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Freitag, 25. Juli 2014

Innere Freiräume. Lücken in der Zeit


Wenn ich von A nach B fahre, zum Beispiel mit dem Zug, dann geht es darum, meinen Körper zu transportieren. Meine eigene Tätigkeit besteht in diesem Fall darin, mich physisch auf die Beförderung einzulassen. Wenn ich die Strecke mit dem Auto zurücklege und selbst am Steuer sitze, habe ich weniger innere und äußere Freiheiten dabei, als wenn ich in der 2. Klasse der Deutschen Bahn sitze und einen Platz im ICE ergattert habe.

Äußerlich kann ich durch die Waggons schlendern, wenn die Gänge nicht überfüllt sind, mich ins Bordbistro begeben oder aufs Klo gehen. Innerlich habe ich aber noch mehr Freiheiten: Ich kann denken, lesen, träumen, schlafen, mich unterhalten, aus dem Fenster schauen, und, und, und.

Im Gegensatz zu meinen Körper, ist mein Geist immer frei und kann sich unbeschränkt in Raum und Zeit bewegen und diesen oder jenen inneren gedanklichen Ort oder Zusammenhang aufsuchen. Zuträglich oder abträglich für meine gedanklichen oder emotionalen Ausflüge ist selbstredend das Umfeld. In einem Fußballstadion lässt es sich weniger konzentriert denken oder frei träumen als in einer Bibliothek oder in einem Bett. Wenn ich mich von A nach B mit dem Zug fahren lasse, können Körper und Geist beieinander bleiben oder eben auseinanderfallen sowie bewusst auseinandertreten.

Bei jeder Tätigkeit, die uns die Möglichkeit gibt, Körper, Seele und Geist nicht an einem Ort, bei einer Sache beieinander zu halten, können wir interessante Erfahrungen machen. Wenn ich an der Straßenbahnhaltestelle stehe und auf die Bahn warte kann ich mich ärgern, dass sie immer noch nicht da ist, kann die herumstehenden Menschen betrachten und mir vorstellen, was sie wohl vorhaben, stumpf vor mich hin starren, mich Erinnerungen oder Phantasien hingeben oder mein Buch zur Hand nehmen. Äußerlich gebietet mir mein Wunsch mit der Bahn zu fahren einfach zu warten und innerlich kann ich mich frei entscheiden, wohin ich mich wende.

Nicht immer gelingt es mir, mein Innenleben frei zu gestalten. Manchmal geht alles wie von selbst, ich erinnere mich an den stressigen Vorgang bei der Arbeit, argumentiere innerlich aufgebracht gegen die Vorwürfe, die erhoben wurden, meine Gedanken springen hierhin und dorthin. Dadurch, dass ich äußerlich zur Ruhe komme - ich warte immer noch auf die Bahn - beginnt mein Innenleben die Regie zu übernehmen und zeigt mir die Schauplätze, die noch brach liegen und auf Verarbeitung warten.

Anders ist es, wenn ich in einem Seelenzustand bin, in dem ich mich frei in meinen Vorstellungen, Wünschen und Phantasien bewegen kann. Dann fällt mir etwas Neues oder fast Vergessenes ein (etwas "fällt" in mich ein), dann spinne ich den verloren geglaubten Gedanken weiter, lasse meine Gedanken zu einem Palast werden und richte ihn ein - Gold überwiegt dann darin und wundersame Worte, die in die Tiefen und Höhen der menschlichen Seele reichen und einen sanften Duft der Hinwendung verströmen. Mein inneres Lächeln kann Menschen, Ereignisse und Vorfreuden umschlingen.

Aber es ist auch möglich, den inneren Zug des Vergessens ohne Halt durch den nächsten Bahnhof fahren zu lassen, um nicht am Fundament zu rütteln sondern der sommerlichen Wärme eine Chance zu geben, Einlass in die menschliche Seele zu erhalten und angenehme Düfte wie auf einem Gewürzbasar wahrnehmbar zu machen. Ich bin frei mein Gedankenleben zu gestalten. Ganz anders verhält es sich in dieser Hinsicht mit meinen Gefühlen. Gefühle sind Gefühle sind Gefühle. Einfluss habe ich aber auf die Bedeutung, die ich ihnen zumesse, ich kann sie groß oder klein machen, ihnen eine Zukunft in mir eröffnen oder ihnen klar und unmissverständlich zu verstehen geben, dass sie nicht willkommen sind.

