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Sonntag, 5. Oktober 2014

Gedanken aus der Stille. Zum Verhältnis von Schreibenden und Lesenden


Der Morgen ist mit sanfter Stille überzogen, wie ein Geburtstagskuchen mit Schokolade und Marzipanrosetten. Draußen liegt klammer Nebel auf Blättern und Wegen. Leuchtende Tautropfen überall. Selbst das Spinnennetz ist von schwerer Feuchtigkeit durchdrungen und funkelt damit in die Welt. Das Licht verbreitet sich nur schüchtern und zaghaft. Die Welt ist in nasse Watte gehüllt, damit die roten Hagebutten gesehen werden.

Drinnen brennt im Ofen das erste Feuer, Wärme durchzieht die Räume und lädt dazu ein sich der Stille zu ergeben. Wenn alles äußere in den vier Wänden schweigt, CD-Player, Küchengeräte, Menschen und Telefone, dann können die stilleren, stummen Dinge anfangen zu erzählen. Auch in ihnen wohnen Geschichten, Wünsche und Hoffnungen die ihre Daseinsberechtigung haben.

Die Rose, ein prächtiges und doch zierliches Exemplar bringt Grüße aus der anderen Welt. Sie steht im irdischen Garten eines Verstorbenen, der von Lebenden weiter gepflegt wird. Sie hat mein Herz erreicht. Dort zeigt sie einmal mehr, mit ihrem angenehmen Duft, den zarten Blättern und der deutlichen Farbe, was es heißt wortlos zu kommunizieren. Sie spendet Trost und sagt: Es gibt das Wahre, das Schöne und das Gute.

Der Laptop stellt sich geduldig zu Verfügung, auch er ein ruhiger Geselle - aber ganz anders geartet: tot. Bei der richtigen Tastenkombination ist er bereit alles für mich zu tun, ein Befehlsempfänger ohne Widerrede. Jede Order nimmt er auf, er urteilt nicht. Nein, kalt und gefühllos macht er alles, was ich von ihm fordere. Eine Errungenschaft Ahrimans, der geknechtet wird und knechtet. Seine Geschichte bleibt fahl und dennoch ermöglicht er alles.

Das Internet hat sich zwischen die Menschen geschoben. Warme Worte erscheinen auf kalten Flächen. Die Wege zwischen Herz und Herz können mit der Straßenbahn, zu Fuß oder über das Internet beschritten werden. Das Gefühl der Nähe nur virtuell? Fluch und Segen - und immer die Frage nach Sein oder Schein. Obwohl hinter jedem Wort im Internet ein Mensch steht, ist es gerade das, was nicht erlebbar ist.

Die Stille an diesem Morgen gebiert Worte die einen Landeplatz suchen, die ankommen wollen. Vom Schreiben über das Lesen in ein Gespräch. Wo sind die Leser, die in einen Diskurs mit dem Text treten? Die sich anerkennend oder ablehnend zeigen, die in einen Dialog treten und damit den Monolog aus seiner Isolation befreien. Mitschwingen: geben und nehmen, sprechen und schweigen und vor allem: miteinander tanzen.

Das innere Feuer verglüht (Rosen verwelken sinnlos und Laptops stehen unbenutzt da), wenn Schreibende nicht wissen, wo und vor allem wie ihre Texte landen, ankommen, vorbeifliegen, anecken oder ins Abseits geraten. Jedes geschriebene Wort, das nicht gelesen wird, ist ein verlorenes Wort und verdammt ist es dann, wenn nichts damit passiert (die Welt nicht einen neuen Anlauf nimmt). Denn, Schreibende brauchen die Resonanz von Lesern. Brauchen die Leser auch Schreibende?

Ich suche Anknüpfungspunkte für ein Gespräch, um neue Wege und Formen als Schreibende zu finden.

Samstag, 7. Januar 2012

Worte: Graublau-verdichtet

Lieber Peter,

dein kleiner, erster Gedichtband „Graublau“ ruft eine schüchterne Verlegenheit in mir auf. Ich finde in dem Bändchen Gedichte, die weit über meinen persönlichen Umraum hinausgehen, sie beschreiben Ebenen im Horizontalen in beide Richtungen, die ich nur erahnen und mich ihnen zuwenden kann, Ebenen im Vertikalen deren Höhen und Tiefen ich mich über das Einlassen der Worte anzunähern versuche. Deine Gedichte haben eine eindeutige Quelle: das Herz im Innern. Was sie aber vermögen, ist das Weltenherz im Umkreis zu erreichen. In diesem Umkreis lösen sich die einzelnen Worte auf. Die klare grammatische Struktur der Buchstabenkombinationen wird zugunsten eines entstehenden Klangbildes aufgelöst.

Graue Asche

Graue
Trostlosigkeit
andauernder Tage

Asche
erloschener Vergangenheit
auf jeglichem Tun

ist da kein Gott
der erlöst
von ständiger Wiederkehr?

Gott schweigt
Harrt wie wir
Auf uns


Deine Gedichte schreien, ganz leise. Sie sind eindringlich und erfassen mich im Laufe des Tages mit allen Poren. Ich lese sie mit meinen Augen und ich spüre, wie die Bedeutung der Worte durch meinen Körper strömt. Um sie aus meinem Innern wieder ans Licht zu bringen, müssen sie meine Haut ganz zart durchbrechen, ich muss sie sich neu gebären und frei lassen. Sie nutzen die Poren, schlüpfen als Buchstaben hinaus und setzen sich auf der Erde nieder. Die Worte deiner Gedichte sind durch mich hindurch gezogen und ich setze sie frei, weil mein Inneres sie nicht erträgt.

