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Sonntag, 14. Juni 2015

Wie bist du jetzt? Sich verändern zwischen Himmel und Erde


Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wäre, würden wir in diesen Tagen tatsächlich deinen 50. Geburtstag feiern. Wenn du nicht gestorben wärest, würdest du leben. Aber es gibt das Wort. Du bist gestorben und lebst nicht mehr, insofern können wir auch nicht deinen Geburtstag feiern. Und tun es doch. Wir treffen uns. Aus Anlass deines Geburtstages. Und wir feiern dich. Dein Lebenswerk. Irgendwie. Himmel und Erde begegnen sich in der Rosenpracht, auch wenn des Menschen Versuche der Hilflosigkeit entstammen.

Die Sonne scheint in diesen Tagen hell und klar und warm und weich vom Himmel. Die Natur ist vom frischen Grün geprägt, durchzogen von einer bunten Blütenfülle. Früchte kündigen sich an. Morgens und abends erklingt ein vielstimmiges Vogelkonzert. Saft und Kraft sind auch in der Tierwelt zu spüren. Katzen verbringen Tage und Nächte draußen und versichern sich nur kurzzeitig, ob ihr von Menschenhand bereitetes Heim noch besteht – wenn gerade ein Gewitter auf die Erde niedergeht.

Auch wenn der laue Wind am Abend abkühlt, streift er des Nachts über meine Nase, damit auch die Himmelsbotschaften ein Schlupfloch in meine Träume finden. Der Sternenhimmel rückt näher und wispert sogar tagsüber geheimnisvolle Nachrichten. Trotz menschlicher Geschäftigkeit liegt eine Stille über dem Land, Himmel und Erde gehen auseinander hervor und vollziehen ein geheimnisvolles Miteinander, das sich aus der Mitte einer blühenden Blüte heraus erahnen lässt.

Termine, Verabredungen, Deadlines (was für ein Wort!) – und dazwischen löchrige Nächte, in denen der Schlaf nur dünn und flüchtig ist. Ich denke an dich. Und ich bin noch immer verwirrt, obschon alles seinen Gang nimmt - das Leben geht weiter. Aber dein Bild auf dem Foto bleibt gleich. Es hat deinen Körper festgehalten, so wie du im Leben ausgesehen hast. Nun aber ist alles geistig. Und es gibt keine neuen materiellen Bilder, die ich mir ins Wohnzimmer stellen könnte, ja ich weiß kaum, wie ich mir vorstellen kann...

Auch die Lebenden verändern sich, viel ist in den letzten Jahren passiert. Irdisch gefesselt kann ich mich im Schnittpunkt der Zeit nur aus der Gegenwart heraus dem zuwenden, was an Erhabenheit kaum zu erreichen ist. Ich schreibe im Jetzt. Kann einbeziehen, was sich mir über die Vergangenheit erschließt, mich die Zukunft erahnen lässt. Du aber, so kommt es mir vor, bist nicht mehr an diesen Schnittpunkt gebunden, sondern kannst dich auf der Lemniskate aller möglichen Zeiträume bewegen. Wie ist es dir in den letzten Jahren ergangen, so man im Himmel irdische Zeiträume kennt, wer bist du jetzt?

Um Halt zu finden versuche ich mich deinem geistigen Kern zu nähern, auch wenn ich weiß, dass es eben jetzt nicht um Kerne geht, ganz abgesehen davon, dass es sie wohl nicht gibt… und gerade das es ist, was Geistigkeit ausmacht. Wie kann ich denken, was zu denken ist – obgleich ungreifbar und doch handfest wie eine Nuss. Es ist ein Stammeln. Alles bewegt und verwandelt sich. Achtsamkeit ist geboten wenn es um Attribute und Zuschreibungen geht. Und doch sind wir gerade darauf angewiesen.

Die fröhlichen Begegnungen in dem wunderschönen Garten mit den prächtigen Rosen klingen nach. Menschen, „verlierbare Lebende“, die einander treffen, weil du der Schnittpunkt bist. Und du bist da und dabei und nicht da und weit weg, „unverlierbare Tote“ (Hilde Domin). Der Sommernachmittag schenkt Trost, Vertrauen und Zukunft. Lass uns wissen: Wie bist du jetzt?