Lücken in der Zeit eröffnen gestaltbare Innenräume, die sie gerade im Außenraum nicht sind. Jeder Außenraum jedoch wird in letzter Konsequenz von einem menschlichen Innenraum erschaffen. Der Schnittpunkt zwischen Außen und Innen ist mal wieder das menschliche Herz, der Raum für Gefühle, von denen letztlich alles abhängt, was innen und außen passiert.

Montag, 14. Juli 2014

Motive. Mut für den nächsten Schritt


Du fragst nach dem nächsten Schritt. Du zögerst, weißt nicht so gut, wohin du deine Füße als nächstes setzen willst, wirst, musst. Dir ist bang vor dem Moment, an dem du an das Ende der Straße kommst, auf der du seit ein paar Jahren gehst. Diese Straße hat dich gehalten, sie hat dir die Richtung gewiesen, dir Halt geboten. Damals hast du die Abzweigung freudig genommen, jetzt stehst du am Ende der Straße. Vor dir liegt ein bunter Strauß von neuen Straßen, Wegen, Pfaden in die du einbiegen kannst - sie bieten sich alle an - allerdings fordern sie, dass du dich für sie entscheidest.

Sie fordern Bewusstsein, ein Ziel, sie wollen Gründe dafür, dass du sie nutzt, dass du auf ihnen gehen willst. Ob sie steinig sein werden, holprig oder gerade, eben und bequem lässt sich im Voraus nicht sagen. An einigen von ihnen werden Blumen, Büsche und Sträucher wachsen, da wird es etwas geben, was Schatten spendet, wenn die Sonne zu heiß brennt oder was den Regen abhält, wenn der Himmel sich ergießt. An manche grenzen weite Ebenen an, staubig und trocken, sie ermöglichen die Aussicht auf einen weiten Horizont. Andere führen durch einen Dschungel von Bäumen oder Häusern oder Fabriken oder Ruinen...

Die Frage ist nicht die nach dem Weg, nach der Beschaffenheit der Straße. Nein, die Frage muss an anderer Stelle beantwortet werden. Wesentliches kann von Unwesentlichem unterschieden werden. Die Frage des nächsten Schrittes hängt von den Motiven des jeweiligen Lebens ab.

Menschsein heißt, an Raum und Zeit gebunden zu sein. Geburtsdatum und -ort sind bekannt, Sterbedatum und -ort noch nicht. Dazwischen liegen Zeit und Raum, die sich gestalten lassen. Auf der Zeitachse vergehen Stunden um Stunden, Tage um Tage, Jahre um Jahre - unermüdlich. Je länger wir leben, umso weiter können wir zurück schauen: Gestern, vorgestern, letztes Jahr, vor zehn Jahren, in meiner Jugend und Kindheit... Erinnerungen machen unsere kleine, innere Welt zu dem Raum, in dem wir zu Hause sind, in dem wir Identität erleben.

Aber wir werden nicht nur von einem Blick in die Vergangenheit getragen, mit all den Begegnungen und Erlebnissen, die unser Bewusstsein erhalten kann, sondern auch von den vergessenen, untergetauchten, scheinbar verlorenen. Der Schatz des Erlebten ist geheimnisvoll und unergründlich. Und so ist es auch mit der Zukunft, mit dem, was aus der Zukunft auf uns zu kommt. In dieser Blickrichtung können es keine Erinnerungen sein, sondern es ist das Gewissen, das in uns spricht - mitunter mit Signalen, Zeichen oder Hinweisen, deren Bedeutung nicht sofort auf dem Tisch liegt.

Das Gewissen kommt aus der Zukunft, von der wir nicht wissen, wie groß, breit oder lang sie ist, auf uns zu. Es spricht leise zu uns, manchmal raunt es auch nur unbekannte Worte. In letzter Instanz ist es immer klar und eindeutig. Es kann scharf wie ein Messer sein und sanft wie eine Sahnetorte. Das Gewissen zeigt sich zwar mitunter kleinlich und millimetergenau, sein Wesen aber ist groß und weit und des Verzeihens fähig. Es schaut nicht auf Momente, sondern auf Konsequenzen und Folgen - es sieht die Dinge groß. Es umfasst Raum und Zeit und führt uns ohne Pardon in das, was vor uns liegt.

