wach wird? Irgendwie kann ich heute nicht anders als zu sagen, dass der auserkorene mittelalterliche Held genauso ein armer Wicht war wie wir, die wir tagtäglich durch unser Leben stolpern und, wenn es gut geht, hie und da irgendwie das Gefühl haben, ja, heute war ein halbwegs guter Tag.

Aus der Position des nachträglichen Betrachtens sieht der Schicksalsweg Parzivals stimmig aus, zwar abenteuerlich, waghalsig und ungeheuerlich, aber dennoch am Ende irgendwie rund und doch gesellschaftsfähig. Ohne Licht kein Schatten eben. Die Abgründe, die fehlenden Brücken, das öde Land, der unübersichtliche Wald und schon gar die Undurchsichtigkeit der Gesetzmäßigkeiten hinter den Dingen, bekommen im Nachhinein einen sanften Glanz, schließlich hat es der gute Parzival am Ende ja doch noch geschafft.

Ja was eigentlich, was musste er schaffen? Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn „man“ sich auf die Geschichte einlässt. Wenn „man“ mitmacht, mitgeht, mitspielt – wenn „man“ ein Risiko eingeht, sich zur Verfügung stellt, sich zeigt, wenn „man“ ICH zu sich sagt.

Parzivals Aufgabe, seine Chance oder Herausforderung wird gemeinhin damit beschrieben, dass er ein eigenständiges Leben innerhalb seines Schicksalsnetzwerkes zu führen hatte. Das war neu. Zunächst sollte er das stellvertretend tun. (Bloß für die gesamte Menschheit…) Und das ist einfacher gesagt als getan. Der tumbe Sohn von Herzeloyde und Gachmuret gilt als erster Repräsentant der Bewusstseinseelenkultur. Und mit dieser Chance sind wir nun seit 800 Jahren beschäftigt. Von außen bedarf es nur weniger Worte. Der Plot lässt sich schnell erzählen (das mache ich jetzt aber nicht) – er kann sicher auch gegoogelt werden.

Um was es aber innerlich geht, kann jeder Einzelne versuchen wahrzunehmen und zu erzählen. Wenn ich in mich hinein fühle, dann spüre ich eine Enge und manchmal auch eine Weite, viel Unruhe und hie und da auch eine Gelassenheit, den Gegensatz zwischen Transparenz und Vertrauen, das Spiel zwischen Nähe und Distanz, Abweisung und Zustimmung.

Wenn ich mir Gedanken mache, dann wird es manchmal dunkel, denn dann ist nicht alles immer so klar und rein und fein wie es vielleicht sein „sollte“, manchmal ertrage ich das gedankliche Scheinwerferlicht aber auch ganz gut und präsentiere mich mit meinen Ecken und Kanten, meinem Unwissen und meinen Unfähigkeiten, meinem Glanz und meinem einfachen Dasein. (Ja, meinen Doppelgänger habe ich schon kennen gelernt.)

Was aber besonders undurchsichtig ist, ist das, was meine Hände und Füße getan haben oder tun. Welche Wege bin ich gelaufen, wohin hat es mich verschlagen, welche Orte sind mir verwehrt geblieben und wohin tragen mich meine Füße tagtäglich? Meine Fingerspitzen – zum Beispiel – haben eine Nähe zur Computertastatur und es sind immer meine Daumen, die die Leertaste drücken um Zwischenräume zwischen Worten und Menschen und Gedanken und Taten durchzudrücken – darum sind sie auch manchmal verletzt.

Das Leben ist voller Fragen und Antworten, Rätsel und Geheimnisse, Träume und Taten. Tage und Nächte wechseln einander ab. Oft sind wir allein unterwegs, ich jedenfalls, aber manchmal gibt es auch Kreuzungspunkte, Zu-fälle, goldene Begegnungs-Momente im Morast des Alltags, der sich breit macht, wenn ich zu schläfrig werde und meine Geistesgegenwart aufs Spiel setze. Innere und äußere Bewegung tut not – ist not-wendent und eröffnet neue Perspektiven, horizontal und vertikal.

Parzival-in-mir ist weiter auf dem Weg. Entschuldigung, auf der Suche natürlich, er muss ja DIE Frage finden. Es gibt einen Gurnemanz in meinem Leben und eine Condwiramurs, eine Herzeloyde und einen Gawan – Feirefiz bin ich noch nicht begegnet, dafür ist Sigune in meinem Leben bereits bedeutend öfters aufgetreten als bei Parzival. Alle sinnstiftenden Gedanken, Wünsche und Vorhaben nützen nichts, wenn ihre Quelle nicht durch einen Entschluss getragen wird – der Weg entsteht unter unseren Füßen, wenn wir ihn gehen.

Sonntag, 11. September 2011

Und wieder Parzival. Na und?

Die Frage, ob Parzival für die Deutschen steht, ist müßig. Nachdem die Geschichte von Perceval durch den altfranzösischen Dichter Chrestien de Troyes an Wolfram von Eschenbach gelangt war, wurde sie in mittelhochdeutscher Sprache niedergeschrieben. Die deutsche Kultur ist auch heute noch stolz auf das große epische Werk und präsentiert es gerne. Es ist kein ausgesprochen „deutscher Weg“ den Parzival geht, nein, es ist ein mitteleuropäischer – würde ich sagen. Als ich die Geschichte mit 17 Jahren zu ersten Mal las, spürte ich eine Zuneigung zu dem Netzwerk um Parzival, zu dem Geschehen als solchem und vor allen Dingen zu den besonderen Namen all der verschiedenen Figuren.

Lange Zeit stand für mich der Umstand, dass Parzival immer wieder eine neue Chance bekommt, obwohl er sich so oft etwas zuschulden kommen lässt, im Vordergrund. Sein Lebensweg ließ sich durch die Geschichte verfolgen, seine Fehltritte beklagen und am Ende die Gralskrönung mitfeiern. Parzival wurde, obwohl im Mittelalter geschrieben, der Inbegriff einer modernen Biographie in der Neuzeit, zu der das Dunkle, das Böse, das Falsche und das Unmoralische dazugehören.

