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Sonntag, 14. Juni 2015

Wie bist du jetzt? Sich verändern zwischen Himmel und Erde


Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wäre, würden wir in diesen Tagen tatsächlich deinen 50. Geburtstag feiern. Wenn du nicht gestorben wärest, würdest du leben. Aber es gibt das Wort. Du bist gestorben und lebst nicht mehr, insofern können wir auch nicht deinen Geburtstag feiern. Und tun es doch. Wir treffen uns. Aus Anlass deines Geburtstages. Und wir feiern dich. Dein Lebenswerk. Irgendwie. Himmel und Erde begegnen sich in der Rosenpracht, auch wenn des Menschen Versuche der Hilflosigkeit entstammen.

Die Sonne scheint in diesen Tagen hell und klar und warm und weich vom Himmel. Die Natur ist vom frischen Grün geprägt, durchzogen von einer bunten Blütenfülle. Früchte kündigen sich an. Morgens und abends erklingt ein vielstimmiges Vogelkonzert. Saft und Kraft sind auch in der Tierwelt zu spüren. Katzen verbringen Tage und Nächte draußen und versichern sich nur kurzzeitig, ob ihr von Menschenhand bereitetes Heim noch besteht – wenn gerade ein Gewitter auf die Erde niedergeht.

Auch wenn der laue Wind am Abend abkühlt, streift er des Nachts über meine Nase, damit auch die Himmelsbotschaften ein Schlupfloch in meine Träume finden. Der Sternenhimmel rückt näher und wispert sogar tagsüber geheimnisvolle Nachrichten. Trotz menschlicher Geschäftigkeit liegt eine Stille über dem Land, Himmel und Erde gehen auseinander hervor und vollziehen ein geheimnisvolles Miteinander, das sich aus der Mitte einer blühenden Blüte heraus erahnen lässt.

Termine, Verabredungen, Deadlines (was für ein Wort!) – und dazwischen löchrige Nächte, in denen der Schlaf nur dünn und flüchtig ist. Ich denke an dich. Und ich bin noch immer verwirrt, obschon alles seinen Gang nimmt - das Leben geht weiter. Aber dein Bild auf dem Foto bleibt gleich. Es hat deinen Körper festgehalten, so wie du im Leben ausgesehen hast. Nun aber ist alles geistig. Und es gibt keine neuen materiellen Bilder, die ich mir ins Wohnzimmer stellen könnte, ja ich weiß kaum, wie ich mir vorstellen kann...

Auch die Lebenden verändern sich, viel ist in den letzten Jahren passiert. Irdisch gefesselt kann ich mich im Schnittpunkt der Zeit nur aus der Gegenwart heraus dem zuwenden, was an Erhabenheit kaum zu erreichen ist. Ich schreibe im Jetzt. Kann einbeziehen, was sich mir über die Vergangenheit erschließt, mich die Zukunft erahnen lässt. Du aber, so kommt es mir vor, bist nicht mehr an diesen Schnittpunkt gebunden, sondern kannst dich auf der Lemniskate aller möglichen Zeiträume bewegen. Wie ist es dir in den letzten Jahren ergangen, so man im Himmel irdische Zeiträume kennt, wer bist du jetzt?

Um Halt zu finden versuche ich mich deinem geistigen Kern zu nähern, auch wenn ich weiß, dass es eben jetzt nicht um Kerne geht, ganz abgesehen davon, dass es sie wohl nicht gibt… und gerade das es ist, was Geistigkeit ausmacht. Wie kann ich denken, was zu denken ist – obgleich ungreifbar und doch handfest wie eine Nuss. Es ist ein Stammeln. Alles bewegt und verwandelt sich. Achtsamkeit ist geboten wenn es um Attribute und Zuschreibungen geht. Und doch sind wir gerade darauf angewiesen.

Die fröhlichen Begegnungen in dem wunderschönen Garten mit den prächtigen Rosen klingen nach. Menschen, „verlierbare Lebende“, die einander treffen, weil du der Schnittpunkt bist. Und du bist da und dabei und nicht da und weit weg, „unverlierbare Tote“ (Hilde Domin). Der Sommernachmittag schenkt Trost, Vertrauen und Zukunft. Lass uns wissen: Wie bist du jetzt?

