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Freitag, 23. Januar 2015

Als wir noch Kinder waren: Dorothea und Charlotte

Ich habe ein Foto von dir im Internet entdeckt. Auf dem Bild ist eine wunderschöne Frau zu sehen. Ich glaube, du siehst deinem Vater ähnlich, kann das sein? Zu sehen ist nur dein Portrait. Ich wende all meine Phantasie die mir zu Gebote steht auf, um dich wiederzuerkennen. Es gelingt. Ich bin mir sicher, dass du es bist. Deine Augen sind es, die die Erinnerung hervorrufen. Viele Jahre sind vergangen, fast ein ganzes Leben. Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit wir Kinder waren. Ein paar Mal telefoniert, Postkarten – ich kann mich nicht an mehr erinnern.

Aber ich habe dich nie vergessen. Heute hast du Geburtstag. Immer ein Jahr jünger als ich – das hat uns schon als Kinder geärgert. Wir wären gerne gleich alt gewesen – stimmt‘s? Dann wären wir auch in die gleiche Klasse gegangen. So aber haben wir nur den Schulweg hin und her miteinander geteilt – immerhin haben wir aber im selben Hochhaus gewohnt. Ich glaube, dass wir zwei Etagen über euch wohnten. Auf jeden Fall hatte die Wohnung den gleichen Grundriss. Ganz genau den gleichen. Unsere Zimmer lagen übereinander. Unsere Väter haben zusammen studiert und dann miteinander gearbeitet, darum sind die beiden Familien auch gemeinsam aus dem Süden in die Neubauwüste in den Westen gezogen.

Oft haben wir uns damals vorgestellt, über welche Kanäle wir die Wohnungen miteinander verbinden könnten. Auf jeden Fall unsere Zimmer. Telefonieren (graue Apparate mit Wählscheiben) war damals für Kinder keine Selbstverständlichkeit. Aber irgendwie mussten und wollten wir uns ja verständigen. Unsere Brüder, Max und Moritz, waren zu klein, die haben wir in diese Überlegungen nicht einbezogen. Wir haben Büro gespielt und aus den Arbeitszimmern der Eltern so allerlei Papiere, Stifte und wichtige Utensilien mitgenommen, damit wir auch ganz ernsthaft Geschäfte abwickeln konnten. Aber erst mussten wir immer unsere Hausaufgaben machen.

Aus dem Fenster eurer und unserer Küche hat man erst die Straße, dann den Friedhof und schließlich das rote Opelwerk gesehen. Erinnerst du dich? Auf den Friedhof durften wir nicht, das weiß ich noch. Da stand ein Schild, dass Kinder nur in Begleitung erwünscht seien. Aber einmal, daran erinnere ich mich noch ganz genau, haben wir uns erdreistet, den Friedhof zu erkunden. Ohne Erwachsene. Das hat uns sehr gereizt. Wir hatten uns auch eine wasserdichte Ausrede überlegt, wenn man uns erwischt hätte, dann hätten wir gesagt, dass wir zu unserem Großvater wollten, der kürzlich verstorben sei…

Aber sie haben uns nicht erwischt. Nein, wir konnten unbeschadet inspizieren, was uns einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Der Tod. Ewige Ruhe. Wir wussten nicht, wie wir uns das wirklich vorstellen sollten. Als Mensch in eine Holzkiste gelegt werden und dann unter der Erde liegen, ewig… Jedenfalls stromerten wir von Grab zu Grab und phantasierten, wer da aus unserer Verwandtschaft alles begraben läge, wir erfanden Geschichten und konnten gar nicht mehr aufhören… Ich weiß noch, dass ich in der Nacht danach schlecht geträumt habe. Das war schon ein großes Abenteuer für uns kleine Mädchen. Unseren Eltern haben wir bestimmt nichts davon erzählt…

Wir haben auch Wochenenden und Ferien miteinander verbracht – das war eine sonnige, reiche Zeit voller Spiele. Irgendwann ist Willy Brandt zurückgetreten – ich sehe unsere Mütter noch mit der Zeitung WAZ im Treppenhaus stehen und miteinander reden. Ich das blonde und du das braunhaarige Mädchen – was die redeten interessierte uns nicht, wir liefen zusammen zur Schule. Auf deine langen, schmalen Finger war ich schon als Kind neidisch.

