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Mittwoch, 14. Februar 2018

Schwarzwälder-Kirsch-Torte und Bücher

Lieber Coen, heute ist dein irdischer Geburtstag. Wärest du noch bei uns geblieben, hätten wir deinen 96. gefeiert. Mit Schwarzwälder-Kirsch-Torte – hätte dir das Freude gemacht? Ich habe dieses Mal auf jeden Fall ein Geburtstagsgeschenk für dich. Zwei Jahre habe ich daran gearbeitet. Der Verlag hatte mich damals angesprochen, weil dein erstes Buch längst vergriffen war. Die Anfrage lautete, ob ich bereit wäre, das Buch zu überarbeiten, zu aktualisieren. Das habe ich gemacht. Jetzt ist es da, ab morgen wird es im Buchhandel verkauft.

Als die Frage damals kam, wusste ich sofort, dass ich das machen kann, ja, dass ich das machen werde und sagte unmittelbar zu, obgleich ich gar keine Zeit hatte. Als ich dann aber die alten Dateien zugeschickt bekam, kamen die Zweifel. Worauf hatte ich mich da eingelassen? Wie sollte das gehen? Es ist ja dein Buch! Ob du überhaupt damit einverstanden seist? Und was sollte ich tun: Kapitel streichen oder hinzufügen? Neu schreiben? Umändern? So viele meiner eigenen Erfahrungen im Kontext der Thematik gingen mir durch den Kopf. Wo sollte ich trennen, ja wie überhaupt anfangen?

Damals habe ich das Gespräch mit dir gesucht. Und im Text gefunden. Irgendwann habe ich einfach begonnen. Die ganze Erstauflage des Buches war auf meinem Computer. Ich begann zu lesen. Und zu schreiben. Es ist dein Buch geblieben. Und das sollte es auch. Die Struktur und die Kapitel habe ich erhalten. Ich habe aktualisiert, hinzugefügt und sprachlich angepasst, sodass ich zur Mitautorin geworden bin. Manche Spitze habe ich gerundet, manche Andeutungen präzisiert und konkretisiert. In jedem Satz von dir, in dem ich gearbeitet habe, habe ich die Tür nach oben offen gehalten. Und du hast dich gemeldet.

Es ist ein Gespräch entstanden. Angefangen hat es damit, dass du etwas gesagt hast und ich etwas gemacht habe. Und dann gab es Momente, in denen ich gesprochen habe und du geschwiegen hast. Ja es gab Zeiträume, in denen ein richtiges Miteinander stattgefunden hat, auf Augenhöhe, ein beschwingtes Hin und Her. Und manchmal haben wir auch beide geschwiegen, lange. Und dann hast du zugehört und in die Welt gelauscht, die du verlassen hast. Und in der es Bücher braucht, die Menschen lesen können.

Engel, so heißt es, können keine Bücher lesen. So werden auch die Toten wenig Interesse an den schwarzen Buchstaben in den Pappdeckeln haben. Die Gedanken, Gefühle und vor allem Willensintentionen aber, die Menschen ergreifen können, wenn sie etwas lesen, werden für euch höchst relevant sein. Denn sie bestimmen unseren Blick in die Welt, unser soziales Handeln, unsere Tätigkeiten, sie werden zu dem, was in Herzen lebt und personalisiert durch die Welt läuft.

Die Thematik der Lernprozesse des Erwachsenen hat in meinem Leben einen großen Raum eingenommen. Tagtäglich gehe ich damit um, privat, beruflich, immer schaue ich auf Entwicklungsprozesse. Bei verpatzten Chancen, sogenannten Fehlern, Unterlassungssünden oder sonstigen Unannehmlichkeiten suche ich die Öffnung, die es erstaunlicherweise immer gibt, die ins Weite, Offene, Neue führt. Ich öffne die Tür zu dem Raum, der uns, wenn es gut geht, wesentlich werden lässt, der Gründe und Möglichkeiten offenbart.

