Freitag, 21. Mai 2010

Pfingsten. Sprachliche Verwirrungen und Entwirrungen

Walter Benjamin macht sich in seinem zu Lebzeiten unveröffentlichten Sprachaufsatz „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“ aus dem Jahr 1916 Gedanken über vier unterschiedliche Sprachformen. Er beschreibt die „Göttliche Sprache“, die durch das Wort erschaffend, bildend und konstituierend wirkt. „Und Gott sprach: es werde Licht. Und es ward Licht.“ Dann beschreibt er die „Adamitische Sprache“, die den Dingen ihrem Wesen nach einen Namen gibt. Ausdruck und Wesen eines Dinges sind in dieser Sprache äquivalent. Diese beiden Sprachen haben ihre Blüte im Paradies – vor dem Sündenfall.

Nach dem Sündenfall entstehen zwei weitere Sprachformen: die „Urteilende“ und die „Stumme“ Sprache. In der „Urteilenden Sprache“ werden die Dinge zu Objekten, zu Gegenständen, die außerhalb des Sprechers ihren Platz haben. Benjamin spricht vom richtenden und dem getrennten, urteilenden Wort. Sprechendes Subjekt und besprochenes Objekt sind deutlich voneinander unterscheidbar. Die Sprache hat ihre erschaffende und wesenhafte Kraft verloren.

Was durch diese Entwicklung entstanden ist, ist die „Stumme Sprache“. Denn nun beginnen die Dinge - ihrem Wesen nach - von sich aus zu sprechen, sich auszusprechen und treten in einen Kommunikationsprozess mit anderen Dingen, Objekten oder eben mit dem Menschen. Die „Stumme Sprache“ spricht sich im schweigenden Ausdruck der Dinge aus – der nicht minder aussagekräftig ist.

In der „Urteilenden Sprache“ hat der Mensch eine bestimmende Rolle zugewiesen bekommen. Denn ihm wurde vom Schöpfer nicht nur die Sprache mitgegeben, sondern auch die Möglichkeit zu benennen. Die „Dinge“ werden nun durch den Menschen benannt, genannt - es ist dem Menschen gegeben, Wortschöpfungen zu vollbringen und den Dingen einen Namen zu geben, der, im Unterschied zur „Adamitischen Sprache“, eine Beurteilung in sich birgt. Dem Menschen obliegt also Verantwortung gegenüber „dem Ding“ und der Sprache „über das Ding“.

Mir fällt dazu immer wieder die Geschichte des Turmbaus zu Babel aus dem Alten Testaments ein. Die Menschheit wird wegen ihres Hochmuts und ihres Urteils durch Gott mit einer Sprachverwirrung bestraft. Die ursprüngliche, gegenseitige Verständigung - über das Wort, die Sprache - führte zu einer Sprachenvielfalt, die es mit sich brachte, dass sich die Menschen nicht mehr verstehen konnten und viele unterschiedliche Sprachen benutzten. Heute gibt es etwa 6500 verschiedene Sprachen, von denen viele vom Aussterben bedroht sind.

Die Sprachverwirrung hat zur Ausbildung unterschiedlicher Fähigkeiten, Eigenheiten, Gewohnheiten und Ausprägungen der verschiedenen Völker geführt. Ein Verständnis war nicht mehr mit allen möglich, es sind Gruppen, Sippen, Völker entstanden, die ihre eigenen Ausdrucksweisen entwickelt und gepflegt haben. Um sich in verschiedenen Sprachen zu verständigen, ist es nötig geworden sich aufeinander zuzubewegen, Verständnis zu entwickeln, sich eine andere Sprache anzueignen, zu verstehen und sich neu auszudrücken.

Man möge einmal dem Gedanken nachgehen, was es für das Wesen von „Milch“ bedeutet, wenn es in unzähligen Sprachen benannt werden kann. Wo spricht sich ein Urteil und in welchen Worten ein Wesen aus?

Die Fähigkeit, unterschiedliche Sprachen zu sprechen ist eine Bewegung, die sich vom Ich zum Du bewegt und zu einem neuen Miteinander auf horizontaler Ebene führt. Die Erde ist von einem reichen und vielseitigen Sprachnetz umschlungen, das sich an verschiedenen Orten und durch verschiedene Menschen, die die Sprachen sprechen, durchdringt. Die Fähigkeit des Sprechens, Sprache an sich, ist jedem Menschen prinzipiell gegeben – wenn er in einem sozial miteinander kommunizierenden Netz lebt. Wir sprechen von der Muttersprache die jedem Erdenbürger auf unterschiedliche Weise zur Verfügung steht. Ausgehend von dieser Muttersprache lassen sich weitere Sprachen erlernen und somit den eigenen Sprachhorizont erweitern.

Das hat uns die Sprachverwirrung gebracht, die durch den Turmbau zu Babel über die Menschheit gekommen ist.

Jede Sprache ist und hat eine eigene Welt, die keine Türen oder Schranken besitzt. Sprachen sind gleichzeitig geschlossene und offene Welten. Jede für sich. Wenn wir wollen, so können wir eine uns unbekannte Sprache erlernen – niemand oder nichts kann uns davon abhalten. Sprache ist ein verbindendes, offenes Glied zwischen Menschen. Wenn sich zwei Menschen aufeinander zubewegen die keine gemeinsame Sprache haben, dann werden andere Zeichen als Worte eingesetzt, um sich zu verständigen. Handzeichen, Symbole, Gestik und Mimik. Körpersprache wird benutzt und die Kommunikation auf das Wesentliche, das Wesenhafte dessen was mitgeteilt werden soll, herunter gebrochen.

Nun nähert sich in diesem Jahr wieder das Pfingstfest. Und von Pfingsten wird im Neuen Testament erzählt, dass das, was die Jünger damals verkündeten, in der je eigenen Sprache desjenigen zu verstehen war, der sein Herz geöffnet und den Erzählungen gelauscht hat. Worte verschiedener Sprachen wurden für die Menschen verständlich. Gerade das Gegenteil der Sprachverwirrung beim Turmbau von Babel trat ein. Möglich, dass gerade die „Stumme Sprache“ sich offenbart hat und die unsichtbaren, unscheinbaren Dinge sich durch sich selbst nun aussprechen können. Sprache hat sich entwirrt.

