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Sonntag, 19. September 2010

Identitätsverleugnung. Lügen auf Deutsch

Der warme Sommermorgen wurde von stillen Sonnenstrahlen umringt. Die prächtigen Gebäude machten weiterhin sichtbar, dass sie zwar noch stünden, aber einer liebevollen Restaurierung bedürften. Die Zeit ist stehengeblieben. Hier und da fällt ein Stück Putz von einer Fassade ab, Vögel landen auf dem Fußweg und picken etwas auf, Mülltonnen stinken vor sich hin. Das Licht mahnt Vergangenes an.

Vor siebzig Jahren stand die Stadt in Feindesland. St. Petersburg. Erbitterte Kämpfe brachten die Menschen zu Fall. Leid, Angst, Elend und Bitterkeit beherrschte die Menschen. Der Tod wütete überall. Die Deutschen waren es, die den Krieg anzettelten. Und sich später schuldig bekannten. Gelitten haben alle.

In jedem Geschichtsunterricht werden die verwirrenden Fakten besprochen, die verworrene Lage klargestellt und die Verantwortung deutlich gemacht. Es dauerte eine Weile, bis sich die Deutschen wieder zeigen konnten, bis sie zu einer – ihrer? – Identität zurückfanden. Bis sie wieder locker bekennen konnten Deutsche zu sein. Trotz der historischen Schuld.

Anna ist lange nach dem Krieg geboren worden. In aufgeklärtem Elternhause aufgewachsen. Sie läuft die alte Straße entlang. Am Sonntagmorgen, im stillen Sonnenschein, mit den übel riechenden Mülltonnen auf den Bürgersteigen. Sie sucht ein Haus. Obgleich es auch in ihrer Familie Opfer, Entbehrung und Leid gab – die Heimat musste verlassen werden, Grund und Besitz gingen verloren und es gab Tote zu beklagen – Nazis kannte sie nur aus Erzählungen, aus der Geschichtsbetrachtung eben.

Manchmal fragt sich Anna, warum sie sich in Deutschland inkarniert hat, warum sie eigentlich Deutsche sei. Da sie weder Schmidt, Schulze, noch Müller oder Meyer hieß, lud ihr Nachname oft dazu ein, sie für eine „Ausländerin“ zu halten. Wo sie herkäme, ob sie Deutsch verstünde oder sogar spräche… diese Fragen und Annahmen kannte sie. Und das hinterließ jedes Mal eine tiefe Verwirrung in ihr. In diesen Momenten fühlte sie sich sehr deutsch. Und zugleich in Frage gestellt.

Anna läuft betrachtenden Schrittes die Straße entlang. In St. Petersburg. Sie ist eine Touristin. Eine interessierte Mitbürgerin. Fühlt sich als verantwortungsvoller Mitmensch im 21. Jahrhundert. Sie sucht das Besatzungsmuseum. Auch dies: ein dunkles Kapitel der Geschichte. Die Deutschen haben im Zweiten Weltkrieg die Stadt 900 Tage belagert. Ausgehungert. Entsetzliches Leid ist damals geschehen.

Das Museum ist von außen kaum zu erkennen. Auch hier: bröckelnde Fassaden, eine vernachlässigte Gegend. Aber die Sonne scheint warm auf alles herab. Das Schild ist klein und nur in kyrillischen Buchstaben geschrieben. Wie bekannt ist es eigentlich, dass es eine Belagerung der Deutschen gab, und dass es heute dieses Museum gibt? Zukunft braucht Erinnerung.

Anna tritt mit ihrem Begleiter in den Eingang des Museums. Alles ist hier vollgestellt. Die Luft ist trocken, muffig und alt. Bruchstücke von Bomben, Granaten, Panzern und Gewehren bilden den Empfang. Ob das nun russische oder deutsche Geschütze sind, lässt sich auf die Schnelle nicht feststellen. Auf den riesigen Bildern aber, die die Wände zieren, lassen sich Generäle der Roten Armee erkennen. Der starke Russe ist deutlich präsent.

Die beklemmende und zugleich verstaubte Atmosphäre wird von einer munteren Russin durchbrochen. Sie kommt strahlend auf Anna und ihren ebenfalls deutschen Begleiter zu. Sie spricht Russisch, Deutsch und Englisch zugleich. Ein Kauderwelsch, von dem sich nicht alles, aber doch einiges verstehen lässt. Anna begreift, dass die Russin selber Zeugin der Belagerung war. Ein hungerndes, verängstigtes, verlassenes Kind damals. Sie hat überlebt. Und will nun zeigen was damals war.