Wir gehörten zusammen! Aber irgendwann hieß es, dass ihr umzieht. Nach Berlin. In die geteilte und vor allem ferne Hauptstadt. Das war sehr traurig für uns. Ich kann mich noch an eure leergeräumte Wohnung erinnern. Im Flur hinten gab es auf der linken Seite, gegenüber vom Bad, einen eingebauten Wandschrank (den wir auch hatten) mit weißen Türen. Und da hat deine Mutter die letzten Dinge aufbewahrt, die nicht von der Umzugsspedition mitgenommen werden sollten. Draußen stand ein riesiger Laster.

Auf der cremefarbigen Wand des Speditionslastwagens stand Schulze, Berlin-Mariendorf in dunkelgrüner Schreibschrift. Das sehe ich noch heute vor mir. Ich versuchte mir damals vorzustellen, wie all deine Spielsachen, dein Bett und dein Tisch, all deine Kleider und dein Schulranzen irgendwo in dem Lastwagen verstaut waren und sich auf eine unbekannte Fahrt begeben mussten. Ich kannte eure zukünftige Wohnung nicht und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass all deine Sachen in ein anderes Zimmer transportiert würden.

Manchmal habe ich später noch die Lastwagen „eurer“ Spedition auf deutschen Autobahnen gesehen – immer habe ich an dich gedacht.

Wir wohnten schon über zehn Jahre nicht mehr in der gleichen Stadt und als dann meine erste Tochter geboren wurde, warst du enttäuscht, dass ich dich nicht als Patentante erwählt hatte. Das tut mir bis heute Leid. Vielleicht hätten wir dann unsere Freundschaft erhalten können, irgendwie…. Du warst damals in Südamerika, ich in eine kleine Welt verschwunden. Mittlerweile haben wir einen Großteil unseres Lebens gelebt, manche Ziele erreicht, manche Wünsche über Bord geworfen. Zeit, einmal wieder von einander zu hören, ich würde mich freuen – was meinst du?

Sonntag, 9. März 2014

Biographien schreiben und lesen (IV): Zum Selbstverständnis eines "Zentrums des Erlebens"


Der Mensch, als handelndes Subjekt, als „Zentrum des Erlebens“ (Peter Bieri) lebt zwischen Raum und Zeit von seiner Geburt bis zu seinem Tod auf der Erde. Er gestaltet seine Biographie und schreibt dadurch das Leben in sich, seine Umgebung und die Erde ein. Bios bedeutet Leben, Graphie bedeutet Schreiben. Aber was schreibt sich ein, um welche Ereignisse geht es, was ist es, was den Lebenslauf eines Menschen zu einer individuellen Biographie macht und wie lassen sich Lebensgeschichten lesen?

Jeder Mensch lebt in dem Spannungsfeld zwischen eigenen Motiven die er mitbringt, die sich in ihm entwickeln, denen er nachstrebt und seiner sozialen Umwelt, die durch Normen, Werte, Gepflogenheiten oder Gesetze bestimmt ist. Individuum und Welt passen nicht immer zusammen, gehen aber als Prozessgeschehen auseinander hervor (Ursula Stenger), denn sie sind beide Teil voneinander und bedingen sich gegenseitig.

Pico della Mirandola, Dichter und Philosoph in der Renaissance in Florenz, schrieb im Vorwort seiner Schrift „Über die Würde des Menschen“: Wir haben dich weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen, weder als einen Sterblichen noch als einen Unsterblichen geschaffen, damit du als dein eigener, vollkommen frei und ehrenhalber schaltender Bildhauer und Dichter dir selbst die Form bestimmst, in der du zu leben wünscht. Es steht dir frei, in die Unterwelt des Viehs zu entarten. Es steht dir ebenso frei, dich in die höhere Welt des Göttlichen durch den Entschluß deines eigenen Geistes zu erheben.[1]

…wie ein Bildhauer und Dichter… Der Mensch, als ein seelisches Wesen, das mit Gefühlen und eigenen Motiven ausgestattet ist, steht zwischen Materie und Geist und darf, ja muss gestalten, wenn er nicht zu einer Marionette des Gesellschaftssystems werden möchte. Wie ein Bildhauer, der in dem unbehauenen Stein die Skulptur erblickt und sie hervorholt und/oder wie ein Dichter, der mit Worten sowohl Vergangenes als auch Zukünftiges entstehen lassen kann, Wahres und Erdachtes, Gutes und Böses, der mit seinen Worten trennen und verbinden kann.