Die Vielheit der Sprachen birgt ihr Wesen in der Sprache an sich, die sich von Mensch zu Mensch bewegt. Mit Worten oder ohne Worte. Dem Menschen ist es gegeben, auf die verschiedenen Sprachen zu lauschen und durch sich sprechen zu lassen. „Jede Wahrheit hat ihr Haus, ihren angestammten Palast, in der Sprache“ - schreibt Walter Benjamin an Hugo von Hofmannsthal am 13.1.1924.

Freitag, 14. Mai 2010

Warum ich schreibe. Vom Ich zum Wir

Anfangen – jeder Schreibprozess hat einen Anfang. Der Abgrund will überwunden werden. Ich wähle einen Moment, der mir einen Beginn ermöglicht. Ohne diesen tatsächlich ergriffenen Augenblick entsteht auf dem Papier - und dem Computerbildschirm - nichts. Anfangen heißt loslaufen, weitergehen, Möglichkeiten schaffen, eröffnen – eben beginnen.

Buchstaben
– ich nutze die 26 Buchstaben unseres Alphabets, um die passenden Worte zu bilden, zu kombinieren, sich begegnen zu lassen. Dafür begreife ich sie, fasse sie an und schmecke sie um dann von meinen Funden zu berichten.

Chaos
– ein belebender Aspekt in der Sprachwelt. Gedanken, Stimmungen, Ideen… Ein Schreibprozess nutzt das kreative Chaos um etwas Neues zu erschaffen, Signale zu setzen, um Farben zu kombinieren, neue Blickwinkel einzunehmen.

Dichter – dichte Worte, verdichtete Kombinationen, dichterische Freiheit, gedichtete Bilder. Dichter und Gedichte mag ich sehr.

Erwägen - erfassen, erdichten, ergreifen, ergötzen und erbrechen, erschrecken, erkennen und erstarren. Erinnerungen festhalten. Enden.

Fantasie – ist zum Schreiben notwendig. Wenn ich dumpf bin, kann ich nicht schreiben. Worte fordern innere Beweglichkeit, Plastizität, polyphone Bilder – fantastische Texte entstehen durch fantasievolle Eingangstore.

Gewebe
– ich webe mit Worten und produziere Geschriebenes. Aus meinen Gedanken entstehen unterschiedliche Muster, die geduldig warten gewichtet zu werden. Von der Gabe zur Aufgabe – ohne aufzugeben oder anzugeben. Eben frei etwas zu geben und die Grenzen zu wahren.

Handeln – Schreiben ist Handlung, Tat und „geronnener Wille“. Texte sind Abenteuer und unübersehbare Unterfangen – Höhen und Tiefen inbegriffen.

Ich – zu meinem Ich stehe ich, wenn ich schreibe und veröffentliche. Ohne mein Ich geht es nicht - dazu muss ich stehen und darf nicht sitzen. Intertextuelle Diskurse schreiben sich über Worte fort und bereichern individuelle Entfaltungskräfte. Intuition, Inspiration und Imagination.

Ja sagen – auch wenn es unbequem ist. Mich im Tanz von Ja und Nein mit drehen und wenden, die Polaritäten berühren und abwägen, jetzt ja sagen, den Job ernst nehmen und Jazz dabei hören.

Können – mein Können auf die Probe stellen. Kommentare erwarten, Kreativität einsetzen, Klagen erinnern und klug erwidern.

Lesen – was andere geschrieben haben. Lesen und fühlen, wie sich Worte bewegen, welche Bilder entstehen. Menschen und Situationen, Ereignisse und Geschehnisse lesen, um zu erschreiben, was das Lesen in mir beschreibt.

Mut – Beherzt das Wort ergreifen. Schrift einsetzen. Mut mich im Schreiben zu zeigen. Mut Dinge auszudrücken, die des Mutes bedürfen. Multiplikator werden. Und manchmal müde sein - vor lauter Unerschrockenheit.

Niederlagen
– annehmen, einstecken und verwandeln. Transformieren.

Ohnmacht – Ohnmacht erleben, wenn die Worte nicht kommen, wenn die Buchstaben sich verdrehen, wenn erstarrende Stille entsteht, wenn Stummheit sich ausbreitet und kalt alles verschweigt.

Pläne – planen und verwirklichen, ergreifen und loslassen. Konzepte erstellen und ausklamüsern, Ideen aushecken und austüfteln, damit Pläne zu Ereignissen werden, damit Wunsch zu Wille wird. Planen und ändern – immer wieder neu.

Quadratisch – mit Ecken denken und Tangenten einbauen, aber den Umkreis nicht vergessen und die geometrischen Gebilde in Worte fassen.

Rufen – mit stillen Worten und durch geduldige Schrift. Anrufen, durchrufen und alarmieren. Vom Zuruf zum Aufruf, vom Sprecher zum Hörer, vom Schreiber zum Leser.

Stimme – meine eigene Stimme suchen und finden. Ihren Worten vertrauen, Spuren verfolgen und in geduldige Schrift umsetzen, die stumme Sprache zum sprechen bringen, schreiben um etwas zu sagen und die Quelle der Stimme zu sein.

Tippen – Worte auf der Tastatur eintippen und mein soziales Netz damit antippen. Mich trauen zu texten und Texturen zu erstellen, damit Diskurse eröffnet und geführt werden können. Mir treu bleiben und mich trauen zu schreiben.

Unsicher – unerkannt bleiben in der Unsicherheit. Ohne Rüstung und doppelten Boden in die Sichtbarkeit treten.

Verständnis – verstehen und um Verständnis werben. Einblick gewähren in die Werkstatt der Worte, mit Gespür, Takt und Fingerspitzengefühl. Ohne Verständigung verstehen wir uns nicht.

Wir – vom Ich zum Wir. Am Anfang war das Wort. Mit Worten einen Weg gehen, Brücken bauen, weben und Sätze im Dschungel des Alltags bilden. Vom Ich zum Du im Zwischenraum über die Sprache.