Wenn man die Erzählung in Krisenzeiten zu Rate zieht, kann sie Hoffnung, Einsicht und Durchhaltevermögen schenken. Denn, unwiderlegbar, Parzival hat es – am Ende! – doch noch geschafft. Wenn es stimmt, dass seine Biographie exemplarischen Charakter hat, dann frage ich mich manchmal, an welcher Stelle ich mich gerade befinde. Habe ich etwas „falsch“ gemacht, geht es „wieder“ abwärts? Oder habe ich etwas verstanden und es geht einen kleinen Schritt aufwärts? (Auch interessant wäre es, die deutsche Geschichte auf das Parzival-Geschehen zu übertragen. An welcher Stelle könnte man den Holocaust ansiedeln? Und, gelingt so ein Weg tatsächlich „immer“ – führt er „immer“ zur Versöhnung?)

Heute stehen für mich in Bezug auf die exoterische Parzival-Geschichte nicht mehr so sehr Fehler und Wiedergutmachungen im Vordergrund, sondern die „Möglichkeit“, die sich auf esoterischer Ebene anbietet, und die mich durch ihr Angebot fasziniert:

Parzival beschreitet – exemplarisch – seinen Lebensweg, der ein Einweihungsweg ist. Das Ziel diese Weges ist: individuelle Freiheit und geistige Autonomie zu erringen. Geistesgeschichtlich betrachtet ist es der erste Gralshüter „Titurel“, der der Träger dieses Impulses für die Menschheitsentwicklung ist, und sie vom alten Priesterkönig Melchisedek übernommen hat, und der sein hohes Amt nun, am Übergang von den alten zu den neuen Einweihungen, an „einen“ Schüler weitergibt, der sich Parzival nennt. Parzival wird Träger seiner Fackel.

Ich erinnere an die Erzählung: Parzival kommt nach seinem langen Weg ein zweites Mal in die Gralsburg. Diesmal wird er von Kundry, der Gralsbotin, geführt. Auch Feirefiz, sein heidnischer Bruder ist dabei (was schon an sich eine unglaubliche Erneuerung ist!). Auf esoterischer Ebene wird beschrieben: Als Parzival dem alten Greis Titurel gegenübersteht, verschwindet für ihn die ganze Welt. Stattdessen wächst ein pflanzenartiges Gebilde, einem Baum ähnlich, immer größer und schneller heran. Es ist der Lebensbaum, der schließlich den ganzen Raum erfüllt. Im Vordergrund erscheint eine Lilie, eine weiße Lilie, die einen übelriechenden Geruch verströmt.

Für Parzival ertönt die Stimme von Blanchefeur: „Das bist du!“

Die Lilie stellte alle Eigenschaften dar, die Parzival mit Hilfe der Götter aus seiner Seele vertrieben hatte, die aber noch nicht gänzlich verschwunden waren, die innerlich noch nicht verarbeitet und transformiert worden sind. Leidenschaften und Schmerzen sind unmittelbar erlebbar. Das ist ein schockierendes Erlebnis für Parzival. Nach dieser Erkenntnis verschwindet alles. Finsternis umgibt ihn. In der Dunkelheit entsteht etwas Neues: eine rote Rose erscheint an einem schwarzen Kreuz.

Und die Stimme von Flos ertönt: „Das werde du!“

Parzival sieht das tödliche schwarze Kreuz. Er sieht die spitzen Dornen. Und er riecht den wunderbaren Duft. Er versteht: Er muss noch einmal beginnen. Ohne die Hilfe der Götter. Er muss sein niederes Ich an das schwarze Kreuz schlagen und Christus in seinem Sterben am Kreuz folgen. Erst dann kann er individuelle Freiheit und geistige Autonomie erringen.

Gerade an der Stelle, an der die exoterische Geschichte mit der Gralskrönung des „tumben Toren“ endet, beginnt der esoterische Weg. Ist die Menschheit (die mitteleuropäische?) auf ihrem irdischen Weg, durch Fehler, Schuld, Mord und Unmoral, nun am Tor der geistigen Einweihung angelangt, um von einer weißen Lilie zu einer roten Rose zu werden?

Die vielfältigen Lebensbeziehungen laden zu dieser Transformation ein. Es heißt, dass es heute keine geheimen Einweihungsorte mehr gibt, sondern sich jeder Bahnhof dafür zur Verfügung stellt. Jeder kleine Blumenladen an der Ecke hat Lilien und Rosen. Und die menschlichen Bezüge bieten das Material für die Transformation: die verwandtschaftlichen Verbindungen, die jeder von uns hat, die freundschaftlichen, die funktionalen, die gesellschaftlichen, legalen, illegalen und geistigen. Jeder von uns kennt freie und unfreie menschliche Verbindungen, gewollte und ungewollte, glückliche und unglückliche – bewusste und unbewusste. Das mehrdimensionale Netz von menschlichen Bezügen ist das Einweihungsmaterial für jeden Parzival von uns.

Die Hoffnung, dabei zur Rose zu werden, ist ein schönes Ziel.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Schicksal: Wissen, was man wirklich, wirklich will - und kann

Ein Frauenschicksal in Paris um 1900.
Camille Claudel wusste, was sie wollte. Vom ersten Moment an. Sie wurde als Bildhauerin geboren. Sie entdeckte den Ton und die Steine schon in ihrer frühen Kindheit. Es scheint, als ob sie an ihrer Berufung nie gezweifelt hätte. Schwierigkeiten hatte sie „lediglich“ mit ihrer Zeit. Mit ihrer Familie – vornehmlich ihrer Mutter – und dem großen Meister in Paris, mit dem sie sowohl fachlich als auch menschlich eine intensive Nähe verband, die jedoch tragisch zerbrochen ist. Camille Claudel konnte ihrer Berufung nur einige Jahre nachgehen. Die letzten zweiunddreißig (!) Jahre ihres Lebens war sie in einer „Anstalt“ eingesperrt und hat nie wieder Ton berührt.