Die schwersten Wege

Die schwersten Wege
werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer,
sind einsam.
Selbst der Tote der jedem Ruf antwortet
und sich keiner Bitte versagt
steht uns nicht bei
und sieht zu
ob wir es vermögen.
Die Hände der Lebenden die sich ausstrecken
ohne uns zu erreichen
sind wie die Äste der Bäume im Winter.
Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt den der Fuß
noch nicht gegangen ist aber gehen wird.
Stehenbleiben und sich Umdrehen
hilft nicht. Es muß
gegangen sein.

Nimm eine Kerze in die Hand
wie in den Katakomben,
das kleine Licht atmet kaum.
Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne Gnade
nicht leben können:
die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags,
du bläst sie lächelnd aus
wenn du in die Sonne trittst
und unter den blühenden Gärten
die Stadt vor dir liegt,
und in deinem Hause
dir der Tisch weiß gedeckt ist.
Und die verlierbaren Lebenden
und die unverlierbaren Toten
dir das Brot brechen und den Wein reichen -
und du ihre Stimme wieder hörst
ganz nahe
bei deinem Herzen.

Hilde Domin

aus: Hilde Domin: Gesammelte Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1987, Seite 118/119.

Sonntag, 27. Oktober 2013

…eine Rose als Stütze. Verlierbare Lebende und unverlierbare Tote


Also gut, sage ich mir, es führt kein Weg daran vorbei. Ich fahre. Unterwegs versuche ich Raum für die Leere zu schaffen, mich auf das Loch vorzubereiten, offen zu sein. Aber schon nach wenigen Minuten schalte ich das Radio ein, ich brauche Ablenkung, halte es nicht aus. Weder weiß ich, was auf mich zukommt, noch habe ich eine Antwort auf die Frage. Keine Antwort, die die Zeit angemessen umfängt, die ihr gebührend gerecht wird - die Erzählung enthält offene Blätter, für mich höchstens unsichtbar beschriebene Seiten.

Ich bin nicht die einzige auf der Straße und doch allein, aber der Wind evoziert Leichtigkeit. Der Himmel ist gnadenlos und frech einfach blau, der Herbst bäumt sich auf, schiebt sich vor alles andere. Glutrote, braune, gelbe, grüne, ocker-, sand-, beige- und erdfarbene Blätter, überall fliegen sie herum und spielen sich auf, als wären sie Seifenblasen und dürften feiern. Flammende, feurige Farben bäumen sich in der Natur auf bevor erneut das Ende kommt. Der Tod, die Transformation – die Wendung nach innen.

Es gibt nicht nur eine Wahrheit, nur eine Bedeutung, alles ist vielseitig, polyphon, der gesamte Farbkreis präsentiert sich, Wahrheiten lassen sich nur in Quentchen erhaschen und bilden ein enigmatisches Konvolut. Gerade die klaren Bilder verschleiern gerne ihre Provenienz. Von welcher Seite aus darf ich schauen, mich einbringen, auch wenn ich dabei meine Wunden zeige? Heute habe ich nicht so viel Mut in meinem Rucksack stecken, sondern suche, wie so oft, einen Festpunkt im Nichts.

In der Ferne tauchen die Berge auf. Föhn. In der klaren Luft liegt der Dunst der Zukunft an der Schwelle zum Himmel. Wie die Umrandung eines Bildes stehen die Berge am hinteren Rand meines Horizonts. Sie geben Halt. In verschiedenen Grautönen stehen sie voreinander und umarmen sich gegenseitig. Sommersonnengaben liegen in ihren Herzen – sie werden sich wärmen, wenn es kalt wird und die löchrige Zeit kommt.