Alles, was äußerlich geschieht, hat eine innere Entsprechung, kann zum Lebensereignis erhoben werden und die Möglichkeit zur Entwicklung bergen. Wenn der seelische Schnittpunkt zwischen Geist und Materie und zwischen mir und dem Anderen als Quelle und Ziel zugleich verstanden wird, wird die Biographie zu einem selbsterschaffenen Kunstwerk (Foucault), dass das Individuum gestaltet und das dadurch eine Bedeutung erlangt, dass Mitmenschen es lesen dürfen.

Da der Mensch nicht allein existieren muss, sondern in einem polyphonen sozialen Gefüge lebt, Teil eines menschlichen Miteinanders ist, das auch von Nähe und Distanz geprägt ist, hat er es mit Anregungen und Herausforderungen seiner Mitmenschen und seiner Umwelt zu tun. Die eigene Motivgeschichte verschränkt sich mit der anderer, durch Hinwendung zum Gegenüber. Leben bedeutet, sich in einem ergebnisoffenen Prozess zwischen Schreiben (des eigenen Lebens) und Lesen (der Motive meiner Mitmenschen) zu bewegen.

[1] Pico della Mirandola: Über die Würde des Menschen. Leipzig: Pantheon Akademische Verlagsanstalt 1940, Seite 50.

Sonntag, 16. Februar 2014

Biographien schreiben und lesen (II): Ein bisschen „Off Track“ nach vierzig Jahren


Meine Kindheit, Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, war geprägt von den politischen Umwälzungen, den endlosen Debatten, den neuen Umgangsformen und dem Ende jeglicher Traditionen und Werte. Die „Erwachsenen“ waren damals heftig bewegt und probierten viel aus, immer subversiv und provokativ. Kindererziehung, Familie und soziale Einbettungen wurden neu erfunden – radikal und fundamental. Das Wahre, Schöne und Gute wurde abgeschafft – stattdessen hieß es bei uns: „macht kaputt, was euch kaputt macht“.

Aus dem Plattenspieler gab es verwirrende und mitunter düstere Jazz- und Rock-Klänge zu vernehmen, dazu rauchige Stimmen die etwas von mysteriösen Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten raunten… die englischen Texte verstand ich nicht, aber ich nahm wahr, dass „die Erwachsenen“ irgendwie darauf abfuhren und sich plötzlich, mit Zigarette im Mund, verklärte Gesichter einstellten, es musste also noch etwas anderes als das politische Establishment geben, das es abzuschaffen galt…

Interessant war es, auch sehr verwirrend, ja sogar verunsichernd – denn so richtig wusste ich das alles nicht einzuordnen. War die Welt nun eigentlich in Ordnung oder gerade nicht?

Schnittpunkt I. Und dann lernte ich dich kennen. Du hattest ein Kleid mit einem Spitzenkragen. Und manchmal hattest du im Sommer weiße Kniestrümpfe mit einem Lochmuster an – so etwas hatte ich mir immer gewünscht, aber nie bekommen, denn solche Dinge galten bei uns als spießig, bürgerlich... und ich fand sie doch so schön! Wir wurden Freundinnen und ich ging mit dir nach Hause: Da gab es eine ganze Familie, Vater, Mutter und vier Kinder – du hattest drei ältere Brüder. Ihr hattet ein richtiges Wohnzimmer und ein Schlafzimmer deiner Eltern, in das wir nicht hineingehen durften.

