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Samstag, 12. Februar 2011

Der offene Zwischenraum zwischen Autor und Leser. Fragensammlung III

„Ich“ sitze an meinem Schreibtisch und lasse meinen Blick durch das Fenster nach draußen gleiten. Die Wolken hängen tief. Es ist grau, kalt und nass. Das lässt sich sehen. Aber auch spüren. Das Sonnenlicht dringt kaum durch die Wolken und es beginnt schon wieder zu dämmern. Ich bin froh, dass hinter mir der Ofen brennt. Die Wärme erreicht mich. Leider kann ich nicht schreiben, dass der Himmel blau und die Welt weiß sei – das hätte ich gerne getan. Aber ich habe mir heute vorgenommen, mich nicht in die Welt der literarischen Phantasie zu begeben, sondern mich mit irdischen und wahren Fakten auseinander zu setzen.

Was haben mein literarisches Ich, vielleicht müsste ich das sogar in die Pluralform setzen (…), und mein Alltags-Ich miteinander zu tun? Wie gehen sie auseinander hervor? Wenn ich mit Schülern ein Werk besprochen habe, das in der Ich-Perspektive geschrieben ist, zum Beispiel „Stiller“ von Max Frisch, dann ist oft eine ganz besondere Stille eingetreten, wenn die Schüler tatsächlich verstanden haben, dass es sich bei dem Ich-Erzähler nicht um den Autor handelt, sondern, dass das erzählende „Ich“ und der Autor zwei verschiedene Instanzen sind.

Eine Ich-Perspektive bringt Nähe. Zwischen Autor und Leser - über den Text, den Inhalt. Vor allem aber zwischen Ich-Figur und Leser – denn zwischen diesen beiden beginnt etwas zu schwingen. Wenn sich der Leser einer Erzählung die in der Ich-Perspektive geschrieben ist, mit den Inhalten verbindet, ist er ganz nah am Geschehen. Er ist dabei. Drinnen. Die Kraft der Gedanken, der Vorstellung und des sich Einlebens gehen in das Geschehnis über. Es passiert etwas, der Leser wird Teil der Erzählung. Das literarische Ich und das Ich des Lesers verschmelzen miteinander. Ich – als Leser – lese mich durch die Erzählung und reise mit dem literarischen Ich mit – wohin es auch immer unterwegs ist – Ich und Ich kommen sich, für die Erzählung, ganz nah.

Die Schüler haben gemerkt, welch unendliche Möglichkeiten wir als Menschen in unserem Vorstellungsleben haben, Dinge entstehen zu lassen, konstruktiv zu sein, frech und haltlos – weit über die physischen Gegebenheiten eines Menschen hinaus. Wir können kreativ sein, etwas hervorbringen, gründen, schöpfen, kreieren, konstruieren, konstituieren. Nicht selten entspann sich an diese Bewusstseinsmomente ein Gespräch über Wahrheit. Über Realität, Wirklichkeit, über die Kraft der Phantasie und über die Möglichkeit, mit Worten Berge zu versetzen. Dabei stand der „Schnittpunkt Mensch“ im Zentrum. Zwischen Himmel und Hölle. Zwischen der sogenannten Realität und der Welt der Dichtung. Zwischen mir und dir. Zwischen innen und außen.

Wenn sich jede Ich-Perspektive ausschließlich auf den Autor oder die Autorin beziehen ließe, dann gäbe es keinen offenen literarischen Raum. Das schreibende Ich wäre kein Schöpfer, es könnte kein beschriebenes Ich hervorbringen. Es gäbe keine Wunden zwischen mir und dir, keine Berührungspunkte. Kreativität wäre dann beschränkt, eingeengt, nichts Neues könnte sich ereignen. In diesem Zusammenhang bin ich ein Anhänger des Konstruktivismus.