Sie ist um Jahre gealtert, ich sehe es sofort, unsere Begegnung kann nicht mehr sein als ein Sternenmoment auf dem stillen Ozean der Zeit, der sich überdauert hat, der vorwärts und rückwärts schiebt, drängt und eine lähmende Unruhe erzeugt. Klar ist: Er ist gegangen UND er ist da. Und klar ist auch: sie ist geblieben UND gleichzeitig weg. Wie kann ich das verstehen, was ist damit zu machen, wie einzubinden in das blutende Herz der Übriggebliebenen? Ich bin ratlos.

Sie setzt sich auf seinen Sessel, auf den Stuhl, auf dem er immer gesessen hat, und nur er. Sie sucht seine Nähe, die nicht mehr da ist, versucht seine Perspektive einzunehmen, was sie nie konnte, beobachtet die Vögel durch das große Fenster und fragt sich, wie es ihm dabei ging – denke ich mir. Seine Zeitungen liegen um sie herum – das Abonnement hat sie nicht gekündigt, eher hätte sie sich versündigt. Ob das geht, mit den Augen eines anderen zu lesen? Kann geistige Sehnsucht warm sein, offen und tragend, so dass sie neuen Lebensmut erhält?

Wir tippen diese Frage an und jene aber es entspinnt sich kein Gespräch, die klingende Melodie erstirbt in Brüchen, stille Momente lasten, wenn sie schwer sind, Worte gefrieren. Ich gehe in den Garten, atme die frische Herbstluft, und sehe dann die letzte blühende Rose an dem Busch neben der Terrassentür. Sie ist voll und farbig und blüht und zeigt sich in all ihrer Pracht – sie duftet und singt und stützt und ich weiß, dass er es ist, der durch sie Grüße bringt, uns allen.

Ob sie das erreicht, versteht? Er war ein leuchtender Fels, ein Anker zwischen Himmel und Erde. Ihr feines Geschick hat ihn vor mancher Attacke bewahrt – aber nun ist sie übriggeblieben, ohne ihn und sie weiß nicht mehr, wer sie ist, was sie soll. Auf die Idee, eine Rose anzuschauen, obwohl es schon Herbst ist, ist sie noch nicht gekommen. Die Toten sind unverlierbar, die Lebenden jedoch können umso leichter verloren werden. Ich fahre zurück, es ist dunkel und still, der Herbstwind hat sich gelegt und die Nacht senkt sich müde auf mein Haupt – zwischen Himmel und Erde.

(Zum Titel: „Nur eine Rose als Stütze“ ist ein Gedichttitel von Hilde Domin. „Verlierbare Lebende und unverlierbare Tote“ sind Begriffe aus dem Gedicht: Die schwersten Wege, ebenfalls von Hilde Domin.)

Sonntag, 24. Juni 2012

Ziehende Landschaft

Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muß den Atem anhalten, bis der Wind nachläßt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sein
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mutter.

Hilde Domin

Samstag, 30. April 2011

Liebe D. – nimm eine Kerze in die Hand

Dein Leben scheint auseinander zu fallen. In eine Vergangenheit, die sich möglicherweise von dir löst, in eine Gegenwartsinsel, auf der du mit zitternden Beinen stehst und in eine Zukunft, von der du nicht weißt, welche es sein wird und ob du sie annehmen sollst. In einer Krise fallen Dinge auseinander, die sich sonst in einem Strom bewegen, ja auseinander hervorgehen. In einer Krise werden plötzlich Scheinwerfer auf Dinge gerichtet, die sonst im Dunkeln liegen. Krisen machen Kleinigkeiten groß und Großartigkeiten klein. Gefeierte Werte hören auf überhaupt Werte zu sein.

Der Blick zurück lässt den gewanderten Weg erkennen, die Pfade im verlöschenden Licht erahnen und die Frage groß werden, wohin der Weg hätte führen sollen, was eigentlich das Ziel war. Die Vergangenheit glänzt nur an der Oberfläche, weil sie sich da sichtbar macht, was aber darunter liegt, bleibt im Verborgenen, Unklaren, ist uns nicht zugänglich. Und doch ist gewiss, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur auseinander hervorgehen können, ein gemeinsames Rad im Zeitenlauf sind.

