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Montag, 8. Juli 2013

Walter Benjamin und die Stumme Sprache der Dinge


Das Gespräch über Benjamin hat mich betroffen gemacht, in mir ist etwas verstummt, eine blaue Stille ist entstanden. In dieser Stille ist zwar auch etwas zu hören, aber die Worte haben keinen Zugang zur Außenwelt sondern kreisen verstört in meinem inneren Universum. Und ich respektiere das, nehme die befangene Stille an. Heute. Verlange nicht, dass Worte aus meinem Mund kommen. Ich kann sie nur über eine andere Bahn schicken, ihnen die Möglichkeit geben, sich sacht und leise über Fingerspitzen und Augen-Blicke erlebbar zu machen. Du verstehst?

Ich weiß, es geht um die Worte im Inneren, um Bilder und Geschichten, um das Gespräch in mir, in dir, zwischen uns – mit ihm! - das sich entfaltet, entblättert, entblößt. Darum, dass Mensch und Welt nicht voneinander getrennt sind, sondern jeden Augenblick neu auseinander hervorgehen, miteinander klingen, irgendwie. Wenn ich in mich hinein lausche, dann höre ich, dass Benjamin auch in der blauen Stille in mir spricht, mit seiner leisen Stimme (die ich nie gehört), seinem vorsichtigen und durchdringend fragenden Blick (den ich nie gesehen habe) und doch… Er spricht, es spricht, etwas klingt und ich schweige. Du aber forderst, dass ich gerade von diesem inneren Gespräch erzählen möge. Wie soll das gehen? Ich bin doch sprachlos.

Gerade mit der Sprache, dem Thema der Sprachlosigkeit hat Benjamin gerungen. Er ist mir über seine Schriften entgegen gekommen, über seine Worte, die ich auf dem Papier gelesen habe, sie sind in mir erwacht, im Laufe der Zeit, irgendwie, und haben begonnen zu sprechen. Davon habe ich dir erzählt, damals im Zug. Du kanntest ihn bis dahin nicht. Aber es dauerte nicht lange, bis sich deine Tür für ihn öffnete, so dass er auch in dir einen Ort erhielt, ein gern gesehener Gast wurde. Benjamins Worte klingen, um es romantisch, ja vielleicht abgedroschen zu sagen, sie haben eine Aura. Längst sind natürlich auch die Worte von anderen dazu gekommen, die sich über die Worte Benjamins erheben und davon erzählen, was sie anrichten – zwischen mir und dir, zwischen ihm und ihr, im Zwischenraum.

Benjamin schreibt in der „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“:

Der Strumpf
Der erste Schrank, der aufging, wann ich wollte, war die Kommode. Ich hatte nur am Knopf zu ziehen, so schnappte die Tür aus ihrem Schlosse mir entgegen. Unter den Hemden, Schürzen, Leibchen, die dahinter verwahrt gelegen haben, fand sich das, was mir ein Abenteuer aus der Kommode machte. Ich musste mir Bahn bis in ihren hintersten Winkel schaffen; dann stieß ich auf meine Strümpfe, die da gehäuft und in althergebrachter Art gerollt und eingeschlagen ruhten. Jedes Paar hatte das Aussehen einer kleinen Tasche. Nichts ging mir über das Vergnügen, die Hand so tief wie möglich in ihr Inneres zu versenken. Ich tat das nicht um ihrer Wärme willen. Es war »Das Mitgebrachte«, das ich immer im eingerollten Innern in der Hand hielt, was mich in ihre Tiefe zog. Wenn ich es mit der Faust umspannt und mich nach Kräften in dem Besitz der weichen, wollenen Masse bestätigt hatte, begann der zweite Teil des Spieles, der die Enthüllung brachte. Denn nun machte ich mich daran, »Das Mitgebrachte« aus seiner wollenen Tasche auszuwickeln. Ich zog es immer näher an mich heran, bis das Bestürzende sich ereignete: ich hatte »Das Mitgebrachte« herausgeholt, aber »Die Tasche«, in der es gelegen hatte, war nicht mehr da. Nicht oft genug konnte ich die Probe auf diesen Vorgang machen. Er lehrte mich, dass Form und Inhalt, Hülle und Verhülltes dasselbe sind. Er leitete mich an, die Wahrheit so behutsam aus der Dichtung hervorzuziehen, wie die Kinderhand den Strumpf aus »Der Tasche« holte.
[1]

Diese kurze Erzählung kommt an, bei mir, sie eröffnet ein weites, ja sehr privates Feld und umschließt Individuum und Welt – als Prozessgeschehen. Sie berührt Ebenen und Aspekte, die sich wie die Strahlen eines Kaleidoskops in die Welt der Gefühle, Erinnerungen, Ahnungen, Wünsche und Gedanken verströmen. Ein Kind, die Kommode, der Strumpf, die Hand – das Erlebnis. Und: die Schlussfolgerung.

Das Erlebnis wird zum Ereignis, eine kindliche Alltagsbegebenheit verzaubert, nackt und respektvoll, die Erinnerung an Vergangenes erschafft Zukunft. Die Stumme Sprache, wie Benjamin sie in seinem frühen Aufsatz von 1916 beschreibt[2], wagt sich aus dem Strumpf hervor und wirkt. Das Innere des Strumpfes spricht.

Und indem ich mich in die Erzählung begebe, ihr nachgehe, entrollt sich der eingewickelte Strumpf in mir, meine Finger tasten das Verborgene, das Mitgebrachte wird zur Tasche, die mit Benjamins Worten gefüllt ist und meinen begegnet – die blaue Stille erwacht und rinnt in die Welt. Das Gespräch mit ihm ist tastend – delikat. Verstehst du, wovon ich mit meinen Fingerspitzen und den Augen-Blicken sprachlos und stumm erzähle? Lass uns weitersprechen, irgendwie. Erzähle, was entfaltet Benjamins Erzählung in dir?

[1] Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Fassung letzter Hand. Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt, 1987, „Der Strumpf“, Seite 58.
[2] Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen.

Sonntag, 30. September 2012

Leerstellen und Stille. Oder: Was ist mitteilbar?


Obgleich unheimlich viel über den Lebens- (und Leidens)weg von Parzival bekannt ist, ja sogar über die Vorgeschichte seiner Eltern ausführlich berichtet wird, gibt es interessanterweise zwei eklatante Leerstellen in der Erzählung. Da wird einfach geschwiegen, kein Wort verloren – ein neues Kapitel aufgeschlagen - und der Leser erfährt nichts mehr vom Helden der Geschichte. Die Leerstellen bleiben leer und die Stille bleibt an diesen Stellen still. Aber was erzählen sie uns?