Welche Umstände haben sie in dieses Schicksal geführt – und wohin führt sie ihr Schicksal beim nächsten Mal?

Ein Männerschicksal in Florenz und Rom um 1500.
Michelangelo war ein ähnliches und doch konträres Schicksal beschieden. Auch er ein (der!) berufene(r) Bildhauer und Maler vom ersten Moment an. Auch er musste gegen den Willen seiner Familie anarbeiten, vornehmlich gegen den Vater, aber es ist ihm gelungen, er hat sich durchgesetzt. Seine Ziele standen ihm immer klar vor Augen. Und dafür ist er eingetreten. Auch wenn er – schon als Meister – in die Zwänge von Päpsten geriet, immerhin hat er gearbeitet. Steine behauen - erschaffen. Ein unglaubliches Werk hinterlassen. Seine Skulpturen und Fresken überstrahlen heute die menschliche Einsamkeit dieses großen Mannes.

Was ist dieser Inkarnation vorausgegangen, dass sie so verlaufen ist und welche Umstände, Fähigkeiten und Willensintentionen mögen ihr folgen?

Wenn man diese beiden Biographien durch ihr jeweiliges Leben verfolgt, wird schnell deutlich, wie viel Wille (und Können!) darin liegt. Gerichteter Wille. Beide mussten sich mit zeitlichen, menschlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten zurechtfinden – und das ist ihnen sehr unterschiedlich gelungen – aber der Wille war eindeutig und unumstößlich und so konnten ihre Gaben erblühen und irdisch ankommen. Sie waren beide Künstler. Und sie wussten, was sie konnten, was sie wollten. Oder: was sie sollten. Jedenfalls sieht das im Nachhinein und aus der Ferne so aus.

Nicht jeder Mensch wird mit so einem zielgerichteten Willen und einem daraus entstehenden Können geboren. Nein, ganz im Gegenteil. Welche Heerscharen von Menschen gibt es, die nicht so genau wissen, wozu sie hier sind, was ihr Auftrag, ihr Beitrag ist. Welcher Keim in ihnen schlummert, welche Saat aufgehen möchte. Ganz abgesehen davon zu wissen, was die Saat überhaupt braucht um aufzugehen.

Diesbezüglich scheint mir der Spannungspunkt zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft zu liegen. Zwischen mir und dir. Zwischen dem Individuum und dem Schicksalsnetzwerk, das ihn umgibt. Weiß ich selber, was ich will? Schaut meine Umgebung darauf, was ich kann? Beide Seiten haben Möglichkeiten Beiträge zu geben, dass der Einzelne zu dem erwacht, was in ihm schlummert und das auch handhabbar zu machen. Möglichkeiten zu bieten. Gegenseitige Unterstützung darzureichen. Einander einzuladen hervorzukommen, sich zu zeigen und dann anzukommen.

Über die berühmte Parzival-Frage: „Oheim, was wirret dir?“ habe ich schon öfters geschrieben. Die Wichtigkeit dieser Frage bleibt, sie ist der Ausgangspunkt meiner Anteilnahme am Anderen. Und ich glaube weiterhin, dass diese Frage von konstitutioneller Bedeutung für das soziale zwischenmenschliche Leben ist. Sie birgt ein großes Potential. Es gibt aber in der Parzival-Erzählung noch eine weitere Frage, die die dazugehörige Gegenseite zu der Frage an den anderen darstellt.

In seinem letzten Kampf begegnet der verzweifelte Parzival seinem Bruder Feirefiz – zunächst ohne dass sie sich erkennen. Denn sie wissen nichts voneinander. Sie kämpfen hart miteinander und so lange, bis Parzivals Schwert zerbricht. Und an Stelle dessen, dass Feirefiz nun Parzival besiegt, stellt er ihm eine Frage: „Wer bist du?“

Diese einfache Frage hat eine große Bedeutung und stellt die Gegenseite zur Frage an den Anderen dar. Parzival beginnt sich zu besinnen und etwas von sich preiszugeben. Er schaut auf sich selbst. Taucht in sich ein und eröffnet dem Anderen, seinem Bruder, einen Blick in sein Inneres. Im Mittelalter bezog sich die Antwort auf den Stand, die Herkunft etc. Ich glaube aber, dass die Möglichkeit, die in dieser Frage steckt, viel mit unserer Zeit und dem Wissen, was man wirklich, wirklich will zu tun hat. Eine Suche beginnt erst dann, wenn man den Ausgangpunkt kennt.

Denn erst nach dieser Begegnung mit Feirefiz und dem langen, langen und verzweifelten Weg dorthin, kann Parzival wider Erwarten durch Kundrie zum Gralskönig berufen werden. Was er gelernt hat ist: auf sich selber UND auf den Anderen zu schauen – Anteil zu nehmen.

Den eigenen Willen und das daraus entstehende Können zu entdecken und damit auf eine Reise zu gehen, hat mit mir selber und dem Schicksalsnetzwerk zu tun, in dem ich mich befinde. Wenn wir beginnen miteinander zu sprechen, einander davon zu erzählen, wer wir selber sind und den anderen zu fragen, womit er ringt, werden viele neue Räume geschaffen, wird die Saat gelegt, dass Blumen erblühen können.

Nicht jeder von uns ist stark wir Michelangelo oder verzweifelt wie Camille Claudel (und nicht jeder ein Bildhauer) – in jedem von uns steckt aber der Keim einer Blüte, die erblühen kann, wenn wir einander anschauen und uns anschauen lassen. Wie würde sich die Welt verändern, wenn jeder wüsste, was er wirklich, wirklich will. Und das dann auch tut.