Das Leben in der Gegenwart ist schmerzhaft, voller Verletzungen, zerplatzten Seifenblasen und irritierenden Botschaften. Nur hie und da gelingt es einem kleinen Sonnenstrahl, sich durch das Dickicht und Gestrüpp zu zwängen. Vor allem aber ändern sich die Bedeutungen der Gegebenheiten ständig. Manchmal denken wir: „Ja, so mache ich es, das ist mein Weg!“ und dann wieder: „Nein, das kann ich nicht, das will ich nicht, ich bin überfordert…“ Die Gegenwart zeigt sich in einem schillernden Farbenspiel, gleich einem Chamäleon, sie wechselt ständig ihre Gestalt.

Und die Zukunft ist wie in Watte gehüllt. Sie zeigt sich nur ungern. Alles ist offen. Mal scheint dieses möglich, dann wieder jenes nötig. Der Blick nach vorne ist verhüllt, die Klänge der Zukunftsmusik sind leise und ohne Brisanz. „Der Weg entsteht unter unseren Füßen, wenn wir ihn gehen.“ Aber gerade das Gehen in die Zukunft ist schwer, wir drücken uns davor, weil wir Angst vor der schwarzen Wand haben, die uns ihre lichte Seite nicht zeigt.

Im Tumult der Krise schwanken die inneren Festpunkte, die uns als Mensch so nötig sind. Und gerade die gilt es wieder zu erlangen, zu erringen, neu aufzubauen, um sich mit ihnen Hand in Hand durch den Tag zu bewegen. Innehalten. Mutig ins Nichts schauen. Fragen ohne Antworten lassen. Mitsegeln auf dem schwankenden Schiff. Weinen, lachen, still sein – was immer der Moment gebietet. Dabeibleiben. Irgendwie.

Eine Prüfung besteht darin, sich der Unwissenheit preiszugeben, ihr Stand zu halten – wie immer sie ausgeht. Prüfer und Prüfling kennen sich nicht. Darum kann ich dir auch nichts raten. Dir keinen Weg weisen. Still und fast sprachlos stehe ich vor dir und weiß kaum etwas zu sagen. Was ich aber kann, weil ich zu deinem Schicksalsnetzwerk dazugehöre, ist, zum Ausdruck bringen, dass ich eine Ahnung davon habe, wie es in dir aussieht, dass du nicht immer weißt, was du denkst, fühlst und willst, aber dir mitteilen, dass ich Vertrauen, die große Hoffnung habe, dass du deinen Weg findest, dass ihr einen Weg findet – auch wenn das abgedroschene Worte sind, die dich vielleicht in diesem Moment noch mehr verzweifeln lassen.

Manchmal überschätzen wir uns im Leben, pokern zu hoch, aber das gehört dazu. Das Leben ist kein Spiel, aber die Spielregeln bestimmen wir doch. Von ganzem Herzen wünsche ich dir, dass deine Kerze dich zum Ausgang des Tunnels führt, dass dich das Licht der Sonne wieder erreicht und Musik in deinem Herzen erklingt. Hilde Domin beschreibt den Weg.
Von Herzen, deine Sophie

Die schwersten Wege

Die schwersten Wege
werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer,
sind einsam.
Selbst der Tote der jedem Ruf antwortet
und sich keiner Bitte versagt
steht uns nicht bei
und sieht zu
ob wir es vermögen.
Die Hände der Lebenden die sich ausstrecken
ohne uns zu erreichen
sind wie die Äste der Bäume im Winter.
Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt den der Fuß
noch nicht gegangen ist aber gehen wird.
Stehenbleiben und sich Umdrehen
hilft nicht. Es muß
gegangen sein.

Nimm eine Kerze in die Hand
wie in den Katakomben,
das kleine Licht atmet kaum.
Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne die Gnade
nicht leben können:
die Kerze wird hell vom freien Atem des Tages
du bläst sie lächelnd aus
wenn du in die Sonne trittst
und unter den blühenden Gärten
die Stadt vor dir liegt,
und in deinem Hause
dir der Tisch weiß gedeckt ist.
Und die verlierbaren Lebenden
und die unverlierbaren Toten
dir das Brot brechen und den Wein reichen –
und du ihre Stimmen wieder hörst
ganz nah
bei deinem Herzen.