Zweifel – den Zweifel ernst nehmen und überwinden. Er führt mich, wenn ich mich nicht überführen lasse. Der Zweifel ist ein Kreativitätspotenzial, der sich gerne in den Arm nehmen lässt. Vom zaudern, zögern und zagen zum zwielichtigen Zwischenbericht.

Schreiben, um vom Ich zum Wir zu gelangen und die eigene Stimme erklingen zu lassen.

Samstag, 8. Mai 2010

Firenze. Die Stadt der sonnenbeschienenen Schatten

Firenze vermittelt Wärme. Dunkle Wärme. Die Stadt im Süden kommt körperlich direkt bei mir an – wenn ich an sie denke. Lebensgeister regen sich. Woher kommt das? Ich bin schon oft dort gewesen. Und jedes Mal habe ich wieder erlebt, dass die Stadt „tot“ ist. Immer wieder entstand das starke Gefühl, dass die Stadt von ihrer Vergangenheit lebt, von ihr zehrt und sich noch immer an ihr labt.

Da gab es die Renaissance und mit ihr die unendlich vielen prächtigen Bauten. Diese Steine sind geblieben. Noch heute kann man durch Straßen gehen, durch die auch schon die Meister der Platonischen Akademie vor über 500 Jahren gegangen sind. Und recht viel anders wird es nicht aussehen. Das ist zumindest das erste faszinierende Element: Im 21. Jahrhundert lässt sich Firenze so wahrnehmen, als wenn das Mittelalter gerade erst zu Ende gegangen wäre und die Knospe der Neuzeit kurz vor dem Aufbrechen ihrer eigenen Blüte stehen würde.

Die Stadt präsentiert sich auch so. Sie stellt ihre Kunstwerke aus, Gemälde und Skulpturen, lädt in Paläste, Kirchen und Bauten ein, die in der Anzahl auf so kleinem Raum ihres gleichen vermissen. Philosophen, Dichter und Humanisten werden zitiert, der Aufbruch der damaligen Zeit ist in seiner plötzlichen Erstarrung wahrnehmbar.

Irritierend sind die vielen Touristen aus aller Welt - aber die lassen sich beim Schlendern durch die steinerne Stadt auch irgendwie wegdenken. Ich selber bin ja auch nichts anderes als eine deutsche Touristin, die durch alte Zeiten flaniert. Die große, unbeantwortete Frage ist, was mit den Menschen von damals geschehen ist, ihren Intentionen, ihren Gedanken, neuartigen Ideen und vielen Vorhaben. Die stoffliche Hülle ist weiterhin anwesend, die feinstoffliche gilt es aufzuspüren.

Das Zweite, was mich immer wieder erstaunt, ist die Tatsache, dass die Gebäude sprechen. Die warmen Steine geben etwas von sich preis, wenn man in sie hinein lauscht. Und sie wissen nichts von der heutigen Zeit. Gar nichts. Sie sprechen, klingen und raunen von damals. Etwas Unverständliches. Und sie tun so, als ob nichts geschehen wäre. Sie verhalten sich so, als ob Lorenzo de Medici gleich um die Ecke kommen würde, um sich mit seinen Freunden darüber zu beraten, wann und wo das nächste Dichterfest gefeiert werden solle.

Firenze ist verhaftet. In seine Geschichte. Die Stadt ist tot und lebt gleichzeitig weiter. Ein steinernes Mahn-Mal, denn sie beharrt auf der Gegenwart des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Die Stadt mahnt. Und so erscheint es auch mir, dass ich eine Zeitreise mache und darin gefangen werde. Innerlich finde ich mich in der damaligen Zeit wieder. Was hat das mit heute zu tun?

Zwei unterschiedliche Gefühlsräume entstehen, zum einen: Vertrautheit, Zuhause und Aufgehoben sein und Lebensfreude. Das andere Gefühl aber ist fast gegensätzlicher Natur, es ist mit Gefahr, Zeichensetzung, gewagten Neuerungen und Über-die-Stränge-schlagen zu umreißen. Es ist etwas schief gelaufen, damals. So richtig schief.

Ein schweigender Schatten liegt heute auf der Stadt. Auch damals gab es eine Unterwelt, dunkle Geschichten und Machenschaften – aber die hatten einen anderen Duktus als der traurige, stumme Schatten, der heute über der sonnenbeschienenen und noch immer leuchtenden Stadt am Arno liegt. Es gibt nicht viele Städte, über die so viel publiziert wurde und viele Autoren sind auf die eine oder die andere Weise damit beschäftigt gewesen, das Unsichtbare sichtbar zu machen – was aber wohl noch niemandem gelungen ist.

Damals wurde das Versprechen eines neuen Menschenbildes gegeben. Die Mission Dantes, Petrarcas oder Picos ist eindeutig so zu verstehen – aber die Ideen der Humanisten sind im Verlauf der Geschichte in den Hinterhalt geraten, sie sind versteckt und verdeckt worden, sind aus der Sichtbarkeit verschwunden. Die Steine von Firenze bewahren das Versprechen. Es ist das große Heimweh und die Sehnsucht nach Zukünftigem, einem humanistischen Menschenbild, das aus der Vergangenheit heraus gebrochen werden muss.

Das alte - philosophische - Athen wurde in Firenze wiedergeboren. Ist dort wieder erwacht, hat geblüht und ist dann in seiner eigenen Erinnerung versunken. Wird es nun, noch einmal 500 Jahre später, an einem anderen Ort eine neue Renaissance-Blüte geben, die aus Athen und Firenze - der Stadt am Arno - geboren wird? Die Frage bleibt, wo gegraben werden muss, damit das, was unvollendet geblieben ist, ans Licht kommt. Und damit ich verstehe, woher das warme und gleichzeitig beklemmende Herzklopfen kommt, wenn es um Firenze geht.

Die Steine werden es uns nicht erzählen – sie bleiben bei der alten Geschichte. Es gilt den feinstofflichen Schatten anzuschauen, den sonnenbeschienenen - er kennt die Geschichte genau und verschweigt sie, solange ihn niemand durchdringt. Ein Abbild dieses Schattens ist in den Herzen derjenigen Menschen zu finden, die ein Klopfen spüren. Zukunft entsteht erst dann, wenn die Gegenwart bereit dazu ist, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen.