Plötzlich fragt die Russin, ob die beiden aus Kanada, Amerika oder England seien. Und Anna antwortet blitzschnell, dass sie Engländer seien…

Was ist in diesem Moment passiert, in dem die Vergangenheit plötzlich zur Gegenwart wurde? Beklemmende Betroffenheit überhandgenommen hat. Hat sich Anna mit der Schuld der vorangegangenen Generationen identifiziert – und gleichzeitig mit der Last dieser Schuld nicht mehr gerade stehen können? Warum verleugnet sie sich – so plötzlich? Welche Identität präsentiert sie als Teil deutscher Geschichte?

Neulich hat mir eine Freundin, die vornehmlich in der französischen und englischen Sprache lebt, mit mir aber Deutsch spricht, gesagt, dass man auf Deutsch nicht lügen könne, weder grundlos noch galant, dass diese Sprache auf einer Wahrhaftigkeit bestünde, die es nicht möglich mache – ganz anders offensichtlich als im Französischen oder Englischen – etwas zu sagen, was nicht stimme. Sie begründete das mit der ehrlichen und differenzierten Begrifflichkeit, der nuancierten Welt der deutschen Wörter.

Anna ist verwirrt. Sie ist Deutsche. Und das ganz ohne Probleme. In St. Petersburg aber, in einem Museum über die Belagerung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, spricht innerhalb von Zehntelsekunden eine Stimme in ihr, die ihre Herkunft verleugnet. Geschah das aus Takt der Russin gegenüber? Oder steckt etwas anderes dahinter?

Wie geht man als Engländer durch diese Welt mit ihrer Geschichte, als Russe, Holländer oder Amerikaner? Wie viel unserer nationalen Vergangenheit tragen wir unsichtbar auf unseren Schultern? In wie fern repräsentieren wir heute, im Zeitalter der Globalisierung, Nationalität? Deutsch zu sein kann bedeuten, aufrichtig mit Schuld und Lüge umzugehen – es schließt aber nicht aus, sich schuldig zu machen oder zu lügen.

Mittwoch, 4. August 2010

Irdische Hinterlassenschaften – die Wohnungen von Puschkin und Dostojewski

In eine fremde Stadt zu kommen, heißt für mich zunächst unbekannte Luft zu atmen. Sie ruft mich dazu auf, Anknüpfungspunkte zu suchen um irgendwie anzukommen. Mich einzuordnen. Was klingt und schwingt in der Stadt St. Petersburg? Wofür öffne ich mich, worauf richte ich meine Aufmerksamkeit? Ich weiß also nicht, was ich suche und gehe doch so durch die Stadt, als ob es etwas zu finden gäbe. Neben meiner generellen Sympathie für die Stadt und dem geschichtlichen Interesse seines Auf und Nieder ist es natürlich die Literatur, die mir Tore zur verborgenen Seite der Stadt öffnet.

Wir wohnen in einer Ferienwohnung direkt an der Newa, einige Minuten von der Eremitage entfernt. Die Straße ist vierspurig und Tag und Nacht rattern die Autos darauf, als sei sie eine Autobahn. Tags ist der Fluss voller kleiner Boote, nachts, wenn die Brücken hochgefahren werden, rauschen große Schiffe lautlos an unseren Fenstern vorbei. Das prächtige Haus in dem wir wohnen – nachts mit Lichterketten beleuchtet - ist zweigeteilt. Die Wohnung ist groß, hell und mit Ikea-Möbeln eingerichtet. Und das Treppenhaus ist ein alter, dunkler, schlechter und vor allem dreckiger Albtraum. Eine unvereinbare Zweiteilung, die es noch öfters in der Stadt zu finden gibt.

Wie steht es aber zwischen den St. Petersburger Dichtern und mir? Ich hatte einmal eine beeindruckende Tolstoi-Phase in meinem Leben. Das ist lange her. Er hat zwar in der Nähe, aber gar nicht in der Stadt gelebt. Dostojewski habe ich gelesen. Den großen Roman „Schuld und Sühne“ und kleinere Erzählungen. Ich erinnere mich an jede Menge dunkler und kalter Szenen – während ich warm in meinem Bett lag und innerlich in den Weiten Russlands verschwand. Auch habe ich einen Band mit Gedichten – russisch/deutsch. Puschkin natürlich, den großen Nationaldichter. Ich lese dann aber doch lieber die deutsche Übersetzung, die russischen Buchstaben kann ich zwar zu Worten zusammensetzen, aber in meiner Sprache nicht wiederfinden…

Es gibt eine ganze Menge Petersburger Dichter, die sehr berühmt geworden sind. Puschkin, Anna Achmatowa, Marina Zwetajewna… Sie sind alle längst tot und Literatur lässt sich überall lesen, wenn sie denn übersetzt und erhalten wird. Was gibt es also in ein paar Tagen in Petersburg, der Wiege der großen Revolution, diesbezüglich zu erleben? Was die Zeit überdauert hat sind Häuser. Nicht alle natürlich, aber viele. Und so lassen sich Wohnungen oder Häuser berühmter Menschen besuchen – wenn sie denn von ihrer Nachwelt erkannt worden sind.