Hilde Domin

Donnerstag, 12. August 2010

„Dichtung setzt die Kommunikation voraus, die sie stiftet“

August. Stille hat sich über das Land gelegt. Sommerpause. Freunde sind verreist, Handwerksbetriebe machen Betriebsferien, Universitäten, Schulen und Kindergärten stehen still und verlassen da – das Land schweigt. Der Himmel macht mit, entweder regnet es in Strömen oder die Sonne brennt vom Himmel – die Stille bleibt, trocken oder nass, und umhüllt alle Daheimgebliebenen. Es ist fast wie im Winter – wie in der Weihnachtszeit, da hält die Welt auch inne. Aber es ist doch eine ganz andere Stille, die jetzt über dem Land liegt.

Aus dieser warmen Stille heraus zu schreiben bedeutet, ganz nah an meinem eigenen Herzen zu sein. Das Ergebnis ist nicht vorhersagbar. Jetzt am PC zu sitzen und die Finger über die Tastatur tanzen zu lassen heißt, mich vertrauensvoll hinzugeben. Was kommt? Welche Worte finden sich ein? Das alltägliche Funktionieren und Wollen hat aufgehört, messerscharfe Gedanken lassen sich nicht finden, es ist eine unsichtbare aber deutliche Kraft, die mich leitet, den leisen Worten, die sich vorsichtig zeigen, Gehör zu verschaffen. »Hinhören auf die stimmlose Stimme des Herzens heißt, sich selbst nicht belügen« sagt schon der alte Konfuzius.

Gerade für die Stimme des Herzens ist die äußere Stille von Nöten, damit im Inneren etwas erklingen kann. Diese Stille hat auch nichts mit Passivität zu tun, nein, gerade in diesem Bereich ist eine große Wachsamkeit gefragt. Es sind mitunter die unscheinbareren Worte, die sich einstellen, die unbekannteren Bedeutungen, die unerwarteten Zusammenhänge. Wie übersetzt man die „stimmlose Stimme des Herzens“ in allgemeingültige und –verständliche Worte des rauschenden Alltags?

Stille kann warm oder kalt sein – aggressiv oder sanft. Stille kann einladen oder abgrenzen, einsam machen oder eine tiefe Verbindung schaffen. Stille bedeutet, dass Geräusche verschwinden und Bewegungen sich reduzieren. Worte reagieren auf Stille. Und sie suchen die Kommunikation - auch in der Stille. Das geschriebene Wort kennt die Stille gut. Nicht immer erhebt sich eine Stimme, die auf gedruckte Worte reagiert. Das gesprochene Wort ist da anfälliger. Stille erträgt es nur, wenn es durch Anerkennung getragen wird.

Worte setzen sich aus den gleichen Buchstabenkombinationen zusammen, ob sie geschrieben oder gesprochen werden. Schriftdeutsch und gesprochenes Deutsch haben die gleiche Quelle, eine Intention und auch das gleiche Ziel, das menschliche Herz – und doch agieren sie in unterschiedlichen Reichen.

Hilde Domin schreibt etwas, was mich in diesem Zusammenhang sehr beschäftigt:

„Der Mut, den er [der Schreibende] braucht, ist dreierlei Mut:

Der Mut zum Sagen, der der Mut ist, er selbst zu sein, der Mut zur eigenen Identität.

Der Mut zum Benennen, der der Mut ist, die Erfahrung wahrhaftig zu benennen, ihr Zeuge zu sein: das heißt, nicht weg- oder umzulügen, was ja opportun sein könnte.

Der dritte Mut ist der, an die Anrufbarkeit der andern zu glauben. Denn wenn er auch nicht ›für andere‹ im strikten Sinne schreibt, überhaupt nicht ›um zu‹, so müsste er doch verstummen, wäre nicht in ihm der Glaube an den Menschen, ohne den kein Wort geschrieben werden könnte. Noch im negativsten Gedicht ist dieser Glaube, dass das Wort ein Du erreicht, Dichtung setzt die Kommunikation voraus, die sie stiftet.“


(Aus: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen.)