Die schwersten Wege

Die schwersten Wege
werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer,
sind einsam.
Selbst der Tote der jedem Ruf antwortet
und sich keiner Bitte versagt
steht uns nicht bei
und sieht zu
ob wir es vermögen.
Die Hände der Lebenden die sich ausstrecken
ohne uns zu erreichen
sind wie die Äste der Bäume im Winter.
Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt den der Fuß
noch nicht gegangen ist aber gehen wird.
Stehenbleiben und sich Umdrehen
hilft nicht. Es muß
gegangen sein.

Nimm eine Kerze in die Hand
wie in den Katakomben,
das kleine Licht atmet kaum.
Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne Gnade
nicht leben können:
die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags,
du bläst sie lächelnd aus
wenn du in die Sonne trittst
und unter den blühenden Gärten
die Stadt vor dir liegt,
und in deinem Hause
dir der Tisch weiß gedeckt ist.
Und die verlierbaren Lebenden
und die unverlierbaren Toten
dir das Brot brechen und den Wein reichen -
und du ihre Stimme wieder hörst
ganz nahe
bei deinem Herzen.

Hilde Domin

aus: Hilde Domin: Gesammelte Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1987, Seite 118/119.

Freitag, 6. Februar 2015

Ein Zauberkasten für Sylvia und ein geheimnisvolles Ypsilon

Bei dir zu Hause war alles anders als bei mir. Ich war fasziniert. Auch ein bisschen verunsichert. Aber auf jeden Fall neugierig und immer ein bisschen nervös, wenn ich bei euch war. Ich wusste nie, was da kommen würde, was bei euch galt, was normal war, wie es sein musste… Du lebtest mit deiner Mutter und deinen beiden Schwestern, eine war jünger (Bigi?) und eine älter (Anja?), in einem Wohnblock schräg gegenüber. Ihr drei hattet ein Zimmer zusammen, deine Mutter schlief im Wohnzimmer. Bei euch sah alles anders aus als bei uns.

Ihr hattet eine grünbeschichtete Einbauküche. Und im Wohnzimmer einen geblümten Teppich unter dem Wohnzimmertisch. Der war aus Holz, aus rustikaler Eiche. Die Wände waren mit farbiger Tapete beklebt. Vor den Fenstern hingen Gardinen, damit niemand hereinschauen konnte. Und es gab einen Fernseher, damals, wie überall, nur schwarz-weiß. Aber er stand dekorativ in der Wohnzimmereinbauwand. Auch gab es Dinge, die platziert worden und nicht anzufassen waren. Deko. Ein bisschen wie in einem Museum. Alles hatte seinen Platz. Auch die Plastikblumen, deren Vase auf einem Deckchen stand.

Deine Mutter hatte blonde Locken, die sie sich vom Friseur legen ließ. Und sie war geschminkt. Abends ging sie in die Kneipe – in eine Trinkhalle. Dort trank sie Bier, rauchte und lachte mit den Männern. Sie sprach ganz anders als meine Mutter. Es gab Sprüche - Gewohnheiten und Abmachungen die ich nicht kannte. Die Welt war schlecht, aber man musste irgendwie durchkommen. Mit roten Fingernägeln schien das zu klappen. Ihr fuhrt nie in den Urlaub. Und am Wochenende, wenn deine Mutter Herrenbesuch hatte, durftet ihr nicht ins Wohnzimmer.

Wir gingen in eine Klasse. Wahrscheinlich wurden wir nebeneinander gesetzt. Ich weiß es nicht mehr. Deinen Namen fand ich schön. Sylvia. Mit Ypsilon geschrieben – einem Buchstaben, der Geheimnisse barg. Deinen Vater gab es nicht – auch dies ein geheimnisvolles Abenteuer für mich. Wie konnte das sein? Du musstest doch einen Vater haben… Aber bestimmte Fragen wurden nicht gestellt. Diese gehörte mit Sicherheit dazu.

Meine Eltern fanden es gut, dass wir befreundet waren. Irgendwie sollte ich dir etwas zeigen, dich in meine Welt einladen – obwohl ich lieber bei euch war. Da war alles so anders. So deutlich. Und fremd zugleich. Man durfte auch nicht alles bei euch. Im Wohnzimmer spielen war völlig daneben. Bei euch war klar, was sich gehörte und was nicht. Einmal wollten wir uns nach der Schule verabreden. Aber du durftest nicht. Hattest „Stumares“. Ich wusste nicht, was das war. Aber irgendwie warst du nicht frei zu kriegen. Was das Wort wirklich bedeutete (Stubenarrest!) wusste ich nicht. Ich verstand nur, dass es wieder einmal so war, dass du aus ungeklärten Gründen unabkömmlich warst.