„Sie“ steht an ihrem Schreibtisch und ihr Blick bahnt sich einen Weg durch das Fenster nach draußen. Keine Wolke ist zu sehen. Der Himmel ist blau, die Luft sieht warm und trocken aus. Sehen und spüren verbinden sich zu einer neuen Realität, was wahr ist, bleibt offen. Sie weiß nicht, was sie sieht. Das Sonnenlicht erreicht sie mit Wucht und es ist hell, hell und nochmal hell. Sie ist froh, dass es so warm ist, dann braucht sie keinen Ofen – aber ihr ist kalt. Denn heute muss sie schreiben, dass der Himmel grau und die Welt dunkel sei – aber das will sie nicht, fast weigert sie sich. Weil ihr heute bevorsteht, etwas von ihrem literarischen Ich zu erzählen – Phantasie und Fakten des realen Lebens sind da nicht auseinander zu halten, Perspektiven machen keinen Sinn mehr.

Fragen von mir zu dir
Womit berühre ich dich, wenn ich von mir erzähle?
Erzähle ich von mir, wenn ich von mir erzähle?

Fragen von dir zu mir
Warum vertrauen sich Leser und Autor?
Welche Bedeutung hat der Leser für den Autor?

Beobachter-Fragen
Wie ließe sich die Situation aus einer anderen Perspektive beschreiben?
Wie lassen sich Sprachspiele kommentieren?

Inhalts-Fragen
Wenn das WAS bleibt, ist nur das WIE variabel – verändert sich dadurch der Inhalt?
Was geschieht, wenn Subjekt und Objekt ihre Plätze vertauschen?

Freitag, 14. Mai 2010

Warum ich schreibe. Vom Ich zum Wir

Anfangen – jeder Schreibprozess hat einen Anfang. Der Abgrund will überwunden werden. Ich wähle einen Moment, der mir einen Beginn ermöglicht. Ohne diesen tatsächlich ergriffenen Augenblick entsteht auf dem Papier - und dem Computerbildschirm - nichts. Anfangen heißt loslaufen, weitergehen, Möglichkeiten schaffen, eröffnen – eben beginnen.

Buchstaben
– ich nutze die 26 Buchstaben unseres Alphabets, um die passenden Worte zu bilden, zu kombinieren, sich begegnen zu lassen. Dafür begreife ich sie, fasse sie an und schmecke sie um dann von meinen Funden zu berichten.

Chaos
– ein belebender Aspekt in der Sprachwelt. Gedanken, Stimmungen, Ideen… Ein Schreibprozess nutzt das kreative Chaos um etwas Neues zu erschaffen, Signale zu setzen, um Farben zu kombinieren, neue Blickwinkel einzunehmen.

Dichter – dichte Worte, verdichtete Kombinationen, dichterische Freiheit, gedichtete Bilder. Dichter und Gedichte mag ich sehr.

Erwägen - erfassen, erdichten, ergreifen, ergötzen und erbrechen, erschrecken, erkennen und erstarren. Erinnerungen festhalten. Enden.

Fantasie – ist zum Schreiben notwendig. Wenn ich dumpf bin, kann ich nicht schreiben. Worte fordern innere Beweglichkeit, Plastizität, polyphone Bilder – fantastische Texte entstehen durch fantasievolle Eingangstore.

Gewebe
– ich webe mit Worten und produziere Geschriebenes. Aus meinen Gedanken entstehen unterschiedliche Muster, die geduldig warten gewichtet zu werden. Von der Gabe zur Aufgabe – ohne aufzugeben oder anzugeben. Eben frei etwas zu geben und die Grenzen zu wahren.

Handeln – Schreiben ist Handlung, Tat und „geronnener Wille“. Texte sind Abenteuer und unübersehbare Unterfangen – Höhen und Tiefen inbegriffen.

Ich – zu meinem Ich stehe ich, wenn ich schreibe und veröffentliche. Ohne mein Ich geht es nicht - dazu muss ich stehen und darf nicht sitzen. Intertextuelle Diskurse schreiben sich über Worte fort und bereichern individuelle Entfaltungskräfte. Intuition, Inspiration und Imagination.