Den Mut zum „Sagen“ und „Benennen“ kenne ich gut, es ist die Kraft, die ich brauche, um zu schreiben – sie kommt aus der Stille. Aber, ob ich genügend Mut aufbringe, damit auch die „Anrufbarkeit“ an meine LeserInnen deutlich wird, kann ich selbst nicht entscheiden. Da dürfen sich, trotz der Sommer-Stille, meine LeserInnen zu Wort melden. Ist das geschriebene Wort, ob es sich nun um ein Gedicht, eine essayistische Miniatur oder sonst einen Text handelt, kommunikativ? Was entsteht aus der Stille?

Donnerstag, 29. Juli 2010

Worte einer Dichterin

Das Gefieder der Sprache

Das Gefieder der Sprache streicheln
Worte sind Vögel
mit ihnen
davonfliegen.

Hilde Domin in: Gesammelte Gedichte.

„Jede Entscheidung für ein Wort ist zugleich für und gegen. Diese Entscheidung ist eine automatische und doch eine bewusste. »Der Widerspruch ist der Vater, die Nachahmung die Mutter des Schöpferischen«, definiert es Benjamin. »Das Schöpferische – dem tiefsten Wesen nach Variante.« Daher gibt es kein Wort und kein Bild, das nicht neu gemacht werden kann. Man hört das bereits Gesagte mit, an dem und gegen das man sich orientiert – wobei heute der Widerspruch Stimmführer ist, in diesem Parallelogramm der Kräfte.“

Hilde Domin in: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

Montag, 3. August 2009

Das Buch als vertikaler und horizontaler Kulturträger

Bücher - und damit auch ihre Inhalte - gehören zu unserem Alltagsleben. Sie sind normale Gebrauchsgegenstände, die jeder von uns kennt. Ich nehme an, dass die Leser dieses Blogs alle relativ viele Bücher besitzen. Jeden Tag werden in Deutschland derzeit 800 neue Bücher publiziert – heißt es im Deutschlandfunk. Das sind, wenn man fünf Tage pro Woche veranschlagt, etwa 208 000 Bücher im Jahr. Neue (!) Bücher.

Rudolf Steiner sagte in einem Vortrag am 10.10.1913 in Bergen: "Bücher können in der geistigen Welt nicht gelesen werden. [...] erst dann, [...] wenn das, was in den Büchern steht, lebendiger Gedanke der Menschen wird, dann lesen die Geister in den Gedanken der Menschen." Was bedeutet diese Aussage für den lesenden Menschen? Wie hat sich das Buch entwickelt und warum sind Veröffentlichungen eigentlich so wichtig?

Die Geschichte des Buches, des geschriebenen Wortes - und damit der Bewusstseinsentwicklung der Menschen - ist lang. Bereits vor 5000 Jahren gab es in Ägypten beschriebene Papyrusrollen. Dann kam, zu Beginn des ersten Jahrhunderts, der Gebrauch von Schreibtafeln aus gespaltenem Holz, der sogenannte Codex dazu. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es „Papier“. Wenig später hat sich in Europa der Buchdruck entwickelt. Neu ist jetzt, etwa seit dem Jahr 2000, dass sich auch der digitale Buchdruck verbreitet hat. Alle diese verschiedenen Ausprägungsformen des Buches beinhalten aber im Wesentlichen das gleiche: Schrift. Inhalte. Gedankliche Darstellungen. Text. Geschriebene Worte. Kurz: Schriftsprache.