Das passierte immer wieder. Auch gab es Ohrfeigen bei euch. Fernsehverbot. Und du musstest gute Noten nach Hause bringen. Da sollte ich dir eine Stütze sein. Auch wenn ich nicht immer verstand, was die Lehrer wollten, Hr. Faßbender, der Konrektor, war unser Klassenlehrer und irgendwie mussten wir es schaffen, ihm zu gefallen. Einmal kam eine Fotografin in die Schule. Wir mussten uns einzeln hinsetzen und die Arme verschränkt auf den Tisch legen. Für das zweite Bild durften wir jemanden auswählen und wurden dann zu zweit abgelichtet. Wir suchten einander aus und du warst stolz darauf.

Für Geburtstage meiner Freundinnen besorgte meine Mutter immer kleine Geschenke, die ich dann mitbrachte. Aber für dich, du hast in den ersten Januartagen Geburtstag, einige Wochen vor mir, kaufte sie einmal einen Zauberkasten. Das war wirklich ein sehr großes Geschenk, ich war neidisch, aber meine Mutter sagte, du bräuchtest so etwas – du würdest so etwas in deiner Familie nicht bekommen. Und du freutest dich wirklich sehr, konntest es gar nicht glauben, was ich da mitbrachte. Ja, das sehe ich noch vor mir, denn das war etwas Besonderes. Bei dir gab es zu Hause manchmal richtig viel Ärger, deine Mutter hatte es nicht so leicht, allein, mit drei Töchtern und ohne Beruf…

Und so kam sie auch zu uns in die Wohnung und hat bei uns geputzt. Mit dem blauen Staubsauger. Da hat sie nicht schlecht gestaunt, wie es bei uns aussah – kaum, dass sie die Räume herkömmlichen Funktionen zuordnen konnte. Aber meine Eltern fanden, dass sie sie gerne finanziell unterstützen wollten, da sie doch eine alleinstehende Arbeiterfrau war, die sich von ihrem schlägernden Mann getrennt hatte und nun zusehen musste, wie sie in der Sozialwohnung mit der Sozialhilfe zurechtkam.

Du warst mir eine Freundin mit vielen Geheimnissen und hast mich in eine Welt eingeführt, die ich nicht kannte. Nach den vier Grundschuljahren kamen wir auf verschiedene Schulen und wir sind umgezogen – fort aus der Betonwüste. Wir haben uns nie wiedergesehen. Gerne wüsste ich, was aus dir geworden ist – wo und wie du lebst, was du machst und wie es dir geht, Sylvia, meine Schulfreundin mit dem geheimnisvollen Ypsilon.

Freitag, 23. Januar 2015

Als wir noch Kinder waren: Dorothea und Charlotte

Ich habe ein Foto von dir im Internet entdeckt. Auf dem Bild ist eine wunderschöne Frau zu sehen. Ich glaube, du siehst deinem Vater ähnlich, kann das sein? Zu sehen ist nur dein Portrait. Ich wende all meine Phantasie die mir zu Gebote steht auf, um dich wiederzuerkennen. Es gelingt. Ich bin mir sicher, dass du es bist. Deine Augen sind es, die die Erinnerung hervorrufen. Viele Jahre sind vergangen, fast ein ganzes Leben. Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit wir Kinder waren. Ein paar Mal telefoniert, Postkarten – ich kann mich nicht an mehr erinnern.

Aber ich habe dich nie vergessen. Heute hast du Geburtstag. Immer ein Jahr jünger als ich – das hat uns schon als Kinder geärgert. Wir wären gerne gleich alt gewesen – stimmt‘s? Dann wären wir auch in die gleiche Klasse gegangen. So aber haben wir nur den Schulweg hin und her miteinander geteilt – immerhin haben wir aber im selben Hochhaus gewohnt. Ich glaube, dass wir zwei Etagen über euch wohnten. Auf jeden Fall hatte die Wohnung den gleichen Grundriss. Ganz genau den gleichen. Unsere Zimmer lagen übereinander. Unsere Väter haben zusammen studiert und dann miteinander gearbeitet, darum sind die beiden Familien auch gemeinsam aus dem Süden in die Neubauwüste in den Westen gezogen.