Freitag, 30. April 2010

Vom Augenblick. Ein Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft

„Obwohl zum Innehalten die Zeit nicht ist,
wird einmal keine Zeit mehr sein,
wenn man jetzt nicht innehält.“

Christa Wolf in: Nachdenken über Christa T.

Zeit für die Zeit. Ich will über „Zeit“ schreiben. Und zögere – denn ich habe eigentlich keine Zeit dafür. Und eigentlich weiß ich auch nicht, was darüber zu schreiben wäre. Eigentlich. Das klingt nach Ausrede. Die Worte von Christa Wolf dringen mahnend in mein Bewusstsein. Und trotzdem, die Zeit läuft. Denn, Zeit vergeht. Gnadenlos. Zeit lässt sich nicht aufhalten. Sie lässt sich nicht zurückholen. Zeit ist ein Ereignis. Ein immer wieder neu eintretendes Ereignis. Was gebietet mir meine Zeit, mit ihr zu machen? Mit genau jener Zeit, die mir zu Verfügung steht. Was darf ich mit ihr tun? Kann, muss ich? Und, was tut die Zeit mit mir?

Ich versuche, trotz des Drängens der Zeit, mir Zeit für die Zeit zu nehmen. Über Zeit nachzudenken, in sie einzutauchen. Dem Phänomen Zeit einen tieferen, wunderbaren Sinn zu entlocken. Mich auf die Zeit einzulassen. Das Zeit-Geheimnis zu entdecken…

Und ich denke an Momo, an das Mädchen in der Geschichte von Michael Ende, das zu Meister Hora kommt. Das den grauen Herren entwischt. Und ins Reich der Zeit gelangt. An das kleine mutige Mädchen, das mit Meister Hora in ihr eigenes Herz blickt und dort das Kommen und Gehen, das Aufblühen und Vergehen ihrer eigenen Stunden-Blumen wahrnimmt und sich vom Gesang der Metalle, von Gold und Silber, berühren lässt.

Momo hat innegehalten. Im Strom der Zeit. Im Fluss des Lebens. Ja – Momo. Sie hat ihr Leben über Zeit und Raum hinaus geführt und deutlich gemacht, was es heißt Zeit zu haben, sich Zeit zu nehmen, Zeit zu schenken oder einander Zeit zu lassen. Was es heißen könnte Zeit zu stehlen, zu verlieren, zu beanspruchen oder eben Zeit zu geben... Momo, der Inbegriff der individuellen Handhabbarkeit von Zeit!

Die Zeit,
die wir jeden Tag
zur Verfügung haben,
ist elastisch.

Die Leidenschaften,
die wir fühlen,
dehnen sie aus,
die, die wir erregen,
ziehen sie zusammen;
und Gewohnheit
füllt den Rest aus.

Marcel Proust

Zeit ist ein Mysterium. Sie hat auf der einen Seite etwas mit dem Moment, dem Augenblick zu tun, und auf der anderen mit Ewigkeit. Zeit kann sich zusammenziehen und sich ausdehnen – sie ist elastisch. Und gleichzeitig ist Zeit das Objektivste, das Gerechteste, was es auf der Welt gibt, für jeden von uns ist der Tag vierundzwanzig Stunden lang. Die Woche, der Monat, das Jahr werden zeitlich abgegrenzt – und da gibt es keine Ausnahmen. Eine Stunde hat sechzig Minuten – für jeden von uns. Ob arm oder reich, Frau oder Mann, in Afrika oder Europa, tags oder nachts.

Zeitliches Erleben hingegen ist extrem individuell. Ein Tag - oder eine Minute - kann lang oder kurz sein. Zeit kann verfliegen oder langsam dahin schleichen. Momente dehnen sich aus, ziehen sich zusammen. Bemerkt oder unbemerkt. Die Lebenszeit des Menschen, die Anzahl der eigenen Stundenblumen, ist nicht vorhersagbar.

Vom Blickwinkel der Sache, der Angelegenheit aus betrachtet, ist der Zeitpunkt ein wichtiges Element. Die Griechen kennen die beiden Qualitäten Kronos, die quantitative Zeit und Kairos, die „rechte (qualitative) Zeit“. Der sich anbietende Moment, der passende Zeitpunkt an dem etwas geschehen kann. Denn, alles hat seine Zeit. Dinge können zu früh oder zu spät oder eben genau zum richtigen Zeitpunkt kommen, gehen, geschehen, sein. Um es in Gurnemanz‘ Worten im Parsifal von Richard Wagner zu sagen: „Zum Raum wird hier die Zeit“.

Und nun holt mich die Zeit wieder ein. Meine Zeit für die Zeit neigt sich ihrem Ende zu. Andere Zeitereignisse rufen mich. Die Worte von Christa Wolf aber trage ich in meinem Herzen und nehme sie von Augenblick zu Augenblick mit, um immer wieder inne zu halten.

Donnerstag, 22. April 2010

Dialog und Monolog. Ich und Welt im Gespräch

Noch sind die zarten Knospen des Baumes vor meinem Fenster nicht erblüht. Aber sie streben dem Licht zu. Von Tag zu Tag dehnen sie sich filigran im Raum weiter aus. Es bildet sich lebendige Fülle, die aus Luft, Licht und Wärme entsteht. Jede Knospe erringt sich das ganz für sich – wie von unsichtbaren Fäden gezogen. Wenn ich meinen Blick unspezifisch in die Krone des Baumes richte, entsteht ein sich entfaltendes Gesamtkunstwerk vor meinen Augen.

Der Baum zeigt Kräftewirkungen, die mich schon fast die erblühten Knospen sehen lassen, obwohl sie noch nicht aufgegangen sind. Die vielen kleinen, einzelnen Knospen bilden als Baumkrone eine gemeinsame, große Knospe, die kurz vor ihrer Geburt steht. Und jede einzelne Knospe hat die gleiche Ausstrahlung wie die Baumkrone. Im Kleinen wie im Großen.