Das Wort Wohnung bedeutete in althochdeutscher Zeit „zufrieden sein“ – es ist also ein geschützter Ort, der nicht nur leiblichen Schutz bietet, sondern offenbar auch seelischen. Ein friedlicher Ort. Im Mittelhochdeutschen verändert sich die Bedeutung dann, unser heutiges „Wohnung“ bedeutete damals „Gewohnheit“. Die Wohnung wird also ein Ort, den man gewohnt ist, der zum alltäglichen Leben dazugehört – die seelische Geborgenheit scheint nicht mehr im Vordergrund zu stehen. Trotzdem haben fremde Menschen an so einem Ort eigentlich gar nichts zu suchen.

Im Falle der beiden Herren Dostojewski und Puschkin, deren Wohnungen wir besucht haben, haben wir es auch nicht mehr mit einer einfachen Wohnung zu tun. Nein, diese Wohnungen sind zu Museen avanciert. Und ein Museum ist ursprünglich ein Heiligtum der Musen. Ohne Menschen verfallen Häuser, wenn die Bewohner nicht mehr da sind, muss man sich überlegen, was mit der verlassenen Bausubstanz passiert. In welchem Verhältnis stehen nun aber die Behausungen der Dichter und das heutige Museum?

Ja, dazu kann ich natürlich gar nichts sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich damals dabei war. Puschkin ist vor fast zweihundert Jahren gestorben. Er war nur 37 Jahre alt und ist an den Verletzungen eines Duells verblichen. Er hat am Ende seines Lebens ganz in der Nähe des Zarenpalastes gelebt – diese Wohnung kann man heute betreten. Und was da nicht alles gezeigt wird. Den handgeschriebenen Mietvertrag, Manuskripte, Alltagsgegenstände, die Tür, durch die er nach der Verletzung getragen wurde, und, und, und.

Es ist schön, so einen irdischen Ort besuchen zu können, weil wir ja selbst alle auf der irdischen Welt leben und wenig andere Möglichkeiten haben. Aber spüren lässt sich in der Wohnung nicht mehr viel. Da scheint doch der Griff nach den literarischen Hinterlassenschaften mehr zu bieten.

Bei Dostojewski ist das etwas anders. Er hat in mindestens zwanzig Wohnungen in Petersburg gelebt, vornehmlich in Eckhäusern, mit Blick auf eine Kirche. Jeder Reiseführer hat ein Kapitel, das den Weg durch Dostojewskis Hinterhöfe beschreibt und ein anderes Petersburg zeigt, als es durch die Zaren repräsentiert wurde. Dostojewski hat Russland mit seinen dunklen Seiten im Ausland sehr bekannt gemacht. Die Wohnung, die wir anschauen, hat eine enigmatische Ausstrahlung.

Denn auch diese letzte Wohnung ist heute natürlich ein Museum – ein Heiligtum also, in dem nichts berührt werden darf – aber überrascht war ich schon, denn die finsteren, verfallenen und dreckigen Hinterhöfe passten mit dieser Wohnung so gar nicht zusammen. Seit Dostojewskis Tod sind 130 Jahre vergangen – wer weiß, was in dieser Zeit alles in und mit diesem Haus geschehen ist. Die Streichholzschachteln aber, die es in dem Souvenirladen zu kaufen gibt, sind mit Bildern eben jener verfallenen Häuser und Höfe geschmückt, die einem das alte Russland näher bringen. Ein Souvenir also, das ich nach Deutschland mitnehme.

Verlassene Wohnungen, in denen seinerzeit so richtig gelebt wurde und unglaubliche Texte entstanden sind, und die dann zu toten Museen avancieren, transportieren eben doch etwas mehr, als die übersetzten Worte, die ich, fern vom Ort des Geschehens in der warmen Sommersonne lesen kann. Wenn ich heute ein Gedicht von Puschkin lese, oder in eine Erzählung von Dostojewski eintauche, dann wandere ich innerlich durch die Wohnungen, die ich in Petersburg betreten habe – auch wenn ich nicht weiß, wie viel sie mit ihren einstigen Bewohnern noch gemein haben.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Eine Stadt im Osten: St. Petersburg

Städte werden von Menschen geplant, gebaut, bewohnt, zerstört, verherrlicht oder verkannt. Städte entstehen nicht ohne menschlichen Willen. Die Idee einer Stadt lebt in Köpfen und Herzen, die Umsetzung einer Stadt geschieht durch die Arbeit von Menschenhänden. Städte bestehen aus Häusern und Gebäuden, Straßen und Plätzen – durch verschiedene Anordnungen und das Arrangement von Steinen, durch das Verhältnis von Natur und Kultur. Menschen prägen Städte und Städte prägen Menschen.