Oft haben wir uns damals vorgestellt, über welche Kanäle wir die Wohnungen miteinander verbinden könnten. Auf jeden Fall unsere Zimmer. Telefonieren (graue Apparate mit Wählscheiben) war damals für Kinder keine Selbstverständlichkeit. Aber irgendwie mussten und wollten wir uns ja verständigen. Unsere Brüder, Max und Moritz, waren zu klein, die haben wir in diese Überlegungen nicht einbezogen. Wir haben Büro gespielt und aus den Arbeitszimmern der Eltern so allerlei Papiere, Stifte und wichtige Utensilien mitgenommen, damit wir auch ganz ernsthaft Geschäfte abwickeln konnten. Aber erst mussten wir immer unsere Hausaufgaben machen.

Aus dem Fenster eurer und unserer Küche hat man erst die Straße, dann den Friedhof und schließlich das rote Opelwerk gesehen. Erinnerst du dich? Auf den Friedhof durften wir nicht, das weiß ich noch. Da stand ein Schild, dass Kinder nur in Begleitung erwünscht seien. Aber einmal, daran erinnere ich mich noch ganz genau, haben wir uns erdreistet, den Friedhof zu erkunden. Ohne Erwachsene. Das hat uns sehr gereizt. Wir hatten uns auch eine wasserdichte Ausrede überlegt, wenn man uns erwischt hätte, dann hätten wir gesagt, dass wir zu unserem Großvater wollten, der kürzlich verstorben sei…

Aber sie haben uns nicht erwischt. Nein, wir konnten unbeschadet inspizieren, was uns einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Der Tod. Ewige Ruhe. Wir wussten nicht, wie wir uns das wirklich vorstellen sollten. Als Mensch in eine Holzkiste gelegt werden und dann unter der Erde liegen, ewig… Jedenfalls stromerten wir von Grab zu Grab und phantasierten, wer da aus unserer Verwandtschaft alles begraben läge, wir erfanden Geschichten und konnten gar nicht mehr aufhören… Ich weiß noch, dass ich in der Nacht danach schlecht geträumt habe. Das war schon ein großes Abenteuer für uns kleine Mädchen. Unseren Eltern haben wir bestimmt nichts davon erzählt…

Wir haben auch Wochenenden und Ferien miteinander verbracht – das war eine sonnige, reiche Zeit voller Spiele. Irgendwann ist Willy Brandt zurückgetreten – ich sehe unsere Mütter noch mit der Zeitung WAZ im Treppenhaus stehen und miteinander reden. Ich das blonde und du das braunhaarige Mädchen – was die redeten interessierte uns nicht, wir liefen zusammen zur Schule. Auf deine langen, schmalen Finger war ich schon als Kind neidisch.

Wir gehörten zusammen! Aber irgendwann hieß es, dass ihr umzieht. Nach Berlin. In die geteilte und vor allem ferne Hauptstadt. Das war sehr traurig für uns. Ich kann mich noch an eure leergeräumte Wohnung erinnern. Im Flur hinten gab es auf der linken Seite, gegenüber vom Bad, einen eingebauten Wandschrank (den wir auch hatten) mit weißen Türen. Und da hat deine Mutter die letzten Dinge aufbewahrt, die nicht von der Umzugsspedition mitgenommen werden sollten. Draußen stand ein riesiger Laster.

Auf der cremefarbigen Wand des Speditionslastwagens stand Schulze, Berlin-Mariendorf in dunkelgrüner Schreibschrift. Das sehe ich noch heute vor mir. Ich versuchte mir damals vorzustellen, wie all deine Spielsachen, dein Bett und dein Tisch, all deine Kleider und dein Schulranzen irgendwo in dem Lastwagen verstaut waren und sich auf eine unbekannte Fahrt begeben mussten. Ich kannte eure zukünftige Wohnung nicht und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass all deine Sachen in ein anderes Zimmer transportiert würden.

Manchmal habe ich später noch die Lastwagen „eurer“ Spedition auf deutschen Autobahnen gesehen – immer habe ich an dich gedacht.

