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Samstag, 23. April 2016

Ein Ring. Von Wien über Estland nach Deutschland


Der Ring hat und schreibt eine Geschichte. Er prägt die Menschen, die ihn tragen und wird von den Menschen geprägt, die ihn tragen. Das sieht man ihm aber nicht so ohne Weiteres an. In das gelbe Gold sind zwei große runde Brillanten eingelassen, die wie auf einem Thron eingemeißelt sitzen. Von dort schauen sie in die Welt, treu nebeneinander, Hand in Hand. Sie glitzern und funkeln, sie strahlen aus ihrer Quelle. Es ist ein königlicher Ring, der sich bescheiden präsentiert und sich wie unters Volk mischt. Das gelbe Gold umschmeichelt den Finger, den es umringt, die Brillanten ruhen in einem goldenen Bett, das ihnen Halt gibt – eine bewährte Einheit.

Der Ring glänzt an meinem Finger. Ich trage den kostbaren Ring seit einigen Wochen am Mittelfinger der linken Hand, ich habe ihn geschenkt bekommen. Der Ring wirkt an meiner Hand so, als wäre er für mich gemacht, als trüge ich ihn schon immer – kaum, dass er auffällt. Aber das ist für mich wahrlich nicht so. Ich schaue ihn an und lausche, was er mir zu erzählen hat, denn zu Ringen habe ich ein ambivalentes Verhältnis das von Bedeutungslosigkeit bis hin zu Übersteigerung reicht. Woher kommt der Ring, was hat erlebt, wo will er hin – und, was macht er mit mir?

Ich erfahre: Mehr als 25 Jahre hat er in einer Schatulle gelegen, in einem Schmuckkästchen. Nach dem Tod meiner Großmutter hat ihn meine Mutter mit den anderen Schmuckstücken aufbewahrt. Als einzige Tochter hat sie sich um den Nachlass gekümmert und Aufbewahrungsorte für all die Gegenstände bestimmt, die den Tod meiner Großmutter überdauert haben. Offensichtlich hatte sie nicht die Ambition, den Ring zu tragen. So wartete er neben anderem Gold auf eine neue Zeit.

Und ich erinnere mich. Ja. Meine Großmutter hat den Ring getragen. Immer. Das Bild steigt hoch, ich sehe ihre Hand noch vor mir. An ihre Hand gehört dieser Ring. Sie war eine stolze Frau, die sich nicht brechen ließ, obgleich der Zahn der Zeit kräftig an ihr gezerrt hat. Noch im 19. Jahrhundert geboren hat sie beide Weltkriege erlebt und erlitten. Sie war 50 Jahre alt, als der Bruch unabwendbar hinter ihr lag, als sie ein neues Leben in Deutschland begann.

Es wird irgendwann in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts gewesen sein. Meine Großmutter hatte wenig aus ihrer estnischen Heimat retten können. Abgesehen vom Schatz der Erinnerungen aber einige Fotos und Schmuckstücke. Nicht alles war verloren gegangen, gestohlen oder vertickt worden, um zu überleben. Der Schmuck der Mutter Emma war kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unter den drei Töchtern an ihrem Grab verteilt worden. Und meine Großmutter bekam, unter anderem, einen schweren Goldring mit einem Saphir und zwei Brillanten.

Diesen Ring hat sie später in Deutschland umarbeiten lassen. Die Nachkriegszeit bot sich nicht an, auffälligen Schmuck zu präsentieren. Und außerdem wollte sie auch gerne etwas für ihre Tochter haben. Und so wurden zwei Ringe daraus. Einer mit dem Saphir und einer mit den Brillanten. Die Geschichte des Saphirrings ist eine andere, von der ich zu wenig weiß, um sie hier zu erzählen, die des Brillantenrings aber fand für Jahrzehnte ihre Heimat an der Hand meiner Großmutter.