Montag, 5. Oktober 2009

Parzival im Netz. Oder: Ich und die Anderen

Wenn die Parzival-Geschichte verfilmt würde (was hoffentlich niemals geschieht!) dann würden die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen sicherlich von den Ritten Parzivals auf seinem Pferd geprägt sein. Parzival reitet von Station zu Station durch die Zeit – er lässt sich von seinem Pferd führen, denn er lenkt es nicht. Wolfram von Eschenbach betont immer wieder, wie weit, wie schnell und wie gut Parzival reitet. Der Held auf dem Pferd – das ist das verbindende Element zwischen den verschiedenen Ereignissen auf horizontaler Ebene. Parzival reitet mit wehender Mähne seiner Zukunft entgegen.

Auf vertikaler Ebene werden die Ereignisse von anderen Elementen geprägt – nicht von Pferden, die auf der physischen Ebene die Transportmittel von Event zu Event darstellen, sondern durch Begegnungen mit verschiedenen Schicksalsgenossen. Diese Begegnungen lassen sich natürlich auch in eine zeitliche Kategorie hineinstellen, da sie nacheinander geschehen, sie haben aber weniger mit einem chronologischen Ablauf im Zeitstrom, als mit Höhen und Tiefen in der inneren Entwicklung des Helden zu tun.

Den Schnittpunkt zwischen den horizontalen Ereignissen und den vertikalen bildet die Mitte Parzivals, seine Seele. Gerade diese Ebene, die des sozialen Miteinanders, hat der „Held“ zwischen dem geistigen Strom (er ist durch seine Mutter ein Angehöriger der Gralsgesellschaft) und dem physischen (er ist, wie sein Vater, ein Artusritter) die ihm beide mitgegeben sind, auszubilden.

Was wäre Parzival ohne seine Mitmenschen – ohne das Leid, das ihm zugefügt wurde, ohne die Kränkungen, die Schmerzen, die Sünden, Fehler und Versäumnisse? Aber auch ohne die Hilfe, den Glauben an ihn, die Liebe, die Sühne, die Begegnung mit ihm? Das „Glück“ seiner Entwicklung ist ja, dass er nie weiß, was kommt, dass aber immer etwas kommt. Und das er auch gar nicht weiß, was er „will“ – die Zukunft ist ihm verschlossen, er hat keine Vorstellung davon –aber er ist mit wehender Mähne unterwegs.

Wenn man die Geschehnisse zurückverfolgt – also die ganze Entwicklung überblickt – dann fallen bestimmte Figuren auf, die eine besondere Bedeutung für das innere Leben des Helden haben. Erst im Laufe der Geschehnisse wird das Netz sichtbar, in dem sich Parzival bewegt. Zunächst hat er ja keinen anderen Ansprechpartner als seine Mutter. Damit etwas passiert, etwas in Bewegung kommt, braucht es andere Faktoren, neue Herausforderungen, Fragen und Gegebenheiten – Figuren stellen sich ihm in den Weg.

Je nach Blickwinkel, bekommen die verschiedenen Figuren Zuordnungen, die sichtbar machen, was Parzival ihnen verdankt, was er an oder mit ihnen lernt, wie er seinen Weg durch sie geht – und auch, was sie in ihm herausfordern. Mit diesem Blickwinkel fallen folgende Figuren in ihrer Rolle für Parzival auf:

Ermöglichungsfiguren: Herzeloyde und Gahmuret. Der Held braucht Eltern. Ohne sie kann er nicht auf der Erde leben. Seinem Vater begegnet Parzival nie. Denn der will dem mächtigsten Herrn auf Erden dienen und zieht in den Orient – um dort zu sterben, bevor Parzival geboren wird. Aber er hinterlässt seinem Sohn ein Erbe: den Mut zum Aufbruch, zur Suche nach sich selbst. Herzeloyde, als ängstliche, alleinerziehende Mutter versucht den Knaben vor der Welt zu schützen, damit er nicht so werde wie sein Vater: tot und ein Held. Aber gerade die Welt sucht Parzival – und so zieht er davon.

Leit- und Opferfiguren: Titurel, Jeschute und Ither. Titurel ist der erste Gralskönig auf Erden. Er hat sein Amt an seinen Sohn Frimutel abgegeben, der jedoch bald verstorben ist. Nun ist Anfortas der leidende Gralskönig. Um zu sterben, muss der greise Titurel warten, bis ein würdiger Nachfolger das Amt übernimmt. Titurel „leitet“ Parzival. Damit aber Parzival „ausgebildet“ wird, etwas lernt, muss er etwas tun, sich in das Leben hineinstellen. Und so führen die missachteten Bedürfnisse des aufbegehrenden Parzivals zu Taten, die er später sehr bereut. Ein Überfall auf eine begehrliche Frau, ein Totschlag für die rote Rüstung. Jeschute und Ither „opfern“ sich, um Parzival Erfahrungen zu ermöglichen, die Vorboten für spätere Herausforderungen sind und wegweisend für ihn werden.

Lehrerfiguren: Gurnemanz und Trevrizent. Zwei weise Männer bieten dem Ungestümen und Verzweifelten an, ihm ihr Wissen weiterzugeben. Die Lehre Gurnemanz‘ bleibt äußerlich, Parzival kann sie noch nicht individualisieren. Anders ist das am Ende der Geschichte beim Karfreitagsgespräch mit Trevrizent. Parzival hört die Schuld, kennt seine Sünden und geht über seinen Lehrer hinaus, der keinen anderen Weg als die Buße sieht. Parzival macht sich die Lehren zu Eigen, führt sie fort und überwindet die althergebrachten Ge- und Verbote.

Signalfiguren: Sigune und Kundrie. Dreimal begegnet Parzival Sigune im Wald um die Gralsburg. Das erste Mal sitzt sie mit ihrem toten Geliebten unter einer Linde, das zweite Mal in der Baumkrone und das dritte Mal hat sie sich in einer Klause einmauern lassen. Jedes Mal gibt sie wichtige Informationen weiter (wie zum Beispiel seinen Namen!), die Parzival eigentlich zur Verfügung stehen müssten. Und als Kundrie Parzival vor dem Artushof verflucht, und später seine Gralsberufung kund tut, spricht sie das aus, was sich in seinem Gewissen regt.