Die eine Leerstelle, die es in der großen Parzival-Erzählung gibt, sind die viereinhalb Jahre, in denen Parzival irgendwie verschwunden ist. Er sucht und flucht, ist offensichtlich verzweifelt, kämpft immer wieder und siegt an Stellen, die ihm nichts zu bedeuten scheinen. Erst kurz vor seiner Einkehr bei Trevrizent taucht er in der Erzählung wieder auf – vorher muss der Cousin Gawan herhalten und die Leser versuchen von Parzivals dunkler Gestimmtheit abzulenken. Er springt als Lückenbüßer ein.

Ich kann es mir nicht anderes erklären, als dass der Leser damit geschont werden soll. Wie müssen diese Jahre für Parzival ausgesehen haben? Wie oft hat er geweint, einsam und von dunklen Gedanken umzingelt an einem Abgrund gesessen, sich selbst verflucht oder gar bemitleidet, weil er ja dem Gral schon einmal so nahe war? Und erst recht wird ihn die Sehnsucht nach Condwiramurs geplagt haben – warum ist er überhaupt von ihr fortgeritten? Es ging ihm doch gut bei ihr…

Aber er hat weiter gemacht, immer weiter gemacht, irgendwie. So jedenfalls sieht es aus. Die beständigen Motive der Erzählung, die große Freundschaft zwischen Zweifel und Treue, kommen gerade an den Stellen zum Vorschein, in denen geschwiegen wird. An den Stellen, an denen es keine Worte gibt, die wir erahnen könnten, selbst wenn wir die Augen schließen und in uns hinein spüren. Es bleibt dort dunkel und leer.

Die andere Leerstelle der Erzählung ist die Zeit nach der Gralskrönung Parzivals, als die Familie zusammengeführt, der leidende Anfortas geheilt ist, Feirefiz seine Repanse de Schoye geheiratet hat und das Leben in der Gralsgesellschaft offensichtlich in ruhigere Bahnen geraten ist. Warum erfahren wir von dem Glück nicht mehr, warum werden die folgenden Jahre nicht beschrieben? Parzival müsste doch noch jung sein und nach den Mühen endlich das erreicht, was es für ihn nach all der Plage zu erreichen gab…

Wir hoffen und bangen mit dem Titelhelden der Geschichte - bei Wolfram in knapp 25 000 Versen (!) – und die Erzählung ist zu Ende, einfach zu Ende und der Leser wird alleine gelassen. Ist das Glück an dieser Stelle zu banal, zu langweilig um beschrieben zu werden? Verliert das Errungene seine Strahlkraft? Hört mit dem Erreichen eines Ziels alles auf, gibt es dann nichts mehr zu erleben, zu erfahren, zu erzählen?

Ich nehme an, dass es zwei Gründe für diese Leerstellen, die eine ein Flop, die andere ein Hop gibt: sowohl die Depression, das innere Schlachtfeld als auch die glückliche Banalität, die Alltäglichkeit des Lebens sind für die Leser und damit die Mitmenschen einfach zu groß. Kann man an den wirklich dunklen Phasen eines Menschenlebens und an den echt hellen Zeiten richtig Anteil nehmen, empathisch sein, halten wir das überhaupt voneinander aus?

Was uns (und auch die literarischen Figuren) durchs Leben führt sind die Unsicherheiten und die Fragen, nicht die Sicherheiten und die Antworten. Es sind gerade die dunklen oder hellen Momente, über die nicht gesprochen werden kann. Interessant wird das Leben an der Stelle, an der die Sprache versiegt und die Erzählung schweigt.

Freitag, 13. Mai 2011

Lebende und Tote. Über die Vermittlung von Sprache

Ich saß in einem Kreis von Menschen. Zum Teil waren sie mir bekannt und zum Teil waren mir nur ihre Namen geläufig. Sie blickten auf einen Prozess zurück, an dem ich nicht teilgenommen hatte. Ich war ein bisschen träumerisch und schläfrig, glitt ein wenig in meine eigenen Gedanken ab.

Dann sprach eine Französin. Sie sprach perfekt Deutsch, hatte aber einen französischen Akzent. Worüber sie sprach, weiß ich nicht mehr. Ich musste jedenfalls schlagartig an meine verstorbene Freundin Christine Ballivet denken. Durch die Sprache der Französin stand meine Freundin in mir auf und zeigte sich. Ich hörte sie sprechen, sie war im Raum. Es war, als grüße sie mich über den Sprachfluss der fremden Französin.

Christine Ballivet war Französin. Sprach sehr gut Deutsch. Den Klang ihrer Stimme habe ich noch in meinen Ohren. Sie ist vor zweieinhalb Jahren verstorben. Plötzlich. Und das beschäftigt mich immer wieder. Lange hatte ich das Gefühl, dass sie mir noch etwas sagen wollte, dass ich etwas verstehen oder vielleicht sogar tun sollte. Aber ich wusste nicht was. Habe mich nach und nach von dem Gefühl gelöst. Christine ist weg - sie lebt nicht mehr - und sie ist da - sie erscheint immer wieder.

Meine Aufmerksamkeit glitt wieder zu den Menschen im Kreis. Ich versuchte ganz dabei zu sein. Vergaß auch Christine wieder – wandte mich dem zu, was aktuell anstand, hörte zu. In der Pause aber kam jene Französin, die ich nicht kannte, zu mir. Sie wollte mich kennenlernen. Und als erstes berief sie sich darauf, dass wir beide Christine kannten (kennen?) und intensiv mit ihr gearbeitet hatten. Sie hatte meine Texte auf diesem Blog gelesen und war von meinen Worten über die Verstorbene berührt. Da war ich platt.

Es war die Sprache, über die Christine an jenem Abend „lebendig“ wurde – dachte ich zunächst. Aber wie sich zeigte, war es noch mehr. Christine war über die Sprache gekommen, und verband die Französin und mich. Da standen wir nun. Kannten uns gar nicht und waren plötzlich aufeinander bezogen. Christine stand, als physisch „Nicht-Anwesende“, verbindend zwischen uns. Was hat das zu bedeuten?

Es sind unterschiedliche Impulse, die uns mit der entschwundenen Freundin verbunden haben. Wir sind uns nicht begegnet – zu Christines Lebzeiten – haben nie voneinander gehört, wussten nicht, dass wir beide zu Christines Schicksalsnetzwerk dazu gehörten.

Und an dieser Stelle gerate ich sprachlich in Schwierigkeiten. Wie muss ich eigentlich darüber schreiben, in der Vergangenheits- oder in der Gegenwartsform? Beschreibe ich hier einen Prozess, der abgeschlossen und vergangen ist, oder erzähle ich von etwas, was feinstofflich in Bewegung und gegenwärtig ist? Was bedeutet der Tod eines Menschen für die jeweiligen Netzwerke, für das womit derjenige zu Lebzeiten beschäftigt war, seine Aufgaben und Impulse?