Die Arbeit, die du in Bezug auf die Transformation der Lebensprozesse in die unterschiedlichen Lernprozesse geleistet hast, ist von unschätzbarem Wert. Mein Leben wäre ein anderes – ein ärmeres – wenn wir uns nicht begegnet wären, ich diesen Impuls nicht hätte aufgreifen können. Es war mir eine Ehre die Früchte deiner Arbeit weiter lesbar zu machen, für uns Menschen auf Erden, die wir auf Bücher angewiesen sind. In großer Dankbarkeit: Herzlichen Glückwunsch und liebe Grüße himmelwärts!

Freitag, 1. Mai 2015

Und noch einmal: Warum die Verankerung der sieben Lebensprozesse so entscheidend ist



Die sieben Lebensprozesse: Atmung, Erwärmung, Ernährung, Absonderung, Erhaltung, Wachstum und Reproduktion ermöglichen dem Menschen physisch zu existieren, etwas poetischer ausgedrückt: in einem Körper zu leben. Die Kraft und die Treue, die in jedem der ineinandergreifenden Prozesse steckt, lässt uns, wenn wir nicht krank sind, über die physische Existenz hinaus sozial und gedanklich aktiv sein, ja sie ermöglichen uns kreativ zu sein und das uns zur Verfügung gestellte Leben aktiv zu gestalten, denn sie wirken über die physische Ebene hinaus.

Die Prozesse laufen innerhalb unseres Organismus‘, wenn wir erwachsen und gesund sind, nahezu von alleine ab, wenn wir nicht absichtlich die Aufmerksamkeit darauf lenken. Interessant ist es, dass jeder der Prozesse, die mehr oder weniger von der ersten Sekunde des Lebens bis zum letzten Atemzug (!) vollzogen werden, eine gewisse Elastizität in horizontaler und vertikaler Ebene aufweisen.

Jeder kennt das: Es gibt Lebenssituationen, in denen wir kurz und schnell atmen und solche, in denen der Atem ruhig und langsam verläuft, auch haben wir Einfluss darauf, ob wir flach oder tief atmen, langsam oder schnell, wir können den Atemrhythmus bewusst steuern oder werden durch entsprechende Tätigkeiten vorübergehend in einen spezifischen Atemrhythmus versetzt – sobald wir aufhören zu atmen ist das Leben beendet.

In Bezug auf den Wärmehaushalt ist es so, dass der Mensch (mit kleinen Schwankungen) in gesundem Zustand ca. 37°C warm ist, obgleich die verschiedenen Organe und Körperregionen unterschiedliche Temperaturen aufweisen – nichtsdestotrotz können wir uns sowohl in der Kälte als auch in der Hitze aufhalten (in Sibirien kann es im Winter durchaus -40°C werden und im Sommer +40°C), auch in dieser Hinsicht ist der Mensch also anpassungsfähig und elastisch. Ein Thema ist der Temperaturausgleich für den Körper aber ständig.

Auf der Ebene der Ernährung (wenn die Lichtnahrung beiseitegelassen wird) liegen die Unterschiede auch auf der Hand. Wir können uns bewusst oder unbewusst ernähren, auf die Qualität achten, uns Zeit für die Nahrungsaufnahme nehmen oder es lassen, fasten oder nahezu ununterbrochen essen. Jeder Mensch kann autonom entscheiden, wie er seinen Körper diesbezüglich ernährt. Jede Kultur hat an dieser Stelle andere Vorlieben und Gewohnheiten – woraus unterschiedliche Folgen entstehen.

Beim vierten Lebensprozess sieht es etwas anders aus, er lässt sich nicht so bewusst steuern, wie die drei vorigen. Die Absonderungsvorgänge: Verdauung, Schweiß, Sekrete und Speichel lassen sich nur im weitesten Sinne leiten, wir haben keinen unmittelbaren Zugang dazu und sind den Vorgängen eher ausgeliefert – sie hängen in ihrer Konsequenz davon ab, wie wir unsere Atmung, den Temperaturausgleich und die Ernährung gestalten.