Ablenken lassen wir uns von unserer Bequemlichkeit, den Alltagsnöten und dem praktischen Leben. Das Alltagsleben fordert den peniblen Blick auf links und rechts, oben und unten im Netz der Gesellschaft, in den Kokon der eigenen Behaglichkeit. Steine im Weg, verschlossene Türen, offene Abgründe, Abstürze ohne Sicherungsseil... Das Alltagsleben steht vor der Tür, wenn wir fliehen wollen, kniet an unserem Bett, wenn wir schlafen wollen und hält sich auch vor großen Dichtern und Denkern nicht zurück.

Einzig die Motive eines Menschen, die Willensintentionen sich in dieses (und kein anderes!) Leben zu begeben, überdauern Raum, Zeit und Alltagsnöte. Gerade jetzt, gerade hier, mit diesen Menschen und jenen Umständen. Motive überdauern, auch wenn sie verdeckt werden. Das Movens führt und leitet und gibt dem Regisseur unseres Lebens hin und wieder Tipps und Hinweise - in seiner Sprache, von der wir nicht immer sagen können, dass wir sie nicht verstehen...

Wir haben die Chance zu lernen - und was gibt es mehr? - Spuren zu folgen, Erfahrungen zu machen, uns an Kreuzungen zu entscheiden. Wenn die Abdrücke im Schnee verschmelzen, dann sind die eigenen Schritte gefragt - denen vielleicht einmal jemand anderes folgen wird. So ist das Leben, wir sind nicht allein.

Der Weg entsteht unter unseren Füßen, wenn wir ihn gehen. Sei schlau, hab keine Angst. Entwirf dir ein Leben und handle danach. Finanzielle Fragen sind dabei nicht unerheblich, denn sie eröffnen oder verschließen Möglichkeiten. Hab Vertrauen und gehe mutig weiter. Wenn es die "falsche" Straße sein sollte, in die du einbiegst, wird dir dein Leben eine Rückmeldung geben. Dein Gewissen wird raunen, der Alltag wird sich in dieser oder jener Weise präsentieren, aber die Motive werden bleiben und ihren Tribut unerbittlich fordern.

Du bist Herr in deinem Haus und der "Bestimmer", wie es in Kindertagen hieß. Das Leben ist gnädig und bietet sich an - du wirst das Richtige tun, der nächste Schritt ist schon da, öffne die Augen und gehe mutig weiter.

Sonntag, 10. Februar 2013

Die Dinge groß sehen (III): Biographisch gerinnende Ermutigung


In der Waldorfschulpraxis nennt man es Kinderbesprechung. Wenn es gut läuft, setzen sich die Lehrer in ihren Konferenzen immer wieder zusammen und besprechen einzelne Kinder mit je spezifischer Fragestellung und Perspektive. Anlass dafür ist die Verantwortung, die die Schule der Entwicklung der Kinder gegenüber einnimmt. Unerheblich ist dabei, ob das Kind durch Sichtbarkeit, Lautstärke und besondere Auffälligkeiten hervortritt, oder gerade umgekehrt, ob es eher unsichtbar, still und unauffällig ist.

Jedem Kind gebührt in seiner Schullaufbahn (mindestens) eine Kinderbesprechung. Das Zusammenkommen der Beteiligten ist ein heilsames Geschehen, das dazu verhilft, ein Kind in seiner Entwicklung, seinen Fortschritten und Hindernissen wahrzunehmen, es von verschiedenen Seiten anzuschauen und möglicherweise unterstützende Maßnahmen in dieser oder jener Richtung einzuleiten. Der Kreis der Lehrer, Erzieher und manchmal auch der Eltern wird dabei in die Lage versetzt, das Schicksal des Kindes zu unterstützen.

Die Leitfrage in der Kinderbesprechung ist: Woher kommt das Kind (was bringt es mit) und wohin will das Kind (wohin will es) und was können wir dazu beitragen? Aber auch wenn das Kind erwachsen geworden ist und nicht mehr auf eine Waldorfschule geht – was ja der eine oder andere auch gar nicht getan hat – bleiben die Fragen aktuell und treten auf diese oder jene Weise in der Biographie auf. Wie gehen wir damit im Erwachsenenalter um?