Wir wohnten schon über zehn Jahre nicht mehr in der gleichen Stadt und als dann meine erste Tochter geboren wurde, warst du enttäuscht, dass ich dich nicht als Patentante erwählt hatte. Das tut mir bis heute Leid. Vielleicht hätten wir dann unsere Freundschaft erhalten können, irgendwie…. Du warst damals in Südamerika, ich in eine kleine Welt verschwunden. Mittlerweile haben wir einen Großteil unseres Lebens gelebt, manche Ziele erreicht, manche Wünsche über Bord geworfen. Zeit, einmal wieder von einander zu hören, ich würde mich freuen – was meinst du?

Sonntag, 29. Juni 2014

Transgenerationale Weitergabe: Drei geschwächte Generationen


Zu Überlebensstrategien von Kriegskindern, -enkeln und -urenkeln
  • Kriegskinder (geboren zwischen 1935-45) - gefangen im Denken
Kriegskinder waren im Zweiten Weltkrieg Kinder. Sie waren klein oder wurden in den Krieg hineingeboren. Gesellschaftliche Strukturen und Mitmenschen, also das gesamte Umfeld, waren vom Krieg und seinen unmittelbaren Folgen bestimmt. Jede Familie war davon betroffen. Väter, Onkel, Großväter, manchmal auch Brüder, waren an der Front, mussten Kriegsdienst leisten oder lebten in der Angst eingezogen zu werden - ganz abgesehen von denen, die sich verstecken oder fliehen mussten. Bombenangriffe, Flüchtlingsströme, Angst und Schrecken regierte das Alltagsleben - "Normalität" gab es nicht, viele mussten ihre Heimat verlassen.

Die Kinder, die genug Kraft und "Glück" hatten, haben das Leben damals genommen wie es war, als Abenteuer. Die Vergangenheit wurde zu einer verblühenden Erzählung, die Zukunft blieb vage aber erhofft und die Gegenwart wurde groß und dick wie eine Seifenblase - manchmal ist sie geplatzt. In den Kriegsjahren bestand die Existenz aus einer Überlebenskunst - jeden Tag aufs Neue.

Daraus abzuleiten ist, dass Kriegskinder ihren Gefühlshaushalt auf Sparflamme gehalten haben. Rationale Entscheidungen (der Elterngeneration) hatten Vorrang. Kriegskinder wurden zwangsläufig darin geschult, ihrem Denken einen größeren Wert beizumessen als ihren Gefühlen (um von ihrem eigenen Willen gar nicht zu sprechen). Das große Wunschkonzert bezog sich auf eine Zukunft, in der Sicherheit und Stabilität Vorrang haben. Die Stärke des Durchhaltens steht der Schwäche Gefühle klein zu halten gegenüber.
  • Kriegsenkel (geboren zwischen 1960-70) - gefangen im Gefühl
Die Kriegsenkelgeneration ist diejenige, deren Eltern Kriegskinder sind. Kriegsenkel wurden in Friedenszeiten geboren und kennen eine kriegerische Welt nur aus Erzählungen. Wirtschaftliches Wachstum und eine Neuausrichtung von gesellschaftlichen Strukturen hat ihre Kindheit bestimmt. Nicht wenige von ihnen sind in Neubausiedlungen aufgewachsen, haben ihre ersten jugendlichen Ausflüge in betonierte Innenstädte gemacht - entfernt von der Natur und traditionellen, kulturellen Werten.

Kriegsenkel wissen alles und es geht ihnen gut. Sie haben Zugang zu höherer Bildung und die Aussicht auf eine glänzende berufliche Zukunft. Der äußeren Sicherheit steht aber eine innere Unsicherheit gegenüber. Ihre Gefühlswelt ist reich und nicht unbedingt beschreibbar, sie steht auf tönernen Füssen. Da gibt es Ängste und Sorgen, das Gefühl nicht anerkannt zu werden und bohrende Fragen. Weder ist ein Grundvertrauen noch ein Heimatgefühl vorhanden, zwischenmenschlich sind sie auf ständige Vergewisserung angewiesen.