Und du hattest eine Mutter, so eine richtige Mutter – ich weiß noch, dass sie mich damals schon fasziniert hat. Immer war sie da, immer!, ich erinnere mich an ihre gebatikten Kittel und ihre Zopffrisur. Ich denke an eure kleine Küche, ihr Revier. Ihr hattet einen langen großen Esstisch und da gab es Mahlzeiten mit der ganzen Familie, dein Vater, das Familienoberhaupt... An diesem Tisch machten wir auch gemeinsam die Hausaufgaben und deine Mutter saß bei uns. Und sie fragte uns, was wir erlebt hatten und gab mir rundum das Gefühl, dass die Welt schön, wahr und gut sei.

Bei euch hatte die Welt eine Ordnung, sie war licht und rein. Es gab einen Rahmen, in dem wir uns bewegen durften und es gab Grenzen, die nicht zu überschreiten waren, ein bisschen Strenge war auch dabei, aber immer war es hell. Ich war gerne bei dir, sehr gerne, das Haus in dem ihr lebtet und deine ganze Familie hat mir Halt gegeben, bei euch schien immer die Sonne. Dein Vater war selten zu sehen, er war eine Respektperson – in der Mittagszeit musste im Hause Ruhe herrschen, damit sich deine Eltern ausruhen konnten.

Bei euch gab es keine politischen Diskussionen – jedenfalls nicht wenn ich da war -, keinen Streit und keine Demonstrationsaufgebote, die Welt war klein und rund und selbstverständlich gab es darin auch keine Musik aus dem Plattenspieler, sondern es wurde gesungen und selber musiziert.

Schnittpunkt II. Und nun sehe ich dich wieder, vierzig Jahre später. Das Leben hinterlässt Spuren, wir sind selber längst Mütter, ja fast Großmütter geworden. Vor allem aber treffe ich deine Mutter wieder, deine Mutter, die für mich der Inbegriff einer Mutter war (und ist?). Sie steht mit fast achtzig Jahren auf der Bühne und schmettert mit ihrem „Off Track“-Chor aus Tübingen all die alten Songs von damals. Diese Songs – die Musik meiner Kindheit und Jugend – aus ihrem Mund? Ich fasse es nicht.

Sie verrät dem Publikum des Landestheaters, dass sie damals am Heizungsgriff die Tanzschritte geübt hat, dass die neue Musik Zeichen von Freiheit und Unabhängigkeit waren. Die amerikanische Sehnsucht ist bis in das Wohnzimmer einer gut situierten Familie gedrungen. Das muss wohl vor der Zeit gewesen sein, in der ich bei euch im Hause Gast war (oder spät abends). Wünsche, Träume, verborgene Sehnsüchte?

Rock und Pop. Deine Mutter hat einen „Chor“ ins Leben gerufen, die Sänger/innen sind 60-80 Jahre alt – „damals also“ waren sie jung – und sie singen und konzertieren seit fünf Jahren unter der Leitung einer Jazzsängerin. Sie stehen auf den Brettern der Welt, als wenn sie immer dort gestanden hätten. Lassen die alte Zeit aufleben, als säßen wir mitten drin, Gefühle werden hörbar, Sehnsüchte sichtbar… Das Niveau ist erstklassig und die Authentizität unverhohlen.

Alles habt ihr zu geben, nichts zu verlieren, das Leben ist bunt und voller Klänge – ich bin begeistert, beeindruckt, und wieder geht durch euch die Sonne in mir auf, so völlig unerwartet auf der schwarzen Bühne. Ich war aus Gefälligkeit gekommen und gehe reich beschenkt nach Hause. So wie ihr mich damals aufgefangen und verändert habt – so macht ihr es heute wieder, auf ganz gegensätzliche Art und Weise. „Off track“ – ein bisschen aus der Spur eben - das ist das echte Leben. Dieser erneute biographische Schnittpunkt kam wahrlich völlig unerwartet.

Sonntag, 9. Februar 2014

Biographien schreiben und lesen (I): Wenn sich das Leben schreibt und zur Biographie wird


Den Lebenslauf eines Menschen nennen wir Biographie. Die Geburt ist der Anfangspunkt, der Tod das Ende, das gilt für jeden von uns. Was aber ist es, was das Leben zu einer stimmigen, erfüllten, runden Biographie macht? „Bios“ bedeutet Leben, „Graphie“ Schreiben. Das Leben schreibt sich, es schreibt sich ein – in uns, in andere Menschen, in Kultur und Gesellschaft, in die Welt, die ganze Erde.