Christine hat in ihrem Leben viel getan. Sie ist weite Wege gegangen, auf hohe Berge geklettert. Hat sich unterschiedlichen Impulsen verpflichtet. Diese Impulse müssen nun auf sie verzichten – im klassischen Sinne. Christine ist „gegangen“ – abberufen worden. „Wir“ sind noch hier auf der Erde und machen irgendwie weiter.

Deutlich ist, dass die Toten nicht fort sind. Sie sterben zwar, aber sie sind nicht weg. Als Lebende gilt es die Ohren zu spitzen und die Herzen zu öffnen, damit wir „hören“ welche Klänge aus der geistigen Welt kommen, was uns die Toten zu sagen haben. Der Kreislauf von Leben und Tod macht nur Sinn, wenn wir auch das einbeziehen, was in der geistigen Welt geschieht. Wenn wir ein Gespür dafür bekommen, wie der Einzelne sein vergangenes Leben betrachtet und verarbeitet, und welche neuen Impulse daraus entspringen. Das Geistige ist auf das Physische angewiesen, mittels des Seelischen.

In der geistigen Welt können keine Bücher gelesen werden (siehe Blog vom 3.8.2009 „Das Buch als vertikaler und horizontaler Kulturträger“), aber herzliche Intentionen und Anstrengungen verbinden die Lebenden mit den Toten auf geheimnisvolle und wechselseitige Weise – zum Beispiel über den Sprachakzent. Danke!

Sonntag, 12. September 2010

Aufzeichnungen. Für die Geburt eines Text-Gewebes

Kreuzungspunkte:
Buchmesse Stand AX98, Autohaus Müller, Pastabar di Cornali, Luftschutzkeller, Bushaltestelle, Germanistisches Seminar, Ponte Veccio, Wald.

Zeit:
Hier und Jetzt. Immer. Damals. Dann. Bereits vergangen und noch im Kommen, Kreuzungspunkt Herz, von Inkarnation zu Inkarnation.

Bezugsrahmen:
Sachliche Dokumentation, Wünsche, Hoffnungen, Phantasien, „das“ Leben. Du und ich.

MitspielerInnen:
LeserIn, FahrkartenverkäuferIn, Kafka, zahnlose Großmutter, Benjamin Walter, Politologinnen, Servicepersonal, Hauptfigur, Nebenfigur, Taxifahrer, Gesellschaft, Unterwelt.

Kreuzungslinien in Raum und Zeit:
1958: Rom, nachts 4 Uhr, Flughafenterminal A
1985: Ruhr-Universität Bochum, dienstags 14-16 Uhr
2015: St. Petersburg, Platz am Ehernen Reiter
1907: Somewhere
1892: Berlin-Charlottenburg
XXX: XXX

Verschränkungen:
Metrolinien, Telefonverbindungen, Reisen, Inspirationen, Gefängnis in sich selbst, Suche, Platons Ideenwelt.

Nicht vorkommende Worte:
Blackberry, Donaudampfschiffskapitän, Projektionsfläche, Wahrheit, Whisky, Pferde und Fenster, Schicksal.

Perspektive:
Wechselnd. Das Netzwerk sichtbar machend. Ich-Perspektive mit unterschiedlichen Ausgangspunkten, Vogelperspektive auf das Geschehen, innen und außen, subjektiv und objektiv.

Rahmen:
Anfang und Ende im Jetzt, randlose, nicht fest umrissene Zukunft, Rückblende in Vergangenes je nach Befinden und Größe der tragenden Herzen.

Wiederkehrendes:
Rothko Bilder, Blogspots, Zarengrab in der St. Nicolaus Kapelle, ein goldener Füller, Wortschubladen, Verwirrungen, Sehnsüchte und Paragraphen.

Klappentext:
Die unverhüllte Wirklichkeit, von der niemand weiß, wo sie sich versteckt, trifft auf Vorstellungen und Ideale in konkreten Figuren, die deutlich machen, was es heißt in einer Verschränkung mit Raum und Zeit zu leben, zu lieben, zu scheitern und zu bangen. Das Unsichtbare wird sichtbar, das scheinbar Nebensächliche avanciert zum Wesentlichen.
Ein Roman voller Überraschungen, berührenden Sequenzen und einer taktvollen Analyse der westlichen Gesellschaft.

Sonntag, 5. September 2010

Begegnung. Die deutsche Sprache braucht ein neues Wort

Heute früh war ich auf dem Markt. Dort bin ich einigen Marktfrauen „begegnet“. Ich bestellte mein Obst und Gemüse, erhielt es, bezahlte es, bedankte mich und ging davon. Ich war an drei oder vier verschiedenen Ständen. Im Nachhinein weiß ich kaum mehr, wer mich eigentlich bedient hat. Mein Markteinkauf war ein funktionales Geschehen. Ich wollte schnell wieder nach Hause – um einen Blog-Text zu schreiben – und habe mich auf die menschlichen Begegnungen nur marginal eingelassen.

Zuhause am Laptop, mit einer Tasse gutem Espresso, entscheide ich mich, etwas über Begegnung zu schreiben – darüber, was ich heute früh auf dem Markt verpasst habe.

Heutzutage wird in vielen gesellschaftlichen Einrichtungen, in denen Menschen zusammenarbeiten, d.h. sich „über den Weg laufen“ und etwas miteinander zu tun haben, weil sie zusammen arbeiten, wie z.B. in Universitäten, Schulen, Kindergärten, Betrieben, Kultureinrichtungen, Firmen etc. danach gerufen, dass es mehr zwischenmenschliche Begegnung geben müsse, damit die gegenseitigen Verabredungen, die spezifischen Interaktionen und die jeweiligen Abläufe „besser funktionieren“. Um miteinander zu arbeiten oder zu leben, miteinander auszukommen und „etwas auf die Beine zu stellen“ braucht es Begegnung.

Begegnung, ist also das große Wort, das im sozialen, zwischenmenschlichen Leben Heilung verspricht. Gegen Einsamkeit, gegen Funktionalisierungen, gegen zermürbende Diskussionen, gegen Unverständnis, Streit und einen riesigen Berg an Verordnungen, Verträgen, Gesetzen und Verabredungen – die alle einmal aus guten Gründen (von Menschen!) erschaffen wurden. Gerade der menschlichen Willkür wollte man entgegenwirken. „Verträge“ gibt es für den Fall, in dem man sich nicht mehr „verträgt“.

(Der Bundespräsident prüft mit seinem Stab zurzeit, ob er dem Gesuch, einen Bundesbankmitarbeiter vorzeitig aus dem Amt zu entlassen, entsprechen kann. Dabei wird eine Begegnung – ein in die Augen schauen, ein Zuhören, ein Verstehen und ein im Gespräch-miteinander-sein und sich Austauschen – ausdrücklich vermieden, dabei geht es nur noch um die Rechtsgrundlage, Verträge und Gesetze also. Nachsatz: Einen Tag später ist zu hören, dass der Betroffene, falls das Verfahren tatsächlich eingeleitet wird, dringend um eine Anhörung bittet.)