Die Fortführung von Kinderbesprechungen sind meines Erachtens sogenannte Taubegruppen, wie sie bei Adventura entwickelt wurden. Jetzt steht nicht mehr ein Kind im Mittelpunkt, das übrigens bei den Besprechungen gar nicht dabei ist, sondern der Erwachsene, der Fragen an sein Leben hat. Er wählt sich einen Kreis von Menschen, mit denen er bereit ist auf sein Leben zu schauen und seine Fragen anzugehen – er ist der Mittelpunkt des Kreises.

Unsere Biographie stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Die Initialzündung für eine Taubegruppe ist eine Frage, ein Problem, ist ein Moment, in dem wir aus der Alltagsroutine austreten, innehalten, vielleicht nicht mehr weiter wissen und nach neuen Inspirationen verlangen. Dass wir das nicht immer alleine hinkriegen ist schon eine alte Weisheit. Dass wir das aber in einer Gruppe von Menschen bewusst angehen können ist neu.

Die Wahl der Menschen, die in einer Taubegruppe mitarbeiten bestimmt der Betreffende. Lehrer, Erzieher und Eltern haben ausgedient, nun werden Menschen gewählt, die auf Augenhöhe einen Beitrag zu leisten im Stande sind. Möglicherweise werden auch fachspezifische Fähigkeiten gebraucht. Voraussetzung ist aber, sich auf den Fragenden, Innehaltenden einzulassen, ihn neu kennen zu lernen und die Aufmerksamkeit auf ein Nachspüren zu richten: wo kommt er her, wo will er hin und was kann die Gruppe in diesem Moment dazu beitragen, dass die Steine, die das Schicksal in den Weg gelegt hat, verstanden oder erlöst werden?

Kleine Taubegruppen (drei bis sieben Menschen) sind im Stande die (manchmal vagen) Fragen des Betreffenden polyfon anzugehen, sie künstlerisch zu begleiten und den oft nicht so einfach zu ergreifenden Hindernissen die auf den Ebenen des Denkens, Fühlens und Wollens auftreten, mutig zu begegnen. Die Arbeit in einer Taubegruppe ist ein delikates Geschehen, das um Takt und Einfühlungsvermögen aber auch um Klarheit und Bestimmtheit fragt.

Taubegruppen konstituieren sich selbst, vereinbaren Umgangsformen, treffen Verabredungen in Zeit und Raum und werden wieder aufgelöst, wenn der Schicksalsweg des Betreffenden wieder in eine gangbare Spur gefunden hat. Was entsteht, wenn wir die Kinderbetrachtungen im Erwachsenenalter in Taubegruppen transformieren, ist biographisch gerinnende Ermutigung.

Samstag, 17. September 2011

Zukunft gestalten. Die soziale Beichte zwischen mir und dir

Was mich an vielen toskanischen Städten wie Firenze, Siena, Arezzo oder Pisa fasziniert, ist die bewahrende Haltung, die überall zu spüren ist: Es gab mal eine große Zeit in Italien… und die wird bewahrt. Bis heute, und vermutlich auch darüber hinaus. Es gab einmal eine Zeit, in der die Gegenwart gegenwärtig war. Als aus der Vergangenheit heraus die Zukunft gestaltet wurde. Das waren lebendige und aufstrebende Zeiten, die sich in der Kunst, der Stadtplanung und dem Bild des Menschen mit all seinen Möglichkeiten ausdrückte. Kurz, als der Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit vollzogen wurde.

In der Renaissance erinnerte man sich an die Wurzeln in der Antike und schuf aus der Verbindung etwas Neues: den Menschen, der zum Schöpfer seines eigenen Lebens wurde. Die Künstler begannen zum Beispiel ihre Werke zu signieren, persönlich Verantwortung zu übernehmen und sich von Kollegen zu unterscheiden. Wer heute in die toskanischen Städte reist, kommt nicht darum hin, seinen Blick auf die Werke aus der Renaissance zu werfen. Und die Italiener sind noch heute stolz darauf, was ihre Landsleute einst vollbracht haben.