Helfer- und Orientierungsfigur: Iwanet und Artus. Iwanet ist ein Knappe von Artus. Er hilft dem unbeholfenen Parzival die Rüstung Ithers anzulegen und somit eine neue (äußere) Identität anzunehmen. Im Laufe der Geschehnisse hat er immer wieder mit der Kleidungsänderung des Handlungsträgers zu tun. Artus ist König und Kraft seines Amtes befähigt, Urteile zu fällen. Gerade das macht er aber in Bezug auf Parzival nicht. Er ist sowohl beim Totschlag Ithers dabei, als auch bei der Verfluchung Kundries. Artus präsentiert sich auf der physischen Ebene als „Orientierungspunkt“ für Parzival – auf der Gegenseite zum Gralskönig Anfortas, der die geistige Ebene repräsentiert.

Träger- und Gegnerfiguren: Condwiramurs und Lähelin. Condwiramurs ist die einzige Figur, die Parzival nie in Frage stellt. Auch sie eine alleinerziehende Mutter - wie Herzeloyde - jedoch voller Vertrauen, Anerkennung und Wertschätzung dem Helden gegenüber. Sie gibt, was sie geben kann und nimmt, was sie bekommt. Anders ist das mit Lähelin. Er hat es auf die Ländereien des Protagonisten abgesehen. Da er sich aber „nur“ auf der physischen Ebene bewegt, und Seele und Geist nicht erreichen kann, ist er eine marginale Bedrohung.

Freund- und Bruderfigur: Gawan und Feirefiz. Gawan wird wie ein lichter Spiegel des Helden präsentiert. Er taucht meistens dort auf, wo Parzival nicht ist. Physisch ist er ihm selten nah, seelisch aber umso mehr. Als Parzival in bitterster Bedrängnis in die „Blutstropfenszene“ gerät, ist er derjenige, der ihn „erkennt“ da er wie sein Bruder ist. Sein „echter“ Bruder, Feirefiz, wird zum Maß der Integrität, als die beiden miteinander kämpfen und sich, kurz vor einer Katastrophe, über den gemeinsamen Vater gegenseitig annehmen. Gawan und Feirefiz, zwei Brüder, einer seelisch und der andere physisch.

Erkenntnisfigur oder Zielfigur oder Aufwachfigur oder Alles-in-allem-Figur: Anfortas. Anfortas stellt sich für den Schmerz zur Verfügung. Selber die Gralsregeln verfehlt, ist er darauf angewiesen, dass Parzival die eigene Verwundung, die Verfehlung am Anderen, das Dunkle in der Welt erkennt und anerkennt. Dadurch kann er geheilt werden. Eine physische Wunde wird durch seelische Anteilnahme und geistige Erkenntnis der Zusammenhänge geheilt. Auf die Heilung Anfortas‘ ist der Weg Parzivals ausgerichtet. Hier findet das mitmenschliche, soziale Wunder statt.

Und das mitmenschliche, soziale Wunder kann sich nur zwischen den Figuren ereignen - der eine braucht den anderen. Parzival wäre nicht Parzival, wenn er nicht sein Schicksalsnetzwerk - mit jeder einzelnen Figur! - um sich hätte, um daran zu wachsen.

Das Netz in Parzival.
Oder: Die Anderen und Ich.

Montag, 31. August 2009

Suchen, gehen und finden. Über Parzival und Picasso

Wenn man auf die Geschichte von Parzival schaut, auf seinen langen Weg, den er vom Fortgang von seiner Mutter bis zur Erlangung der Gralskönigsschaft beschreitet, dann kann man eine Perspektive einnehmen, die das Suchen und Finden Parzivals in den Blick nimmt. Was ist es aber eigentlich, was er sucht? Und was findet er tatsächlich?

Das Verb „suchen“ bedeutet ursprünglich, „nachspüren, wittern, ahnen“ und wird im weitesten Sinne von „sich bemühen, etwas Verstecktes oder Verlorenes zu finden“ gebraucht. „Suchen“ beinhaltet also, sich (vorsichtig) zu bewegen. Von einem Ort zu einem anderen, von einer Tatsache zu einer nächsten oder eben von einer Ahnung zu einer weiteren – und das alles mit dem Gespür für das Unbekannte, Neue, Fremde, noch nicht Erreichte. Der Suchende „erstrebt“, „trachtet“, „ahnt“ oder „spürt“ etwas, nach dem er sucht (und das er finden will), er beginnt etwas, öffnet sich, er ist im Kommen.

Das Verb „finden“ bezeichnet den Endpunkt einer Suche – ob sie nun bewusst oder unbewusst vollzogen wurde. Etymologisch kommt das Wort von „auf etwas treten, antreffen, auf etwas kommen“. Die indogermanische Wurzel des Wortes verweist auf „treten“ und „gehen“. Somit gehört auch zum Finden die Bewegung – ob gedanklich oder physisch. Sie muss stattgefunden haben, sonst lässt sich nichts finden. Jemand, der etwas „findet“ ist im Ankommen, er hat sich oder etwas „gefunden“ – innerlich oder äußerlich – er nimmt einen Platz ein, kommt an.

Parzival ist im Laufe seiner Kindheit in der Einöde Soltane, von seiner Mutter Herzeloyde von der Welt abgeschirmt, in eine innere Unruhe geraten. Er lebt in der Natur und ist lediglich mit den Spuren der Tiere vertraut. Ihre Sprache kann er lesen. Mit den unterschiedlichen Menschen, mit Kultur und Gesellschaft ist er nicht bekannt. Er ahnt aber, dass es noch etwas anderes als das abgeschirmte Leben geben müsse. In ihm regt sich die Sehnsucht nach etwas Unbekanntem, Neuen. Er macht sich auf den Weg.