Als ich den Ring bekam, zu meinem 50. Geburtstag, wurde gewispert, dass er einst ein Geschenk des russischen Zaren für eine Fotografie gewesen sei – meine Vorfahren (Atelier Schulz) waren in Estland Fotografen. Der Mythos wurde gehegt und übersteigert, aber nicht verifiziert. Und ich schaute auf meine Hand mit dem Ring, der eine lange, aber doch vage Geschichte in sich trägt. Als ich dann bei einem Archivar in Dorpat/Tartu die Geschichte erzählte und nachfragte, ob er etwas Diesbezügliches herausfinden könnte, sandte er mir postwendend eine Anzeige aus der Zeitung (aus Dorpat/Estland) von 1893 zur Provenienz des Ringes:

„Wie wir hören, ist dem Inhaber des bekannten photographischen Ateliers C. Schulz hierselbst kürzlich eine sehr ehrende Auszeichnung von Wien her zu Theil geworden. Für von ihm für den Wiener Hof hergestellte Vergrößerungen hat Kaiser Franz Joseph ihm durch den Generaladjutanten Grafen Paar seinen Dank aussprechen und zugleich einen schweren goldenen Ring mit einem Saphir und 2 Brillanten übersenden lassen. – Wir erinnern daran, dass die Firma C. Schulz schon früher die von ihr hier am Embach-Ufer gepflegte photographische Kunst in der verwöhnten Kaiserstadt an der Donau zu Ehren gebracht hat, in dem im vorigen Jahre, wie I.B. berichtet, ein von ihr für den Kaiser von Oesterreich hergestelltes großes Portrait des Erzherzogs Carl Salvator in entsprechender Weise gewürdigt worden ist.“

(Zu finden: https://dspace.ut.ee/handle/10062/51099, Seite 123, dritte Spalte von links, etwas oberhalb der Mitte. Beilage zur Neuen Dörptschen Zeitung, Nr. 99, Sonnabend 1. (13.) Mai 1893, Seite 1.)

Ich bin baff und überrascht zugleich. Der Märchencharakter schwindet zu Gunsten eines klaren Bildes, die Quelle liegt geöffnet vor mir. Nicht also vom russischen Zaren Hof, sondern aus Wien, von Kaiser Franz Joseph – vor 123 Jahren! Was der Ring erlebt hat, bevor er von Wien nach Estland transportiert wurde, das weiß ich nicht. Vielleicht hat Sissi ihn getragen. Jetzt prangt er an meiner Hand und meine Geschichte mit ihm beginnt. Gut tut es zu wissen, wo die Wurzeln dieses kostbaren Stückes sind.

Der goldene Ring mit den zwei Brillanten, ein Band durch Jahrhunderte, von einer Geschichte in die andere, von Land zu Land, Finger zu Finger. Danke!

Sonntag, 4. Oktober 2015

Die stumme Sprache eines Friedhofs. Auf der Suche nach Gräbern in Dorpat


Ich war am Morgen auf dem Friedhof gewesen. Hatte mich am Abend vorher durchgefragt und die Zeichen offensichtlich richtig gedeutet, denn ich war dort gelandet, wo es eine unendliche Menge von deutschen Namen zu lesen gab. Es ist der große, alte, evangelische Friedhof, auf dem die Deutschen beerdigt liegen. Am Rande der Altstadt sah ich morgens schon vom Ufer des Embachs eine Stelle, an der sehr viele große alte Bäume beieinander stehen. Fast sah es von weitem wie ein kleiner Wald in der Stadt aus. Dorthin fahre ich. Den Mietwagen stelle ich auf dem Parkplatz des Supermarkts ab. Direkt daneben ist der Eingang zum Friedhof. Alte und neue Zeit wohnen nebeneinander, Tür an Tür. Ich tauche ein in ein unendliches Meer aus Grün, wieder einmal. Grüne Stille. Und ich spüre: alte Stille. Die Sonne blitzt zwischen den Blättern hindurch. Die großen und mächtigen Bäume bilden die Festpunkte in dem Areal der Toten. Die Geräusche der Stadt verklingen, ich höre eine Amsel.