Schreiben bedeutet, dass etwas sichtbar gemacht und festgehalten wird, überdauert, und auch von Anderen gelesen werden kann – Schreiben ist eine freie Kulturtat. Im Fall der Biographie „geschieht es“ – das Leben schreibt sich, ob wir das wollen oder nicht, die Jahre vergehen, immer vorwärts, und das Leben schreibt und schreibt sich ein, in der ihr eigenen Sprache.

Lesen hingegen ist eine individuelle Hinwendung zum Geschriebenen. Das Leben lesen - wie lese ich mich und wie lese ich dich? Was gibt es überhaupt zu lesen, und was verstehe ich von dem, was ich lese, schreibe ich mein Leben in meiner Sprache, kann ich deine Sprache lesen? Das Leben zu lesen erfordert ein feines Bewusstsein.

Die äußere Biographie, der tabellarische Lebenslauf offenbart sich mitunter platt und naiv. Da gibt es Daten und Fakten zu Kenntnis zu nehmen: Lebensdaten, Wohnorte, Familienverhältnisse, Bildungswege, Arbeitsverhältnisse und vielleicht noch Auszeichnungen. Auf diese Art kann ein Lebenslauf auf einem DIN A4 Blatt dargestellt werden.

Aber es gibt auch die innere Biographie eines Menschen, da gibt es Freundschaften, Liebschaften oder gar Feindschaften, einschneidende persönliche Ereignisse, Reisen, Todesfälle, Begebenheiten aller Art, Brüche, Abgründe – all das gehört zu uns, zu unserer Biographie, all diese Schnittpunkte machen uns aus.

Als lebender Mensch stehe ich zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Himmel und Erde, als eigene Welt in der großen Welt, als Momentaufnahme im Zeitgeschehen. Ich lasse mich prägen und ich präge:

Mich prägen die Menschen um mich herum, meine Mitmenschen, die, mit denen ich auf der Erde lebe. Das sind Eltern, Freunde, Lebensgefährten, Kinder, Kollegen, Nachbarn. Auch von öffentlichen Menschen lasse ich mich prägen, von Politikern, Wissenschaftlern, Künstlern. Und auch ich präge andere – je nachdem, was ich tue oder eben lasse, wie ich mich zeige oder gerade verberge, ob ich spreche oder schweige.

Mich prägt die Kultur, in die ich mich hineinbegeben habe, die Sprache, die mich umgibt, die Religion, in der ich aufwachse, die Schulen in die ich gehe, die Ausbildungs- und Tätigkeitsorte. Wenn ich am gesellschaftlichen Leben teilnehme muss ich mich in Asien anders verhalten als in Europa, im Islam anders als im Christentum, auf Deutsch anders als in Swahili.

Mich prägt die Erde, wie sie sich präsentiert, die Landschaft, in der ich mich bewege. Das Wetter ist auf Island anders als in Südeuropa, die Ausprägung der Jahreszeiten spielt eine Rolle, Berge, Wälder, Seen und Meere - oder eben die pulsierende Großstadt. Mich prägen Reisen in ferne Länder, dort zieht es mich hin und jenes Land stößt mich ab.

All diese Gegebenheiten sind prinzipiell für jeden da, die Welt, die Erde, das Leben bieten sich an. Wie aber kommt es, dass ich dieses mache und jenes lasse? Die Wirkungen von Mitmenschen, Kultur und Natur sind höchst individuell, sie machen die Unverwechselbarkeit aus, in die wir gestellt sind, wenn wir uns entschließen eine Weile auf der Erde zu leben – zu schreiben und zu lesen.

Das Konglomerat der Einflüsse ist gewaltig, manchmal reißt es uns in seinen Schlund, die Formen der individuellen Bedeutsamkeit sind unermesslich - nicht alles spiegelt sich gleich in unserem Antlitz. Wenn wir das Glück haben, dass unser Leben uns auf die Spur der inneren Freiheit führt, können wir (weitgehend) selbstbestimmt leben, eigene Entscheidungen treffen, das Leben schreiben, das uns zu schreiben obliegt. Man nennt das eine gelingende Biographie.