In Europa hat seit dem 13. Jahrhundert, mit dem Aufblühen von städtischen Kulturen, die Schriftsprache ihren Aufschwung erfahren. Was zunächst nur dem Klerus oder Adel zugänglich war, wurde in die Volkssprache übersetzt und weiteren Teilen der Bevölkerung zugänglich. Schriftlich niedergelegte Texte - Bücher - bekamen immer mehr Bedeutung. Dieser Umstand war für die Verbreitung von Wissen nicht unerheblich. Reformation und Aufklärung haben davon gezehrt. Heutzutage ist es selbstverständlich, dass wir lesen und schreiben können, dass ein gedanklicher Austausch über das geschriebene Wort stattfindet, und vor allem, dass jeder, der das will, an dem entsprechenden Diskurs teilnehmen kann. Bücher gibt es zu kaufen und zu leihen. Wissen ist - über die schriftliche Form - allgemein zugänglich.

Geschriebenes verbreitet sich zum einen horizontal über die Erde. Das geschieht über soziale Netzwerke, öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Universitäten und andere Bildungsstätten sowie weitere Wege, die direkt über den Menschen laufen. Wichtig scheint mir aber auch der Blick auf die vertikale Ausdehnung zu sein. Das ist die andere Richtung, wie sich Schriftlichkeit – und damit Kultur – ausbreitet, weiterentwickelt und erhält. Der Mensch ist in seiner Gesamtheit - Körper, Seele und Geist - und in seiner Zeitlichkeit - etwa 80 Jahre - zwischen Himmel und Erde gestellt. Das, was wir Menschen in Büchern lesen, wird durch unser Menschsein auch der Ober- sowie der Unterwelt zur Verfügung gestellt. Die Wesen dort lesen keine gedruckten Buchstaben – aber sie lesen in unseren Herzen.

Bücher werden geschrieben, um „Inhalte“ zu verbreiten. Über ein Buch kann das, was ein Autor sagen möchte, in viele Hände, Herzen und Köpfe gelangen. Daraus kann ein stilles oder auch ein öffentliches Gespräch entstehen. Meinungen, Sichtweisen oder Einsichten können kundgetan werden. Geschichten können erzählt werden. Die Kunst des Wortes, der Sprache kann sich durch ein Buch in ihrer reinsten Form aussprechen. Sprache - egal in welcher Form und welchen Inhalts - schafft Kultur. Die Inhalte, die über das geschriebene Wort vermittelt werden, erreichen den Menschen dann, wenn er sie sich zu Eigen macht. Wenn er eigenständige Gedanken dazu entwickelt, sich selbstständig ein Urteil bildet und sich kreativ zu den Inhalten stellt.

Neben dem traditionellen Buch sprechen wir aber auch davon, dass sich Lebensgeschichten, kulturelle Ereignisse oder weltliche Geschehnisse in die Erde einschreiben. Die Erde - die Materie - als unauslöschliches „Buch“. Und zum anderen gibt es den Ausspruch, dass etwas ins „Buch des Lebens“ geschrieben wird – dies ist ein Hinweis auf den Himmel. Zur horizontalen Verbreitung von Geschriebenem, durch menschliche Netzwerke, kommt die vertikale Auseinandersetzung dazu. Es ist der Diskurs zwischen den Göttern, den Menschen und der Unterwelt. Es ist das, was Rudolf Steiner meint, wenn er so lapidar sagt: „Bücher können in der geistigen Welt nicht gelesen werden.“ Wir Menschen sind dazu aufgefordert, die Gedanken, die über ein Buch verbreitet werden, lebendig in uns zu tragen und den Göttern anzubieten. Sie mögen in unseren Herzen das lesen, was wir - unter Umständen - über Bücher erfahren und für wichtig, richtig und gut erachtet haben.

Am 27.7.2009 war der 100. Geburtstag der Dichterin Hilde Domin. Bei der Gedenkveranstaltung in der Stiftskirche in Tübingen, in der die Dichterin noch vor fünf Jahren selbst gelesen hat, wurden einige ihrer Gedichte vorgetragen. Das, was sie der Menschheit durch die Veröffentlichung ihrer Gedichte als Buch geschenkt hat, ist an diesem Abend durch die Herzen anderer Menschen der geistigen Welt angeboten worden.

Das Buch als geistiger Kulturträger – nicht nur in horizontaler Ausrichtung sondern auch in vertikaler.