Spätwinter

Regen
auf durchnässten
Schuhen
und eine Handvoll Erde
im Schnee
der zerfließt
Erde –
das was wir
alle suchen
die im Regen
wandern


Es ist nicht leicht, über deine Gedichte etwas zu schreiben, denn sie erreichen mich nicht auf der kognitiven Ebene – eigentlich kann ich mich vor ihnen nur künstlerisch verbeugen. Alles, was ich hier auszudrücken vermag sind stammelnde Worte, die zu umschreiben versuchen, dass deine Gedichte eine Herzenssprache sprechen, die wir alle noch lernen müssen. Mein Wille dirigiert meine Finger, die Worte auf der Tastatur zusammensetzen, mein Kopf kommt kaum nach. Rudolf Steiner sagte einmal (in „Wahrheit und Wissenschaft“), dass es darum ginge, „den Menschen als [eine] auf sich selbst begründete Persönlichkeit zu begreifen“. Genau davon sprechen deine Gedichte. Der Schmerz im Irdischen transformiert sich im Geistigen.


Wehmut

Wehmut komm
Vertreibe
die leeren Stunden

Erzähle vom
Verlorenen
das nie mehr gefunden

Gespenster ziehen
wo Welten standen
Nichts ist geblieben

Im Herzen weht es nach
vom Duft und Klang
der Lieben


Es gibt keine Schuld, keine Strafe, keinen Täter: aber suchende Menschen – Individuen, die im Irdischen das Geistige zu erfassen vermögen, die Verantwortung übernehmen.

Deine Persönlichkeit zeigt sich in deinen Gedichten in einer weltumspannenden und zeitlosen Form. Deine Worte gehen von deiner „selbstbegründeten Persönlichkeit“ aus und durchbrechen Raum und Zeit. Das Individuelle wird zur Welt, die Welt zeigt sich im Individuellen. Deine Gedichte gehen über das Wesentliche und Unvergängliche hinaus, sie situieren sich im Bedeutungsvollen – was für das Alltagsbewusstsein nicht immer leicht zu ertragen ist.

Herzlich,
Sophie

Peter Antonenko: Graublau. Gedichte – Erster Band. Edition Antonenko. CvB-Verlag, Herdwangen-Schönach, 2011.

Samstag, 18. Dezember 2010

Fügung. Öffnung im Dunkeln

Die Zeit vor Weihnachten ist weder von Ruhe noch durch besonders viel Besinnlichkeit geprägt. Anna versucht trotzdem in ihrer Mitte zu bleiben, aber sie spürt, dass sie schwankt, manchmal verliert sie den Überblick. Der Felsen in der Brandung ist zu einem wankenden Pfeiler im Wind geworden. Wenn sie die Augen schließt, spürt sie ihre Müdigkeit, ihre Traurigkeit, ihre Verlorenheit – zwischen all dem, was zu tun ist.

Gewöhnlich fällt sie in einen tiefen Nachtschlaf und erwacht nur durch einen schrillen Wecker in der Dunkelheit. Dieses Mal aber erwacht sie plötzlich, mitten in der Nacht – von sich aus – und es ist sehr finster um sie herum. Innerlich aber erahnt sie unmittelbar das Licht, das kleine, das da leuchtet. Sie spürt die Wärme ihres Körpers, hört ihr Herz klopfen, fühlt sich leicht und frei. Kurz bevor sie sich wieder umdrehen will um weiterzuschlafen, entscheidet sie sich wach zu bleiben.

Gegen die mahnenden Worte ihres Kopfes, der sich einschalten will und rationale Warnungen produziert: Sie solle schlafen, sich ausruhen für den kommenden Tag, Kräfte generieren, eben SCHLAFEN. Aber Anna ist wach. Und sie nimmt das an. Sie liegt ganz still und spürt, wie sich ihr Herz öffnet. Sie lauscht auf die Melodien der Nacht. Klingende Worte.

Die Nacht schenkt ihr also eine Freistunde, sie bekommt Urlaub – von ihrem Nachtschlaf – und nimmt das zögernd an. Sie erlebt den offenen Raum, der ihr gereicht wird und tritt in ihn ein. Sie steht auf und stellt sich ans Fenster. Es ist winterlich. Kalt. Und die Sternenfülle leuchtet warm und kalt am nächtlichen Himmel. Licht und Finsternis – so nah zusammen. Genauso wie die Leere und die Fülle, die sie gleichzeitig in sich spürt. Die Ruhe und der Auffuhr, die Bewegung und das Innehalten.

Schwierig wird es immer dann, wenn die Gegensätze miteinander ringen, wenn sie sich von ihrer Gegenseite angegriffen fühlen. Um ihren Platz, ihre Souveränität kämpfen. Wenn die gegenseitige Anerkennung ausbleibt. Ohne Licht kein Schatten, ohne Schatten kein Licht. Das lässt sich denken. Welche Gefühle entstehen aber, wenn diese Weisheit nicht gedacht, sondern erlebt wird?

Anna spürt, wie sie innerlich weiter wird, sich ausdehnt. Sie steht noch immer am Fenster, ganz still. Und sie nimmt Anteil an der Vergangenheit und an einem Hauch der Zukunft, sie fühlt den Zeitstrom. Und spürt plötzlich, dass sie zu einem kleinen Stern wird. Sich einklinkt. Mit dazugehört. Still laufen ihr die Tränen die Wangen hinunter, kleine Sterne auf die Erde.

Menschen erscheinen auf ihrer Herzinnenseite. Und sie spürt, wie sich ihr Schicksalsnetzwerk in ihr zu regen beginnt – obwohl die Menschen alle an irgendeinem Ort schlafen werden, träumen… vermutlich. Oder gibt es noch jemanden, der jetzt wach ist? Den Sternenhimmel betrachtet? So wie sie - und sich von seinem eigenen Herzen erobern lässt?