Aber wie entsteht sie, was trägt dazu bei und was verhindert sie? Welche Gegebenheiten habt ihr vorgefunden, welche Ziele euch gesteckt, was macht ihr mit und in euerm Leben? Mich interessieren besonders die Schnittpunkte – wie auch immer sie geartet sein mögen, ob sie zu Höhenflügen einladen oder in Abgründe stürzen lassen.

In der nächsten Zeit werde ich mich mit Biographien beschäftigen und das eine oder andere dazu beschreiben, damit Menschen gelesen werden können.

Sonntag, 26. Januar 2014

Wenn sich das Leben schreibt. Zur Biographie von Ingeborg Bachmann


Ich bin Ingeborg Bachmann nie leibhaftig begegnet. Als sie starb hatte ich in ihre Bücher noch nicht hineingeschaut, obwohl sie bei uns im Wohnzimmer lagen. Aber ihr Name begleitet mich schon mein Leben lang. Mittlerweile bin ich Ingeborg Bachmann im Wort begegnet, intensiv. In ihrem eigenen Wort und in den Worten anderer. Auch Bilder und Filmaufnahmen habe ich gesehen. Ingeborg Bachmann gehört zu dem Netz von Schriftstellern und Philosophen, deren Worte ich lese, deren Gedanken ich aufnehme, deren literarische Bilder in mir leben – die mich konstituieren.

Sie gehören in die Welt, in der ich lebe. (Wir hätten uns treffen können.) Sie erzählen von Dingen, die mich umgeben. (Noch immer sind wir mit dem Erbe der Kriege beschäftigt.) Wir sprechen und schreiben in der gleichen Sprache, wir atmen mitteleuropäische Luft, auch wenn die meisten der schreibenden Großen des letzten Jahrhunderts schon tot sind. Wer ist noch da, wer geht, wer kommt?

Ich lese eine Biographie über Ingeborg Bachmann. Andrea Stoll hat sie geschrieben. Sie ist dem Lebenslauf von Ingeborg Bachmann akribisch nachgegangen, dem Was und dem Wie, äußerlich und innerlich. Mein Eindruck ist, dass die Biographin ihren polyphonen Blick eingefangen hat und dem Leser ein differenziertes und hoch komplexes Bild dessen schafft, was Ingeborg Bachmanns Leben gewesen sein könnte. Äußerlich lassen sich Daten und Fakten aufreihen: Reisen, Lesungen, Publikationen, Premieren, Preisverleihungen.

Was die äußeren Tatsachen erzählen, ist aber mitnichten immer das, was Bedeutung schafft. Es gibt in Ingeborg Bachmanns Leben große Ereignisse zu feiern, Siege zu verzeichnen, Anerkennungen zu dokumentieren – sie konnte galant strahlen. Gleichzeitig ist auch zu lesen, wie sehr sie gekämpft hat, wie schwer der Weg war, wie kompliziert die Verbindungen waren, wie verwickelt die Verhältnisse. Finanzielle Engpässe und ihre Beziehungen zu Männern… Wer hat für wen welche Bedeutung und wie lebt sich Nähe und Distanz, Freiheit und Geborgenheit?

Ingeborg Bachmann, die Grande Dame, hat gekämpft und gelitten, schließlich ist sie untergegangen. Alkohol und Medikamente - seelisch konnte sie sich nicht mehr halten. Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander, aber ihr Wort hat Bestand. Wenn Menschen aufeinander treffen entstehen Schnittpunkte. Physische, seelische, geistige. Manchmal sind diese Schnittpunkte für andere Menschen sichtbar, erlebbar, andere wiederum sind unsichtbar, auch wenn sie von entscheidender Relevanz sind.

Ich nehme die Worte von Ingeborg Bachmann auf, auch das, was zwischen den Zeilen steht. Ich lese Worte von denjenigen, die in ihren eigenen Texten oder Erinnerungen über sie schreiben, an sie schreiben. Ingeborg Bachmann war zweifelsohne eine schillernde Persönlichkeit, die es verstand Verbindungen zu knüpfen und daraus etwas zu machen. Ihr Freundeskreis bestand aus Namen von Rang. Sie sah die Welt durch die Brille der Literatur, auch wenn, ganz im Gegensatz zu Max Frisch, kaum je ein „persönliches Wort“ in ihren Texten zu finden ist. Sie chiffriert, transformiert, irritiert – ihre Texte sind alles andere als gefällig, Germanisten arbeiten sich heute noch an ihnen ab.