Meine Schritte aber sind kaum zu hören. Moos schmiegt sich um jeden der Pflastersteine, dazwischen Gras – die Erde ist fruchtbar. Ich tauche in eine andere Welt ein. Hier liegt die Vergangenheit, sie ruht. Ich laufe zwischen Himmel und Erde durch das Reich der Pflanzen. Gras, Farn, Büsche und Bäume, sehr hohe Bäume – sie decken die Vergangenheit zu. Die schmalen Wege zwischen den Gräbern wirken wie Adern. Gräber, darunter die Toten, darüber Grabsteine, Grabkreuze, Grabmale stehend, sitzend, liegend – umgefallen, überwuchert, moosbewachsen. Die Welt des Vergessens und die des Erinnerns treffen aufeinander. Es sieht so aus, als ob die deutschen Gräber alle noch da sind, aber eben nicht gepflegt wurden. Von wem auch? Die Deutschen wurden 1939/40 verjagt, weil Hitler und Stalin ihre eigenen Pläne hatten, die Öffnung des eisernen Vorhangs liegt noch nicht so weit zurück – alles braucht Zeit, die Toten haben sie. Generationen haben einander überlebt, die Zeit elastisch überdauert. Der Friedhof macht gerade das sichtbar. Die Todesdaten der deutschen Gräber reichen bis ins Jahr 1940 – erst eine ganze Generation später können die Fäden wieder aufgenommen werden.

Ich laufe durch die große Anlage. Überall deutsche Namen – dort, wo ich sie lesen kann. Bibelzitate, Daten, Fakten, Wünsche, Hoffnungen… Im Tod sieht das Leben anders aus. Für Sterbende, Verstorbene und Lebende. Hilde Domin sagt es in einem ihrer gewaltigen Gedichte: die verlierbaren Lebenden und die unverlierbaren Toten. Ja, hier sind sie versammelt – die unverlierbaren Toten. Alle sind sie da. Aber was weiß ich von ihnen? Wer sind sie? Freunde meiner Vorfahren, Nachbarn, Geschäftspartner, ja vielleicht sogar Konkurrenten oder Feinde? Ich lese Namen um Namen – deutsche Namen aus einer alten Zeit. Aber ich finde keinen Grabstein mit dem Namen Schulz. Ich müsste anfangen das Moos abzukratzen, Steine umzudrehen, aufzustellen… Dennoch bin ich sicher, dass meine Familie hier anwesend ist. Ihre Gräber müssen hier sein. Irgendwo. Jedenfalls will ich es so. Anders kann ich es nicht denken. Ich setze mich auf eine Bank und lasse meinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf.

Ich stelle mir vor, wie meine Großmutter schon als Kind immer wieder auf diesen Friedhof geführt wurde. Zum Sonntagsausflug. Von der anderen Seite der Stadt, über den Embach. Wahrscheinlich noch mit der Kutsche. Die Toten leben weiter, wenn wir uns ihrer erinnern. Ich kenne all die Menschen aus den Erzählungen meiner Großmutter, irgendetwas wispern sie. Ich höre ihre nie gehörten, stummen Stimmen, wenn ich mir die Namen bewusst mache. Da war die kleine Schwester meiner Großmutter, Gertrud. Sie ist als Kind gestorben, kurz vor ihrem sechsten Geburtstag. Scharlach hat sie dahingerafft. Es gab noch kein Antibiotikum. Meine Großmutter hat sie gar nicht gekannt, sie wurde erst zwei Jahre nach ihrem Tod geboren. Und dennoch erzählte sie mir von ihr. Immer und immer wieder. Die kleine Gertrud. Irgendwo muss ihr Grab sein. Und das ihrer Eltern. Meiner Urgroßeltern. Arthur und Emma Schulz.

Im Friedhofsbüro frage ich nach den Gräbern von Familie Schulz. Ich weiß nicht, was ich mir davon erhoffe, aber ich möchte sie finden. Die Dame hinter dem Tresen sucht ihr digitales Verzeichnis durch. Sie will Vornamen, Jahreszahlen. Wir klären, wie der Name geschrieben wird. Nichts. Nein, sie findet nichts. Entschuldigend erwähnt sie aber, dass nicht alle Gräber verzeichnet seien – zu viel sei der wuchernden Natur anheimgefallen. Und dann sagt sie noch etwas von EU-Geldern, die vielleicht kommen würden und davon, dass ich nicht die einzige sei, die alte Gräber suche. Und dass sie schon viel geschafft hätten und dass Estland noch viel vor sich habe. Ich bedanke und verabschiede mich. Und ich laufe weiter über den alten Friedhof. Nichts zu finden. Es ist doch alles schon so lange her. Trotzdem habe ich das Gefühl inmitten eines Geschehens, irgendwo hineingeraten zu sein. Ich bin wach und schläfrig zugleich. Die vielen alten Gräber erwecken einen Raum in mir, den ich selber noch nicht kenne.