Er trifft auf drei Ritter in ihrer goldenen Rüstung – und er hält sie für Götter. Obwohl er nicht weiß, was er weiß, weiß er plötzlich ganz genau, dass er auf der Suche ist – bislang innerlich und nun auch äußerlich. Parzival verlässt seine Mutter und macht sich auf den Weg, er sucht König Artus – denn das hatten ihm die Ritter gesagt – wenn er so einer werden wolle wie sie, dann müsse er König Artus suchen und finden.

König Artus „findet“ er relativ schnell und er ergattert auch – wenn auch auf unlautere Weise – eine Rüstung. Ist er nun angekommen? Nein. Nun beginnt erst seine eigentliche Suche. Die Suche nach seinem Leben. Seiner Bestimmung. Die Suche nach Sinn. Er „ahnt“, dass es da etwas zu finden gibt. Aber er weiß nicht, was er sucht. Er lässt sich von seinem Pferd leiten. Die Zügel sind locker und das Pferd wählt den Weg – es führt ihn seinem Schicksal entgegen.

Im Laufe des Fortgangs der Geschichte trifft Parzival auf allerhand Figuren und Gestalten, auf Bezugspunkte, von denen er vorher nicht die leiseste Ahnung hatte. Sein Schicksalsnetzwerk wird sichtbar. Er begegnet, neben weiteren Figuren, seiner Cousine Sigune, die ihm wichtige Informationen über ihn selbst gibt, Gurnemanz, der sich ihm als Lehrer anbietet, Trevrizent, seinen Onkel, der ihn in die Gralsgesellschaft einführt, er begegnet Condwir amurs, die ihn die Liebe lehrt, Artus, der ihm zum Gewissen wird, er findet Freunde - Gawan -, er trifft seinen Bruder - Feirefiz - und erlebt manche Aventuire – manches Abenteuer, das aus der Zukunft auf ihn zukommt.

Einmal macht er sich bewusst auf den Weg. Nachdem er Condwir amurs in Pelapeire geheiratet hat, will er seine Mutter suchen, denn er will sie be-suchen und reitet fort. Was er aber findet, das ist der Gral. Er gerät nach Munsalvaesche auf die Gralsburg, die sich nur un-ge-sucht finden lässt. (Seinem gescheckten Bruder Feirefiz aus dem Morgenland geht es übrigens ähnlich: er reitet fort um seinen Vater zu suchen. Was er findet, das ist Parzival – sein Bruder.) Nachdem Parzival später verstanden hat, was er bei seinem ersten Be-such auf der Gralsburg versäumt hat, will er den Weg wieder-finden. Er „sucht“ den Gral – der sich nicht finden lässt.

An dieser Stelle des mittelalterlichen Epos wird deutlich, wie eng die Begriffe suchen und finden miteinander verknüpft sind und gleichzeitig, wie sehr sie voneinander entfernt sind.

Parzival macht beides, er gibt seine Suche auf und führt sie gleichzeitig fort – er „ahnt“, „spürt“, „wittert“ und geht so lange weiter, bis er „auf etwas tritt“. Seine Suche nimmt (vorerst) ein Ende als er endlich die Gelegenheit hat, seinen Onkel mit der berühmten Frage zu heilen – und damit seine eigene Unterlassungssünde zu sühnen.
Er sucht, er-sucht, ver-sucht, be-sucht, unter-sucht und findet, be-findet, emp-findet und er-findet – bis er bei sich selber ankommt.

Das Epos Parzival ist eine Geschichte des Suchens und Findens - des Irrens und Wirrens - und Pablo Picasso drückt in seinen Worten aus, um welchen Mut es geht, den man braucht um seinen Lebensweg zu gehen, in dem man ihn sucht und findet und wieder sucht und wiederfindet.

Ich suche nicht - ich finde.

Ich suche nicht - ich finde.
Suchen, das ist Ausgehen von alten Beständen
und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.
Finden, das ist das völlig Neue.
Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt.
Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer.
Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen,
die im Ungeborgenen sich geborgen wissen,
die in der Ungewißheit, der Führerlosigkeit geführt werden,
die sich vom Ziel ziehen lassen
und nicht selbst das Ziel bestimmen.
Pablo Picasso

Mittwoch, 17. Juni 2009

Literarische Brüche. Kollektiv und Individuum

Das Mittelalter hat im deutschen Sprachraum einige große Erzählungen hervorgebracht, die heute noch Beachtung finden, denn – und das ist bis heute so – etwas zu erzählen bedeutet immer Sinn zu stiften. Zwei leuchtende Werke, die beide um etwa 1200 niedergeschrieben wurden, sind zum einen das Nibelungenlied und zum anderen Parzival. Das, was in diesen großen Geschichten erzählt wird transportiert einen Sinn, der heute noch von Bedeutung ist. In beiden Werken geht es um die Handhabung von menschlichen Konflikten – die Beschreibung des Umgangs damit zeichnet sich jedoch durch gravierende Unterschiede aus.

Wolfram von Eschenbach hat mit seiner Parzival-Erzählung ein Werk hinterlassen, das sowohl vom Inhalt als auch durch seine Form auffällt – und aus der Tradition herausfällt. Formal kann das an einem kleinen Vergleich mit dem Nibelungenlied gezeigt werden und inhaltlich an der Darstellungsstruktur in der Erzählung selber.

Das Nibelungenlied lässt sich in zwei Teile gliedern, die sich um zwei Stoffkreise zentrieren. Der eine Teil kreist um Siegfried und dessen Ermordung sowie deren Voraussetzungen und Folgen und der andere um Kriemhilds Rache mitsamt dem Tod unzähliger Beteiligter. Zusammengehalten werden diese beiden Teile durch einige Figuren, vor allem Kriemhild und Siegfried sowie Brünhild und Hagen.