Wie Sternschnuppen kommen die Worte. Fügen sich. Und fügen sie. Ganz so, wie es Anna aus einem Gedicht von Erich Fried kennt. Und sie dankt, ja wem?, vielleicht sich selbst – für diese nächtliche Stunde, allein, am Fenster mit dem winterlich kalten Sternenhimmel, der sie wieder zusammenfügt.

Fügungen

Es heißt
ein Dichter
ist einer
der Worte
zusammenfügt

Das stimmt nicht

Ein Dichter
ist einer
den Worte
noch halbwegs
zusammenfügen

wenn er Glück hat

Wenn er Unglück hat
reißen die Worte
ihn auseinander

Erich Fried

Donnerstag, 12. August 2010

„Dichtung setzt die Kommunikation voraus, die sie stiftet“

August. Stille hat sich über das Land gelegt. Sommerpause. Freunde sind verreist, Handwerksbetriebe machen Betriebsferien, Universitäten, Schulen und Kindergärten stehen still und verlassen da – das Land schweigt. Der Himmel macht mit, entweder regnet es in Strömen oder die Sonne brennt vom Himmel – die Stille bleibt, trocken oder nass, und umhüllt alle Daheimgebliebenen. Es ist fast wie im Winter – wie in der Weihnachtszeit, da hält die Welt auch inne. Aber es ist doch eine ganz andere Stille, die jetzt über dem Land liegt.

Aus dieser warmen Stille heraus zu schreiben bedeutet, ganz nah an meinem eigenen Herzen zu sein. Das Ergebnis ist nicht vorhersagbar. Jetzt am PC zu sitzen und die Finger über die Tastatur tanzen zu lassen heißt, mich vertrauensvoll hinzugeben. Was kommt? Welche Worte finden sich ein? Das alltägliche Funktionieren und Wollen hat aufgehört, messerscharfe Gedanken lassen sich nicht finden, es ist eine unsichtbare aber deutliche Kraft, die mich leitet, den leisen Worten, die sich vorsichtig zeigen, Gehör zu verschaffen. »Hinhören auf die stimmlose Stimme des Herzens heißt, sich selbst nicht belügen« sagt schon der alte Konfuzius.

Gerade für die Stimme des Herzens ist die äußere Stille von Nöten, damit im Inneren etwas erklingen kann. Diese Stille hat auch nichts mit Passivität zu tun, nein, gerade in diesem Bereich ist eine große Wachsamkeit gefragt. Es sind mitunter die unscheinbareren Worte, die sich einstellen, die unbekannteren Bedeutungen, die unerwarteten Zusammenhänge. Wie übersetzt man die „stimmlose Stimme des Herzens“ in allgemeingültige und –verständliche Worte des rauschenden Alltags?

Stille kann warm oder kalt sein – aggressiv oder sanft. Stille kann einladen oder abgrenzen, einsam machen oder eine tiefe Verbindung schaffen. Stille bedeutet, dass Geräusche verschwinden und Bewegungen sich reduzieren. Worte reagieren auf Stille. Und sie suchen die Kommunikation - auch in der Stille. Das geschriebene Wort kennt die Stille gut. Nicht immer erhebt sich eine Stimme, die auf gedruckte Worte reagiert. Das gesprochene Wort ist da anfälliger. Stille erträgt es nur, wenn es durch Anerkennung getragen wird.

Worte setzen sich aus den gleichen Buchstabenkombinationen zusammen, ob sie geschrieben oder gesprochen werden. Schriftdeutsch und gesprochenes Deutsch haben die gleiche Quelle, eine Intention und auch das gleiche Ziel, das menschliche Herz – und doch agieren sie in unterschiedlichen Reichen.

Hilde Domin schreibt etwas, was mich in diesem Zusammenhang sehr beschäftigt:

„Der Mut, den er [der Schreibende] braucht, ist dreierlei Mut:

Der Mut zum Sagen, der der Mut ist, er selbst zu sein, der Mut zur eigenen Identität.

Der Mut zum Benennen, der der Mut ist, die Erfahrung wahrhaftig zu benennen, ihr Zeuge zu sein: das heißt, nicht weg- oder umzulügen, was ja opportun sein könnte.

Der dritte Mut ist der, an die Anrufbarkeit der andern zu glauben. Denn wenn er auch nicht ›für andere‹ im strikten Sinne schreibt, überhaupt nicht ›um zu‹, so müsste er doch verstummen, wäre nicht in ihm der Glaube an den Menschen, ohne den kein Wort geschrieben werden könnte. Noch im negativsten Gedicht ist dieser Glaube, dass das Wort ein Du erreicht, Dichtung setzt die Kommunikation voraus, die sie stiftet.“


(Aus: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen.)

Den Mut zum „Sagen“ und „Benennen“ kenne ich gut, es ist die Kraft, die ich brauche, um zu schreiben – sie kommt aus der Stille. Aber, ob ich genügend Mut aufbringe, damit auch die „Anrufbarkeit“ an meine LeserInnen deutlich wird, kann ich selbst nicht entscheiden. Da dürfen sich, trotz der Sommer-Stille, meine LeserInnen zu Wort melden. Ist das geschriebene Wort, ob es sich nun um ein Gedicht, eine essayistische Miniatur oder sonst einen Text handelt, kommunikativ? Was entsteht aus der Stille?

Mittwoch, 4. August 2010

Irdische Hinterlassenschaften – die Wohnungen von Puschkin und Dostojewski

In eine fremde Stadt zu kommen, heißt für mich zunächst unbekannte Luft zu atmen. Sie ruft mich dazu auf, Anknüpfungspunkte zu suchen um irgendwie anzukommen. Mich einzuordnen. Was klingt und schwingt in der Stadt St. Petersburg? Wofür öffne ich mich, worauf richte ich meine Aufmerksamkeit? Ich weiß also nicht, was ich suche und gehe doch so durch die Stadt, als ob es etwas zu finden gäbe. Neben meiner generellen Sympathie für die Stadt und dem geschichtlichen Interesse seines Auf und Nieder ist es natürlich die Literatur, die mir Tore zur verborgenen Seite der Stadt öffnet.