Kriegsenkel leben in ihren Gefühlen und wissen nicht, worauf sie sich gründen können, wo sie zu Hause sind. Die Sorgen ihrer Eltern um eine Rentenversicherung erreichen sie nur marginal, denn auch sie sind mit ihrem (emotionalen) Alltag so beschäftigt, dass kaum Platz für etwas anderes bleibt. Sie kämpfen um ihr seelisches Überleben und wissen nicht, wo sie hingehören - ihrer blendenden Karriere in Friedenszeiten stehen unsichtbare Schranken im Weg.
  • Kriegsurenkel (geboren zwischen 1985-95) - gefangen im Willen
Die heutige junge Generation zwischen zwanzig und dreißig sind die Kinder der Kriegsenkel. Sie haben es nicht mehr mit physischen oder seelischen Verwirrungen und Fragen sondern mit geistigen zu tun. Das Leben ist in seinen Zusammenhängen und Abhängigkeiten undurchschaubar geworden. Ethische und religiöse Fragen lenken das Weltgeschehen, obgleich der aufgeklärte Materialismus (Wissenschaftlichkeit) und demokratische Strukturen ihre Vormacht für besiegelt halten.

Kriegsurenkel haben es mit der Frage zu tun, was sie wollen. Sie können denken und sie können fühlen, aber sie können das nicht zusammen bringen. Emotionale Dramen gehören genauso zu ihrem Alltag wie die Veröffentlichung von privaten Erlebnissen auf Facebook - was für Kriegskinder und -enkel unvorstellbar ist. Sie tragen die Reste des großen (physischen und emotionalen) Scheiterns, das Erbe der transgenerationalen Weitergabe von Kriegstraumata mit sich herum und wehren sich vehement dagegen.

Sie wollen alles: freies Denken, offene Gefühle und mutige Willensintentionen - wobei ihnen die eigenen Schritte schwer fallen. Sie stehen auf der Bremse und geben gleichzeitig Gas. Jeder hat das Abitur, jeder kann studieren - aber die Werte und Vorstellungen der Eltern- und Großelterngeneration tragen nicht. Sie wollen nicht in alte Fallen stürzen sondern neue Formen und Wege aufbauen. Sie schauen nicht in die Vergangenheit, die verlorene Heimat oder in die Gegenwart, die gesellschaftlichen Möglichkeiten, sondern in die Zukunft, sie gehen einen Weg, der unter ihren Füssen entsteht - ohne dass sie wissen, wohin der Weg sie führt.
  •  Und was sie vereint
Alle drei Generationen haben Stärken und Schwächen, Freiheiten und Gefangenschaften. Die, die denken können brauchen ein Haus. Die, die fühlen können brauchen Freunde und die, die wollen können, brauchen Ideale. Zur Überwindung der spezifischen Einseitigkeiten gehört es, neben einem offenen Geschichtsbewusstsein, sich selbst erst zu nehmen, sich im Laufe des Lebens gut kennen zu lernen und den Mut zu haben "bekanntes" Terrain zu verlassen.

Die urteilsfreie Selbstwahrnehmung und eine frei gewählte Schulung können dazu führen, die inneren Ketten zu sprengen und das Kaleidoskop der physischen, seelischen und geistigen Möglichkeiten zu erweitern. Ein respektvoller Dialog zwischen den Generationen (was in dieser Hinsicht eine echte Herausforderung ist) kann zur Heilung beitragen.

Erst die nächste Generation wird von den Geschehnissen des 20. Jahrhunderts so weit befreit sein, dass sich ihr Denken, Fühlen und Wollen nicht mehr aus den Albträumen der gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Zerstörung rekrutiert, sondern dass sie frei und weit und offen entscheiden kann, was sie denkt, fühlt und will. Zukunft hat Herkunft. Die Katastrophe des 20. Jahrhunderts braucht (mindestens) drei Generationen, um nachhaltig verarbeitet und transformiert zu werden.

Sonntag, 17. Juni 2012

Mit dem Zeugnis der Reife am Schnittpunkt zur Zukunft. Vom Finden


Ich suche nicht - ich finde.
Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen
und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.
Finden, das ist das völlig Neue.

Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt.
Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer.

Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen,
die im Ungeborgenen sich geborgen wissen,
die in der Ungewißheit, der Führerlosigkeit geführt werden,
die sich vom Ziel ziehen lassen
und nicht selbst das Ziel bestimmen.

Pablo Picasso

LieMi, nun gilt es nicht mehr die „richtigen Antworten“ zu suchen und zu finden. Nein, es geht überhaupt nicht mehr um Antworten, sondern es geht um deine Fragen, offene, freie Fragen, denen du nachgehen möchtest, deren Spur du verfolgst. Es geht nicht mehr darum, etwas zu finden, was andere von dir wollen, sondern es geht darum, das zu suchen und zu finden, was in deinem Herzen lebt.