Ja sagen – auch wenn es unbequem ist. Mich im Tanz von Ja und Nein mit drehen und wenden, die Polaritäten berühren und abwägen, jetzt ja sagen, den Job ernst nehmen und Jazz dabei hören.

Können – mein Können auf die Probe stellen. Kommentare erwarten, Kreativität einsetzen, Klagen erinnern und klug erwidern.

Lesen – was andere geschrieben haben. Lesen und fühlen, wie sich Worte bewegen, welche Bilder entstehen. Menschen und Situationen, Ereignisse und Geschehnisse lesen, um zu erschreiben, was das Lesen in mir beschreibt.

Mut – Beherzt das Wort ergreifen. Schrift einsetzen. Mut mich im Schreiben zu zeigen. Mut Dinge auszudrücken, die des Mutes bedürfen. Multiplikator werden. Und manchmal müde sein - vor lauter Unerschrockenheit.

Niederlagen
– annehmen, einstecken und verwandeln. Transformieren.

Ohnmacht – Ohnmacht erleben, wenn die Worte nicht kommen, wenn die Buchstaben sich verdrehen, wenn erstarrende Stille entsteht, wenn Stummheit sich ausbreitet und kalt alles verschweigt.

Pläne – planen und verwirklichen, ergreifen und loslassen. Konzepte erstellen und ausklamüsern, Ideen aushecken und austüfteln, damit Pläne zu Ereignissen werden, damit Wunsch zu Wille wird. Planen und ändern – immer wieder neu.

Quadratisch – mit Ecken denken und Tangenten einbauen, aber den Umkreis nicht vergessen und die geometrischen Gebilde in Worte fassen.

Rufen – mit stillen Worten und durch geduldige Schrift. Anrufen, durchrufen und alarmieren. Vom Zuruf zum Aufruf, vom Sprecher zum Hörer, vom Schreiber zum Leser.

Stimme – meine eigene Stimme suchen und finden. Ihren Worten vertrauen, Spuren verfolgen und in geduldige Schrift umsetzen, die stumme Sprache zum sprechen bringen, schreiben um etwas zu sagen und die Quelle der Stimme zu sein.

Tippen – Worte auf der Tastatur eintippen und mein soziales Netz damit antippen. Mich trauen zu texten und Texturen zu erstellen, damit Diskurse eröffnet und geführt werden können. Mir treu bleiben und mich trauen zu schreiben.

Unsicher – unerkannt bleiben in der Unsicherheit. Ohne Rüstung und doppelten Boden in die Sichtbarkeit treten.

Verständnis – verstehen und um Verständnis werben. Einblick gewähren in die Werkstatt der Worte, mit Gespür, Takt und Fingerspitzengefühl. Ohne Verständigung verstehen wir uns nicht.

Wir – vom Ich zum Wir. Am Anfang war das Wort. Mit Worten einen Weg gehen, Brücken bauen, weben und Sätze im Dschungel des Alltags bilden. Vom Ich zum Du im Zwischenraum über die Sprache.

Zweifel – den Zweifel ernst nehmen und überwinden. Er führt mich, wenn ich mich nicht überführen lasse. Der Zweifel ist ein Kreativitätspotenzial, der sich gerne in den Arm nehmen lässt. Vom zaudern, zögern und zagen zum zwielichtigen Zwischenbericht.

Schreiben, um vom Ich zum Wir zu gelangen und die eigene Stimme erklingen zu lassen.

Montag, 13. Juli 2009

Literatur: Autor - Text - Leser. Die Geburt des Lesers

Die Beziehung zwischen Autor und Leser entsteht über Text. Gäbe es keinen Autor der schriebe, und keinen Leser der läse, dann gäbe es auch keine Beziehung zwischen Autor und Leser. Es gäbe dann nichts, was geschrieben worden wäre, und nichts, was gelesen werden könnte – es gäbe keinen Text. Die Verbindung, oder auch, der Treffpunkt zwischen Autor und Leser, findet auf der Ebene des Textes, des Werkes, des Geschriebenen statt. Während der Autor die Funktion des Schreibens hat und der Leser die des Lesens, leistet der Text beides – er muss sowohl geschrieben als auch gelesen werden, sonst wird er nicht zum Ereignis, kann sich nicht entfalten und zum Leben erwachen.