Und so ist es auch mit den drei folgenden Prozessen: Erhaltung, Wachstum und Reproduktion. Diese Vorgänge verlaufen auf geheimnisvolle Weise innerhalb des Körpers ab. Der Körper erhält sich innerhalb seiner Lebensspanne, in Kindheit und Jugend wächst er – selbst im Erwachsenenalter wachsen noch Nägel und Haare und Wunden und Verletzungen heilen im Normalfall. Die Sexualität zwischen Mann und Frau ermöglicht die Hervorbringung neuen Lebens.

In der Kindheit können diese Prozesse, die im Erwachsenenalter zusätzlich in bewusste Lernprozesse transformiert werden können, gepflegt und unterstützt werden, damit sie sich einspielen und eine verlässliche Grundlage bilden. Wie kann das getan werden?

Der Gastreferent, den ich zu diesem Thema eingeladen habe und der aus einem Kindergarten kommt, dessen Selbstverständnis sich auf die Unterstützung und Verankerung der Lebensprozesse im Kind bezieht, weiß, dass die Thematik für eine Seminarstunde eigentlich zu groß ist. Aber er möchte die sieben Prozesse auf doppelte Weise schildern und ins Gespräch bringen. Einmal physiologisch und dann in Bezug auf die seelischen Fähigkeiten, die frei werden, wenn im Kindergartenalltag die Lebensprozesse durch die Erziehenden tagtäglich „gelebt werden“ und damit für das kleine und heranwachsende Kind wahrnehmbar und integrierbar wirken. Was heißt das?

Dem Lebensprozess der Atmung wird im Kindergartenalltag durch einen wiederkehrenden Rhythmus entsprochen. Freispiel (drinnen und draußen) wechselt sich mit gemeinsamen Tätigkeiten (z.B. Morgenkreis oder Mahlzeiten) ab. Einatmen und ausatmen entsprechen dem gemeinsamen, geleiteten Tun und der freien Bewegung. Nehme ich als Erziehender die Kinder wirklich wahr, bekomme ich mit, wie es meinen Kolleginnen und Kollegen geht, sehe ich, was der Raum braucht?

Der Erwärmung entspricht im Kindergartenalltag die Aufgabe, dass auch die Erziehenden „warm“ und engagiert dabei sind. Schwitzen und frieren, sowohl physisch als auch seelisch, sind für alle erlaubt und werden begleitet. Auch in einer Geschichte kann es einmal warm werden, wenn es darum geht, dass der Protagonist ein Abenteuer zu bestehen hat, Gefühle spielen im Kindergartenalltag für alle eine große Rolle und sind explizit erwünscht.

Auch der Prozess der Ernährung wird äußerlich wahrnehmbar und erlebbar gestaltet. Die Mahlzeitenzubereitung geschieht mit den Kindern, wer mag, darf helfen zu schneiden und zu mischen. Zerkleinerungs- und Aufnahmeprozesse finden mit den Kindern statt, damit sie beteiligt sind und sich als Mitgestaltende erleben. Und gegessen wird selbstverständlich gemeinsam. Die Nahrungsaufnahme wird bewusst begonnen und beendet.

Für den Prozess der Absonderung geht es im Kindergartenalltag um das Sortieren und Aufräumen – um den Wechsel zwischen Chaos und Ordnung. Ausgelassenes Spiel und das Aufräumen wechseln sich ab. Jedes Ding hat einen Platz, an den es zurückkehren kann, eine nachvollziehbare Ordnung (auch auf der ästhetischen Ebene) ermöglicht es den Kindern sich einzugliedern und im Raum zurecht zu finden.

Für den Prozess der Erhaltung wird im Kindergarten repariert, geputzt und gepflegt. Viele kleine „Narben“, sowohl materiell als auch physisch können geheilt werden, wenn sie gut gepflegt werden. Der Wegwerfkultur wird die Pflege entgegen gestellt, viele Gegenstände können wieder und wieder verwendet werden, damit der Wert erhalten bleibt.