Auffällig ist, dass sich das Geschehen auf Kollektivebene bewegt. Hier treffen Gruppen, Sippen, ja Völker aufeinander. Die einzelnen Figuren sind durch kollektive Vorgaben – Herkunft, Status, Handlungskontext und gesellschaftliche Normen – und nur marginal durch individuelle Auszeichnungen bestimmt.

Und so passt der Umstand, dass der Autor des Nibelungenliedes unbekannt ist, gerade auf dieser Ebene zum Inhalt des Geschehens. In Fachkreisen spricht man sogar von einer „Nibelungenwerkstatt“ die die Erzählung übermittelt hätte. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das aus dem Mittelalter übertragene Nibelungenlied vom Untergang einer ganzen Sippe handelt.

Das Parzival-Epos besteht aus sechzehn Büchern, die sich alle - offensichtlich und versteckt - um den Entwicklungs- und Entfaltungsweg des Protagonisten drehen. Die Erzählung beginnt mit der Geburt Parzivals und endet an der Stelle, als er nach seinem langen Weg Gralskönig wird. Alle Figuren in seinem Schicksalsnetzwerk werden mittel- und unmittelbar perspektivisch gezeichnet. Der Autor zeigt in der Erzählung die einsamen und verschlungenen Wege eines Individuums, das Fehler macht, Einsicht erhält und unerwartete Chancen bekommt.

Im Gegensatz zum Nibelungenlied wird im Parzival also ein konkreter Autor genannt (der die altfranzösische Erzählung Chretiens de Troys erweitert hat), passend zu dem Umstand, dass die Wege eines Individuums verfolgt werden. Trotz mittelalterlicher Verhältnisse, die sich durch die Grals- und die Artusgesellschaft repräsentieren, wird der Aufstieg eines Individuums geschildert. Genaue Figurenzeichnungen verraten innere Wünsche, Hoffnungen und Unterschiede.

Im Gegensatz zu den Figuren im Parzival agieren die Handlungsträger im Nibelungenlied weitgehend im Licht der Öffentlichkeit. Sie orientieren ihr Handeln fast ausschließlich an dem, was man über sie berichten soll, ihre glanzvolle Seite also. Ganz anders wird das in der Erzählung Wolframs gehandhabt. Dort geschehen die markanten Einschnitte oder Richtungsänderungen im Innern einer Figur. Und, es handelt sich nicht immer um vorbildliche Vorgänge. Nein, es werden Abgründe sichtbar, die auch den Leser so einer Erzählung mit der dunklen Seite des menschlichen Lebens konfrontieren.

In beiden Werken wird der Leitwert des Geschehens mit dem mittelhochdeutschen Wort „triuwe“ benannt, was heute getrost und einfach mit „Treue“ übersetzt werden kann – jedoch ganz unterschiedlich motiviert wird. Im einen Fall ist es die nach außen gewendete Treue, die sich an gesellschaftlichen Maßstäben orientiert und im Falle Parzivals ist es die nach innen gewendete Treue, die sich an individuellen Werten misst. Nur durch die innere Treue zu sich selbst erreicht Parzival seine Ziele.
Soweit zur formalen Abgrenzung zwischen Nibelungenlied und Parzival. Auf inhaltlicher Ebene macht Wolfram von Eschenbach die Änderung des menschlichen Bewusstseins durch einen gekonnten Spiegelungsakt sichtbar.

Inmitten der Erzählung richtet sich nämlich die Aufmerksamkeit plötzlich auf eine konträre Figur. Parzival war ja als Dümmling eingeführt worden, der vieles „falsch“ macht. Im Gegensatz dazu spielt sein Vetter Gawan eine entgegengesetzte Rolle. Er wird als vorbildlicher Artusritter eingeführt, der sich nie etwas zu Schulden kommen lässt.

Gawan begegnet Parzival das erste Mal, als er träumend vor den drei Blutstropfen auf dem Schnee verharrt und von seinen Sehnsüchten und Hoffnungen tief ins Innere seiner Seele gezogen ist. Gawan erkennt Parzivals Zustand – im Gegensatz zu den beiden Haudegen vor ihm (Keie und Segramurs) – und geht bedacht mit dieser Situation um. Er bedeckt die Blutstropfen und holt Parzival auf diese Weise in die äußere Wirklichkeit zurück. Auf geheimnisvolle Weise weiß Gawan also um den Gemütszustand seines Vetters. Er „erkennt“ ihn. Beide werden dann, aus unterschiedlichen Gründen, vom Artushof verstoßen und versuchen verzweifelt allein ihr Glück.

Gawan muss sich behaupten. Er wird in unsägliche Kämpfe verwickelt, die gefährlich und unnötig sind, muss sich gegen Vorwürfe wehren, die ihm nicht gebühren und schafft es schließlich, mehr schlecht als recht, das Gegenstück zur Gralsburg – das Zauberschloss Schastelmarveil – zu befreien. Die Frau seines Herzens, Orgeluse, fordert einen Minnedienst nach dem anderen von ihm – Gawan steht am Ende der Erzählung alles andere als strahlend vor der Artuswelt. Er ist verwundet, zerknirscht und konnte mit letzter Not sein Leben retten.

Die beiden Helden treffen sich nach einem erbitterten Kampf – denn sie erkennen sich vorerst nicht! – am Artushof wieder. Beide haben die Frau ihres Herzens dabei. Während Parzival von einem jugendlichen Triebtäter zu einem besonnenen Ehemann und Vater mutiert ist, hat sich Gawan von einem bewunderten Artusritter zu einem demütigen Ehemann verwandelt.

Manch ein Leser fragt sich während der Lektüre der Wolfram‘schen Geschichte, warum die Gawan-Episode in die Erzählung eingeflochten wurde – warum hat Wolfram nicht zwei einzelne Erzählungen verfasst? Und genau in dieser Frage zeigt Wolfram seinen weiten Blick aus dem Mittelalter heraus. Parzival und Gawan sind eine Figur – sie spiegeln einander wie Tag und Nacht, wie hell und dunkel oder äußerlich und innerlich.