So wie die einzelne Knospe schweigend etwas über sich erzählt, einen unhörbaren aber wahrnehmbaren Monolog über ihr baldiges Erblühen hält, sind es alle Knospen eines Baumes zusammen, die in einen sanft rauschenden Dialog miteinander treten, wenn der Wind durch ihre Zweige streicht.

Menschen benutzen oft die Sprache, um in einen Dialog miteinander zu treten. Um ein Gespräch zu beginnen, um Kontakt mit dem oder den Anderen aufzunehmen, um sich auszutauschen. Sprachliche Dialoge gehören zu unserem Alltag, wenn uns Worte zur Verfügung stehen. Dialogische Gespräche können erfüllend und intensiv sein, oberflächlich oder verletzend, nachhaltig oder kurzweilig, romantisch oder aggressiv.

Zwischenmenschliches Leben wird vom Gewebe der unterschiedlichen Dialoge geprägt. Über die sprachliche Ebene dieses Austausches hinaus, gibt es aber auch noch andere Formen der zwischenmenschlichen Bezüglichkeit. Dialoge können auch ohne Worte geführt werden. Gerade auf dem Spielfeld der Freundschaft, die auch als ein lang anhaltender Dialog zwischen zwei Menschen bezeichnet werden kann, gibt es oft Momente, in der die warme Bezogenheit aufeinander anders als durch Worte ausgedrückt wird. Durch Mimik und Aufmerksamkeiten, Taten oder Geschenke, innere Begleitung und vieles mehr.

In einem Dialog liegt meine Aufmerksamkeit beim Anderen, in dem Gebiet, das zwischen uns webt. Was wäre ich ohne den anderen? Ohne zwischenmenschliche Bezüglichkeit? Ohne meinen eigenen Monolog, der durch den Anderen zum Dialog wird. Wie könnte ich selber auf die Fragen, Anmerkungen oder Erlebnisse des anderen kommen, ohne mich ihm zuzuwenden?

Innere Aufmerksamkeit braucht auch der eigene Dialog den ich mit der Zeit in der ich lebe führe, mit der Natur die mich umgibt, mit den politischen Ereignissen meines Landes und meinen eigenen geistigen Idealen. Bewegung und Entwicklung entsteht an den Schnittpunkten, an denen sich zwei Kreise berühren. Dialoge führen in ein soziales Miteinander.

Ganz anders verhält es sich mit dem Monolog. Gerade durch ihn schalte ich die Welt um mich herum aus. Ausgestaltete Monologe kennen wir von der Bühne. Eine Figur macht sich öffentlich Gedanken über etwas. Sie bringt Innerlichkeit nach außen und lässt so die Umgebung Anteil an inneren Gedankenspielen nehmen. Dies geschieht aber gerade nicht mit einer dialogischen Grundhaltung – aus diesem Grund entsteht beim Zuhörer auch oft ein Unbehagen, wenn jemand monologisiert. Man wird Zeuge einer Innerlichkeit. Ein Monolog ist durch Einsamkeit geprägt, vom „eigen und einzeln sein“.

Wenn ich ganz bei mir bin und einen Moment lang nicht von meiner Umgebung geleitet werde, dann befinde ich mich in einem inneren Monolog mit mir selber. Bekannt ist diese Form auch in der erzählenden Literatur. Einen Monolog brauche ich, um mich selber zu spüren und abzutasten, um zu fühlen wo und wer ich heute bin. Es ist ein Gespräch mit mir selber. Innere Monologe sind identitätsstiftend.

Wenn das Verhältnis zwischen mir und der Welt kippt, kann es zu Ersatzhandlungen kommen, die uns oft aus dem Gleichgewicht werfen. Wer hat nicht schon einmal Menschen beobachtet, die auf der Straße mit sich selber Dialoge führen, oder Menschen, die in einem Gespräch in einen Monolog verfallen und das Gegenüber vergessen?

Es gibt aber auch monologische Darstellungsweisen, die inhaltlich einen Dialog präsentieren und gleichzeitig in ihrem Monolog einen Dialog mit den Zuhörern eröffnen. So etwas hat sich am letzten Wochenende an der Stuttgarter Staatsoper ereignet. Dort wurde in einem 18-stündigen Lesemarathon (Samstag, 22 Uhr bis Sonntag, 16 Uhr) das gesamte Parzivalepos von Wolfram von Eschenbach durch renommierte Mediävistikprofessoren aus ganz Europa auf mittelhochdeutsch vorgetragen. Ich habe die Lesung mithilfe eines Livestreams im Internet verfolgt.

Durch die eindringliche Sprache, die sich mir zu ungewohnter Zeit und in einer unglaublichen Dichte wie ein Einweihungserlebnis anbot - früher wurde die Geschichte nur mündlich durch Erzählungen weitergetragen! - lebt nun die gewaltige Geschichte um Parzival und Gawan erneut so in mir, dass die mittelhochdeutschen Verse, die in mich eingezogen sind, in mir klingen. Die alten Worte erfüllen mein Inneres als vielstimmiger Monolog. Daraus könnte sich ein Dialog entwickeln.

Monolog und Dialog gehören zusammen, so wie das Individuum und die Welt. Sie brauchen einander, um sich über sich selbst hinaus zu entwickeln, zu verzahnen und sich zu entfalten. Zusammenziehung und Ausbreitung wechseln einander ab. So, wie die vielen einzelnen Knospen an dem Baum vor meinem Fenster auch erst durch ihr monologisches, individuelles Streben zu einem dialogischen, weltoffenen Gesamtkunstwerk avancieren.

Freitag, 16. April 2010

Vom Einsteigen in Texte und Bilder. Ein offener Zwischenraum

Literarische Texte und Erzählungen erwecken Bilder im Leser. Das Handlungsgeschehen erhebt sich über Worte, Sätze und Strukturen des Textes hinaus und erwacht zu eigenem Leben. Wenn Romanfiguren stimmig beschrieben – gezeichnet – werden, dann erfährt der Leser mehr über sie, als tatsächlich mit Worten beschrieben wird. Aus Buchstaben werden Landschaften, Stimmungen und Figuren, ja es entstehen sogar bewegte Bilder, also Handlungsabläufe, Vorgänge und Bewegungen. Ein guter Text schenkt dem Leser eine innerlich farbige, reich bebilderte Geschichte, die sich formt, bewegt und verändert.