Denn nun hältst du es in deiner Hand, das Zeugnis der Reife. Die Schule, in die du dreizehn Jahre lang gegangen bist, entlässt dich mit einer Bescheinigung darüber, dass du nun „reif“ seist, um von der Gesellschaft „geerntet“ zu werden – dich einzubringen. Du hast rechnen, lesen und schreiben gelernt. Zwei fremde Sprachen haben ihre Türen für dich geöffnet, du hast dich der Kunst gewidmet, hast Musik, Sport, Eurythmie und vieles mehr gemacht.

Es gab Klassenreisen nach Sylt und nach Estland und verschiedene Praktika im In- und Ausland, ihr habt Theater gespielt, auf der Bühne gesungen, getanzt und gelacht. Du hast eine Biographiearbeit über Anne Frank geschrieben und vorgetragen und dich in deiner Jahresarbeit mit der Situation der Frauen im Islam auseinandergesetzt.

Dein Weg in die Schule war nicht weit. Manchmal bist du mit dem Fahrrad dorthin gefahren, gerne aber mit dem Auto. Früher auf dem Rücksitz, dann auf dem Beifahrersitz und seit einiger Zeit besonders gerne auf dem Fahrersitz. Die Schule hat einen großen Raum in deinem und unserem Leben eingenommen. Aber das wird nun alles anders – die Schule liegt hinter dir, der Horizont der Zukunft offen vor dir!

Die „große Freiheit“ ist es, die nun ruft. Was wird geschehen, was wirst du machen? Die Schulpflicht ist längst geschafft, das Abitur hast du in der Tasche und nun kannst du deinen Blick frei nach vorne richten - in dem du auf dein Herz hörst. Obwohl wir ja wissen, dass die Zukunft aus der Vergangenheit hervorgeht, ist der Weg, den deine Füße gehen werden, doch unbekannt. Noch wissen wir nicht, wohin sich dein Blick richtet, was deine Hände tun werden. Sicher bin ich aber, dass sich dein Weg zeigt und du genügend Kraft, Mut und Stärke hast, ihn zu gehen – was immer da kommt.

Du bist ein willensstarker Mensch, der die Hürden nimmt, wenn das Ziel dir erstrebenswert erscheint. Zaghafter bist du, wenn es um Neues, Unbekanntes, Abenteuerliches geht und nicht unbedingt klar ist, was dabei herauskommt. Aber nun ist der Leistungsdruck weg und du bist frei dich auf die Welt einzulassen, dich eigenständig mit ihr zu verbinden und dich frei zu bewegen.

Ich wünsche dir, dass du weiterhin deine Liebe zu den Pferden pflegst, dass du das Klavierspiel beginnst, deiner Neugier auf die Geheimnisse der Welt mit Taten begegnest, die lauen Sommernächte mit einem Glas Wein einläutest und das tust, was du wirklich, wirklich willst. Die letzten zwanzig Jahre haben dich für deine Eigenständigkeit gerüstet, so dass du voller Stolz an jeglicher Ecke beginnen kannst frei weiterzugehen. Der Weg entsteht unter unseren Füßen, wenn wir ihn gehen…

LieMi, ich bin stolz auf dich, tapfer warst du, ausdauernd und willensstark. Die Schulzeit, die ja nicht immer einfach war, so glorreich zu beenden ist ein schönes Signal. Lass dich nicht beirren, mache dich nicht kleiner als du bist, sondern geh mutig und aufrecht in fremde Gefilde. „Frage dich nicht, was die Welt braucht. Frage dich lieber, was dich lebendig macht. Und dann geh hin und tu das Entsprechende. Denn die Welt braucht nichts so sehr wie Menschen, die lebendig geworden sind." (John Eldredge)

Von ganzem Herzen alles Liebe und Gute dir – dein Zuhause bleibt eine beständige Insel für dich, auf die du immer zurückkommen kannst!

Samstag, 9. Juli 2011

Meine Mutter und ihre Hände

Wenn ich auf sie schaue, sehe ich eine kleine und energievolle Frau vor mir. Ihre Hände sind zierlich und tätig. Vor vielen Jahren trug sie Ringe, goldene, mit blauen oder türkisfarbenen Steinen. Daran erinnere ich mich noch. Aber diese Ringe hat ihr jemand entwendet, als sie sie beim Töpfern auf einen kleinen Ringständer steckte. Es waren Erbstücke. Ob sie jetzt Ringe an ihren Händen trägt weiß ich gar nicht.