All die Papiere und Verabredungen sind genau dafür entstanden, dass man sich nicht mehr begegnen muss. Denn eine Begegnung birgt natürlich auch eine Gefahr. Schon im (deutschen) Wort steckt der „Gegner“. Was ist also Begegnung, nach der wir uns auf der einen Seite sehnen und auf der anderen Seite Angst davor haben?

Wenn ich auf mein Leben schaue, dann sehe ich viele Menschen, denen ich auf angenehme oder unangenehme Weise begegnet bin. Ich schaue auf Begegnungen, die wieder verblasst sind, und auf Begegnungen, die einen reichen und blühenden Platz in meinem Leben haben. Und ich vermute gleichzeitig, dass ich an vielen oder vielem vorbeigegangen bin. Denn auch Gedanken, Impulsen, Landschaften, Städten und vielem mehr kann man begegnen – oder eben „nicht begegnen“.

Begegnung findet auf horizontaler und vertikaler Ebene statt, Begegnung beinhaltet einen ganzen Kosmos an Möglichkeiten. Etwas gesehen, jemanden getroffen zu haben, bedeutet nicht unbedingt, dass eine „echte“ Begegnung stattgefunden hat, etwas Wesentliches geschehen ist. Auf der anderen Seite setzt jede Freundschaft – auch jede Feindschaft – eine Begegnung voraus. Ohne Begegnung passiert - menschlich gesehen - nichts.

Was macht „echte“ Begegnung aus? Mir scheint es dafür wichtig zu sein, dass die Betroffenen überhaupt zu einer Begegnung bereit sind. Das bedeutet, dass sie in dem Moment ein Verhältnis zu sich selber haben, sich so akzeptieren, wie sie in dem Moment sind, um bei sich selbst zu sein. Des Weiteren braucht es eine Akzeptanz des Anderen. Und das ist schon gar nicht unbedingt so einfach. Nehme ich mein Gegenüber mit all seinen Vorzügen, Talenten, Wünschen, Hoffnungen, Schwächen und blinden Flecken wirklich an, sage ich JA zu ihm?

Die jeweilige Akzeptanz (von mir selber und dem Anderen) scheint mir eine Voraussetzung zu sein. Damit es aber zu einem Begegnungsmoment kommen kann, ist ein offener Raum nötig. Ein Moment, in dem etwas entstehen kann. Ohne Vorurteil, ohne Zielvorgabe, ohne Druck. Ein ungeschützter Moment, der frei und offen ist – in dem etwas Unvorhergesehenes entstehen und geschehen kann.

Und diesem Moment weichen viele Menschen aus – weil er eben unvorhersehbar, nicht steuerbar ist. Es ist der Moment, in dem der Freund zum Feind werden kann, der Feind zum Freund – um zwei heftige Extreme zu nennen. Denn kann man natürlich auch einem Gegner begegnen – nicht unbedeutend ist die Tatsache, dass sich zum Beispiel in einem mittelalterlichen Turnier, in einem ritterlichen Kampf die beiden Kontrahenten „echt“ begegnen.

Aber das Wunder ist an dieser Stelle genauso möglich. Das Gefühl des Verstanden-Werdens kann entstehen, ein neuer Impuls kann sich zeigen, eine neue Sicht auf den Anderen wird möglich, ein Geistesblitz kann eintreten, Dankbarkeit und Liebe können sich verbreiten – Begegnung kann bereichern und erfüllen. Begegnung ist ein Mysterium.

Begegnung ist ein Moment, in dem Veränderung möglich ist. Meine eigene und die des Anderen. Die holländische Sprache drückt den Begegnungs-Vorgang meines Erachtens passender aus. Begegnung heißt dort „ontmoeten - es muss nicht“ – aber es ist immer schön, wenn es passiert.

Montag, 28. Juni 2010

Wortspiele. Wenn Worte ihre Bestimmung suchen

Die Annahme ist: es gibt Storys. Allenthalben eine Story. Und sie lässt sich über Worte vermitteln. Der Bildschirm ist leer. Noch. Trotzdem gibt es eine Sicherheit. Ein Gefühl macht sich breit. Da will etwas kommen. Da darf etwas kommen. Eine Geschichte? Vielleicht. Die Worte liegen noch verborgen an einem Ort, den niemand kennt.

Heute können sie geboren werden. Miteinander verknüpft werden. Wieder. Aufs Neue. Wenn sie erwachen, beginnen sie ihren großen Tag. Wenn sie wollen. Und aufmerksam sind. Und sich nicht täuschen lassen. Ein Wortteppich wird gewebt. So oder so. Worte sind Brücken zwischen Inhalt und Form.

…Gustav rannte die Treppe herauf. Atemlos erreichte er das oberste Stockwerk und stürzte an seinen Schreibtisch, auf dem Berge von Papieren, Büchern, Zeitschriften und Merkzetteln lagen. Wütend und hastig wühlte er mit zitternden Fingern darin. Er suchte etwas. Ein Schriftstück. Er hatte nur noch zwei Minuten Zeit.

Wenn er die vorbereitete Wortwahl nicht finden würde, wäre er entdeckt. Schon hörte er Schritte im Treppenhaus. Schweiß lief ihm die Schläfen hinab. Seine Hände zitterten. Sein Herz klopfte wild und ihm wurde übel vor lauter Aufregung….


Worte führen ein Eigenleben. Erschaffen Welten. Innere und äußere. Bekannte und fremde. Angenehme und unerträgliche. Fern von unserer Welt. Die Wort-Welt bietet sich aber als Brücke von Mensch zu Mensch an. In einer gemeinsamen, ineinandergreifenden, verwirrenden Welt.

Worte lassen sich unter verschiedenen Kriterien betrachten und begutachten. Worte wollen in ihrer Welt gesehen und anerkannt werden. Linguisten bestehen darauf. Da gibt es das phonetische Kriterium, das orthographische, das morphologische, syntaktische und semantische. Sind Worte stolz auf diese Welt? Und, ist das von Interesse?

…Simone glitt in die Zukunft. In Gedanken war sie der Zeit weit voraus. Gab es Worte für Zukünftiges? Etwas, was noch nicht geschehen war? Sie sah sich, wie sie in zehn Jahren in einer kleinen Hütte sitzen würde. Angebunden. Rings um sie her Stille. Tote Stille. Langeweile würde sie umgeben. Sie würde ihren Mund nicht mehr bewegen können. Ihre Lippen keine Worte mehr bilden.

