Posts mit dem Label Gedichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gedichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 16. Dezember 2012

Zum dritten Advent: Die Luft riecht schon nach Schnee

Die Luft riecht schon nach Schnee, mein Geliebter
Trägt langes Haar, ach der Winter, der winter der uns
Eng zusammenwirft steht vor der Tür, kommt
Mit dem Windhundgespann. Eisblumen
Streut er ans Fenster, die Kohlen glühen im Herd, und
Du Schünster Schneeweißer legst mir deinen Kopf in den Schoß
Ich sage das ist
Der Schlitten der nicht mehr hält, Schnee fällt uns
Mitten ins Herz, er glüht
Auf den Aschekübeln im Hof Darling flüstert die Amsel.

Sarah Kirsch

Sonntag, 9. Dezember 2012

Zum zweiten Advent: Briefwechsel

Wenn die Post nachts käme
und der Mond
schöbe die Kränkungen
unter die Tür:
Sie erschienen wie Engel
in ihren weißen Gewändern
und stünden still im Flur.

Ilse Aichinger

Samstag, 8. Dezember 2012

Rose Ausländer: Unverlässlich

Wir
zwischen Himmel und Erde
beiden hörig

Abglanz
Echo

Wirklichkeit
unser unverlässliches
Märchen

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Joachim Ringelnatz: Schenken

Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
Sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
Was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So daß die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Daß dein Geschenk
Du selbst bist.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Rainer Maria Rilke

Die hohen Tannen atmen heiser
im Winterschnee, und bauschiger
schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
Die weißen Wege werden leiser,
die trauten Stuben lauschiger.

Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
Im grünen Ofen kracht ein Scheit
und stürzt in lichten Lohgewittern,-
und draußen wächst im Flockenflittern
der weiße Tag zur Ewigkeit.

Dienstag, 4. Dezember 2012

Augustinus

O Mensch,
lerne tanzen,
sonst wissen die
Engel im Himmel
nichts mit dir
anzufangen.

Montag, 3. Dezember 2012

Else Lasker-Schüler: Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht...
Ich habe Liebe in die Welt gebracht -
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Sonntag, 2. Dezember 2012

Zum ersten Advent

Ich sage Dir:
Es gibt keine göttliche Amnestie,
die Dir das Werden erspart.
Du möchtest sein:
Du wirst nur in Gott sein.
Er wird Dich in seine Scheune einbringen,
nachdem du langsam durch Deine Handlungen geworden
und geknechtet sein wirst;
denn der Mensch braucht lang
zum Geborenwerden.

Antoine de Saint-Exupery

Sonntag, 24. Juni 2012

Ziehende Landschaft

Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muß den Atem anhalten, bis der Wind nachläßt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sein
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mutter.

Hilde Domin

Samstag, 7. Januar 2012

Worte: Graublau-verdichtet

Lieber Peter,

dein kleiner, erster Gedichtband „Graublau“ ruft eine schüchterne Verlegenheit in mir auf. Ich finde in dem Bändchen Gedichte, die weit über meinen persönlichen Umraum hinausgehen, sie beschreiben Ebenen im Horizontalen in beide Richtungen, die ich nur erahnen und mich ihnen zuwenden kann, Ebenen im Vertikalen deren Höhen und Tiefen ich mich über das Einlassen der Worte anzunähern versuche. Deine Gedichte haben eine eindeutige Quelle: das Herz im Innern. Was sie aber vermögen, ist das Weltenherz im Umkreis zu erreichen. In diesem Umkreis lösen sich die einzelnen Worte auf. Die klare grammatische Struktur der Buchstabenkombinationen wird zugunsten eines entstehenden Klangbildes aufgelöst.

Graue Asche

Graue
Trostlosigkeit
andauernder Tage

Asche
erloschener Vergangenheit
auf jeglichem Tun

ist da kein Gott
der erlöst
von ständiger Wiederkehr?