Einen modernen „Autor“ gibt es erst seit dem Ende des Mittelalters. Seitdem das Individuum erwacht ist und sich persönlich - und damit angreifbar - im Raum positioniert. Vor und im Mittelalter gab es vornehmlich Erzähler. Und nicht wenige, der uns heute noch bekannten Überlieferungen aus dieser Zeit, tragen keinen Namen. Geschichten und Erzählungen - Märchen, Sagen, Mythen - wurden weitererzählt – natürlich mündlich – und waren Ausdruck von Geschehnissen eines Volkes, eines Stammes oder eines Herrschaftssystems. Heute ist ein „Autor“ (lat. auctor), allgemein verstanden, derjenige, der ein literarisches Werk verfasst. Er ist der „Urheber“, der „Schöpfer“ seiner geschriebenen Worte und damit, wenn es gut geht, ein literarischer Schriftsteller.

Auch die Bezeichnung „Literatur“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet, abgeleitet von „littera“ (der Buchstabe), die Buchstabenschrift, die Sprachkunst. In diesem Begriff treffen sich über das Vehikel der Sprache die Kunst des Schreibens - die Schrift - und die des Sprechens – das gesprochene Wort. Heute sprechen wir im Allgemeinen einfach von „Texten“ (die zum Beispiel Literatur bilden, darstellen oder transportieren). Der Begriff „Text“ geht auf das aus spätmittelhochdeutscher Zeit entlehnte lateinische „textus“ zurück und bedeutet „Gewebe“, „Geflecht“, „Verbindung“. In diesem Wort liegt also auf der Ebene der Semantik schon die offene und bewegliche Geste von Schriftlichkeit.

Das Wort-Geflecht also, das einen literarischen Text bildet, muss von einem Leser gelesen werden. Und was bedeutet „lesen“? „Lesen“ heißt, so berichtet es das Etymologische Wörterbuch, „das verstreut Umherliegende aufnehmen und zusammentragen“. Diese Bedeutung macht deutlich, dass sich Vieles „lesen“ lässt – mehr als Worte. Auch Landschaften können gelesen werden, die Mimik eines Menschen, Stimmungen, Gemälde – und so sprechen wir in vertrauten Situationen auch davon, dass uns jemand ein offenes Buch ist, in dem wir lesen dürfen.

Heute werden kaum mehr Texte ohne Autor, ohne einen deutlich zu verifizierenden Urheber, einen Schöpfer, einen Verantwortlichen veröffentlicht, d.h. der Öffentlichkeit anheimgegeben. Autor und Text gehören eng zusammen. Und trotzdem ringt die moderne Literaturwissenschaft damit, in welchem Verhältnis Text und Autor zueinander stehen. Wer oder was spricht sich aus? Drückt sich der Autor durch seinen Text aus – oder drückt der Text etwas über den Autor aus?

Wird der Autor durch den Text sichtbar? Oder wird der Text durch einen Autor sichtbar? Die moderne Literaturwissenschaft ist an dieser Stelle sehr vorsichtig. Sie versucht fast ausschließlich den Text als Kunstwerk und insofern als Untersuchungsgegenstand zu betrachten. Der Autor ist natürlich nicht gänzlich unwichtig – aber ein Literaturwissenschaftler hat gut zu prüfen, ob er eine Aussage mittels eines Textes über einen Autor machen kann. Selbst der Frage, wer in einem Text spricht – Autor, Erzähler oder gegebenenfalls ein Ich (sowie andere Figuren) - wird sehr bedachtsam nachgegangen.