Hinter den wenigen Angaben auf den Steinen verbergen sich ganze Biographien – Höhen und Tiefen, persönliche Geschicke, Zeitereignisse, politische Gegebenheiten mit Kriegen, Gesetzen und Beschlüssen, die sich im Schicksal des Einzelnen niederschlagen – zusammengefasst in einen Namen sowie ein Geburts- und Sterbedatum. Mehr ist es nicht. Aber: Jeder Verstorbene war in ein Familien- und Beziehungsgeflecht eingebunden, über Nachwuchs und Seitenlinien generieren sich lange Erbbänder, die die Geschichte weitertragen und entwickeln. Was habe ich mit meinen Vorfahren zu tun, sind nicht meine heutigen Freundschaften und Verbindungen viel wichtiger? Es heißt, dass sich transgenerationale Vererbung über fünf Generationen zurückverfolgen lässt sowie, dass die Intentionen und Motive eines Lebens fünf Generationen in die Zukunft hinein von Bedeutung sein können.

Freitag, 4. September 2015

Oh, from that Schulz-Family you are? Das Fotographisch-Artistische Atelier von Carl Schulz in Dorpat (Tartu)

Das Land ist alt und leicht zugleich. Die Landschaft ist grün, sehr grün und lädt zum Verweilen ein. Parkähnlich stehen die Bäume im Verbund mit den Wiesenflächen und überdauern die Zeit. Kleine Flüsse mäandern durch die flachen Weiten und münden in stille Seen. Sehr friedlich geht es zu, obgleich auch hier der Boden mit Blut getränkt ist. Wechselnde Machtverhältnisse, Missionare, Okkupationen, Eroberer, Besatzer – die Esten haben schon viel mitgemacht und sind unendlich froh und stolz, dass sie seit 1991 endlich wieder ein souveräner Staat sind.

Es ist nicht ganz einfach, den alten handgezeichneten deutschen Stadtplan mit dem neuen estnischen Druck - in unterschiedlichem Maßstab - überein zu bringen. Jedes estnische Wort ist schier unaussprechlich und heftet sich nur schwer ins Gedächtnis. Aber schließlich finden sich die gesuchten Straßen und der Ort des Hauses lässt sich rekonstruieren. Das alte Stadtbild – innerlich entstanden durch alte Fotographien, Erzählungen und die eigene Phantasie – weicht vom heutigen ab, aber die Straßen sind, wenn auch mit neuem Namen, geblieben.

Hier also hat das Leben über mehrere Generationen stattgefunden. Dort, wo jetzt ein neuer schwarz-glänzender Klotz steht, hat das eine große Holzhaus samt Atelier tatsächlich bis zu den Bomben des Zweiten Weltkriegs gestanden. (Den anderen Ort neben der Universität kannte ich schon.) Meine Großmutter wurde in der Gartenstraße 3 geboren und hat bis 1939 dort gelebt, meine Urgroßeltern haben in dem Haus ihr Leben gestaltet und mein Ururgroßvater hat es wohl erworben. Mitten im alten Stadtkern – in einer anderen Zeit. Ich laufe mit einem Doppelblick durch die Stadt und fühle mich seltsam aufgehoben.

Auf der schmucklosen Brücke über den Embach, die Sowjetzeit lässt grüßen, steht eine Fotoausstellung mit großen Plakatwänden. Hier gibt es alte Stadtportraits zu sehen, vom diesseitigen und vom jenseitigen Ufer. Und als mein Auge auf die unverständlichen Buchstabenkombinationen fällt, springen mir bekannte Worte entgegen: Carl Schulz. Und immer wieder: Fotograf: Carl Schulz. 1870, 1890, 1999, 1910 und so weiter. Die Bilder stammen aus dem Atelier meiner Familie und zeigen die kleine, prächtige Stadt vor langer Zeit.