Für das Wachstum werden Beobachtungen in der Natur gemacht (heute knospt die Blüte, morgen blüht sie auf), es wird gestrickt und gewebt (manches wächst langsam und stetig), oder der Hefeteig betrachtet, wenn er sich nach dem Gehen um das Doppelte vergrößert hat. Auch die Kinder wachsen und brauchen immer wieder neue Schuhe, woran deutlich wird, dass alles in Bewegung ist.

Schließlich wird in dem Kindergarten, dessen pädagogisches Konzept sich u.a. auf die Verankerung der Lebensprozesse bezieht, für den Prozess der Hervorbringung vieles selber hergestellt. Damit die Kinder die freiwerdenden Fähigkeiten zu kultivieren lernen, werden Kerzen gezogen, kleine Schnitzarbeiten gemacht, Bilderbücher gemalt, Geschichten erzählt und vieles mehr.

Die Verankerung der Lebensprozesse in der Kindheit scheinen mir außerordentlich zukunftsträchtig zu sein, damit die Lernprozesse im Erwachsenenalter gelingen - wenn es uns so schwer fällt, schon wieder etwas Neues zu lernen, uns umzustellen und eingefahrenen Wegen den Rücken zu kehren, schlicht uns ständig zu verändern und gleichzeitig unsere Identität zu wahren.

Leben und Lernen stehen in einem spannungsvollen Gegensatz, der sich produktiv nutzen lässt, wenn wir den Geheimnissen der Entwicklung ein wenig näher kommen und das menschliche Potenzial nutzen.

Freitag, 10. April 2015

Leben und Lernen. Woran orientiere ich mich, wenn ich mich verändern möchte?



Wie erhalten sich Menschen lebenslang die Fähigkeit immer wieder umzudenken, neu zu schauen, anders zu handeln, als sie es bislang gewohnt waren? Wie kann ich flexibel und gleichzeitig selbstsicher bleiben, wenn es heißt etwas (noch) nicht zu können, etwas Neues auszuprobieren, was bislang nicht in den eigenen Erfahrungshorizont gehört, sich einzulassen auf Situationen, die noch unbekannt sind, Positionen einzunehmen, auf die ich nicht aus Erfahrung zurückgreifen kann, sondern die dazu auffordern mutig und vorbehaltslos unbekannte Wege zu gehen? Woran orientiere ich mich?

Die Spannung zwischen Leben und Lernen ist ein Balanceakt zwischen Kontinuität und Veränderung. Auf der einen Seite bin ich als Individuum dazu aufgerufen meine Identität zu entwickeln und zu festigen – mich selber im Laufe der Kinder- und Jugendjahre kennen zu lernen, mir meine Werte und Normen bewusst zu machen, eigenständige (wiedererkennbare) Positionen zu etablieren und individuellen Motiven zu folgen, die zu meiner Identität gehören. Auf der anderen Seite muss ich, gerade als gestandenes Individuum, offen und flexibel für Neuerungen sein, die mich (möglicherweise) innerhalb meiner gewohnten Lebensbahnen verändern und mich dazu auffordern eingefahrene Spuren zu wechseln. Kein Lernprozess kann ohne Veränderung der Identität stattfinden, denn zu lernen bedeutet immer in innerer Bewegung und damit in einem potentiellen Veränderungsmodus zu sein. Wenn ich mir vornehme Italienisch zu lernen und das auch tue, wird es zwischen dem Zustand „Die-Sprache-noch-nicht-beherrschen“ und „Die-Sprache-tatsächlich-beherrschen“ in meinem eigenen Selbstverständnis und damit auch in meiner nach außen wahrnehmbaren Identität einen Unterschied geben.