Gott schweigt
Harrt wie wir
Auf uns


Deine Gedichte schreien, ganz leise. Sie sind eindringlich und erfassen mich im Laufe des Tages mit allen Poren. Ich lese sie mit meinen Augen und ich spüre, wie die Bedeutung der Worte durch meinen Körper strömt. Um sie aus meinem Innern wieder ans Licht zu bringen, müssen sie meine Haut ganz zart durchbrechen, ich muss sie sich neu gebären und frei lassen. Sie nutzen die Poren, schlüpfen als Buchstaben hinaus und setzen sich auf der Erde nieder. Die Worte deiner Gedichte sind durch mich hindurch gezogen und ich setze sie frei, weil mein Inneres sie nicht erträgt.

Spätwinter

Regen
auf durchnässten
Schuhen
und eine Handvoll Erde
im Schnee
der zerfließt
Erde –
das was wir
alle suchen
die im Regen
wandern


Es ist nicht leicht, über deine Gedichte etwas zu schreiben, denn sie erreichen mich nicht auf der kognitiven Ebene – eigentlich kann ich mich vor ihnen nur künstlerisch verbeugen. Alles, was ich hier auszudrücken vermag sind stammelnde Worte, die zu umschreiben versuchen, dass deine Gedichte eine Herzenssprache sprechen, die wir alle noch lernen müssen. Mein Wille dirigiert meine Finger, die Worte auf der Tastatur zusammensetzen, mein Kopf kommt kaum nach. Rudolf Steiner sagte einmal (in „Wahrheit und Wissenschaft“), dass es darum ginge, „den Menschen als [eine] auf sich selbst begründete Persönlichkeit zu begreifen“. Genau davon sprechen deine Gedichte. Der Schmerz im Irdischen transformiert sich im Geistigen.


Wehmut

Wehmut komm
Vertreibe
die leeren Stunden

Erzähle vom
Verlorenen
das nie mehr gefunden

Gespenster ziehen
wo Welten standen
Nichts ist geblieben

Im Herzen weht es nach
vom Duft und Klang
der Lieben


Es gibt keine Schuld, keine Strafe, keinen Täter: aber suchende Menschen – Individuen, die im Irdischen das Geistige zu erfassen vermögen, die Verantwortung übernehmen.

Deine Persönlichkeit zeigt sich in deinen Gedichten in einer weltumspannenden und zeitlosen Form. Deine Worte gehen von deiner „selbstbegründeten Persönlichkeit“ aus und durchbrechen Raum und Zeit. Das Individuelle wird zur Welt, die Welt zeigt sich im Individuellen. Deine Gedichte gehen über das Wesentliche und Unvergängliche hinaus, sie situieren sich im Bedeutungsvollen – was für das Alltagsbewusstsein nicht immer leicht zu ertragen ist.

Herzlich,
Sophie

Peter Antonenko: Graublau. Gedichte – Erster Band. Edition Antonenko. CvB-Verlag, Herdwangen-Schönach, 2011.

Donnerstag, 29. Juli 2010

Worte einer Dichterin

Das Gefieder der Sprache

Das Gefieder der Sprache streicheln
Worte sind Vögel
mit ihnen
davonfliegen.

Hilde Domin in: Gesammelte Gedichte.

„Jede Entscheidung für ein Wort ist zugleich für und gegen. Diese Entscheidung ist eine automatische und doch eine bewusste. »Der Widerspruch ist der Vater, die Nachahmung die Mutter des Schöpferischen«, definiert es Benjamin. »Das Schöpferische – dem tiefsten Wesen nach Variante.« Daher gibt es kein Wort und kein Bild, das nicht neu gemacht werden kann. Man hört das bereits Gesagte mit, an dem und gegen das man sich orientiert – wobei heute der Widerspruch Stimmführer ist, in diesem Parallelogramm der Kräfte.“

Hilde Domin in: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

Montag, 23. November 2009

Gedichte. Weltinnenräume

Neben der Epik und der Dramatik präsentiert die Lyrik eine andere Art der Wortkunst – ursprünglich ist sie die zum Spiel der Leier gehörige Dichtung. Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, dass Romananfänge wie Signale wirken. Dass sie Zeichen setzen, den Blick richten und einen Weg weisen. In dem nun folgenden Text will ich beschreiben, wie es sich mit Gedichten verhält. Gedichte sind etwas gänzlich anderes und haben kein Ziel, das sie anvisieren.