Plötzlich ändert sich die Farbe des Lichts für mich. Ich bin keine schlendernde Touristin unter dem nördlichen Sommerhimmel mehr, sondern spüre wie der Gang der Zeit mich erreicht. Ich schaue nicht mehr nur noch, sondern empfinde dabei, dass die Vergangenheit da ist. Trotz der gesteigerten Wachheit breitet sich eine Ruhe aus. Und es kommt noch intensiver. Im Stadtmuseum wird für uns die Kuratorin gerufen, die nicht schlecht staunt, dass wir die Nachfahren der Schulz-Fotografen-Familie in Dorpat sind. Nicht nur, dass sie die Bilder des Ateliers kennt, sondern gerade sie hat die Fotoausstellung kuratiert. Sie nennt uns die Orte, wo wir Relikte finden, rät uns, ins Archiv zu gehen.

Und im Archiv werden wir bereits erwartet. Es gibt alte Unterlagen der Familie zu besichtigen, aber vor allem mit einem jungen Esten in Kontakt zu kommen – er spricht perfekt Deutsch! – der seine Magisterarbeit über die drei Fotografengenerationen Carl, Arthur und Dagmar Schulz schreibt. Als wir in sein Büro kommen öffnet er erst einmal unseren Stammbaum auf seinem Computer – und dieses Mal sind wir es, die nicht schlecht staunen. Er öffnet Dokument um Dokument – Abschlusszeugnisse meiner Großmutter, Fotos, Anzeigen… Er kennt sich aus in unserer Familie – hat aber auch einige Fragen an uns, die sich durch die Unterlagen in den staubigen Archiven nicht erschließen.

Wir sitzen in einem Gespräch, von dem wir nicht annahmen, dass es überhaupt je stattfinden könnte. Da interessiert sich jemand für unsere Familiengeschichte, da sie Teil der fotographischen Stadtgeschichte ist und schreibt seine Magisterarbeit darüber. Was ist in den Jahren 1937-39 geschehen, wohin ist Dagmar Schulz gegangen, als das Atelier verkauft wurde, hat sie weiterhin selbstständig gearbeitet? In Deutschland gibt es eine „Grüne Kiste“ – darin liegen Aufzeichnungen, Fotos, Pläne, Schriftstücke, Gutachten, Beglaubigungen… Hätten wir sie nur hier!

Die familiären Wurzeln wurden durch den Wirbel des Zeiten Weltkrieges im Baltikum gekappt. Ich habe bislang mit Luftwurzeln gelebt und mich immer wieder gefragt, in welche Richtung ich sie neigen solle. Nun aber können Erd- und Luftwurzeln zusammen kommen und, zumindest geistig, wieder einen gemeinsamen Festpunkt bilden. Die Recherche in Dorpat geht weiter (die sich auch auf die Filialen in Riga, Libau und Majorenhof erweitern ließe) – gespannt erwarten wir die Arbeit über das Fotographisch-Artistische Atelier von Carl Schulz, das über drei Generationen von meiner Familie geführt wurde (yes, I belong to this Schulz-Family!), bis Hitler und Stalin einen Pakt geschlossen haben, der die alte Zeit brutal in eine neue verwandelt hat.

Freitag, 28. August 2015

Von der Auswanderung zur Flucht - Baltendeutsche über drei Generationen


Im Osten Europas schienen die Arbeits- und Lebensbedingungen vielversprechend zu sein, so dass sich mein Ururgroßvater aus Süddeutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts entschloss in den östlichen Norden Europas auszuwandern. In Estland eröffnete er damals eines der ersten und prominentesten Fotoateliers, das über drei Generationen fortgeführt wurde. Mein Ururgroßvater wurde im „Ausland“ unmittelbar als Unternehmer geachtet und gehörte direkt der oberen Gesellschaftsschicht an. Er erwählte Dorpat in Estland zu seiner neuen Heimat und verband sich mit ihr tief.

Soweit ich das beurteilen kann muss das Leben dort angenehm gewesen sein. Die Deutschen machten damals in dem „deutschen“ Universitätsstädtchen etwa ein Drittel der Bevölkerung aus. Jeder sprach mehrere Sprachen: zu Hause unterhielt man sich auf Deutsch, mit den Gästen wurde Französisch gesprochen, mit dem Dienstpersonal sprach man Estnisch, in der Schule wurde auf Russisch unterrichtet. Als Deutscher lebte man gut bis sehr gut.

Carl Schulz stand einem erfolgreichen und florierenden Fotoatelier vor, neben dem Hauptgeschäft hatte das Atelier mehrere Dependancen in weiteren Städten, und noch heute finden sich Fotos von ihm, die zu formidablen und horrenden Preisen angeboten werden. Er hatte eine Familie mit acht Kindern – der älteste Sohn übernahm in geeignetem Alter selbstverständlich das Geschäft.

