Das Mittelalter hat im deutschen Sprachraum einige große Erzählungen hervorgebracht, die heute noch Beachtung finden, denn – und das ist bis heute so – etwas zu erzählen bedeutet immer Sinn zu stiften. Zwei leuchtende Werke, die beide um etwa 1200 niedergeschrieben wurden, sind zum einen das Nibelungenlied und zum anderen Parzival. Das, was in diesen großen Geschichten erzählt wird transportiert einen Sinn, der heute noch von Bedeutung ist. In beiden Werken geht es um die Handhabung von menschlichen Konflikten – die Beschreibung des Umgangs damit zeichnet sich jedoch durch gravierende Unterschiede aus.
Wolfram von Eschenbach hat mit seiner Parzival-Erzählung ein Werk hinterlassen, das sowohl vom Inhalt als auch durch seine Form auffällt – und aus der Tradition herausfällt. Formal kann das an einem kleinen Vergleich mit dem Nibelungenlied gezeigt werden und inhaltlich an der Darstellungsstruktur in der Erzählung selber.
Das Nibelungenlied lässt sich in zwei Teile gliedern, die sich um zwei Stoffkreise zentrieren. Der eine Teil kreist um Siegfried und dessen Ermordung sowie deren Voraussetzungen und Folgen und der andere um Kriemhilds Rache mitsamt dem Tod unzähliger Beteiligter. Zusammengehalten werden diese beiden Teile durch einige Figuren, vor allem Kriemhild und Siegfried sowie Brünhild und Hagen.
Auffällig ist, dass sich das Geschehen auf Kollektivebene bewegt. Hier treffen Gruppen, Sippen, ja Völker aufeinander. Die einzelnen Figuren sind durch kollektive Vorgaben – Herkunft, Status, Handlungskontext und gesellschaftliche Normen – und nur marginal durch individuelle Auszeichnungen bestimmt.
Und so passt der Umstand, dass der Autor des Nibelungenliedes unbekannt ist, gerade auf dieser Ebene zum Inhalt des Geschehens. In Fachkreisen spricht man sogar von einer „Nibelungenwerkstatt“ die die Erzählung übermittelt hätte. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das aus dem Mittelalter übertragene Nibelungenlied vom Untergang einer ganzen Sippe handelt.
Das Parzival-Epos besteht aus sechzehn Büchern, die sich alle - offensichtlich und versteckt - um den Entwicklungs- und Entfaltungsweg des Protagonisten drehen. Die Erzählung beginnt mit der Geburt Parzivals und endet an der Stelle, als er nach seinem langen Weg Gralskönig wird. Alle Figuren in seinem Schicksalsnetzwerk werden mittel- und unmittelbar perspektivisch gezeichnet. Der Autor zeigt in der Erzählung die einsamen und verschlungenen Wege eines Individuums, das Fehler macht, Einsicht erhält und unerwartete Chancen bekommt.
Im Gegensatz zum Nibelungenlied wird im Parzival also ein konkreter Autor genannt (der die altfranzösische Erzählung Chretiens de Troys erweitert hat), passend zu dem Umstand, dass die Wege eines Individuums verfolgt werden. Trotz mittelalterlicher Verhältnisse, die sich durch die Grals- und die Artusgesellschaft repräsentieren, wird der Aufstieg eines Individuums geschildert. Genaue Figurenzeichnungen verraten innere Wünsche, Hoffnungen und Unterschiede.
Im Gegensatz zu den Figuren im Parzival agieren die Handlungsträger im Nibelungenlied weitgehend im Licht der Öffentlichkeit. Sie orientieren ihr Handeln fast ausschließlich an dem, was man über sie berichten soll, ihre glanzvolle Seite also. Ganz anders wird das in der Erzählung Wolframs gehandhabt. Dort geschehen die markanten Einschnitte oder Richtungsänderungen im Innern einer Figur. Und, es handelt sich nicht immer um vorbildliche Vorgänge. Nein, es werden Abgründe sichtbar, die auch den Leser so einer Erzählung mit der dunklen Seite des menschlichen Lebens konfrontieren.