Die grundlegende Voraussetzung für intendierte aber auch inzidentelle Lernprozesse ist das Leben an sich, das mir als Individuum geschenkt ist, solange ich physisch existiere. Etymologisch kommt das Verb „leben“ von „bleiben“ (beharren und dauern). Die menschliche Ausgangsposition hat also mit Beständigkeit zu tun, die eine gewisse Kontinuität voraussetzt und nach ihr strebt (sich einrichten und Bewährtes bewahren). Im Gegensatz zur ursprünglichen Bedeutung des Wortes „leben“ kommt das Verb „lernen“ von „leisten“, „das Verstreut umherliegende aufsammeln“, „Spuren verfolgen“[1]. Damit ist das Ringen zwischen den Begriffen leben und lernen benannt, es äußert sich in entgegengesetzten Polen: Leben heißt übertragen, der zu bleiben der ich bin und Lernen heißt im übertragenen Sinne mich auf neue, unbekannte Spuren zu begeben, um mich zu verändern. Diese Dichotomie lässt sich lösen bzw. in eine produktive Spannung verwandeln, wenn man sich auf die Spur begibt, einmal nachzulesen, wie die von Rudolf Steiner inspirierte (Waldorf-)Pädagogik und Andragogik (Erwachsenenbildung) damit umgeht und welche Konsequenzen daraus für die Fähigkeit lebenslang zu lernen entstehen.

In einer knappen Ausführung macht Rudolf Steiner darauf aufmerksam, dass es sieben Lebensprozesse[2] sind, die Leben ermöglichen und erhalten und damit grundlegend für lebendige Organismen sind. Im Besonderen führt er dies für den Menschen aus. Als notwendige Lebensprozesse nennt er die Atmung, die Erwärmung, die Ernährung, die Absonderung, die Erhaltung, das Wachstum und die Reproduktion. Es sind dies die Lebenskräfte, die ständig ineinandergreifen, ohne einen dieser Prozesse wäre Leben auf Dauer gesehen nicht fortführbar. Die Lebensprozesse ermöglichen die Lebensfähigkeit des Menschen, damit er physisch existieren kann. Zur physischen Grundlage kommen aber menschliche und soziale Bedürfnisse hinzu, z.B. sich das private Leben einzurichten, Gesellschaften zu organisieren und Konzepte zu entwickeln. Schon beim kleinen Kind lässt sich sehen, dass es den drei menschlichen Trieben Erkenntnis, Entwicklung und Verbesserung unterliegt und diese ständig anwendet (ein schönes Beispiel ist das Laufen Lernen). Dem Menschen reicht es nicht aus physisch nur zu existieren, sondern er möchte sein Leben auch gestalten und sich Fähigkeiten und Fertigkeiten erobern – er möchte hinzu lernen.

Philipp Gelitz und Almuth Strehlow (beide Erzieher) machen in ihrem Buch: „Die sieben Lebensprozesse. Grundlagen und pädagogische Bedeutung in Elternhaus, Kindergarten und Schule“[3] sichtbar, welchen Wert es hat, sich die einzelnen Lebensprozesse in ihren Vorgängen deutlich zu machen und welche Möglichkeiten es gibt, eine gute Ausbildung und Unterstützung der Lebensprozesse in der Kindheit zu etablieren. Der entscheidende Zusammenhang liegt nämlich darin, dass die Lebensprozesse eine Grundlage für Lernprozesse jeglicher Art sind. Alle Lebensprozesse sind zwar zu Beginn des Lebens schon vorhanden, es dauert aber Jahre, bis sie sich so entwickelt und eingespielt haben, dass der Körper in dieser Hinsicht „automatisch“ funktioniert.

Über die physische Funktion der Lebensprozesse hinaus stehen diese Kräfte der seelischen Ebene zur Verfügung und können für intendierte Lernprozesse produktiv genutzt werden. Alles, was in den ersten Jahren des Lebens physisch errungen wurde, kann im Jugend- und Erwachsenenalter ins Seelische und Geistige transformiert und aktiv eingesetzt werden. Coenraad van Houten († 2013) hat sich in Jahrzehnte währender Arbeit mit dieser Transformation beschäftigt und eine Erwachsenenbildung begründet[4], die sich auf die Menschenkunde Rudolf Steiners bezieht und das Lernverständnis der Waldorfpädagogik über die Kindheit und Jugend hinausführt. Er hat ein probates Mittel gefunden, die Lebensprozesse in Lernprozesse zu überführen. Es folgt nun, um einen ersten Eindruck zu vermitteln, eine konzise Darstellung der Übertragung von Lebensprozessen in Lernprozesse, die Coenraad van Houten dem Erwachsenen für den eigenständigen und bewussten Lernprozess anbietet:

Was im Physischen die Atmung ist, ist auf der seelischen, emotionalen Ebene die Wahrnehmung, die jedem Lernprozess als erster Schritt zu Grunde liegt. Bevor ich mich nicht vorurteilsfrei und offenen einem Lerngegenstand nähere, kann ich mir kein Urteil darüber erlauben. (In unserer schnelllebigen Zeit ist gerade das oft ein Problem, denn statt der Wahrnehmung wird manchmal an dieser Stelle bereits ein Urteil gefällt.) Mit einer möglichst selbstlosen Wahrnehmung des Lerngegenstandes beginnt ein integrierter Lernprozess, der dazu führen soll, sich das Neue wirklich zu eigen zu machen.

An zweiter Stelle folgt auf der Ebene der Lebensprozesse die Erwärmung, die der menschliche Organismus immer wieder ins Gleichgewicht bringen muss, um zu „funktionieren“. So ist es auf der Ebene der Lernprozesse das Interesse, das ich dem Lerngegenstand entgegen bringen muss. Ohne mich mit dem entsprechenden Inhalt zu verbinden, ihn emotional an mich heranzulassen – ob in sympathischer oder antipathischer Weise spielt dabei keine Rolle – habe ich keinen wirklichen Zugang zu dem, was vor mir steht.

Erst jetzt kann ich, nach der Wahrnehmung und meiner Verbindung mit dem Lerngegenstand beginnen, mich tatkräftig und aktiv mit ihm auseinander zu setzen. Auf der Ebene der Lebensprozesse ist es die Ernährung, die der Körper braucht, um sich weiter zu entwickeln. Im Lernprozess findet an dieser Stelle ein Verarbeitungs- und Sortierungsprozess statt, der mich dazu auffordert einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, Dinge herauszugreifen, zu bearbeiten, kritisch zu hinterfragen, die ich weiter vertiefen und bearbeiten will.

Nachdem ich in den ersten drei Schritten den Lerngegenstand „in mich hineingenommen“ habe, muss nun eine „Verdauung“ stattfinden. Auf der Ebene der Lebensprozesse ist es die Absonderung derjenigen Stoffe, die ich (im Moment) nicht weiter gebrauchen kann. Im Lernprozess ist das die Individualisierung, die von mir Entschlüsse verlangt, mit welchen Aspekten ich weiterarbeiten will und wie ich sie bislang bewerte. Jeder Lernende trifft an dieser Stelle andere Entscheidungen, die sich biographisch und individuell bezogen auf die Lerngeschichte oder die Lernziele ergeben.

In den folgenden drei Schritten trete ich mit dem, was mich beschäftigt wieder nach außen. Im Lebensprozess folgt die Erhaltung. Das Neue, mit dem ich mich auf die eine oder andere Art anfreunde, muss erhalten werden. Dafür ist die Erinnerung notwendig und der aktive Umgang mit den neuen Erkenntnissen, den erfahrenen Erlebnissen oder den sozialen sowie ästhetischen Vorhaben. (Wenn ich eine neue Sprache lerne und sie nicht einsetze und nicht weiter übe, werde ich sie schnell wieder vergessen.)

Auf die Erhaltung folgt das Wachstum: In Bezug auf den Lernprozess ist es die Transformation in angrenzende Gebiete, die Übertragung auf ähnliche Fälle, die Erweiterung in benachbarte Disziplinen. Neue Erkenntnisse wachsen dann, wenn sie über die Quelle hinaus angewendet und integriert werden können, wenn die eigenen Lernerfahrungen erweitert werden und damit Brücken in angrenzende Bereiche gebaut werden.