Als dieser zu früh starb, er erblindete und nahm sich das Leben, so dass er auf dem deutschen Friedhof beerdigt wurde, übernahm sein jüngerer Bruder das Atelier, mein Urgroßvater, Arthur Schulz, und lebte mit seiner Familie, sechs Kinder, weiterhin in Dorpat in der Gartenstraße 3. Das Atelier blühte seit Jahren. Der Erste Weltkrieg brachte allerdings einige Umstrukturierungen, das Land wurde nicht mehr von der russischen Zarenkrone regiert, sondern war für einige Jahre ein freier estnischer Staat geworden. Etwa die Hälfte der Deutschen ging fort, aber es blieben so viele, dass ein kulturell anspruchsvolles Leben weiterhin möglich war.

Meine Großmutter wurde bereits 1897 geboren. Ihr Selbstverständnis war bis ins hohe Alter das einer Baltendeutschen – sie lebte (die Hälfte ihre Lebens) in Estland auf deutsche Art und liebte ihre Heimat über alles. Ihr Studium machte sie in Berlin – so wie sie sowieso ständig auf Reisen war. Ein Jahr in der Schweiz zu verbringen war ganz normal. Zwischen Berlin und Dorpat ist sie immer wieder hin und her gefahren. Sie arbeitete bis 1939 als Fotografin weiter, ihr Vater war 1921 verstorben, dann rief Hitler die Baltendeutschen in die neueroberten Gebiete im „ehemaligen“ Polen. Die Wahlheimat musste aufgegeben werden, eine erzwungene Umsiedlung stand an…

…die nach den Kriegsjahren in eine Flucht mündete und alles endgültig zerstörte. Am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 brachen deutsche Flüchtlingsströme Hals über Kopf auf, um aus den östlichen Gebieten weiter in den Westen zu ziehen. Während die Umsiedlung noch halbwegs geordnet stattfand, ging es nun nur noch um das Überleben – materieller Ballast konnte nur bedingt mitgenommen werden. Die dritte Generation der Fotografenfamilie in Estland musste endgültig alles hinter sich lassen und „in Restdeutschland“ neu beginnen.

So flüchtete meine Großmutter mit ihrer kleinen Tochter von Ost nach West – „zurück“ nach Deutschland, aus dem einst ihr Großvater ausgewandert war. Diese Flucht war alles andere als ein Spaziergang sondern begleitet von Angst, Bedrohung und gefährlichen Aktionen sowie dem materiellen Verlust jeglichen Besitzes. Die Baltendeutschen wurden zu Flüchtlingen im eigenen Herkunftsland, dessen Sprache sie sprachen, dessen Kultur sie lebten und dessen Ideale sie in der Fremde gelebt hatten.

Fremd in der Heimat? Ganz Europa wurde bevölkerungstechnisch gesehen umgekrempelt und musste sich neu konstituieren – womit wir offensichtlich bis heute beschäftigt sind. Die Zeit der eigenen Aufarbeitung scheint auf Grund der aktuellen Lage dringend notwendig – denn nun sind es die Flüchtlingsströme aus dem Süden, die bei uns ankommen und dringend Hilfe benötigen. Das Wort „flüchten“ kommt ursprünglich von „davonspringen“ (aus der Jägersprache) und hat einen dramatischen Charakter der durch die mitschwingende „Lebensgefahr“ jeglichen Spielcharakter verloren hat.

Ich resümiere: Auch ich komme aus einer Flüchtlingsfamilie. Obwohl ich nie geflohen bin und schon immer in meinem Heimatland lebe. Meine Staatsangehörigkeit ist deutsch. Und auch die meiner Eltern ist deutsch. Sie wurden allerdings nicht auf deutschem Boden geboren, sondern in europäischen Gebieten, die im letzten und vorletzten Jahrhundert von Deutschen seit Generationen besiedelt waren. Warum ist es so schwer den eigenen Ort zu finden – sitzt die Angst vor einer Flucht auch noch der Enkelgeneration so in den Knochen, dass sie mit ihren eigenen Fragen hinterherhinkt?