Eine innere Sprache würde sie noch besitzen – aber die äußere hätte sie, im Verlauf von zehn Jahren, verloren oder verlernt. Sie hörte, dass ganz leise etwas an ihre Tür klopfen würde. Aber sie konnte nicht antworten, obwohl in ihrem Innern Hunderte von Worten lebendig erwachten…


Worte umspülen Menschen wie Stimmungen und Gefühle. Innerlich und äußerlich. Wenn all die Worte sichtbar wären, die in uns und um uns herum ihr Eigenleben führen, würde ein buntes Farbenspiel sichtbar werden. Da gibt es die geschriebenen Worte, die von mir ausgehen und an dich gerichtet sind. Worte, die das Schreiben und das Lesen verlangen.

Und dann gibt es die gesprochenen Worte. Von dir zu mir, von mir zu dir. Die ausgesprochen und gehört werden wollen. Im direkten Gespräch, von Straßenseite zu Straßenseite, am Telefon, im Traum. Und es gibt die gedachten Worte, die noch vorbereitet werden, bevor sie hervorsprudeln. Gefühlte oder erfahrene Worte, schweigende Worte.

…und der Schreiber sitzt an den Worten, die nicht mehr das Papier berühren. Er hütet den Bildschirm. Erlaubt Fingerspitzen, Buchstaben in die Tastatur einzugeben. Öffnet innere Tore, wenn geklopft wird. Schaut erstaunt, wenn sich Worte verbinden. Ist ein Diener des geschriebenen Wortes. Ergeben und voller Hingabe.

Aber er versteht nicht, was passiert. Er kann nicht sprechen. Nur schreiben. Er fühlt die Worte mit seinen Fingerspitzen. Jede Fingerkuppe bestimmte Buchstaben. Laute und leise Gesellen, die sich gefügig zur Verfügung stellen, wenn sie tatsächlich etwas erzählen wollen…


Ablenkung. Was sind schon Worte? Rhabarber, Rhabarber. Wortspielereien. Ist das vielleicht eine Story? Worte können übersetzt werden. Müssen übersetzt werden, von Sprache zu Sprache, von Mensch zu Mensch. Haben sie dann noch immer die gleiche Bedeutung? Und, denken wir in Worten oder suchen sich unsere Gedanken ihre Worte? Eine Story braucht einen Inhalt.

Worte stehen zu Gebote, wenn die Stimme ihren Klang kennt, eine Melodie summt und den Plot in die Welt gebiert. Ohne Worte geht gar nichts.

Freitag, 21. Mai 2010

Pfingsten. Sprachliche Verwirrungen und Entwirrungen

Walter Benjamin macht sich in seinem zu Lebzeiten unveröffentlichten Sprachaufsatz „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“ aus dem Jahr 1916 Gedanken über vier unterschiedliche Sprachformen. Er beschreibt die „Göttliche Sprache“, die durch das Wort erschaffend, bildend und konstituierend wirkt. „Und Gott sprach: es werde Licht. Und es ward Licht.“ Dann beschreibt er die „Adamitische Sprache“, die den Dingen ihrem Wesen nach einen Namen gibt. Ausdruck und Wesen eines Dinges sind in dieser Sprache äquivalent. Diese beiden Sprachen haben ihre Blüte im Paradies – vor dem Sündenfall.

Nach dem Sündenfall entstehen zwei weitere Sprachformen: die „Urteilende“ und die „Stumme“ Sprache. In der „Urteilenden Sprache“ werden die Dinge zu Objekten, zu Gegenständen, die außerhalb des Sprechers ihren Platz haben. Benjamin spricht vom richtenden und dem getrennten, urteilenden Wort. Sprechendes Subjekt und besprochenes Objekt sind deutlich voneinander unterscheidbar. Die Sprache hat ihre erschaffende und wesenhafte Kraft verloren.

Was durch diese Entwicklung entstanden ist, ist die „Stumme Sprache“. Denn nun beginnen die Dinge - ihrem Wesen nach - von sich aus zu sprechen, sich auszusprechen und treten in einen Kommunikationsprozess mit anderen Dingen, Objekten oder eben mit dem Menschen. Die „Stumme Sprache“ spricht sich im schweigenden Ausdruck der Dinge aus – der nicht minder aussagekräftig ist.

In der „Urteilenden Sprache“ hat der Mensch eine bestimmende Rolle zugewiesen bekommen. Denn ihm wurde vom Schöpfer nicht nur die Sprache mitgegeben, sondern auch die Möglichkeit zu benennen. Die „Dinge“ werden nun durch den Menschen benannt, genannt - es ist dem Menschen gegeben, Wortschöpfungen zu vollbringen und den Dingen einen Namen zu geben, der, im Unterschied zur „Adamitischen Sprache“, eine Beurteilung in sich birgt. Dem Menschen obliegt also Verantwortung gegenüber „dem Ding“ und der Sprache „über das Ding“.

Mir fällt dazu immer wieder die Geschichte des Turmbaus zu Babel aus dem Alten Testaments ein. Die Menschheit wird wegen ihres Hochmuts und ihres Urteils durch Gott mit einer Sprachverwirrung bestraft. Die ursprüngliche, gegenseitige Verständigung - über das Wort, die Sprache - führte zu einer Sprachenvielfalt, die es mit sich brachte, dass sich die Menschen nicht mehr verstehen konnten und viele unterschiedliche Sprachen benutzten. Heute gibt es etwa 6500 verschiedene Sprachen, von denen viele vom Aussterben bedroht sind.

Die Sprachverwirrung hat zur Ausbildung unterschiedlicher Fähigkeiten, Eigenheiten, Gewohnheiten und Ausprägungen der verschiedenen Völker geführt. Ein Verständnis war nicht mehr mit allen möglich, es sind Gruppen, Sippen, Völker entstanden, die ihre eigenen Ausdrucksweisen entwickelt und gepflegt haben. Um sich in verschiedenen Sprachen zu verständigen, ist es nötig geworden sich aufeinander zuzubewegen, Verständnis zu entwickeln, sich eine andere Sprache anzueignen, zu verstehen und sich neu auszudrücken.

Man möge einmal dem Gedanken nachgehen, was es für das Wesen von „Milch“ bedeutet, wenn es in unzähligen Sprachen benannt werden kann. Wo spricht sich ein Urteil und in welchen Worten ein Wesen aus?

Die Fähigkeit, unterschiedliche Sprachen zu sprechen ist eine Bewegung, die sich vom Ich zum Du bewegt und zu einem neuen Miteinander auf horizontaler Ebene führt. Die Erde ist von einem reichen und vielseitigen Sprachnetz umschlungen, das sich an verschiedenen Orten und durch verschiedene Menschen, die die Sprachen sprechen, durchdringt. Die Fähigkeit des Sprechens, Sprache an sich, ist jedem Menschen prinzipiell gegeben – wenn er in einem sozial miteinander kommunizierenden Netz lebt. Wir sprechen von der Muttersprache die jedem Erdenbürger auf unterschiedliche Weise zur Verfügung steht. Ausgehend von dieser Muttersprache lassen sich weitere Sprachen erlernen und somit den eigenen Sprachhorizont erweitern.