Peter der Große hat um 1700 eine Reise nach Europa gemacht. Er suchte Anregungen um sein Land zu modernisieren. Besonders fasziniert hat ihn die Stadt Amsterdam mit dem vielen Wasser und den dazugehörigen Schiffen. Da er nicht nur einen starken Willen besaß, sondern auch noch Macht und unerschöpfliche Mittel, wurde 1703 mit dem Bau der Stadt Sankt Petersburg begonnen. Seine Wahl fiel auf die Newa-Mündung, ein sumpfiges Gebiet am Finnischen Meerbusen. Hier entstand am Ostseeufer das offene Fenster zu Europa.

Bereits 1706 wurde St. Petersburg zur Hauptstadt des Landes, denn sie war als solche konzipiert und wurde auch als solche realisiert. Viele Tausende von Leibeigenen haben die Stadt errichtet – viel Blut ist geflossen - und der Adel siedelte sich in prächtigen Gemäuern an. Zweihundert Jahre lang haben die Zaren in St. Petersburg geherrscht, bis sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der russischen Bühne abtreten mussten. Es folgten Revolutionen und Aufstände, Neuorientierungen und dann 900 Tage Belagerung durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg sowie 70 Jahre Sozialismus.

All dies hat die Stadt über sich ergehen lassen. Auch heute noch ist sie eine prächtige Millionenstadt – die nördlichste Europas. Wenn eine Stadt einmal da ist, dann erträgt sie geduldig, was die Menschen in und mit ihr anstellen. Sie zeigt unumwunden ihre Wunden neben ihrer vergangenen Pracht. Schriftsteller wie Dostojewski, Puschkin oder Belyj erzählen die Geschichten von Einzelschicksalen – eingebettet in die Hinterhöfe der Stadt und die Intrigen der Mächtigen.

Weder im alten noch im sozialistischen Russland war es den Menschen vergönnt, ihre Individualität herauszustellen, auszuprägen, geschweige denn sie auszuleben. Die Fähigkeit sich unter- und einzuordnen kann man auch heute noch wahrnehmen, zum Beispiel im Ballett. Fasziniert bin ich den Tänzern mit meinem Blick über die Bühne gefolgt. Kein Schwan ist vom anderen zu unterscheiden, kein Tänzer vom anderen. Aber auch der Gesichtsausdruck eines Verkäufers in einem kleinen Produktui-Laden, der eines Verkäufers von Eintrittskarten, eines Busfahrers oder Bootsführers ist nicht zu entschlüsseln. Die Menschen wirken verschlossen und unnahbar – was innen geschieht bleibt verborgen.

Junge Brautpaare lassen sich an allen prominenten und erhabenen Orten fotografieren. In der Eremitage, in Peterhof oder in prächtigen Kirchen. Stolz oder hochmütig wirkt aber niemand. Man nimmt den Lauf der Dinge, und bewegt sich zwischen den jeweiligen Kulissen, die das Zentrum der Gegenwart bilden. Die russische Sprache ist allgegenwärtig, knapp dreihundert Millionen Menschen sprechen Russisch, als Tourist tut man gut daran, wenigstens die kyrillischen Buchstaben entziffern zu können um sich zu verständigen.

Die weißen Nächte im Sommer lassen die Nacht zum Tag werden. In diesen Wochen schläft kaum jemand. Die Brücken- und Uferfassaden sind in der Dämmerung hell erleuchtet und die Menschen sind in der nächtlichen Metropole unterwegs, als wenn es später Nachmittag wäre. Man sitzt, steht und läuft miteinander, trinkt, redet oder fotografiert sich. Der Newski-Prospekt – prominenteste Straße der Stadt – ist sechsspurig, und die Geschwindigkeit der an Straßencafés vorbei rauschenden Autos weit über unserer Gewohnheit. Straßenlärm und Pracht liegen nah beieinander. Ihren herausgehobenen Status wird diese Straße gewiss nicht verlieren.

Der Blick auf die zurückliegende Geschichte lässt manches der verwirrenden Zeugnisse verstehen. Als Frage bleibt, was das russische Volk vorhat. Die Stadt, die für uns im Osten und für das unermessliche russische Reich im äußersten Westen liegt, ist nicht unbedeutend, nein, hier wirken gewaltige Kräfte, die gelenkt werden wollen. Mich hat die Metropole betroffen gemacht.

Wohin geht die Reise der Stadt, werden die Russen erwachen und wird die Blüte St. Petersburg aufs Neue erblühen?