Wir wohnen in einer Ferienwohnung direkt an der Newa, einige Minuten von der Eremitage entfernt. Die Straße ist vierspurig und Tag und Nacht rattern die Autos darauf, als sei sie eine Autobahn. Tags ist der Fluss voller kleiner Boote, nachts, wenn die Brücken hochgefahren werden, rauschen große Schiffe lautlos an unseren Fenstern vorbei. Das prächtige Haus in dem wir wohnen – nachts mit Lichterketten beleuchtet - ist zweigeteilt. Die Wohnung ist groß, hell und mit Ikea-Möbeln eingerichtet. Und das Treppenhaus ist ein alter, dunkler, schlechter und vor allem dreckiger Albtraum. Eine unvereinbare Zweiteilung, die es noch öfters in der Stadt zu finden gibt.

Wie steht es aber zwischen den St. Petersburger Dichtern und mir? Ich hatte einmal eine beeindruckende Tolstoi-Phase in meinem Leben. Das ist lange her. Er hat zwar in der Nähe, aber gar nicht in der Stadt gelebt. Dostojewski habe ich gelesen. Den großen Roman „Schuld und Sühne“ und kleinere Erzählungen. Ich erinnere mich an jede Menge dunkler und kalter Szenen – während ich warm in meinem Bett lag und innerlich in den Weiten Russlands verschwand. Auch habe ich einen Band mit Gedichten – russisch/deutsch. Puschkin natürlich, den großen Nationaldichter. Ich lese dann aber doch lieber die deutsche Übersetzung, die russischen Buchstaben kann ich zwar zu Worten zusammensetzen, aber in meiner Sprache nicht wiederfinden…

Es gibt eine ganze Menge Petersburger Dichter, die sehr berühmt geworden sind. Puschkin, Anna Achmatowa, Marina Zwetajewna… Sie sind alle längst tot und Literatur lässt sich überall lesen, wenn sie denn übersetzt und erhalten wird. Was gibt es also in ein paar Tagen in Petersburg, der Wiege der großen Revolution, diesbezüglich zu erleben? Was die Zeit überdauert hat sind Häuser. Nicht alle natürlich, aber viele. Und so lassen sich Wohnungen oder Häuser berühmter Menschen besuchen – wenn sie denn von ihrer Nachwelt erkannt worden sind.

Das Wort Wohnung bedeutete in althochdeutscher Zeit „zufrieden sein“ – es ist also ein geschützter Ort, der nicht nur leiblichen Schutz bietet, sondern offenbar auch seelischen. Ein friedlicher Ort. Im Mittelhochdeutschen verändert sich die Bedeutung dann, unser heutiges „Wohnung“ bedeutete damals „Gewohnheit“. Die Wohnung wird also ein Ort, den man gewohnt ist, der zum alltäglichen Leben dazugehört – die seelische Geborgenheit scheint nicht mehr im Vordergrund zu stehen. Trotzdem haben fremde Menschen an so einem Ort eigentlich gar nichts zu suchen.

Im Falle der beiden Herren Dostojewski und Puschkin, deren Wohnungen wir besucht haben, haben wir es auch nicht mehr mit einer einfachen Wohnung zu tun. Nein, diese Wohnungen sind zu Museen avanciert. Und ein Museum ist ursprünglich ein Heiligtum der Musen. Ohne Menschen verfallen Häuser, wenn die Bewohner nicht mehr da sind, muss man sich überlegen, was mit der verlassenen Bausubstanz passiert. In welchem Verhältnis stehen nun aber die Behausungen der Dichter und das heutige Museum?

Ja, dazu kann ich natürlich gar nichts sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich damals dabei war. Puschkin ist vor fast zweihundert Jahren gestorben. Er war nur 37 Jahre alt und ist an den Verletzungen eines Duells verblichen. Er hat am Ende seines Lebens ganz in der Nähe des Zarenpalastes gelebt – diese Wohnung kann man heute betreten. Und was da nicht alles gezeigt wird. Den handgeschriebenen Mietvertrag, Manuskripte, Alltagsgegenstände, die Tür, durch die er nach der Verletzung getragen wurde, und, und, und.

Es ist schön, so einen irdischen Ort besuchen zu können, weil wir ja selbst alle auf der irdischen Welt leben und wenig andere Möglichkeiten haben. Aber spüren lässt sich in der Wohnung nicht mehr viel. Da scheint doch der Griff nach den literarischen Hinterlassenschaften mehr zu bieten.

Bei Dostojewski ist das etwas anders. Er hat in mindestens zwanzig Wohnungen in Petersburg gelebt, vornehmlich in Eckhäusern, mit Blick auf eine Kirche. Jeder Reiseführer hat ein Kapitel, das den Weg durch Dostojewskis Hinterhöfe beschreibt und ein anderes Petersburg zeigt, als es durch die Zaren repräsentiert wurde. Dostojewski hat Russland mit seinen dunklen Seiten im Ausland sehr bekannt gemacht. Die Wohnung, die wir anschauen, hat eine enigmatische Ausstrahlung.

Denn auch diese letzte Wohnung ist heute natürlich ein Museum – ein Heiligtum also, in dem nichts berührt werden darf – aber überrascht war ich schon, denn die finsteren, verfallenen und dreckigen Hinterhöfe passten mit dieser Wohnung so gar nicht zusammen. Seit Dostojewskis Tod sind 130 Jahre vergangen – wer weiß, was in dieser Zeit alles in und mit diesem Haus geschehen ist. Die Streichholzschachteln aber, die es in dem Souvenirladen zu kaufen gibt, sind mit Bildern eben jener verfallenen Häuser und Höfe geschmückt, die einem das alte Russland näher bringen. Ein Souvenir also, das ich nach Deutschland mitnehme.