In beiden Werken wird der Leitwert des Geschehens mit dem mittelhochdeutschen Wort „triuwe“ benannt, was heute getrost und einfach mit „Treue“ übersetzt werden kann – jedoch ganz unterschiedlich motiviert wird. Im einen Fall ist es die nach außen gewendete Treue, die sich an gesellschaftlichen Maßstäben orientiert und im Falle Parzivals ist es die nach innen gewendete Treue, die sich an individuellen Werten misst. Nur durch die innere Treue zu sich selbst erreicht Parzival seine Ziele.
Soweit zur formalen Abgrenzung zwischen Nibelungenlied und Parzival. Auf inhaltlicher Ebene macht Wolfram von Eschenbach die Änderung des menschlichen Bewusstseins durch einen gekonnten Spiegelungsakt sichtbar.
Inmitten der Erzählung richtet sich nämlich die Aufmerksamkeit plötzlich auf eine konträre Figur. Parzival war ja als Dümmling eingeführt worden, der vieles „falsch“ macht. Im Gegensatz dazu spielt sein Vetter Gawan eine entgegengesetzte Rolle. Er wird als vorbildlicher Artusritter eingeführt, der sich nie etwas zu Schulden kommen lässt.
Gawan begegnet Parzival das erste Mal, als er träumend vor den drei Blutstropfen auf dem Schnee verharrt und von seinen Sehnsüchten und Hoffnungen tief ins Innere seiner Seele gezogen ist. Gawan erkennt Parzivals Zustand – im Gegensatz zu den beiden Haudegen vor ihm (Keie und Segramurs) – und geht bedacht mit dieser Situation um. Er bedeckt die Blutstropfen und holt Parzival auf diese Weise in die äußere Wirklichkeit zurück. Auf geheimnisvolle Weise weiß Gawan also um den Gemütszustand seines Vetters. Er „erkennt“ ihn. Beide werden dann, aus unterschiedlichen Gründen, vom Artushof verstoßen und versuchen verzweifelt allein ihr Glück.
Gawan muss sich behaupten. Er wird in unsägliche Kämpfe verwickelt, die gefährlich und unnötig sind, muss sich gegen Vorwürfe wehren, die ihm nicht gebühren und schafft es schließlich, mehr schlecht als recht, das Gegenstück zur Gralsburg – das Zauberschloss Schastelmarveil – zu befreien. Die Frau seines Herzens, Orgeluse, fordert einen Minnedienst nach dem anderen von ihm – Gawan steht am Ende der Erzählung alles andere als strahlend vor der Artuswelt. Er ist verwundet, zerknirscht und konnte mit letzter Not sein Leben retten.
Die beiden Helden treffen sich nach einem erbitterten Kampf – denn sie erkennen sich vorerst nicht! – am Artushof wieder. Beide haben die Frau ihres Herzens dabei. Während Parzival von einem jugendlichen Triebtäter zu einem besonnenen Ehemann und Vater mutiert ist, hat sich Gawan von einem bewunderten Artusritter zu einem demütigen Ehemann verwandelt.
Manch ein Leser fragt sich während der Lektüre der Wolfram‘schen Geschichte, warum die Gawan-Episode in die Erzählung eingeflochten wurde – warum hat Wolfram nicht zwei einzelne Erzählungen verfasst? Und genau in dieser Frage zeigt Wolfram seinen weiten Blick aus dem Mittelalter heraus. Parzival und Gawan sind eine Figur – sie spiegeln einander wie Tag und Nacht, wie hell und dunkel oder äußerlich und innerlich.
Wolfram von Eschenbach hat die Erweiterung des menschlichen Bewusstseins, die den Bruch zwischen Mittelalter und Neuzeit markiert, in seinem Werk bereits vor achthundert Jahren sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene sichtbar gemacht.
Lyrik
das Nichtwort
ausgespannt
zwischen
Wort und Wort
Hilde Domin
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