Die Renaissance war eine große Zeit. Ist Italien heute ein Land der Vergangenheit? Ein steinernes Mahnmal der aufstrebenden Kräfte von damals? Wo sind die Kräfte heute, wo wird nun an der Zukunft gebaut? Wo bündeln sich die Kräfte, so dass ein weiterer Bewusstseinssprung gemacht werden kann?

Als ich in diesem Sommer in La Verna war, dem Ort, an dem der Hl. Franziskus seine Offenbarung hatte, habe ich eine skurrile Situation erlebt. Mit vielen anderen Touristen lief ich den Rundgang durch die Gemäuer auf dem Berg. Die Italiener um mich herum palaverten laut und gestenreich. Von heiliger Stille war nichts zu erleben. Auf einmal wurde ich auf zwei schmale Türen aufmerksam, die direkt nebeneinander in einem langen Gang auftauchten. Die obere Hälfte war jeweils aus Glas, so dass jeder, der hinschaute auch sah, was sich dahinter (nicht) verbarg.

Es war ein Beichtstuhl. Getrennt durch eine vergitterte Trennwand. Und auf der einen Seite saß ein dunkel gekleideter Mönch, auf der anderen Seite eine junge, elegante Frau mit langen blonden Locken. Ich sah, dass die Frau mit gesenktem Haupt sprach und der Geistliche auf der anderen Seite zuhörte. Ich nahm an, dass sie beichtete und er ihr die Absolution erteilen würde. (Und die Touristen schauten durch die Glastür dabei zu.)

Mir sprang unmittelbar ins Bewusstsein, dass dieses Vorgehen zwar immer noch ein menschliches Bedürfnis ist, in seiner Art aber vollkommen verfehlt praktiziert wird. Die Zeit, in der sich ein Individuum über ein anderes „erheben“ und jemanden von seinen Verfehlungen freisprechen kann, ist meines Erachtens absolut vorbei.

Was heute zeitgemäß ist, ist eine „soziale Beichte“. Ist das offene und gleichzeitig sehr intime Gespräch mit dem oder den Mitmenschen. Zum einen braucht es eine kleine Gruppe von Menschen, die sich dafür öffnen, demjenigen, der sich zeigt, zuzuhören. Und zum anderen ist das, was „früher“ die Absolution eines Geistlichen war, der eigene „Lern- und Verwandlungsprozess“ geworden. Dafür braucht es einen geschützten Raum (das eigene Lebensumfeld), der heute zu jedem Zeitpunkt unseres Alltagslebens und an jedem Ort geschaffen werden kann.

Wenn wir uns als Menschen mit unseren Stärken und Schwächen nicht mehr voreinander verstecken, sondern uns für zwischenmenschliche Begegnungen bereitmachen, entsteht ein Raum, der uns in die Zukunft führt. Der eine neue „heilige Kathedrale“ zwischen mir und dir (Emmanuel Lévinas) entstehen lässt, in der Kerzen entzündet werden können und ein jeder Asyl findet, der darum bittet.

Vielleicht ist die Zeit vorbei, in der ein Volk oder ein Land zu einer Hochkultur avanciert, die wir mit Jahreszahlen und auf der Landkarte verorten können. Ich bin überzeugt davon, dass die Zeit begonnen hat, in der die Zukunft eine Hochkultur hervorbringt, die zwischen mir und dir entsteht. Kathedralen werden zwischenmenschlich entstehen und Bußvorgänge (wenn sie dann noch so heißen) werden zu Anteilen des sozialen Lebens.

Ich kenne einige Gruppen, in denen die Wege erkundet werden, auf denen eine erneute Renaissance des Menschen stattfinden kann – vielleicht ohne Steinbauten die noch nach Hunderten von Jahren angeschaut werden können, sondern auf ätherischen, zwischenmenschlichen Ebenen, die freie Individuen unterstützen, ihre eigene Biographie – in einem sozialen Kontext! – zu gestalten.