Verlassene Wohnungen, in denen seinerzeit so richtig gelebt wurde und unglaubliche Texte entstanden sind, und die dann zu toten Museen avancieren, transportieren eben doch etwas mehr, als die übersetzten Worte, die ich, fern vom Ort des Geschehens in der warmen Sommersonne lesen kann. Wenn ich heute ein Gedicht von Puschkin lese, oder in eine Erzählung von Dostojewski eintauche, dann wandere ich innerlich durch die Wohnungen, die ich in Petersburg betreten habe – auch wenn ich nicht weiß, wie viel sie mit ihren einstigen Bewohnern noch gemein haben.

Montag, 7. Juni 2010

Auf der Wort-Suche nach einem Kindheitsgarten

Die geladenen Autoren lasen ihre Geschichten vor. Einer nach dem anderen. Eine nach der anderen. Auf Deutsch. Autoren aus ursprünglich fremden und fernen Ländern – mit anderen Sprachen. Autoren die irgendwie und irgendwann nach Deutschland, ins deutsche Sprachgebiet kamen. Autoren also, die mit oder nach ihrer Mutter- oder Vatersprache, noch eine eigene Sprache gewählt haben: Deutsch. Ihre Werke gehören zur deutschen Literatur. Diese Autoren lasen ihre Geschichten über die Gärten ihrer Kindheit vor. Das war der Auftrag der Veranstalter gewesen. Passend zum Ort der Lesung, einer Landesgartenschau.

Geschichten über die Gärten ihrer Kindheit. Kindheitsgärten. Über das Zuhause aus früheren Tagen. Jeder hatte etwas zu berichten, etwas zu erzählen. Unterschiedlich und bizarr. Was ist ein Garten? Und dann noch, ein Garten der Kindheit? Die Sprache war von verwunschenen Orten, besonderen Bäumen, Ereignissen in der Natur. Großvätern. Menschen, die in der Kindheit eine Rolle spielen. Eigenen und fremden Gärten, Sprachgärten, steinernen Gärten, Pflanzennamen. Und: Erinnerungen.

Innere Gärten. Geheime, verwunschene Bilder wurden freigelegt. „Singende Augustäpfel.“ Sprachlich in die Sichtbarkeit gebracht. „Hörst du das Bild?“ Die Rede war von Hinterhöfen. Flussufern. Jede Wahrheit braucht ihre eigene Sprache. „Ein Herz, das nur im Garten klopft.“ Das Zuhause des Sommers. Der Sonne. Der Unbeschwertheit. Aber nicht nur das. Es ging auch um fehlende Kindheitsgärten. Um Luftwurzeln. Und das Festhalten an Wortwurzeln. Um Vorstellungen die Halt geben, einen Baum, einen Garten ersetzen. Ein nicht existentes Kinderparadies im Innern wachsen lassen.

Und hier beginnt meine Geschichte. Die erinnerte Geschichte. Eine Schicht der Geschichte. In meiner Kindheit gab es keinen Garten. Ich lebte in einer frischbetonierten Hochhaus-Neubau-Siedlung. Da gab es abgezirkelte Rasenplätze. Kleine Grasflächen, die inmitten der Betonwüste mutig ihr Dasein fristeten. Und Schilder gab es: Betreten verboten. Ballspielen verboten. Ich erinnere mich an ein kleines Stück Wiese, umzingelt von Parkplätzen, Betonwegen und Steinplatten. Das durften wir benutzen. Darauf spielten wir Ball. Und: „Ochsenberger eins, zwei, drei“ oder, „Fischer, Fischer welche Fahne weht heute?“

Eine postmoderne Kindheit im Boom der Betonwüsten. Einmal besuchte ich im Sommer eine Freundin in Süddeutschland. Und sie sagte plötzlich: „Komm, wir gehen Kirschen pflücken!“ Da war ich sprachlos. Kirschen pflücken? Das kannte ich nur aus Büchern. Oder aus den Ferien in fremden Ländern. Auf einen Baum klettern und Kirschen pflücken? Ich war baff. Obst und Gemüse begegneten mir eigentlich nur in Supermärkten – dort, wo alles blankgeputzt unter Spiegeln ausgebreitet liegt, damit es noch nach mehr aussieht.

Es gab auch keine Großväter. Beide schon tot vor meiner Geburt. Kein Gemüse, das angebaut wurde. Keine Rosen. Keinen Pfeife rauchenden alten Mann… Keine faltigen Lebensgeschichten, keine Tätigkeit an der Natur. Aber Erinnerungen. Erinnerungsgeschichten. Erzählungen meiner Großmütter. Von ihren Kindheitsgärten.

Die eine kam aus Estland. Sie erzählte immer wieder von den sommerlichen Datschen, Seen und den vielen Birken. Sie erzählte von Gärtnerinnen und frischen Beeren und Gemüse. Die andere kam aus Böhmen. Da war die Rede vom Tennisspielen auf dem eigenen Grundstück, von Ausritten am Morgen vor dem Frühstück, von Bäuerinnen, die sie mit frisch gepflückten Himbeeren erfreuten und mit Natur und bunten Blumensträußen versorgten. Großmütterliche Erinnerungsgärten.

Der Alltagsgarten meiner frühen Kindheit hat nicht viel mit Natur zu tun. Nein. Aber mit Kultur. Ein Vorstellungsgarten also? Ein Garten aus Worten. Aus Ideen und Überzeugungen, aus Vorstellungen und Utopien. Zur Zeit der Ölkrise eroberten wir uns die Straßen. Sonntags durfte nicht gefahren werden. Wir liefen Rollschuh. Auf den breiten, asphaltierten Straßen. Erweiterten unser Revier zwischen Beton und Asphalt. Genossen es, Könige der Straßen zu sein. Ein Ort des vorübergehenden Zufalls also. Der Begriff Naturschutz wurde damals in den deutschen Wortschatz aufgenommen – den kannte ich wohl, vom Wort her.