Ihre Brille trägt sie stets auf der Nase – damit sie das Leben gut sehen kann –, manchmal schief und hie und da will man ihr gerne ein Tüchlein reichen, damit sie geputzt werden könne. Ihre Kleidung ist meist in natürlichen Farben gehalten, bevorzugt in orange oder in sandiger-erde. Leinen weht ihr um die Schultern, manchmal auch Seide. Immer phantasievoll und mit Ketten aus aller Herren Länder geschmückt. Ihre Hände dürfen aber nie durch einen zu langen Ärmel bedeckt werden, das mag sie nicht.

In ihrer Wohnung gibt es viel zu sehen – von jeder Reise wurde etwas mitgebracht, mit eigener Hand. Ob Gebrauchsgegenstände wie Geschirr oder Tischdecken, oder Unikate, die an der Wand hängen oder auf dem Tisch stehen. Steine, Hölzer, Muscheln – auf der Suche nach etwas Urigem oder Originellen ist man in dieser Wohnung richtig. Man wird kaum etwas finden, was aus einem gewöhnlichen Kaufhaus stammt.

Bilder hängen an den Wänden, mit eigener Hand gemalte und fremde. Individuell gewählt, speziell positioniert und immer mit Geschichte. Ergänzt werden die Bilder durch eine Bücherwand, die die Kunstbände der Welt umfassen. Hier gibt es alles zu finden, was einen Künstler interessiert, was mit Händen gestaltet und gemalt wurde.

Originalität steht an oberster Stelle, das Eigene, Individuelle. Nichts lässt sich über einen Kamm scheren. Und so ist sie auch ihren Lebens-Weg gegangen, auf ihren kleinen Füßen, mit ihren kraftvollen Händen. Im Krieg geboren, immer wieder vertrieben worden, von Ort zu Ort – ein „Abenteuer“ als Kind, wie sie selbst es nennt. Ihre Mutter, ledig und bei ihrer Geburt bereits über vierzig Jahre alt, hat es ihr vorgelebt. Und dennoch, die Mutter, noch aus dem 19. Jahrhundert, hielt trotz allem an alten Werten fest, das war für die Tochter eine Erzählung aus einer alten Welt. „Heimat“ als vergangene, immaterielle Idee, mit Händen schwer zu fassen.

Und obgleich sich in ihrer Wohnung Fotos aus alten Zeiten finden lassen, Bilder ihrer Eltern und anderer Verwandter aus der alten Heimat Estland, ist es doch die Zukunft, auf die alles ausgerichtet ist. Einen Festpunkt in der Vergangenheit gibt es nicht, selten einen Blick zurück – was auf der Hand liegt ist die Gestaltung des Kommenden, damit lässt sich etwas unternehmen.

Und so hat sie sich ihr Leben lang für die Dinge eingesetzt, die es zu verändern, zu verbessern galt – die einfach vor ihr lagen. Ob in der Erziehung der eigenen Kinder, vorhandener Schulstrukturen, gesellschaftspolitischer Belange oder im Zwischenmenschlichen. Wichtig war immer, was mit eigener Hand vollbracht werden konnte – und dies: immer ein künstlerischer Prozess.

Ich glaube, dass sie Leere und Depression nicht kennt, alles was für sie erreichbar ist, nimmt sie in die Hand – alles andere spielt sich auf Ebenen ab, zu denen sie nicht unbedingt einen Zugang hat. Darum wird die Herausforderung für die Zukunft auch sein: etwas aus der Hand geben, etwas ablegen. Und später dann, im hohen Alter, kommt möglicherweise ein Sich-an-die-Hand-nehmen-lassen falls ihr der Alltag dann nicht mehr so einfach von der Hand geht.

Hände sprechen die Sprache des Lebens, sie zeigen, was in siebzig Jahren angefasst wurde, und weisen in die Zukunft, in der Dinge warten, die in die Hand genommen werden wollen. Diese kleine Frau, die meine Mutter ist, hat energievolle Hände, mit denen sie kraftvoll durchs Leben geht. Ich bewundere das sehr.