Eine Biographie ist etwas höchst Individuelles. Gleichzeitig ist gerade dieses höchst Individuelle, Eigene, Unverwechselbare etwas, was durch die Begegnung mit anderen entsteht und nur durch sie: durch Schnittpunkte, Kreuzungen, Knoten- und Verknüpfungspunkte. Eine Biographie konstituiert sich durch das menschliche Miteinander, durch gesellschaftliche und politische Umstände, durch die familiäre Herkunft, den Bildungsweg, durch all das, was wir Sozialisation und Enkulturation nennen.

Aber gerade das, was über diese Umstände hinausgeht, sich nicht aufhalten lässt, was eine unumwundene Bedeutung schafft ist das, was wir das Individuelle nennen, was einen Lebensweg einzigartig macht. Wohin schreibt sich eine Biographie ein? Ist die Luft in Rom eine andere, weil Ingeborg Bachmann dort gelebt hat? Physisch ist die Literatin nicht mehr anwesend, geistig aber wohl. Und weil Worte und Dichtung, ja die gesamte Literatur und die Philosophie höchst geistig und damit zeitlos sind, ist unsere Welt um Ingeborg Bachmann reicher geworden.

Ingeborg Bachmann wird nicht vergessen, sie lebt im Wort. Auch wenn ich nicht weiß, ob sie ihr eigenes Leben so erzählen würde, wie es die Biographen tun, ob sie damit einverstanden wäre. Was verstehen wir denn wirklich vom Leben eines Anderen? Wie groß ist unser Herz, wenn es darum geht selbstlos jemand anderen wahrzunehmen und die delikaten Momente einer Biographie anzuerkennen?

Paul Celan hat seinem Leben in Paris ein Ende bereitet. Ingeborg Bachmann ist unter ungeklärten Verhältnissen früh gestorben. Auch Max Frisch lebt mittlerweile nicht mehr. Menschen brauchen Menschen, um zu leben, einander anzunehmen, um einen eigenen Weg zu gehen, der nur durch die Begegnung mit anderen zu gehen ist. Einander groß sehen, Relevanz schaffen! Ingeborg Bachmann lebt in mir, weil die große Frau so zerbrechlich war.

Sonntag, 19. Januar 2014

Zum Berliner Journal von Max Frisch. Immer wieder Gegenwart


Zwei Mal setze ich mich hin und lese jeweils die Hälfte, eine Nacht liegt dazwischen, dann bin ich durch. Es war „Zufall“ – eines jener unerwarteten Ereignisse, einfach so. Auf den Zug wartend schlenderte ich durch die Bahnhofsbuchhandlung – nichts suchend, schon gar nichts erwartend, am ehesten: die Zeit ver-lesend. Und da lag es, auf dem Tresen, das blaue auffallende Buch – in genau dem Blau, in dem die Straßenbahnen in Zürich durch die Stadt fahren. Ein neuer Max Frisch. Wie konnte das sein, ich kannte doch alles und er war seit vielen Jahren tot.

Tatsächlich, ein „neuer“ Max Frisch. Richtig, da war etwas angekündigt worden. Zwanzig Jahre lag das Manuskript nach seinem Tod im Tresor. Und nun wurde es veröffentlicht, ein weiteres Tagebuch: „Aus dem Berliner Journal“. Wie immer, im Suhrkamp Verlag. Und da ist er wieder, der alte Frisch. Unverwechselbar. Seine Worte klar, präzise und deutlich. Es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft. Bei Max Frisch gibt es nur eins: die Gegenwart.