Als letzten Prozess in Bezug auf die Lebensprozesse nennt Rudolf Steiner die Reproduktion, so dass die Menschheit sich durch Raum und Zeit weiterentwickeln kann und nicht plötzlich „aufhört“. Auf der Ebene des Lernprozesses ist dieser siebte Schritt die Krönung und beinhaltet die frei gewordene Kreativität, die sich aus dem ursprünglichen Lernvorhaben entwickelt hat. Wenn ich einen Lernprozess durch alle Schritte hindurch vollziehe, mache ich mir die Sache so zu eigen, dass ich sie souverän und individuell einsetzen kann (ich beherrsche eine fremde Sprache in jeglicher Hinsicht und bin z.B. auch in der Lage sie sowohl künstlerisch als auch unter Druck anzuwenden). Ich bin „Herr der Sache“ geworden, ein Spezialist und Könner, ich kenne mich darin aus und kann meine Position eigenständig vertreten.


Obgleich eine gewisse Hierarchie in den Lernprozessen offensichtlich ist, müssten sie doch eigentlich als Kreislauf dargestellt werden, denn sie durchdringen sich immer wieder gegenseitig. Das, was ich heute neu wahrnehme hat unter Umständen Auswirkungen auf das, was ich in einem anderen Prozess gerade verarbeite oder übe. Das Leben bietet die Möglichkeit zu lernen, sich weiter zu entwickeln und wach zu bleiben – dabei geht es nicht statisch oder systematisch vor. Leben und Lernen sind miteinander verschränkt, sie gehen auseinander hervor und ermöglichen sich gegenseitig.

Mit dem Erwachsenenalter (etwa ab einundzwanzig Jahren) haben sich die Lebensprozesse soweit vervollständigt und eingespielt, dass der Mensch in der Lage ist, diese Kräfte aktiv, bewusst und eigenständig über die Lebensprozesse hinaus für den eigenen Lernprozess einzusetzen, um so nach eigenem Belieben weiter den Spuren zu folgen, die für seine Lernziele relevant sind. Wenn der siebte Schritt vollbracht ist, also tatsächlich etwas gelernt wurde (was man nicht mehr vergisst) und eine individuelle und freie Kreativitätsstufe erreicht wurde, können Spuren hinterlassen werden, denen dann wieder jemand folgen kann, der sich in einen Lernprozess begibt. Leben und Lernen gehören unumschränkt und spannungsvoll zusammen, gemeinsam tragen sie dazu bei, dass der Mensch lebenslang geistesgegenwärtig, kreativ und entwicklungsfähig bleibt.


[1] Siehe DUDEN 7. Etymologisches Wörterbuch.
[2] Steiner, Rudolf: Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte. GA 170, Dornach ³1992, 7. Vortrag.
[3] Gelitz, Philipp und Strehlow, Almuth: Die sieben Lebensprozesse. Grundlagen und pädagogische Bedeutung in Elternhaus, Kindergarten und Schule. Verlag Freies Geistesleben, 2014.
[4] van Houten, Coenraad: Erwachsenenbildung als Willenserweckung. Stuttgart ³1999.








Montag, 1. Dezember 2014

Von Off-road-Biographien und Futur-II-Fragen im Lebenslauf


Als Regisseur und Selbstgestalter unseres Lebensweges können wir wählen, welche Wege wir beschreiten. Eine Off-road-Biographie bewegt sich auf Straßen die abseits vom Highway liegen, sie ist nicht trivial, sondern spannend und abenteuerlich, weil in keinem Moment vorherzusagen ist, wie es weiter geht. Begibt sie sich doch auf Wege, die der Mainstream eher meidet.

Beliebt sind z.B. Gebirgspfade, sie haben einen hohen Anteil an Alleinstellungsmerkmalen – wer hat je einen Blick aus dieser Perspektive auf das Tal geworfen, sich dem Himmel so nah gefühlt, diese Pflanze, jenen Stein gesehen oder Bekanntschaft mit einem seltenen Tier gemacht – inklusive der Off-road-Gefahren, die es auf dem Highway des Mainstreams nicht gibt, weil dort Notrufsäulen in erreichbaren Abständen aufgestellt sind.