Was geschieht also mit einem Autor, wenn er seinen Text veröffentlicht? „Stirbt“ er dann – so wie Roland Barthes (1915-1980) dies Ende der sechziger Jahre in Frankreich proklamiert hat? Trennt sich also die Quelle, der Urheber vom Ergebnis, vom Text? Und was entsteht gegebenenfalls daraus? Die Literaturkritik kennt in der Literatur heute eigentlich noch immer keinen anderen als denjenigen, der die Literatur geschaffen hat. Sie versucht - wenn überhaupt - etwas durch die Urheberschaft zu erklären. Roland Barthes weist darauf hin, dass es noch eine andere Richtung gibt. Er sagt: „Die Einheit eines Textes liegt nicht in seinem Ursprung, sondern in seinem Zielpunkt.“ Und wer ist das, wenn nicht der Leser?

Ein Autor lebt und arbeitet in seinem Netzwerk. Ort und Zeit sind auch für ihn bestimmende Faktoren. Das, was er schreibt, rekurriert sich – in irgendeiner Weise – aus seinem Leben. Seinem Denken, Fühlen, Handeln – seinem Wissen, seinen Aufgaben, seinen Fähigkeiten etc. Das, was er der Öffentlichkeit übergibt, ist sein Text. Ob es ein Gedicht ist, ein Roman oder ein Drama, ein Sachtext, ein Aufsatz, ein Essay oder noch etwas ganz anderes. Er übergibt das, was er geschrieben hat der Öffentlichkeit – in einem Buch, einer Zeitschrift, durch das Internet oder auf sonst eine Weise. Der Text bleibt dann statisch. Wie ein Fels in der Brandung. Er bleibt einfach bestehen. Egal, ob sich der Autor von ihm abwendet, sich weiterentwickelt, ob er stirbt oder ihn vergisst.

Und dieser Text, der nun einfach da ist, sich öffentlich anbietet, wird, wenn es gut geht, von einem Leser gefunden, entdeckt und gelesen – und dadurch seiner Statik enthoben. Durch den Leser erwacht der Text, wird beweglich und beginnt ein Eigenleben. Denn ein Leser steht, liegt oder sitzt genauso in einem Netzwerk, wie ein Autor. Möglicherweise aber in einem anderen. Der Text verbindet also Netzwerke miteinander. Und er lässt eine neue Bewegung, ein neues Gespräch entstehen. Schriftlich, mündlich oder durch die Stille. Der schreibende Autor, der sich zu Verfügung stellende Text und der lesende Leser. Mit diesem Dreiklang wäre ein neues, postmodernes Ziel erreicht – die Literaturwissenschaft könnte, statt sich auf die Quelle eines Textes zu beziehen, die Richtung wechseln, sie könnte mutig und vertrauensvoll den Leser anvisieren.

Gerade das macht Adolf Muschg in seinem großen Werk: „Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzival.“ Im letzten, dem 100. Kapitel, übergibt der Autor sein Werk dem Leser. Das Kapitel heißt: „Der Leser. Worin die Hauptperson dieses Buches ihr Geheimnis verrät und das Hundert voll macht (hic et ubique).“ Adolf Muschg hat es im Inhaltsverzeichnis genannt, aber nicht geschrieben, denn er weiß, dass es sich nur in seinen Lesern fortsetzen kann – und nicht in ihm als Autor. Der Blick wendet sich – vom Ursprung in die Leserschaft, dort wird der Text neu geboren.

• Roland Barthes: Der Tod des Autors. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. Reclam Verlag, Stuttgart, 2000. Zitat: Seite 192.
• Adolf Muschg: Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzival. Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1993.

Montag, 29. Juni 2009

Menschen und Figuren - reales und literarisches Leben

In der deutschen Literatur etabliert sich eine neue Perspektive. Eine erweiterte Blickrichtung. Während in den letzten Jahrhunderten die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf dem Bildungs- und Entwicklungsweg eines Individuums lag, einer einzeln zu verfolgenden Figur, so scheint es mir jetzt so, als ob eine Perspektivverschränkung stattfände. Als ob sich der Blick erweitere. Es steht nicht mehr nur ein einzelnes Individuum – literarisch gesprochen: eine Figur - im Vordergrund, sondern es wird ein ganzes Netzwerk beschrieben. Ein Schicksalsnetzwerk. Figuren- und damit Ereigniskonstellationen.