Wolfram von Eschenbach hat die Erweiterung des menschlichen Bewusstseins, die den Bruch zwischen Mittelalter und Neuzeit markiert, in seinem Werk bereits vor achthundert Jahren sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene sichtbar gemacht.

Montag, 20. April 2009

Schicksalsverknüpfungen I. Parzival und Anfortas

Die beiden kennen einander vorerst nicht, haben aber miteinander zu tun. Und das nicht nur qua Verwandtschaft – der eine ist Onkel, der andere Neffe – sondern durch ihr miteinander verknüpftes Schicksal. Um aber ihr eigenes Schicksal zu leben, brauchen sie den jeweils anderen.

Offenkundig geht es in der Geschichte von Parzival auf einer Ebene um die Erlösung von Anfortas. Untergründig spielt die „Bestimmung“ der beiden, ihr „Basiskonflikt“, ihre Konstitution, schlicht der Faden ihres Schicksals mindestens eine genau so große Rolle, wie die Heilung durch „die Frage“.

Was ist ihr Konflikt, wie finden und lösen sie ihn?

Anfortas kommt auf die Tanzfläche des Geschehens, als Parzival nach Munsalvaesche kommt. Und er tanzt in diesem Saal überhaupt nicht, denn, Anfortas ist ganz und gar Wunde. Er wird als alter, dahin siechender Mann geschildert, der an seinen Schmerzen zu zerbrechen droht. Schwach liegt er auf seinem Lager und hofft, dass er erlöst wird. Entweder in dem er sterben darf, oder in dem er geheilt wird.

Anfortas ist Gralskönig. Ein leidender, kranker Gralskönig. Durch den frühen Tod seines Vaters Frimutel (der wiederum Sohn von Titurel ist) wird er, als ältester von fünf Geschwistern (Trevrizent, Herzeloyde, Repanse de Schoye und Schoysiane) als Gralshüter bestimmt. Zu seinem Amt gehört es, auf die Inschrift des Grals zu warten, welche Königin an seine Seite gehört. Aber der Gral schweigt. Anfortas setzt sich darüber hinweg, richtet seinen Blick auf die rothaarige Schöne und der Konflikt entbrennt.

Anfortas sucht das Leben. Und zum Leben gehört die Sinnlichkeit. Orgeluse, die geheimnisvolle Verführerin, ist das Ziel von Anfortas Begierde. Und dafür wird der König bestraft. Verwundet in seiner Männlichkeit und nicht mehr tauglich, das Gralsvolk zu führen. (Und auch Orgeluse wird tief verletzt – aber das ist eine andere Geschichte.)

Parzival hingegen ist ein junger, unwissender, naiver und fröhlicher Geselle. In seiner Einfältigkeit „verschlägt“ es ihn in die Gralsburg – und er weiß von nichts. Was er sucht, ist ein Lager für die Nacht. Und so erlebt er staunend und schweigend das Geschehen, bis er diesen wundersamen Ort am nächsten Morgen verstört verlässt.

Parzival ist in der Einöde aufgewachsen, seine Mutter Herzeloyde hat versucht ihn von der Welt fern zu halten. Aber er sucht die Welt – und findet sie auch. Anders als Anfortas. Während der Ältere „wusste“, was er tat, ist Parzival mit Unwissenheit geschlagen. Er folgt seinem Herzen, lebt einfach, macht Erfahrungen und versagt. Parzivals Konflikt entfaltet sich durch seinen eingeschränkten Blick.

Bei ihm ist es der Schmerz des Versagens auf der Gralsburg und der Schmerz über die Getrenntheit von seiner Frau Condwir amurs, was ihm das Leben schwer macht. Methaphorisch gezeigt in der berühmten Blutstropfenszene. Parzival leidet. Nicht minder als Anfortas. Bei Anfortas ist es der physische Schmerz, Parzival leidet seelisch, ihm ist das Leben zur Wunde geworden, ein Riß ist entstanden – wie Muschg es im „Roten Ritter“ so schön beschreibt.

Parzival bekommt eine zweite Chance, denn die Gralsbotin Kundry führt ihn auf die Burg. Das heisst, dass sich die Schicksalsfäden der beiden ein weiteres Mal kreuzen und es ist gerade die Begegnung dieser beiden Figuren, durch die sie erlöst werden. Der äußerlich strahlende Held steht vor dem verwundeten Mann und stellt die Frage der Fragen: Oheim, waz wirret dier?

Beide wußten nur wenig davon, wie sie ihren eigenen Knoten würden lösen können, und deutlich ist, dass der Eine den Anderen braucht. In der Begegnung lockert sich das Geflecht und ein neues Muster kann entstehen.

Parzival steht in seiner Betroffenheit, ob seines früheren Versagens und des damit verbundenen Leides, weinend vor dem halbtoten Gralskönig Anfortas. Sie schauen einander an und Parzival stellt die erlösende Frage. Es ist das Mitleid, durch das sie erlöst werden, das Teilnehmen am Anderen, das Interesse, die warme Schale, die sich zwischen ihnen bildet. Denn auch Parzival wird erlöst, von den Wunden, die er sich und anderen zugefügt hat. Die Verknüpfung des Schicksals zwischen Anfortas und Parzival findet in diesem Moment ihre Bestimmung und Erlösung.

So werden aus den Wunden Wunder. Und aus dem Schmerz die Kraft, die es den beiden ermöglicht, das eigene Schicksal – mit all den Fehlern die sie gemacht haben - anzunehmen. Wie ein geknüpfter Teppich, der die verschiedenen Lebenswege miteinander verbindet, stehen die einzelnen Figuren in einem großen Schicksalsnetzwerk. Schmerzen und Wunden sind Knotenpunkte im Geflecht des Lebens.