Dennoch unterliegen auch die Träger einer Off-road-Biographie menschlichen Gesetzmäßigkeiten und Wesensmerkmalen, die im Laufe des Lebens ihren Tribut fordern. Eines dieser Merkmale ist, dass der Mensch ein Wesen dreier Ebenen ist: Er ist ein Fähigkeitenwesen, ein Beziehungswesen und ein Bedürfniswesen. Diese drei Wesen in uns wollen im Leben bedient, benutzt und erweitert werden, damit die individuelle Biographie zu dem wird, was als Keim in ihr steckt.

Grundlegende menschliche Bedürfnisse sind Schutz vor Kälte, also ein warmes Dach über dem Kopf und Kleidung sowie Nahrung. Es ist die materielle Welt, die den Menschen herausfordert, sich um sich selbst zu sorgen, sich darum zu kümmern, gut versorgt zu sein, Bedürfnisse (auch monetäre) zu befriedigen – damit anderes möglich wird. Es sind die basalen, physischen Grundlagen des Lebens, die das „Bedürfniswesen“ in uns erfüllt haben will – und zwar nicht nur in diesem Moment, sondern auch im nächsten und übernächsten.

Auf der sozialen Ebene ist es die gelebte Mitmenschlichkeit, die der Mensch tagtäglich sucht, er nimmt und gibt, spiegelt und wird gespiegelt, tanzt und dreht sich manchmal im Kreis. Martin Buber geht soweit, dass er sagt, dass ein Ich erst durch ein Du entsteht: Im sozialen Miteinander, im Verstanden-Werden und Verstehen des Anderen, im freundschaftlichen Diskurs auf der Suche nach Identität des eigenen Selbst durch den Anderen, sind es die Beziehungen zu anderen Menschen (und zur Welt!), die in der Lage sind das seelische Gleichgewicht immer wieder herzustellen.

Das Fähigkeitenwesen in uns ist darauf bedacht, einen spezifischen Beitrag an das Wohl der Erde, das gesellschaftliche Miteinander oder Errungenschaften kultureller Art zu leisten. Etwas Eigenes entstehen, erblühen zu lassen, etwas zu vervollkommnen, was gerade nur du, durch deine Individualität tun kannst. Gaben und Aufgaben gehören dazu, Talente und Fähigkeiten – das Fähigkeitenwesen in uns offenbart sich auf der geistigen, kulturellen Ebene, die das Seelische und das Physische umhüllt und das große Ganze in Raum und Zeit verbindet.

Das menschliche Wesen ist aus Fähigkeiten, Beziehungen und Bedürfnissen zusammengesetzt, als Werkzeuge dienen ihm Erkenntnisse, Entwicklungen und Verbesserungen, um zu dem zu werden, der in einem steckt. Irgendwann im Leben fordert die persönliche Biographie ihren Tribut – sie will und muss allen drei Aspekten gerecht werden. Dazu bedarf es der individuellen Freiheit und der persönlichen Verantwortung, die gerade durch die Bedienung der drei menschlichen Wesensmerkmale erst entstehen.

Wenn eine Ebene auf Dauer nicht bedient wird, entsteht ein Ungleichgewicht. Es ist nicht nur das gesellschaftliche Abseits, in das der Träger einer Off-road-Biographie geraten kann, wenn er nicht alle Bereiche ergreift, sondern vor allem eine innere Einseitigkeit, die ein schwingendes Gleichgewicht als Balance-Akt verhindert. Die Widerstände und Barrieren, denen wir im äußeren Leben ausweichen, erscheinen im inneren Leben als Knoten, die sich im Laufe der Zeit immer fester verhaken.

Das menschliche Leben ist ein reziproker Zirkelschluss. Wie lange wir für den eigenen Lebensweg Zeit haben ist ungewiss, welche Pfade, Wege, Straßen oder Highways wir zur Vervollkommnung unseres individuellen Menschseins ergreifen ist in unsere Freiheit gestellt. Was Off-road-Biographien dem Mainstream aber präsentieren (und selber nicht haben!) ist die offene biographische Futur-II-Frage, die „vollendete Zukunft“, die uns die deutsche Grammatik ermöglicht - sie kommt aus der Zukunft und geht in die Zukunft, dem eigenen Gewissen unterstellt: „Wofür wird es einmal gut gewesen sein?“