Donnerstag, 28. Mai 2009

Hilde Domin

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Diese Zeilen schreibt eine Frau, die mehr als ein Wunder in ihrem Leben erlebt hat und immer wieder dazu bereit war. Die Dichterin Hilde Domin gehört mit ihren Worten zu meinem Leben. Immer wieder kann ich mich in ihren Gedichten finden, erweitern ihre Worte meinen Horizont und immer wieder machen ihre lyrischen Wortverbindungen Mut. Ihre Worte klingen und lassen Melodien entstehen. Ihre Gedichte sind aber auch Statements. Hilde Domin zeigt sich. Sie zeigt sich in ihrem Schmerz und sie zeigt sich in ihrer Hoffnung. Innere und äußere Erlebnisse fasst sie in Worte. Und ihre Worte gehen weit über ein persönliches Erleben hinaus. Hilde Domin schenkt sich in ihrer Sprache, mit ihren Worten der Welt.

Lyrik
das Nichtwort
ausgespannt
zwischen
Wort und Wort.

Hilde Domin wurde 1909 in Köln geboren. Erst mit zweiundvierzig Jahren begann sie selber zu dichten. Das war nach dem Tod ihrer Mutter. Bis dahin hatte sie, obgleich selbst studiert und in Staatswissenschaften in Florenz promoviert, hauptsächlich ihrem Mann zugearbeitet. 1932 war sie mit Ernst Walter Palm zunächst nach Italien, dann über Großbritannien in die Dominikanische Republik emigriert. Denn Hilde Domin war Jüdin. 1954 kehrte sie, nach zweiundzwanzig Jahren im Exil, mutig und mit vielen Fragen nach Deutschland zurück. Dort wurde sie sogleich als Dichterin erkannt und gefeiert.

Es gibt dich

Dein Ort ist
wo Augen dich ansehen.
Wo sich Augen treffen
entstehst du.

Von einem Ruf gehalten,
immer die gleiche Stimme,
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen.

Du fielest,
aber du fällst nicht.
Augen fangen dich auf.

Es gibt dich
weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen
daß es dich gibt.

Hilde Domin nahm ihr Schicksal als Jüdin im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht persönlich. Sie hat gelitten, ja, unendlich gelitten. Sie hat Angst gehabt und musste fliehen. Dabei hat sie ihre Heimat verloren, ihre Eltern, ihre Freunde, sie musste alles hinter sich lassen, immer wieder. Aber sie hat auch Glück gehabt. Ja, sie hat zwar in diesen Jahren ihr Vater-land verloren - was sie sich aber durch alle Umstände, Provisorien und Übergänge erhalten konnte, das war ihre Mutter-sprache. Heimat hat sie im Wort gefunden.

Hand in Hand mit der Sprache
bis zuletzt

Es ist ihr anders ergangen als manchem Leidensgenossen. Vielleicht, weil sie nicht im KZ war. Paul Celan zum Beispiel ist an seinen Erlebnissen zerbrochen. Oder auch Ruth Klüger. Sie ist zwar Professorin für deutsche Literatur in den USA geworden, aber der erlittene Schmerz weicht nicht von ihr. Ihre Wunde blutet bis heute – und zeigt sich in ihren berührenden Prosatexten, die von Sarkasmus getragen werden. Und auch das ist ein Schicksal, vor dem ich mich nur verneigen kann. Hilde Domin hat Frieden gefunden. Irgendwie. Sie hat die Schönheit der Welt sowie ihre Hässlichkeit, das Glück ihres Lebens und auch ihr Unglück in sich vereinen können. Die Gedichte der Jüdin Hilde Domin bleiben ein leuchtender Stern am Himmel der Lyrik – besonders in Deutschland, trotz des Holocausts.

Ich setzte den Fuß in die Luft
und sie trug.

Hilde Domin ist 2006 gestorben. Es gibt einen wunderschönen Film über ihre letzten Lebensjahre. Der Film heisst: „Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin“. Anna Ditges hat ihn gedreht.

Alle Gedichte sind dem Band entnommen: Hilde Domin „Gesammelte Gedichte“. S.Fischer Verlag, Frankfurt, 1987