Im übertragenen Sinne steht die Konstruktion eines Kreises für dieses Bild: Er lässt sich entweder aus der Mitte heraus konstruieren – aus seinem Mittelpunkt heraus – oder über die Peripherie – mittels angelegter Tangenten, die den Umkreis erschaffen.

Entwicklung, Entfaltung, Erlebnisse und Begebenheiten werden heute immer weniger aus einer eindimensionalen, zentrierten Perspektive beschrieben, sondern benötigen auf Grund ihrer Komplexität den großen Blick von oben oder auch: durch verschiedene Schichten hindurch. Erst dieser große Blick schafft Sinn, denn ein Individuum lebt nie gänzlich isoliert von der Welt mit all ihren Ereignissen, Zuständen, Gegenständen, Gesellschaften und eben weiteren Teilhabern.

Der Soziologe Niklas Luhmann würde sich mit seiner Systemtheorie über die Entwicklung in der deutschen Gegenwartsliteratur sicher freuen.

Denn gerade die Generation der jüngeren Autoren in Deutschland scheint diesen Perspektivwechsel begriffen zu haben. Individuum und Welt gehören zusammen, sie rekurrieren einander und das Leben eines einzelnen ist ohne seine Mitspieler nicht mehr begreif- und schon gar nicht beschreibbar. Es folgt der Blick auf drei literarische Beispiele: Neuerscheinungen aus diesem Jahr, die zeigen, wie Menschen oder Figuren und Ereignisse ineinander greifen, wie unübersichtlich das Gewebe oft ist und wie überraschend die Zusammenhänge sind.

Daniel Kehlmann erzählt in seinem neuen Buch „Ruhm“ neun Geschichten. Sie sind so verfasst, dass sie einzeln als Kurzgeschichten gelten könnten. Aber genau darin liegt der Punkt: sie berühren einander. Ganz trocken. Mittels eines Namens, einer kleinen Begebenheit, eines Ortes oder Zeitpunkts. Nicht, dass die Protagonisten offensichtlich aufeinander reagieren, oder, dass sich ein gemeinsames „Ereignis ereignet“ – nein, es ist wie im täglichen Leben, in dem ich auch nicht weiß, ob XY gerade vor mir im Laden gewesen ist – und vor allem warum.

Daniel Kehlmann macht ein Netzwerk sichtbar. Ohne Wertigkeit. Ein Netzwerk auf horizontaler Ebene ohne hierarchische Ausrichtung – philosophisch auch „Vertikalspannung“ genannt. Knotenpunkte treten in den Vordergrund. Ganz subtil. Und die große Verknüpfung bildet das Netz des sozialen Lebens – in dem sich literarische Figuren genauso wie konkrete Menschen bewegen, suchen und finden.

Anna Katharina Hahn macht in ihrem neuen Roman „Kürzere Tage“ etwas Ähnliches – und doch auf eine ganz andere Weise. Auch sie erzählt Geschichten. Über Begebenheiten. Innen- und Außenansichten verschiedener Protagonisten werden vermittelt. Sie präsentiert Ausschnitte aus dem Leben verschiedener Figuren. Der Blick der Autorin wendet sich von einer Figur der nächsten zu. Trocken. Disparat. Und trotzdem gibt es eine Verknüpfung, die schnell deutlich wird. Es ist der Zeitpunkt des Geschehens und der Ort. Stuttgart. Die Erzählung steht auf realem Boden. Es werden Straßen genannt, Gebäude, das Surrounding entspricht dem „wirklichen Leben“.