Und so war ich damals, in frühen Kinderjahren auch nicht in einem „Kindergarten“, nein, der Garten meiner Kindheit war ein „Kinderhaus“. Passend also. Dort verbrachte ich einige Jahre und rüstete mich für das Leben – einem Lebens-Garten entgegen – die Erinnerungen an meine Kindheit reproduzierend, um mit Worten Landschaften und Gärten zu malen.

Sonntag, 21. Juni 2009

Nähe und Ferne. Walter Benjamin

Walter Benjamin ist in dem Jahr gestorben, als meine Eltern geboren wurden. Ich habe ihn physisch also nie getroffen. Nein, ich „kenne“ ihn nicht. Trotzdem bin ich ihm begegnet. Irgendwie. Und zwar über das geschriebene Wort. Seine eigenen Texte. Und das, was andere über ihn geschrieben haben. Ich hatte seinen Namen noch nie gehört – glaube ich – und musste ein Hauptseminar an der Universität Tübingen belegen. Der Name „Walter Benjamin“ strahlte etwas aus. Irgendetwas. Also meldete ich mich an. Mittlerweile – die Begegnung liegt nun schon ein paar Jahre zurück – zählt er zu meinen Wegbegleitern. Er ist ein Gefährte geworden. Walter Benjamin gehört dazu. Zu meinem Leben. Irgendwie.

Walter Benjamin hat über 7000 Seiten Text hinterlassen. Und ich kann nicht behaupten, dass ich wirklich verstanden hätte, was Walter Benjamin eigentlich sagen wollte, oder gar, dass ich sein ganzes Werk gelesen hätte. Er hat literarische und ästhetische Essays hinterlassen, wissenschaftliche Untersuchungen, kulturpolitische Aufsätze, Vorträge und Reden, Fragmente, Tagebücher, Glossen und Rezensionen. Abgesehen von Artikeln und Aufsätzen ist vieles von dem, was Walter Benjamin zu Beginn des letzten Jahrhunderts geschrieben hat, zu seinen Lebzeiten gar nicht veröffentlicht worden. Trotzdem gehört er heute zu den meist rezipierten und diskutierten Autoren in der intellektuellen Welt der Postmoderne. Benjamin ist richtig anwesend, er ist da. Seine Texte werden gelesen, besprochen, bewegt.

Er wurde 1892 in Berlin in ein deutsch-jüdisches Elternhaus hineingeboren. Nach der Schule studierte er Philosophie, Literatur und Geschichte. Bereits in Studentenzeiten begann er zu publizieren. Seine Promotion (1919) wurde anerkannt, seine später in Frankfurt eingereichte Habilitation nicht (1925). Von diesem Moment an definierte er sich als freier Schriftsteller. Notgedrungen. Er schrieb für Zeitungen und bereitete eigene Publikationen vor.

1933 ist er nach Paris emigriert. Tief verzweifelt nahm er sich 1940 in Port Bou das Leben, da die Grenzwächter ihm die Einreise nach Spanien verweigern. Durch seine Freunde, Gershom Scholem, Bert Brecht, Theodor Adorno, Hannah Arendt, Max Horkheimer u.a. wird sein Werk bekannt. Und er „lebt“ weiter. Der Diskurs um sein Leben und Werk ist lebendig und im öffentlichen Leben heute präsenter denn je.

All das, was ich bis hierher beschrieben habe, sind äußere Tatsachen. Eben Lebensgegebenheiten. Sicherlich tragisch zu nennende – aber noch nicht etwas, das zeigt, was für mich das Besondere, das Berührende an Walter Benjamin ist. Wie ist das überhaupt vorstellbar? Da hat jemand gelebt, dem ich nie begegnet bin. Habe also nie gesehen, wie er spricht, läuft oder isst. Wie er ausgesehen hat, weiß ich nur von Fotos. Und auch seinen Freunden bin ich physisch nie begegnet. Die Begegnung fand also auf anderer Ebene statt. Auf der Ebene der Sprache – dem geschriebenen Wort. Und nur da. Ausschließlich. Wichtig zu erwähnen ist in diesem Kontext für mich, dass vieles von dem, was wir heute von ihm lesen können, zu seinen Lebzeiten gar nicht publiziert worden ist. Es sind Texte, von denen nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, dass Benjamin sie der Öffentlichkeit so übergeben hätte. Und auch an all die Briefe ist in diesem Zusammenhang zu denken. Wie steht Benjamin dazu, dass wir heute lesen dürfen, was er sich mit Gretel Adorno geschrieben hat, oder mit Gershom Scholem?

Es gibt also Fragen über Fragen. Ethische Fragen. Und eine Antwort darauf können nur die Nachgeborenen finden. Er nicht mehr. Aber das ist gar nicht das, was mich beschäftigt. Mir gehen Sätze nach. Aussagen. Beschreibungen Benjamins. Vieles, was er geschrieben hat ist ja sehr schwer zu verstehen. Und gar nicht so ohne weiteres übertragbar. Aber es hat sich so etwas wie eine Aura um seine Worte gebildet – ein Farbklang. Sie laden zum Nachdenken ein.

In seinem oft rezipierten Aufsatz: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ beschreibt er, was die Aura für ihn ist, und welche Bedeutung er ihr beimisst. Er schreibt, dass die Aura: „…ein sonderbares Gespinst von Raum und Zeit: eine einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“ sei. Was – um Gottes willen – hat man sich darunter genau vorzustellen? Und genau das ist der Punkt. Benjamin ist nicht zu definieren. Seine Aussagen sind nicht eindeutig zuzuordnen. Die Ränder von Bedeutungen sind weich. Angenehm unscharf.