(Ich denke zum Beispiel an die Arbeit von Bernard Lievegoed, an die Elias-Initiativgemeinschaft, an Adventura, an die Arbeit von Coenraad van Houten, an NALM www.nalm.net )

Freitag, 7. Januar 2011

Der vierte König. Der Weg des Scheiterns

Immer wieder muss ich an die Geschichte vom vierten König denken. So viele Jahre waren mir nur die drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar bekannt – mit ihren erhabenen Häuptern, ihren verwunderlichen Gaben, Weihrauch, Myrrhe und Gold und ihrem kurzen und gelungenen Besuch beim neugeborenen Kind in Bethlehem. Der vierte König heißt Artaban und er verkörpert den menschlichen, irdischen Weg zum Christentum. Den Weg, der vom Scheitern geprägt ist, und den manch einer von uns vielleicht kennt.

Artaban ist der vierte Weise aus dem Morgenland, er will mit den drei anderen dem Stern nach Bethlehem folgen, um dem neuen König zu huldigen. Er nimmt für ihn einen Saphir, einen Rubin und eine Perle mit. Aber er erreicht seine Gefährten nicht rechtzeitig, da er einem Kranken, der ihm im Weg lag, geholfen und sein Leben gerettet hat. Die anderen sind bereits fort, als er am vereinbarten Ort anlangt. Artaban macht sich alleine auf die weite und unbekannte Reise, er folgt dem Stern unbeirrbar. Denn dem Lauf des Sterns zu folgen, so heißt es, bedeutet, die Fäden des Lebensmysteriums vom Anfang bis zum Ende zu entwirren.

Seine Reise verzögert sich. Er muss den Saphir verkaufen, um sich eine Ausrüstung zu beschaffen, damit er allein die Wüste durchqueren kann. Er folgt dem Stern weiter, denn die Sterne repräsentieren die Gedanken des Ewigen und somit des Neuen. Artaban bleibt seinem Weg treu und er lässt sich von seinem Glauben, seiner Liebe und einer Hoffnung tragen, den neuen König noch begrüßen zu dürfen, obgleich die Zeit weit vorangeschritten ist und der Stern bereits verblasst.

Als er endlich nach Bethlehem kommt, ist die heilige Familie schon geflohen – seine drei Gefährten, die ihm voraus waren, bereits weitergezogen. Erschöpft findet er einen Unterschlupf bei einer jungen Frau mit einem kleinen Kind, und er kann, auf Grund des Hinweggebens seines Rubins, verhindern, dass auch das kleine Kind in diesem Haus den Schergen des Herodes zum Opfer fällt.

Artaban zieht weiter. Müde und schwach. Er sucht den König, verliert seine Spur nicht, aber immer ist er zu spät. Jahre vergehen. Oft ist er der Verzweiflung nahe. Nach dreiunddreißig Jahren kommt er als alter und gebrechlicher Mann wieder nach Jerusalem, bereit zu sterben, aber noch immer ein Suchender nach dem neuen König, auch, wenn er schon fast aufgegeben hat. Einzig seine Perle ist ihm als Gabe noch geblieben. Da kommt ihm ein Trupp Soldaten entgegen, der ein junges Mädchen vor sich her treibt, die als Sklavin verkauft werden soll.

Das Mädchen umklammert in Todesangst die schwachen Knie Artabans und fleht um Hilfe. Und wieder droht die Seele Artabans im Zweifel zu zerplatzen – soll er auch noch die letzte Gabe hingeben, ohne den König gefunden zu haben? Artaban gibt sich geschlagen, er schenkt die Perle dem Mädchen, damit sie ein Lösegeld hat. Er selber gesteht sich ein, dass seine Suche gescheitert ist, dass sie vorüber ist und dass er nun sterben könne, ohne den Stern gefunden zu haben.

Er liegt am Straßenrand und sieht, wie Menschenmengen an ihm vorbei nach Golgatha ziehen, um dabei zu sein, wenn zwei berüchtigte Räuber und einer, der Jesus von Nazareth genannt wird, gekreuzigt werden sollen. Artaban gibt sich seiner Schwäche hin, und hört eine Stimme, die zu seinem Herzen spricht. „Wahrlich ich sage euch: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Und so ist er im Tod dem neuen König, den er so lange gesucht hat, ganz nah. Er findet ihn.