Das hat uns die Sprachverwirrung gebracht, die durch den Turmbau zu Babel über die Menschheit gekommen ist.

Jede Sprache ist und hat eine eigene Welt, die keine Türen oder Schranken besitzt. Sprachen sind gleichzeitig geschlossene und offene Welten. Jede für sich. Wenn wir wollen, so können wir eine uns unbekannte Sprache erlernen – niemand oder nichts kann uns davon abhalten. Sprache ist ein verbindendes, offenes Glied zwischen Menschen. Wenn sich zwei Menschen aufeinander zubewegen die keine gemeinsame Sprache haben, dann werden andere Zeichen als Worte eingesetzt, um sich zu verständigen. Handzeichen, Symbole, Gestik und Mimik. Körpersprache wird benutzt und die Kommunikation auf das Wesentliche, das Wesenhafte dessen was mitgeteilt werden soll, herunter gebrochen.

Nun nähert sich in diesem Jahr wieder das Pfingstfest. Und von Pfingsten wird im Neuen Testament erzählt, dass das, was die Jünger damals verkündeten, in der je eigenen Sprache desjenigen zu verstehen war, der sein Herz geöffnet und den Erzählungen gelauscht hat. Worte verschiedener Sprachen wurden für die Menschen verständlich. Gerade das Gegenteil der Sprachverwirrung beim Turmbau von Babel trat ein. Möglich, dass gerade die „Stumme Sprache“ sich offenbart hat und die unsichtbaren, unscheinbaren Dinge sich durch sich selbst nun aussprechen können. Sprache hat sich entwirrt.

Die Vielheit der Sprachen birgt ihr Wesen in der Sprache an sich, die sich von Mensch zu Mensch bewegt. Mit Worten oder ohne Worte. Dem Menschen ist es gegeben, auf die verschiedenen Sprachen zu lauschen und durch sich sprechen zu lassen. „Jede Wahrheit hat ihr Haus, ihren angestammten Palast, in der Sprache“ - schreibt Walter Benjamin an Hugo von Hofmannsthal am 13.1.1924.

Freitag, 14. Mai 2010

Warum ich schreibe. Vom Ich zum Wir

Anfangen – jeder Schreibprozess hat einen Anfang. Der Abgrund will überwunden werden. Ich wähle einen Moment, der mir einen Beginn ermöglicht. Ohne diesen tatsächlich ergriffenen Augenblick entsteht auf dem Papier - und dem Computerbildschirm - nichts. Anfangen heißt loslaufen, weitergehen, Möglichkeiten schaffen, eröffnen – eben beginnen.

Buchstaben
– ich nutze die 26 Buchstaben unseres Alphabets, um die passenden Worte zu bilden, zu kombinieren, sich begegnen zu lassen. Dafür begreife ich sie, fasse sie an und schmecke sie um dann von meinen Funden zu berichten.

Chaos
– ein belebender Aspekt in der Sprachwelt. Gedanken, Stimmungen, Ideen… Ein Schreibprozess nutzt das kreative Chaos um etwas Neues zu erschaffen, Signale zu setzen, um Farben zu kombinieren, neue Blickwinkel einzunehmen.

Dichter – dichte Worte, verdichtete Kombinationen, dichterische Freiheit, gedichtete Bilder. Dichter und Gedichte mag ich sehr.

Erwägen - erfassen, erdichten, ergreifen, ergötzen und erbrechen, erschrecken, erkennen und erstarren. Erinnerungen festhalten. Enden.

Fantasie – ist zum Schreiben notwendig. Wenn ich dumpf bin, kann ich nicht schreiben. Worte fordern innere Beweglichkeit, Plastizität, polyphone Bilder – fantastische Texte entstehen durch fantasievolle Eingangstore.

Gewebe
– ich webe mit Worten und produziere Geschriebenes. Aus meinen Gedanken entstehen unterschiedliche Muster, die geduldig warten gewichtet zu werden. Von der Gabe zur Aufgabe – ohne aufzugeben oder anzugeben. Eben frei etwas zu geben und die Grenzen zu wahren.

Handeln – Schreiben ist Handlung, Tat und „geronnener Wille“. Texte sind Abenteuer und unübersehbare Unterfangen – Höhen und Tiefen inbegriffen.

Ich – zu meinem Ich stehe ich, wenn ich schreibe und veröffentliche. Ohne mein Ich geht es nicht - dazu muss ich stehen und darf nicht sitzen. Intertextuelle Diskurse schreiben sich über Worte fort und bereichern individuelle Entfaltungskräfte. Intuition, Inspiration und Imagination.

Ja sagen – auch wenn es unbequem ist. Mich im Tanz von Ja und Nein mit drehen und wenden, die Polaritäten berühren und abwägen, jetzt ja sagen, den Job ernst nehmen und Jazz dabei hören.

Können – mein Können auf die Probe stellen. Kommentare erwarten, Kreativität einsetzen, Klagen erinnern und klug erwidern.

Lesen – was andere geschrieben haben. Lesen und fühlen, wie sich Worte bewegen, welche Bilder entstehen. Menschen und Situationen, Ereignisse und Geschehnisse lesen, um zu erschreiben, was das Lesen in mir beschreibt.

Mut – Beherzt das Wort ergreifen. Schrift einsetzen. Mut mich im Schreiben zu zeigen. Mut Dinge auszudrücken, die des Mutes bedürfen. Multiplikator werden. Und manchmal müde sein - vor lauter Unerschrockenheit.

Niederlagen
– annehmen, einstecken und verwandeln. Transformieren.

Ohnmacht – Ohnmacht erleben, wenn die Worte nicht kommen, wenn die Buchstaben sich verdrehen, wenn erstarrende Stille entsteht, wenn Stummheit sich ausbreitet und kalt alles verschweigt.

Pläne – planen und verwirklichen, ergreifen und loslassen. Konzepte erstellen und ausklamüsern, Ideen aushecken und austüfteln, damit Pläne zu Ereignissen werden, damit Wunsch zu Wille wird. Planen und ändern – immer wieder neu.

Quadratisch – mit Ecken denken und Tangenten einbauen, aber den Umkreis nicht vergessen und die geometrischen Gebilde in Worte fassen.

Rufen – mit stillen Worten und durch geduldige Schrift. Anrufen, durchrufen und alarmieren. Vom Zuruf zum Aufruf, vom Sprecher zum Hörer, vom Schreiber zum Leser.

Stimme – meine eigene Stimme suchen und finden. Ihren Worten vertrauen, Spuren verfolgen und in geduldige Schrift umsetzen, die stumme Sprache zum sprechen bringen, schreiben um etwas zu sagen und die Quelle der Stimme zu sein.