Immer wieder überrascht er mit seinen Aussagen. Ein assimilierter Jude in der akademischen Welt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Metropole Berlin, der sich für Spiritualität interessiert, materialistische Ansätze verfolgt, kommunistische… ein wandernder Bürger zwischen den Welten. Eine Stimme, die sich vernehmen lässt, ohne dass sie einen stringenten Weg verfolgt. Benjamin passt in keine ideologische Schublade. Auch heute noch nicht. Trotzdem fasziniert seine Stimme die Gemüter.

Ich glaube, dass Benjamin als Mensch jemand war, der sich vom Geist der Zeit hat berühren lassen. Und was er getan hat, war den Geist der Zeit mit seinen Worten zu berühren. Damals war mächtig etwas los – es lag etwas in der Luft. Heutzutage wäre er mit Sicherheit ein Internetblogger. Benjamin hätte sich eingemischt, eingeklinkt. Er hätte sich auf dieser Ebene gezeigt. Und geschrieben. Viel geschrieben.

Walter Benjamin hat ein kleines Büchlein hinterlassen, die „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“. Darin hat er Episoden seiner eigenen Kindheit verarbeitet. Nicht aber sich selber dargestellt. Nein, etwas klassisch Autobiographisches hat er keineswegs veröffentlicht. Benjamin hat durch seinen Text die Dinge sprechen lassen – die damals zu ihm gesprochen haben.

Marcel Proust versucht in seinem Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mittels Erinnerung die Vergangenheit wiederzufinden – und er findet sie, plötzlich, durch den Geschmack von Lindenblütentee und Madeleines. Man nennt das mémoire involontaire. Benjamin sucht im Zurücktasten in seine Kindheit, in die Vergangenheit etwas anderes. Es ist die Zukunft. Benjamin ist nach vorne gerichtet – und schenkt seine Erinnerungen der Nachwelt, damit diese Zukunft gestalten kann. Er erhebt seine Erinnerungen über sich selbst als Person hinaus.

Und gerade das ist es, was Benjamin heute so lebendig macht. Er ist – noch immer! - berührbar und er berührt. Durch Sprache. Und wir können noch heute mit ihm sprechen. Im Gespräch sein. Benjamin scheint eben auch „ein sonderbares Gespinst von Raum und Zeit: eine einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“ zu sein.

Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Suhrkamp Verlag.

Donnerstag, 28. Mai 2009

Hilde Domin

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Diese Zeilen schreibt eine Frau, die mehr als ein Wunder in ihrem Leben erlebt hat und immer wieder dazu bereit war. Die Dichterin Hilde Domin gehört mit ihren Worten zu meinem Leben. Immer wieder kann ich mich in ihren Gedichten finden, erweitern ihre Worte meinen Horizont und immer wieder machen ihre lyrischen Wortverbindungen Mut. Ihre Worte klingen und lassen Melodien entstehen. Ihre Gedichte sind aber auch Statements. Hilde Domin zeigt sich. Sie zeigt sich in ihrem Schmerz und sie zeigt sich in ihrer Hoffnung. Innere und äußere Erlebnisse fasst sie in Worte. Und ihre Worte gehen weit über ein persönliches Erleben hinaus. Hilde Domin schenkt sich in ihrer Sprache, mit ihren Worten der Welt.

Lyrik
das Nichtwort
ausgespannt
zwischen
Wort und Wort.

Hilde Domin wurde 1909 in Köln geboren. Erst mit zweiundvierzig Jahren begann sie selber zu dichten. Das war nach dem Tod ihrer Mutter. Bis dahin hatte sie, obgleich selbst studiert und in Staatswissenschaften in Florenz promoviert, hauptsächlich ihrem Mann zugearbeitet. 1932 war sie mit Ernst Walter Palm zunächst nach Italien, dann über Großbritannien in die Dominikanische Republik emigriert. Denn Hilde Domin war Jüdin. 1954 kehrte sie, nach zweiundzwanzig Jahren im Exil, mutig und mit vielen Fragen nach Deutschland zurück. Dort wurde sie sogleich als Dichterin erkannt und gefeiert.

Es gibt dich

Dein Ort ist
wo Augen dich ansehen.
Wo sich Augen treffen
entstehst du.

Von einem Ruf gehalten,
immer die gleiche Stimme,
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen.

Du fielest,
aber du fällst nicht.
Augen fangen dich auf.

Es gibt dich
weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen
daß es dich gibt.

Hilde Domin nahm ihr Schicksal als Jüdin im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht persönlich. Sie hat gelitten, ja, unendlich gelitten. Sie hat Angst gehabt und musste fliehen. Dabei hat sie ihre Heimat verloren, ihre Eltern, ihre Freunde, sie musste alles hinter sich lassen, immer wieder. Aber sie hat auch Glück gehabt. Ja, sie hat zwar in diesen Jahren ihr Vater-land verloren - was sie sich aber durch alle Umstände, Provisorien und Übergänge erhalten konnte, das war ihre Mutter-sprache. Heimat hat sie im Wort gefunden.

Hand in Hand mit der Sprache
bis zuletzt

Es ist ihr anders ergangen als manchem Leidensgenossen. Vielleicht, weil sie nicht im KZ war. Paul Celan zum Beispiel ist an seinen Erlebnissen zerbrochen. Oder auch Ruth Klüger. Sie ist zwar Professorin für deutsche Literatur in den USA geworden, aber der erlittene Schmerz weicht nicht von ihr. Ihre Wunde blutet bis heute – und zeigt sich in ihren berührenden Prosatexten, die von Sarkasmus getragen werden. Und auch das ist ein Schicksal, vor dem ich mich nur verneigen kann. Hilde Domin hat Frieden gefunden. Irgendwie. Sie hat die Schönheit der Welt sowie ihre Hässlichkeit, das Glück ihres Lebens und auch ihr Unglück in sich vereinen können. Die Gedichte der Jüdin Hilde Domin bleiben ein leuchtender Stern am Himmel der Lyrik – besonders in Deutschland, trotz des Holocausts.