Hie und da ein winziger Ast, der in Vergangenes oder Kommendes ragt, aber die Krone seiner geschriebenen Worte ist das Jetzt. Ein Jetzt, das mich nicht, vierzig Jahre später, in die Vergangenheit verschleppt, Anfang der siebziger Jahre, Berlin, sondern mich in den damals gesetzten Worten landen lässt, jetzt, zeitlich und örtlich. Ich lese und habe das Gefühl, dass all das, was Frisch beschreibt gerade passiert, als gäbe es nichts anderes als die siebziger Jahre, gerade jetzt, ich sitze mitten drin.

Fast ist es, als könnte ich die Luft jener Tage wieder riechen – ein bisschen grau und farblos war alles, irgendwie lauwarm. Einiges bahnte sich am Horizont an, politisch brodelte es, doch der Alltagsbürger hatte mit seinem privaten Leben zu tun, in den schwarz-weißen 20-Uhr-Nachrichten gab es immer wieder erstaunt wahrzunehmen, was an anderen Orten passierte. Von Handys und Computern in der Welt des Bürgers keine Spur. Die Welt war streng geteilt, in Ost und West, und die Vermittlungsversuche noch nicht reif genug, um sich unter das Brandenburger Tor zu trauen.

Max Frisch, der Bürger aus der Schweiz, hatte, abgesehen von seiner Vaterstadt Zürich, einige Jahre in Rom gelebt, war immer wieder in New York gewesen und hatte bereits viele Reisen hinter sich. Er beschloss mit der neuen Ehefrau, Marianne Oellers, die Beziehung zu Ingeborg Bachmann war der Jüngeren zu Liebe getrennt worden, ins geteilte Berlin zu gehen – mit seiner Schreibmaschine. Sein Tagebuch beginnt am Tag des Einzugs in die dortige Wohnung. Gerade die Grenze war es, die der Mann und Schriftsteller suchte, das Hüben und das Drüben, und so scheute er sich nicht, den Kontakt zu Kollegen jenseits der Grenze zu suchen, mit ihnen zu diskutieren, gemeinsam deutsche Literatur zu schreiben – immer wieder über die Grenze zu gehen.

Es sind Alltagsbeobachtungen. Bemerkungen. Einfache Sätze. Max Frisch bietet mir als Leserin an mit dem Erzähler mit zu gehen, dabei zu sein, obgleich jede Begebenheit verknappt dargestellt wird. Kein unnötiger Satz, kein Umraum, keine Her- oder Ableitung. Es handelt sich nicht um Visionen oder Diskurse, keine epische Breite, an der Max Frisch den Leser teilnehmen lässt, sondern nur das gegenwärtige Erleben, glasklar, ohne Schnörkel – eben realistisch.

Max Frisch liefert nüchterne Beschreibungen ab, aber auch delikate Anmerkungen über den Ich-Erzähler, der heftig dazu einlädt, in ihm Max Frisch selbst zu sehen, zu hören, ja zu riechen und zu erleben. Es gibt Seiten in der neuen Publikation, die nur ein Satz ziert. Und das wirkt. Sprache, wie in Stein gemeißelt. Luftig, fragend und doch standhaft.

Max Frisch ist kein Träumer sondern ein sanftmütiger Realist. Gerade die Unbeholfenheit des Ich-Erzählers macht ihn so liebenswert, die scharfe Analyse und Beschreibung der Kollegen so deutlich, die Inszenierung des Protagonisten in der halb eingerichteten Wohnung so menschlich. Viele der im Journal niedergeschriebenen Sätze beschreiben das Verhältnis zwischen Individuum und Welt, die fragende, suchende Haltung eines Mitmenschen jener Jahre, der das Leben versucht über das Schreiben zu bewältigen.

Warum das Journal zwanzig Jahre im Tresor liegen musste ist mir nicht klar geworden – weder wartet der Text mit geheimnisvollen Enthüllungen auf noch mit spektakulären Szenen. Ein Frisch-Text, wie ich ihn kenne und mag. Lediglich die Beschreibungen der Literatur-Kollegen könnten es sein, die Takt verlangen, denn schließlich gilt auch hier: das Miteinander reden zählt mehr, als das Übereinander schreiben. Gerne hätte ich mit Max Frisch einmal einen Kaffee getrunken – seine Beschreibungen beleben mich so, dass in mir Fragen entstehen, die mich weiterführen.

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal. Suhrkamp Verlag, Berlin, Januar 2014.