Ein Leser hat die Möglichkeit, die Bedeutung der ihm entgegenkommenden Wortkombinationen mit seinen eigenen Erfahrungen oder Phantasiekräften zu verbinden. Er steigt in die Erzählung ein. Aber jeder Leser liest literarische Texte anders und wir können die Anknüpfungspunkte, die inneren Bilder, die entstehen, nur annähernd miteinander teilen und vergleichen, da sie immaterieller Natur sind.

Wie verhält es sich mit der Arbeit von Malern, mit Bildern die ich als Betrachter von außen anschaue, betrachte und an mich heranlasse? Auch sie erzählen Geschichten. Irgendwie. Auf eine andere Weise als Texte das tun. Es entstehen also beim Betrachten von Bildern innere Texte.

Ein Bild ist eine Momentaufnahme. Und obwohl ein Bild sich nach der Fertigstellung nicht mehr verändert, kann es doch Bewegung ausdrücken. Horizontal und vertikal, in Zeit und Raum. Ein Abdruck aus der Seele des Künstlers, der das Bild nach außen gesetzt hat, zieht sich auf der Leinwand zusammen und befreit sich selber über das Gemälde hinaus und es entsteht etwas Neues. Größeres. Gute Bilder weisen weit über sich selbst hinaus und bilden nur den Quellpunkt ihrer selbst.

So wie sich Leser und Text in einer immer wieder neu entstehenden Gegenwärtigkeit einander zugewandt gegenüberstehen, stehen sich auch Betrachter und Bild im Jetzt gegenüber. Die innere Verbindung, die zwischen den beiden entstehen kann, muss üblicher Weise vom Leser oder Betrachter gesucht werden. Er muss die Tür in sich öffnen, um das Angebot, das ihm gemacht wird anzunehmen oder abzulehnen. Wenn sich die Tür öffnet, kann sich eine Gegenwärtigkeit entfalten, die über den Moment hinausgeht und zum inneren Reichtum wird, der die Zeit überdauert.

In Paris gibt es das Musée de l'Orangerie. Dort werden in zwei ovalen (!) Räumen einige der berühmten Seerosenbilder von Claude Monet gezeigt. Es sind jeweils vier Bilder, die in einem Oval zu erleben sind. Und es lässt sich nicht schreiben, dass die Bilder in den Räumen „aufgehängt“ wurden. Nein, diese vier Bilder bilden den Raum. Der Raum entsteht aus den Bildern, durch die Bilder. Die Verhältnismäßigkeit zwischen Betrachter und Betrachtetem verändert die übliche Hinwendung vom Subjekt zum Objekt. Die Richtung der Bezüglichkeit dreht sich in diesem Bilder-Raum um.

Für den Betrachter entsteht eine besondere Situation. Wenn man in den ovalen Raum hineinkommt, betritt man die Bilder. Der Betrachter steht oder sitzt inmitten der vier Bilder, die viele Meter lang, und damit raumfüllend sind. Der Betrachter wird selber zum Seerosenteich, zu einem Teil der Bilder. Die Geschichte, die sich dort entspinnt, lässt sich nicht mehr losgelöst betrachten. Bild und Betrachter werden eins, die Perspektive verschränkt sich. Der Betrachter wird zum Protagonisten des erzählenden Bildes.

Marcel Proust, ein Zeitgenosse und Bewunderer Monets, hat in seinem Roman A la recherche du temps perdu auf literarischer Ebene etwas Entsprechendes gemacht. Er beschreibt die Suche seines Protagonisten nach Erinnerung. Willentlicher und unwillkürlicher Erinnerung. Er beschreibt, wie in seinem Helden eine Erinnerung durch eine Tasse Lindenblütentee und das Eintauchen einer Madeleine, also durch Geschmack und Geruch aufsteigt. Diese Beschreibung ist sehr berühmt geworden und hat den Begriff mémoire involontaire geprägt. Damit holt der Autor den Leser in den Text hinein.

Literarische Texte lassen innere Bilder entstehen und Bilder gebären Texte, Geschichten, Erzählungen. Es entsteht ein Gewebe zwischen Text und Leser sowie zwischen Bild und Betrachter. Diese neue Textur, die in einem Zwischenraum entsteht, macht das Geschehen zu einem sich immer wieder neu vollziehenden Ereignis. Dieser Zwischenraum kann mit unseren Handinnenflächen verglichen werden. Wenn zwei Menschen sich die Hand geben, so berühren sie sich physisch. Diese Begegnung kann angenehm oder unangenehm sein, längerer oder kürzerer Dauer sein, sich kalt oder warm anfühlen. Was aber bleibt ist die Tatsache, dass sich die beiden Hände mit ihren Innenflächen nicht berühren. Darin liegt das Geheimnis verschlossen. Das Rätsel. Etwas Unaussprechbares, Unberührbares. Ein kleiner offener Raum, ein Zwischenraum eben, in dem etwas ohne Worte geschieht. Etwas, was auch zwischen Text und Leser, zwischen Bild und Betrachter entstehen kann.

Die Seerosenbilder von Monet im Musée de l'Orangerie jedenfalls laden herzlich dazu ein in ein Bild einzusteigen und einen delikaten Zwischenraum zu betreten, so, wie es der Roman von Proust auf literarischer Ebene macht.

Donnerstag, 8. April 2010

Todestag

Lorenzo de' Medici
* 1. Januar 1449 in Florenz
† 8. April 1492 in der Villa Medici in Careggi
genannt Lorenzo der Prächtige (il Magnifico)

Dienstag, 6. April 2010

Wenn das Du eine Stadt ist: Zur Lesbarkeit von Paris

…Paris hat mich eingeladen. Über die Stimme meines Sohnes. Er lebt für ein Jahr dort. Ein schöner Anlass, die Stadt an der Seine zu besuchen, zu erkunden, mir von ihr etwas erzählen zu lassen – sie zu lesen. In der Stadt gibt es, wie in allen Großstädten, unglaublich viel Steinernes zu sehen und zu bestaunen. Die Gebäude, Bauten oder Denkmäler bestehen aus Gestein, aus abertausenden von Steinen, erbaut von Menschenhand – Paris eine steinerne Metropole, mit großzügigen aber kargen Parks dazwischen.