Ich setzte den Fuß in die Luft
und sie trug.

Hilde Domin ist 2006 gestorben. Es gibt einen wunderschönen Film über ihre letzten Lebensjahre. Der Film heisst: „Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin“. Anna Ditges hat ihn gedreht.

Alle Gedichte sind dem Band entnommen: Hilde Domin „Gesammelte Gedichte“. S.Fischer Verlag, Frankfurt, 1987

Montag, 27. April 2009

Über das Buch „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck

Liebe Christiane,
vor zwei Wochen hast du mir das oben genannte Buch mit der Bitte geschenkt, dass ich dir nach meiner Lektüre darüber berichten möge, was ich von dem Buch halte.

Ja, wie finde ich dieses Buch, was macht es mit mir? Ich habe es gelesen und bin verstört. Das ist zwar kein angenehmes Gefühl, aber die Leistung dieses Buches. Immerhin. Bücher – also Erzählungen und Geschichten - sind nicht immer Balsam für die Seele, angenehm, leicht oder voller Sonnenschein, obgleich manch einer von uns sich das sicher immer wieder wünscht. Ich werde versuchen zu beschreiben, warum mich das Buch verstört hat. Zunächst aber ein kleiner Überblick über den Inhalt – für all diejenigen, die ihn nicht kennen.

Der Protagonist des Buches ist ein kleines Häuschen an einem See in Ostdeutschland, ein scheinbar unscheinbarer Ort. Und im Verlauf des Buches erfahren wir von zwölf verschiedenen Menschen, oder auch menschlichen Konstellationen, die dieses Häuschen bewohnen, durch es hindurchziehen. Auf dem Klappentext ist zu lesen: „zwölfmal gewonnene, zwölfmal wieder verlorene Heimat – zwölf Lebensgeschichten eines deutschen Jahrhunderts […]“ Wir wandern durch die deutsche - bittere und schwierige - Geschichte. Aber weder chronologisch, noch gefällig. Sondern fragmentarisch, bruchstückhaft. Verbindende Elemente sind Wort- und Satzwiederholungen, sowie die immer wieder auftauchenden Kapitel über den „Gärtner“, der das Grundstück - offensichtlich durch die gesamte Zeit hindurch - pflegt.

Jedes Mal, wenn ich mich in ein Kapitel hineingelesen hatte, riß der Faden wieder ab. Das ist der Stil des Buches. Es werden Fragmente vorgestellt. Für den Leser ist es also in diesem Buch nicht möglich, sich an eine Person oder eine Figur zu halten, mit ihr mitzuleben. Nein, Konstanz bietet „nur“ das Häuschen. Und auf die Sprache eines Steinhauses zu hören ist zunächst eine ungewöhnliche Tätigkeit. Es gibt keinen expliziten Satz, in dem davon berichtet wird, was das Geschehen mit dem Gesamtgebäude macht, implizit jedoch entsteht eine besondere Aura die einen Flecken Erde mit einem Haus präsentiert, das aus den unterschiedlichsten Steinen zusammengefügt ist.

Mir scheint es so, als ob die einzelnen Steine des Gemäuers gerade aus den erzählten Lebensfragmenten bestehen. Fraglich bleibt, wie diese Fragmente miteinander verbunden werden, wie die Erzählung sich in sich und mit sich selbst verbinden lässt. Gefällige Verbindungsstücke liefert die Autorin in ihrem Text nicht.
Aber so, wie graphisch gesehen das Buch aus vielen Absätzen besteht, die die Steine bilden, bleibt für den Leser die Aufgabe, die Verbindung der losen Fragmente herzustellen. Und so eine Verknüpfung lässt sich nur mit sich selber herstellen – und auf diese Weise wird der Leser zum Haus, wenn er in das Geschehen hineinkommen will.

Es bleibt also nur die Möglichkeit eine ungewöhnliche Lese- und Identifikationsperspektive einzunehmen, nämlich, sich in den steinernen Protagonisten einzufühlen. Er ist die nebensächliche Hauptperson. Menschen gehen ein und aus. Suchen ihr Heim. Verweilen längere oder kürzere Zeit, sind glücklich, zufrieden, ängstlich oder aufgeregt. Jung oder alt, Mann oder Frau. Intentionen werden mitgeteilt – oder auch nicht, manchmal die Vorgeschichte, eigentlich nie das, was danach kommt. Obgleich das Geschehen zwar durch eine längere Zeit erzählt wird, ist innerhalb der Handlung immer Gegenwart. Und das produziert auf der einen Seite das Gefühl eines ewig langen Zeitraums. Eben jenes Zeitraums, das einem Haus zugemessen werden kann. Auf der anderen Seite wird aber die jeweilige Momentaufnahme, die Episode, die die Menschen in diesem Heim entstehen lassen, in den Vordergrund gehoben.

Diese Momente, ja Momentaufnahmen wie Fotographien sind es, die die Spannung erzeugen und den Leser konfrontieren. „Heimsuchung“ heißt das Buch – und es suchen nicht nur Menschen ihr Heim, sondern das Haus sucht sich selber. Die Menschen können es nicht mehr. Heimat lässt sich nicht durch ein paar Steine, einen See und einen Garten herstellen, sondern nur aus einem selbstgeschaffenen Innenraum. Und so bleibt, am Ende der Erzählung eine Grube, in der einmal ein Haus gestanden hat.

Mich hat das Buch verstört, weil das Haus zerstört wird.

Sei herzlich gegrüßt!
Sophie