Lyrik
das Nichtwort
ausgespannt
zwischen
Wort und Wort.

(Hilde Domin, 1993.)

Gedichte erwachsen aus der Spannung von Worten, sie erbitten Räume. Innere Räume. Herzensräume. „Weltinnenräume“ im einzelnen Menschen – so wie es Rilke nennen würde. Gedichte erklingen und erblühen im Innern, wenn die Spannung zu etwas Neuem, einer Geburt führt. Sanft oder schroff, hart oder weich, verständlich oder unverständlich, erinnernd oder hoffend, flehend oder bittend, in die Vergangenheit oder in die Zukunft weisend.

[…]
Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.

Ich sorge mich, und in mir steht das Haus.
Ich hüte mich, und in mir ist die Hut.
Geliebter, der ich wurde: an mir ruht
der schönen Schöpfung Bild und weint sich aus.

Rainer Maria Rilke, aus: Die Gedichte 1910 bis 1922.
(München oder Irschenhausen, August/September 1914)

Wenn ich ein Konzert höre, ein Live-Konzert, in dem Musiker ihre Musik nach außen setzen, Klänge erklingen lassen, die sie in diesem speziellen Moment produzieren und zu verschenken haben, wenn der Raum von klingender Musik erfüllt ist, wie das nächtliche Himmelszelt von Sternen übersät ist, dann geschieht etwas. Wenn Musik erklingt, sich im Raum ausbreitet und dann verhallt, ereignet sich etwas im Hier und Jetzt. Die Zuhörer werden in einen Klangregen getaucht. Von außen. Wie in einen warmen Frühlingsregen – oder auch wie in ein stürmisches Gewitter. Klänge nähern sich dem Menschen und dringen von außen nach innen.

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben

(Rose Ausländer)

Eine entgegengesetzte Tätigkeit zum Musikhören ist die Beschäftigung mit Gedichten, die Annäherung an verdichtete Wortkunstwerke. In Gedichten klingen die Worte nicht von außen, sondern von innen. Gedichte sind Ver-dicht-ungen, sind Worte in ihrer kräftigsten und reinsten Form, die in der Lage sind, neue und gegensätzliche Welten entstehen zu lassen. Gedichte können nur im Innern des Menschen erblühen – sie haben außen keinen Stand – auch, wenn sie dunkel, verwirrend und erschütternd sind.

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends […]


(Paul Celan, 1952, in: Todesfuge.)

Gedichte lassen sich auch nicht „erklären“ – auch wenn sie dialektisch geschrieben sind und unseren „Verstand“ ansprechen. Gedichte sind auf immaterielle Türen im Innenraum „Mensch“ angewiesen, persönliche und verwundbare Eingänge, die sich individuell und ganz bescheiden öffnen. Große Tore sind für etwas anderes da – Gedichte, Wortkunstwerke in verdichteter Form – schlüpfen oft unbemerkt durch kleine Lücken und bewegen sich leise aber unaufhaltsam.

Angst und Zweifel

Zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst

aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kennt keinen Zweifel

(Erich Fried)

Gedichte können Herzen erwärmen, innere Lichter anzünden, wie Rosenknospen erblühen. Gedichte brauchen Stille und erwachen, wenn ein offener Raum für Wort-Bilder entsteht. Diese Bilder, ob schaurig oder schön, können leben, wenn Worte anwesend sind und sich ausbreiten dürfen. Klare, definierte Worte. Wenn ein Dichter ein Gedicht verschenkt, wenn er es der Öffentlichkeit übergibt, dann braucht es ihn nicht mehr. Gedichte machen sich dann, wie auch andere Textgewebe, selbstständig – sie präsentieren sich in gedruckter Form, warten und bieten sich an.

Der Leser ist es, der den Wortverknüpfungen oder -schöpfungen, wie zum Beispiel „Maschentausendabertausendweit“ von Else Lasker-Schüler, zum Leben verhilft.

Wenn klingende Musik wie ein Regen von Sternschnuppen auf den Menschen niedergeht, dann sind Dichtungen wie knospende Rosen im Herzen, die erblühen können.

Samstag, 14. November 2009

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt Dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler, 1906