Ihre zunächst unzusammenhängende Darstellung der verschiedenen Lebenssituationen mündet in einen gemeinsamen Moment. Raum und Zeit begegnen einander. Die Protagonisten – die übrigens alle in der gleichen Straße leben – treffen in einem heiklen Moment aufeinander. Die Situation ist zugespitzt. Es geht um Leben und Tod. Keiner kennt die Geschichte des Anderen – aber nun werden die Figuren zusammen zu einer gemeinsamen Geschichte. Und damit endet – natürlich – die Erzählung von Anna Katharina Hahn, ohne dass der Leser weiß, wie die Erzählung „ausgeht“.

Eine weitere Variante dieser neuen Blickrichtung, dieses Sichtbarmachens von Netzwerken und speziell von Vorerfahrungen, also persönlicher Entwicklung in zeitlicher Ausdehnung, bietet Judith Hermann in ihrem neuen Buch „Alice“. Es ist eine Figur – Alice – die in fünf Momenten ihres Lebens geschildert wird. Fünf Männer sterben. Die Reihenfolge ist dabei unerheblich. Aber Alice kennt sie alle – begleitet sie, diese Männer. Bis auf den Tod ihres Onkels. Er ist vor ihrer Zeit gestorben – aber sie recherchiert seinen Tod.

Auch diese fünf Geschichten könnten einzeln stehen. Aber das tun sie nicht. Und zu Recht. Denn das Sinnhafte dieser morbiden – und doch so leichtfüßig geschriebenen Erzählungen – wird erst dadurch sichtbar, dass Alice in ihrem Netzwerk auf einem Knotenpunkt steht – mitten in ihrer eigenen Lebensgeschichte. Aber gerade die wird natürlich nicht konsequent geschildert – nein, wieder bekommen wir es nur mit Momentaufnahmen zu tun. Kontinuität schafft nur der Name „Alice“.

Judith Hermann hat also ein Thema genommen – den Verlust und damit gleichzeitig das Leben damit – und in der Geschichte, die wir das Leben einer Figur nennen, das „Sterbensnetzwerk“ fokussiert, in dem die Protagonistin deutlich dem Leben zustrebt. Ja, sich konträr zum Tod dieser Männer verhält. Die Gestalt Alice wird durch die verschiedenen Erzählungen erschaffen, sie bildet den Mittelpunkt und gleichsam die Peripherie.

In allen drei der genannten Erzählungen fällt noch etwas auf. Das Leben von Figuren, Gestalten – und ich vermute auch realen Menschen – ist nicht konsequent „nacherzählbar“, ist nicht verstehbar, ist nicht nachvollziehbar. Gerade das Leben entbehrt die Konsequenz, die Stringenz oder auch die Kontingenz. Innen und außen sind eben innen und außen. Zwar gibt es einen Schnittpunkt dieser Bereiche – aber was dort geschieht gehört wohl zum Mysterium des menschlichen Lebens und damit dem, was wir den „Lebens-Lauf“ nennen. Und dies ist wohl eine Wahrheit, die sowohl für die Literatur als auch für das wirkliche Leben gilt.

Fragmente werden zu Abbildern einer vollständigen Figur, eines vollständigen Entwicklungs- und Lebensweges – gerade in ihrer fragmentarischen Struktur. Eigentlich ist das mittlerweile ja schon bekannt. Aber es tut gut, wieder darauf hingewiesen zu werden. Sowohl die menschliche als auch die literarische Identität markiert die Schnittstelle zwischen Individuum und Welt/Gesellschaft, zwischen mir und dir, zwischen innen und außen. Dadurch bleibt die Würde gewahrt.

Und: gerade das machen die drei zukunftsweisenden Erzählungen sichtbar. Und: sie sind stolz darauf. Hier kann sich das „wirkliche Leben“ mit der literarischen Welt zusammenschließen. In einem Kreis. Von außen nach innen. Und: von innen nach außen.

• Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten. Rowohlt Verlag, 2009.
• Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage. Suhrkamp Verlag, 2009.
• Judith Herrmann: Alice. S.Fischer Verlag, 2009.