Diese Geschichte berührt mich sehr. Was habe ich mir nicht schon alles gewünscht, mir vorgenommen und mich zu etwas entschlossen. Wunsch, Vorsatz, Entschluss – so einfache Worte. Ja, manches ist bereits rund geworden, wenn ich zurück blicke, – aber vieles, vieles!, auch nicht – überhaupt nicht! Und manchmal zweifle ich, ob ich auf dem richtigen Weg bin, ob mein Stern noch leuchtet und ob ich meine Weggefährten erkenne.

Die Geschichte von Artaban gibt mir Trost. Sie zeigt, wie so viele andere Geschichte auch, zum Beispiel „Herr der Ringe“ oder „Parzival“, wie recht man daran tut, seinen Wünschen, Vorhaben und Entschlüssen treu zu bleiben, auch wenn es noch so aussichtslos scheint, denn selten wissen wir, an welcher Stelle des großen Weges wir uns gerade befinden.

Scheitern, oder besser: vermeintliches Scheitern, tut weh. Und am Erfolg (vermeintlichen Erfolg?) ranken wir uns gerne empor. Wenn ich aber all die wunderbaren Kommentare lese, die sich so still und leise und unaufhörlich auf meine Weihnachtsfragen eingefunden haben, dann sehe ich, wie viel Schmerz, Unsicherheit und mühsame Wege wir alle beschreiten, um dem Stern zu folgen, den Glauben zu tragen, die Liebe zu leben und unsere Hoffnungen nicht aufzugeben.

Ich danke euch sehr für jeden einzelnen Kommentar, denn jedes Fragment zeigt ein Stück eines jeden Sterns am abendlichen Himmel, dem jeder von uns folgt, der jeder von uns wird und ist.

Henry van Dyke: Der vierte Weise. Verlag am Goetheanum, Dornach (CH).

Samstag, 13. November 2010

Santorini. Mein Beginn - damals

Jelle, du hast auf deinem Weblog (www.jellevandermeulen.blogspot.com) eine Debatte eröffnet. Über die Elias-Initiativgemeinschaft. Und über Adventura. Und da ich an den beiden Vorhaben beteiligt war, und jetzt so viele Erinnerungen wach werden, möchte ich von davon erzählen. Wie es war. Mein Einstieg. Damals.

Ich war jung - sehr jung. Und hatte drei kleine Kinder - echt kleine. In jenen Jahren - damals. 1993 sprach ich an irgendeinem Abend mit einer Freundin über neue Bücher in der anthroposophischen Szene und sie zeigte mir, schon im Flur stehend, noch ein dunkelrotes Büchlein. Dazu sagte sie: „Das ist das Neueste jetzt, gerade herausgekommen. Sehr bedeutsam. Von dem alten Holländer, der eben gestorben ist. Lievegoed heißt er. Den kennst du wahrscheinlich nicht. Und das Buch interessiert dich vermutlich auch nicht. Ist nichts für dich.“

Aber ich nahm es mit. Das Buch. Und verschlang es am nächsten Nachmittag. Noch heute sehe ich mich in meinem damaligen Wohnzimmer auf einem alten Sessel sitzen und lesen. Ich vergaß (fast) alles um mich herum. Die Kinder spielten. Ich machte ihnen kurz etwas zu essen. Sie spielten weiter - ich las weiter. Ich las das Buch in einem Rutsch. Und ich war sehr berührt. In meinem Inneren bewegte sich etwas, da war etwas angekommen.

Sieben Jahre hatte ich mich gänzlich meiner Familie gewidmet. Gelernt, wie man Weihnachten feiern kann, mich damit beschäftigt was Kinder wollen und brauchen, habe ständig auf irgendwelchen Spielplätzen gesessen oder in Wildgehegen gestanden, wo es galt scheuen Rehen Vogelmire hinzuhalten. Den halben Tag verbrachte ich in der Küche, die zweite Hälfte hatte ich Kinder auf dem Schoß, im Arm, fütterte, wickelte. Abends wurde genäht, gestrickt, Marmelade gekocht… All das eben, was Vollzeit-Mütter so tun können.