Tippen – Worte auf der Tastatur eintippen und mein soziales Netz damit antippen. Mich trauen zu texten und Texturen zu erstellen, damit Diskurse eröffnet und geführt werden können. Mir treu bleiben und mich trauen zu schreiben.

Unsicher – unerkannt bleiben in der Unsicherheit. Ohne Rüstung und doppelten Boden in die Sichtbarkeit treten.

Verständnis – verstehen und um Verständnis werben. Einblick gewähren in die Werkstatt der Worte, mit Gespür, Takt und Fingerspitzengefühl. Ohne Verständigung verstehen wir uns nicht.

Wir – vom Ich zum Wir. Am Anfang war das Wort. Mit Worten einen Weg gehen, Brücken bauen, weben und Sätze im Dschungel des Alltags bilden. Vom Ich zum Du im Zwischenraum über die Sprache.

Zweifel – den Zweifel ernst nehmen und überwinden. Er führt mich, wenn ich mich nicht überführen lasse. Der Zweifel ist ein Kreativitätspotenzial, der sich gerne in den Arm nehmen lässt. Vom zaudern, zögern und zagen zum zwielichtigen Zwischenbericht.

Schreiben, um vom Ich zum Wir zu gelangen und die eigene Stimme erklingen zu lassen.

Donnerstag, 22. April 2010

Dialog und Monolog. Ich und Welt im Gespräch

Noch sind die zarten Knospen des Baumes vor meinem Fenster nicht erblüht. Aber sie streben dem Licht zu. Von Tag zu Tag dehnen sie sich filigran im Raum weiter aus. Es bildet sich lebendige Fülle, die aus Luft, Licht und Wärme entsteht. Jede Knospe erringt sich das ganz für sich – wie von unsichtbaren Fäden gezogen. Wenn ich meinen Blick unspezifisch in die Krone des Baumes richte, entsteht ein sich entfaltendes Gesamtkunstwerk vor meinen Augen.

Der Baum zeigt Kräftewirkungen, die mich schon fast die erblühten Knospen sehen lassen, obwohl sie noch nicht aufgegangen sind. Die vielen kleinen, einzelnen Knospen bilden als Baumkrone eine gemeinsame, große Knospe, die kurz vor ihrer Geburt steht. Und jede einzelne Knospe hat die gleiche Ausstrahlung wie die Baumkrone. Im Kleinen wie im Großen.

So wie die einzelne Knospe schweigend etwas über sich erzählt, einen unhörbaren aber wahrnehmbaren Monolog über ihr baldiges Erblühen hält, sind es alle Knospen eines Baumes zusammen, die in einen sanft rauschenden Dialog miteinander treten, wenn der Wind durch ihre Zweige streicht.

Menschen benutzen oft die Sprache, um in einen Dialog miteinander zu treten. Um ein Gespräch zu beginnen, um Kontakt mit dem oder den Anderen aufzunehmen, um sich auszutauschen. Sprachliche Dialoge gehören zu unserem Alltag, wenn uns Worte zur Verfügung stehen. Dialogische Gespräche können erfüllend und intensiv sein, oberflächlich oder verletzend, nachhaltig oder kurzweilig, romantisch oder aggressiv.

Zwischenmenschliches Leben wird vom Gewebe der unterschiedlichen Dialoge geprägt. Über die sprachliche Ebene dieses Austausches hinaus, gibt es aber auch noch andere Formen der zwischenmenschlichen Bezüglichkeit. Dialoge können auch ohne Worte geführt werden. Gerade auf dem Spielfeld der Freundschaft, die auch als ein lang anhaltender Dialog zwischen zwei Menschen bezeichnet werden kann, gibt es oft Momente, in der die warme Bezogenheit aufeinander anders als durch Worte ausgedrückt wird. Durch Mimik und Aufmerksamkeiten, Taten oder Geschenke, innere Begleitung und vieles mehr.

In einem Dialog liegt meine Aufmerksamkeit beim Anderen, in dem Gebiet, das zwischen uns webt. Was wäre ich ohne den anderen? Ohne zwischenmenschliche Bezüglichkeit? Ohne meinen eigenen Monolog, der durch den Anderen zum Dialog wird. Wie könnte ich selber auf die Fragen, Anmerkungen oder Erlebnisse des anderen kommen, ohne mich ihm zuzuwenden?

Innere Aufmerksamkeit braucht auch der eigene Dialog den ich mit der Zeit in der ich lebe führe, mit der Natur die mich umgibt, mit den politischen Ereignissen meines Landes und meinen eigenen geistigen Idealen. Bewegung und Entwicklung entsteht an den Schnittpunkten, an denen sich zwei Kreise berühren. Dialoge führen in ein soziales Miteinander.

Ganz anders verhält es sich mit dem Monolog. Gerade durch ihn schalte ich die Welt um mich herum aus. Ausgestaltete Monologe kennen wir von der Bühne. Eine Figur macht sich öffentlich Gedanken über etwas. Sie bringt Innerlichkeit nach außen und lässt so die Umgebung Anteil an inneren Gedankenspielen nehmen. Dies geschieht aber gerade nicht mit einer dialogischen Grundhaltung – aus diesem Grund entsteht beim Zuhörer auch oft ein Unbehagen, wenn jemand monologisiert. Man wird Zeuge einer Innerlichkeit. Ein Monolog ist durch Einsamkeit geprägt, vom „eigen und einzeln sein“.

Wenn ich ganz bei mir bin und einen Moment lang nicht von meiner Umgebung geleitet werde, dann befinde ich mich in einem inneren Monolog mit mir selber. Bekannt ist diese Form auch in der erzählenden Literatur. Einen Monolog brauche ich, um mich selber zu spüren und abzutasten, um zu fühlen wo und wer ich heute bin. Es ist ein Gespräch mit mir selber. Innere Monologe sind identitätsstiftend.

Wenn das Verhältnis zwischen mir und der Welt kippt, kann es zu Ersatzhandlungen kommen, die uns oft aus dem Gleichgewicht werfen. Wer hat nicht schon einmal Menschen beobachtet, die auf der Straße mit sich selber Dialoge führen, oder Menschen, die in einem Gespräch in einen Monolog verfallen und das Gegenüber vergessen?

Es gibt aber auch monologische Darstellungsweisen, die inhaltlich einen Dialog präsentieren und gleichzeitig in ihrem Monolog einen Dialog mit den Zuhörern eröffnen. So etwas hat sich am letzten Wochenende an der Stuttgarter Staatsoper ereignet. Dort wurde in einem 18-stündigen Lesemarathon (Samstag, 22 Uhr bis Sonntag, 16 Uhr) das gesamte Parzivalepos von Wolfram von Eschenbach durch renommierte Mediävistikprofessoren aus ganz Europa auf mittelhochdeutsch vorgetragen. Ich habe die Lesung mithilfe eines Livestreams im Internet verfolgt.