…dazwischen erwachen die steinernen Steine zum Leben, wenn ich etwas von ihrer Geschichte erfahre. Wenn ich lese, höre und ein Gespür dafür entwickele, was oder wen sie erlebt – welchen Raum sie den verschiedenen Ereignissen gegeben haben. Vor meiner Reise habe ich also Anknüpfungspunkte gesucht und mich gefragt, welchen Blick ich auf die Metropole werfen, wie ich mich ihr annähern will – auf welche Art werden die Steine zu sprechen beginnen, wie werden sie sich lesen lassen? Dichter, Schriftsteller und Philosophen boten sich an. Und so habe ich sie in mein inneres Gepäck gepackt und bin an die Seine gereist.

…gereist ist auch Rilke vor gut einhundert Jahren. Weil er bei dem großen Meister Rodin als Privatsekretär angestellt wurde. Aber zwei Könige halten es nicht leicht miteinander aus. Einfacher war es vielleicht, den „Panther“ im Jardin des Plantes zu schreiben, oder „Das Karussell“ im Jardin du Luxembourg – Gedichte, die ich sehr mag. Rilke hat seinen Roman «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» in der alten Bibliothèque nationale geschrieben und da der Protagonist in der Erzählung versucht sehen zu lernen, beschreibt der Autor ausführlich, durch welche Straßen er streift, welche Gebäude er sieht und wie es ihm dabei ergeht. Malte hat es in Paris wahrhaftig nicht leicht gehabt.

…nicht leicht gehabt hat es auch Walter Benjamin, der stets durch meine Gedanken spaziert. Er kam nach Rilke aus der deutschen Metropole an die Seine. Neben der Faszination der Stadt die ihn getrieben hat, ist er vor den Nazis geflüchtet – was ihm nur bedingt gelungen ist. Auch er hat in der Bibliothèque nationale geschrieben. Allerdings etwas gänzlich anderes als Rilke. Er war von den gläsernen Passagen, den Regenschirmen der Armen, in den Einkaufszonen der Stadt fasziniert und wollte mit diesem Blick die Geschichte der Stadt lesen. Sein „Passagenwerk“ ist nicht vollendet worden und die Nachwelt rätselt noch immer, ob das Manuskript noch irgendwo zwischen den Büchern zu finden ist.

…zu finden war für den Deutschen Franz Hessel in Paris zu gleicher Zeit der Flaneur, der seitdem durch die Literatur streicht und immer mehr Ansehen genießt. Hessel hat sich neben seinen eigenen Schriften an Übersetzungen gemacht – und durch ihn sind unter anderem die Franzosen Balzac und Proust - der vielleicht noch immer auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist - auch in deutscher Sprache lebendig geworden.

…lebendig gehalten werden auf dem alten Friedhof Peré Lachaise viele Menschen, die einmal durch die Straßen der Stadt spaziert sind. Ich mag diesen stillen Ort. Die Verblichenen haben sich in der Totenstadt versammelt – und auch hier: nur Stein. Die Wege werden von Bäumen begrenzt, aber ansonsten herrscht die Farbe grau vor. Es ist eine bizarre Lebendigkeit, die da zwischen den Toten zu spüren ist. Ob sie in der französischen Revolution ihr Leben lassen mussten und unbenannt blieben oder herrschaftlich bestattet wurden - die ältesten Gräber sind die von Abaelard und Héloise – dem berühmten Liebespaar, aber auch Proust, Balzac, Moliére und viele, viele mehr, sind dort in ihrem Totenreich zu besuchen.

…und zu besuchen sind natürlich nicht nur Erinnerungsorte, sondern auch die Wirkungsplätze verschiedener Bürger. Die ehrwürdige Universität Sorbonne wäre als Ort zu nennen – ich laufe einmal um das alte Gebäude herum. Schon Pico della Mirandola war dort – vor mehr als fünfhundert Jahren – und natürlich viele andere Philosophen. Ich denke an Merleau-Ponty, Derrida, Foucault… Sie alle leben nicht mehr, aber ihre Worte ziehen weiterhin Kreise.

…Kreise zieht für mich auch die französische Sprache, sie spricht bis in meine Träume hinein, obgleich ich ihrer nicht mächtig bin. Ich hatte eine Freundin, Christine Ballivet, sie sprach sehr gut Deutsch, aber der Klang ihrer Worte, ihre Sprachmelodie war immer französisch. Und so bin ich auch mit ihr durch Paris gelaufen und habe mich gefragt, was sie mir wohl in der Stadt gezeigt, wie sie mir die Hauptstadt ihres Landes präsentiert hätte. Ihre Stimme klang in der Luft – besonders in dem Moment, als ich von Montmartre hinab sah, auf die Stadt mit ihren vielen Dächern und die Seine.

…die Seine hat sich Celan zur Verfügung gestellt, als er im Leben nicht mehr weiterkonnte. Ich denke an seine vielen dunklen Worte. Mir gegenüber hat er in der großen Stadt geschwiegen. Seine gedruckten Worte und Metaphern sind aber überall zu spüren, auch wenn sie mahnend von anderen Orten erzählen.

…erzählen. Orte erzählen, Menschen, Steine und Ereignisse erzählen von den Wundern und Wunden des Lebens. Und so danke ich dir, lieber Fabian, dass ich durch dich nach Paris kam - nun erschöpft und reich beschenkt - und ein wenig von dem hören und lesen konnte, was die große Stadt an der Seine mir über Ostern zu erzählen hatte.