Das Buch „Über die Rettung der Seele“ von Bernard Lievegoed bezog mich als Leserin ein. Ich war kein Zuschauer mehr, sondern Mit-Akteur. Mitten in meinem Wohnzimmer. Mit meinen kleinen Kindern um mich herum. Ich wurde beteiligt, nein, ich war schon immer beteiligt. Nicht weniger als im Weltganzen. Der Inhalt des Buches eröffnete mir einen neuen Blick. Auf mich und mein eigenes Leben, auf meine Mitmenschen und das Weltgeschehen. Sinn wurde spürbar, von der Vergangenheit, durch die Gegenwart und bis in die Zukunft hinein.

Ein paar Monate gingen ins Land. Mittlerweile zog ich um, aufs Land. Und wusste innerlich überhaupt nicht mehr, wo mein Platz auf dieser Welt eigentlich war. In der Zeitschrift info3 sah ich eine Anzeige. „Seminar auf Santorini, Griechenland. „Über die Rettung der Seele“ mit Jelle van der Meulen.“ In meiner Situation war es völlig absurd, für eine Woche nach Griechenland zu fliegen. Und ich versuchte die Sache zu vergessen.

Einige Wochen später sah ich eine zweite Anzeige. Das Seminar sollte wiederholt werden. Es hatte so viel Anklang gefunden. Und wir hatten gerade eine Steuerrückzahlung erhalten. Ich meldete mich an. Direkt. Völlig verrückt. Und ich flog. Nach Santorini. Ich war gespannt. Und erwartete ein klassisch-anthroposophisches Seminar. Zu den Sitzungen nahm ich meinen Text mit. Aber den brauchten wir nicht. Und meine Furcht, nicht mitreden zu können löste sich in Luft auf.

Nein. Da wurde ganz anders gearbeitet, als ich das aus anthroposophischen Kreisen kannte. Wir sprachen miteinander. Die Menschen, die da waren, schauten sich in die Augen. Und es ging um die dunklen Seiten des Lebens. Um eigene Erfahrungen. Um Enttäuschungen, Schmerzen, Wunden – es ging um das Böse. Aber auch um Wünsche und Hoffnungen. Darum, wie wir im Leben stehen. Gebannt hörte ich zu. Noch heute sehe ich uns dort sitzen. Äußerlich habe ich mich sehr zurückgehalten. Aber innerlich entzündete sich ein Licht in mir.

Kurze Zeit später, als der Verein gegründet war (die Elias-Initiativgemeinschaft), stieß ich unumwunden mit in die Mitte des Kreises. Stellte mich zur Verfügung. Wollte mitarbeiten. Und wurde gefragt, ob ich in der Redaktion des Rundbriefes mitarbeiten könne, und vielleicht das Layout und den Versand übernehmen würde. Noch nie hatte ich dergleichen getan. Und ich stieg ein. Der Computer fügte sich mir. Die zu schreibenden Worte ließen ein wenig länger auf sich warten.

Es entstand eine Zusammenarbeit zwischen Flensburg und Lyon, Amsterdam und Kassel. Telekommunikation macht vieles möglich. Zusätzlich zu den Tausenden von Kilometern, die wir alle auf Deutschlands Autobahnen verbracht haben. Der Elias-Initiativgemeinschaft und Adventura, mit all den Menschen, die damals mitgemacht haben, verdanke ich meinen Einstieg ins gesellschaftliche Leben, ohne mich selbst dabei zu verlieren.

Viel ist in all den Jahren passiert. Ich habe die komplette Geschichte der Elias-Initiativgemeinschaft und Adventuras mitgemacht. Sie bietet Stoff für mehrere Romane. Und ich bin noch immer dabei. Irgendwie. Und irgendwo. Verletzungen sind entstanden, Wunden haben gebrannt und Köpfe geraucht. Vieles war möglich. Und irgendwann wurde vieles unmöglich. Ein Schweigen entstand, Stille breitete sich aus. Gescheitert sind die Vorhaben beide. Irgendwie. Und das war sehr schmerzvoll. Missen möchte ich sie in meinem Leben aber nicht. Niemals.

Der Impuls des Buches „Über die Rettung der Seele“ lebt. Die wichtigsten Freundschaften in meinem Leben sind damals entstanden, durch die Menschen, die ich bei Elias und Adventura getroffen habe, die mitgemacht haben. In meinem Leben bot sich nach dem Elias- und Adventura-Scherbenhaufen NALM an. Dort arbeite ich seitdem weiter. Am Aufbau einer Kultur des Herzens.