Durch die eindringliche Sprache, die sich mir zu ungewohnter Zeit und in einer unglaublichen Dichte wie ein Einweihungserlebnis anbot - früher wurde die Geschichte nur mündlich durch Erzählungen weitergetragen! - lebt nun die gewaltige Geschichte um Parzival und Gawan erneut so in mir, dass die mittelhochdeutschen Verse, die in mich eingezogen sind, in mir klingen. Die alten Worte erfüllen mein Inneres als vielstimmiger Monolog. Daraus könnte sich ein Dialog entwickeln.

Monolog und Dialog gehören zusammen, so wie das Individuum und die Welt. Sie brauchen einander, um sich über sich selbst hinaus zu entwickeln, zu verzahnen und sich zu entfalten. Zusammenziehung und Ausbreitung wechseln einander ab. So, wie die vielen einzelnen Knospen an dem Baum vor meinem Fenster auch erst durch ihr monologisches, individuelles Streben zu einem dialogischen, weltoffenen Gesamtkunstwerk avancieren.

Donnerstag, 4. März 2010

Minne und Krasser Scheiß. Worte und Begriffe

Als meine erwachsene, studierende Tochter zu Weihnachten ein Geschenk auspackte, das ihr außerordentlich gut gefiel, entwand sich ihrem Inneren ein großes Kompliment, sie strahlte und sagte: „Krasser Scheiß!“ Und das war ernst gemeint. Sie hat sich wirklich unglaublich über das Geschenk gefreut, das sie in Händen hielt.

Sprache, und damit Worte und ihre Bedeutung, wandeln sich. Das ist offensichtlich. Ich hätte in ihrem Alter und in einer vergleichbaren Situation vielleicht „wow“ oder „cool“ gesagt – und hätte das schon sehr gewagt gefunden. Aber die Konjunktur dieser Worte neigt sich ja schon ihrem stillen Ende zu. Heute stehen andere Begriffe auf dem Plan und wer weiß, welche Buchstabenkombinationen nun auf dem Weg sind, geboren zu werden und sich einen Platz und Rang zu erobern.

Meine jüngere Tochter fragte mich neulich, was eigentlich „Minne“ sei. Mit diesem Wort konnte sie nichts anfangen. Da es aber in ihrer Schullektüre öfters vorkam (…Parzivalepoche…) hielt sie es immerhin für angebracht, sich nach der Bedeutung zu erkundigen. „Minne“ ist kein geläufiges Wort für Liebe mehr, es stammt aus dem Mittelalter. Auch ich kannte es als Jugendliche nicht. Manche Worte muss man also richtig „lernen“ – deren Bedeutung ergibt sich nicht nebenbei oder aus sich selbst. Andere Worte gibt es, die ihre Bedeutung über einen langen Zeitraum behalten oder sich verwandeln. So gehören das Herkunfts- und Synonymwörterbuch zu meinen liebsten Nachschlagewerken.

Als ich den letzten Blogtext von Jelle van der Meulen auf mögliche Fehler durchging (http://jellevandermeulen.blogspot.com/2010/03/alle-groen-worte-brauchen-respekt-uber.html), ist in mir die Frage entstanden, was eigentlich der Unterschied zwischen „Begriff“ und „Wort“ ist. Er spricht in seinem Text von „Worten“. Ich hatte die Neigung, an manchen Stellen das Wort „Wort“ durch den Begriff „Begriff“ zu ersetzen. Und da haben wir es schon. Was ist da richtig? Was ist passend, emergent, evident, einleuchtend, plausibel, überzeugend, schlüssig, nachvollziehbar? (Und das Synonymwörterbuch schlägt noch viel mehr Worte im Umkreis vor!)

Wo unterscheiden sich Worte von Begriffen – wo trennen sich die beiden voneinander, wo überschneiden sie sich, was ist wann gemeint? Das entsprechende Verb zum Begriff „Begriff“ ist „begreifen“. Diese Verbindung hat mir schon immer gefallen, weil ein Geheimnis darin liegt. Wie kann man einen Begriff begreifen – anfassen, berühren, ertasten? Und doch hat ein Begriff etwas von der physischen Ebene. Gemeint ist aber, dass wir einen Begriff mit unserem Verstand – oder unserem Herzen - ergreifen, so dass er einen lebendigen Ort in uns erhält. Der DUDEN sagt, ein Begriff sei der „geistige, abstrakte Gehalt von etwas“. Aha.

Das Wort „Wort“ hat kein zugehöriges Verb. „Worten“ – das wäre schön, aber das gibt es wohl noch nicht. Dafür aber wartet der DUDEN mit einem schönen Bedeutungshintergrund auf. Ein Wort sei das „feierlich Gesprochene“. Im Griechischen verweist „Wort“ auf „sagen“, im Russischen auf „lügen“… Das Instrument beider Worte oder Begriffe ist die Sprache, die wir sprechen. Schriftlich oder mündlich. Ob wir mit Worten etwas sagen oder lügen hängt von inneren Dispositionen ab – das Wort an sich ist nur das Kleid, in dem die Bedeutung erscheint.

Aber zurück: Ist Liebe nun ein großes Wort oder ein großer Begriff? Wer könnte darüber etwas sagen?

Jelle van der Meulen verweist am Ende seines Textes darauf, dass die Quelle eines bestimmten Wortes (Anthroposophie) im Herzen des Menschen läge und die Sprache des Herzens ja bekanntlich die Poesie sei. Diesem Blick möchte ich noch eine andere Perspektive hinzufügen. Walter Benjamin, der sich sicherlich auch als Platoniker bezeichnen würde, hat in seinem Sprachaufsatz geschrieben: "Jede Mitteilung geistiger Inhalte ist Sprache." Das bedeutet, dass gerade dann eine stimmige Sprache entsteht, wenn die Worte und Begriffe einen geistigen Inhalt tragen. Er schaut also aus umgekehrter Richtung. Besonders reich wird die Sprache also dann, wenn sie geistigen Inhalts ist und aus dem Herzen der Menschen heraus gesprochen wird – ganz unabhängig davon, ob Worte oder Begriffe verwendet werden.

In diesem Sinne war auch der Ausspruch meiner ältesten Tochter: „Krasser Scheiß“ wirklich als Kompliment zu verstehen und die Frage meiner jüngeren Tochter, was denn „Minne“ sei, eine echte Frage die aus ihrem Herzen kam. Schließlich sind es die jüngeren unter uns, die die neuesten Nachrichten aus der geistigen Welt mitbringen. Da muss man schon mal über den Schatten von Worten springen und für neue Bedeutungen offen sein.