Freitag, 26. März 2010

Von einer Frage- zu einer Antwortkultur

Elfriede, du hast danach gefragt, wie sich eigentlich das Wesen von Fragen und Antworten beschreiben lässt. Eigentlich dachte ich, dass ich dazu viele Ideen hätte und einfach darauf los schreiben, dir eine Antwort geben könne. Aber es sieht nicht danach aus. Ich beobachte mich selbst, wie ich beginne unruhig zu werden, ziellos im Internet zu surfen und Fragebögen von Schriftstellern (Max Frisch und Marcel Proust) aufzuschlagen… Aber ich weiß unmittelbar, dass das zu nichts führt. Also versuche ich einen Raum in mir selber zu öffnen, Zugang zu finden. Wo liegen meine eigenen Fragen, wo mögliche Antworten, die darauf warten in Worte gefasst zu werden?

Fragen zu stellen war mir schon immer sympathisch. Fragen bringen eine lebendige, aktivierende Unruhe, die Bewegung erzeugt. Gute Fragen können ein Gespräch richtig vorantreiben. Und irgendwie klappt das meistens auch ganz gut. Ich höre oder lese etwas und schon zeigen sich Anknüpfungsmöglichkeiten – Fragen (und Anmerkungen) eben.

Vor vielen Jahren habe ich einmal eine Arbeit über ein ausgefallenes Thema geschrieben, den Manichäismus. Und ich lernte in diesem Zusammenhang jemanden kennen, der ein echter Experte auf diesem Gebiet ist. Ich setzte mich also hin und begann in einem Brief (damals noch handschriftlich) meine Fragen zu formulieren.

Leider habe ich keine Kopie mehr von diesem Brief, aber es waren sicherlich „echt gute“ und vor allem unglaublich viele Fragen. Und weißt du, was mir der Experte antwortete? Er war tief beeindruckt von meinen vielen Fragen. Er war berührt, betroffen und erschüttert, und brachte zum Ausdruck, dass er noch nie so viele Fragen, die zum Thema gehörten, auf so engem Raum versammelt gesehen habe. Und er sagte mir, dass ich die halbe Arbeit ja schon geschafft hätte – jetzt müsste ich die Fragen nur noch selber beantworten…

Darüber war ich natürlich nicht sehr glücklich. Ich war zwar froh, mich als gute Fragestellerin geoutet zu haben, aber Antworten hatte ich mir tatsächlich von ihm erhofft. Ja, wie ist das mit Antworten? Brauchen Fragen immer Antworten? Und was geschieht mit Fragen, die nicht beantwortet werden?

Deutlich ist, dass die Frage zuerst kommt. Und wenn sie Glück hat, wird ihr eine Antwort gegeben – nicht immer aus Worten. Dann scheint die Sache komplett zu sein. Frage und zugehörige Antwort. Aber umgekehrt? Erst die Antwort und dann die Frage? Auf welcher Ebene müsste das dann geschehen? Zwischen Frage und Antwort gibt es also einen geheimnisvollen Zusammenhang, ein Ineinanderspielen, ein Auseinanderhervorgehen und eine Weiterentwicklung. Aus Fragen entstehen Antworten und aus guten Antworten weiterführende Fragen.

Eine der Ur-Fragen, die heute oft zur Floskel geworden ist, ist ja die nach dem Befinden des Anderen. Es ist die Frage, um die sich das Parzival-Epos von Wolfram von Eschenbach dreht. Parzival, der naive, unwissende und selbstbezogene Jüngling, lernt, den Blick auf seine Umgebung, seine Mitmenschen zu richten. Ihm war beigebracht worden, dass er nicht zu viele Fragen stellen möge – nicht neugierig sein solle – und durch diese Nicht-Frage, durch seine Stille, seine Zurückhaltung und sein Staunen, hat sich ein großes Unglück auf der Gralsburg vollzogen.

Parzival hätte nach dem Befinden Anfortas fragen müssen, können, sollen, dürfen - dann wäre der siechende Gralskönig sofort erlöst worden. Aber er wusste nicht, dass er eine Frage zu stellen hatte. In der Folge der nicht gestellten Frage ist ihm aber eine Antwort gebracht worden – obwohl er nicht gewusst hat, dass er diesbezüglich überhaupt eine Frage hatte. Die Antwort war die innere Unruhe, das Schuldgefühl, das Versagen und damit das Verzagen.

Die darauffolgende Leistung Parzivals besteht in dieser Hinsicht darin, dass er mit dieser Unruhe einen Weg gesucht hat, um eine neue Chance zu bekommen. Und er tut viereinhalb Jahre nichts anderes, als den Weg zur Gralsburg zu suchen, damit er seine Frage stellen kann. Als er dann endlich wieder vor dem Gralskönig steht und seine Frage stellt (Oheim, was wirret dir?), bedarf es keiner verbalen Antwort mehr. Die Antwort ist das Wunder, das sich vollzieht: Anfortas gesundet.

Fragen und Antworten brauchen Zeit und Raum, sie haben eine eigene Biographie. Manchmal zeigen sie sich in einem verhüllenden Kleid. Die Frage „Wie geht’s?“, wird heute ständig gestellt, diese Frage haben wir in den vergangenen 700 Jahren verinnerlicht. (Vor 1200 übrigens war das keine geläufige Frage!) Heute scheint mir die Herausforderung eher die Antwort zu sein. Wie antwortet man eigentlich adäquat auf eine Frage? Welchen Raum brauchen Antworten und wie kreiert er sich?

Zu einer Fragekultur gehört eine Antwortkultur. Fragen stellen können wir. Nun ist die Herausforderung also die Antwort. Gibt es auch dafür ein Urbild? Deutlich zu sein scheint mir, dass wir uns daran gewöhnen müssen, dass es nicht nur eine einzige Antwort gibt. Es gibt unzählige „richtige“, passende, weiterführende und immer wieder neue Antworten. Zeit, Raum und die Perspektive spielen dabei eine große Rolle. Schließlich geht es um den zwischenmenschlichen Raum, in dem sich eine Antwort ausbreiten kann.

Und damit ist auch gesagt, dass der Dialog die Urform des Fragens und Antwortens ist – das hat uns schon Sokrates gezeigt. (Natürlich kann man sich auch selber Fragen stellen und sie beantworten – aber so richtig kreativ wird es ja erst, wenn sich mindestens zwei Menschen zu einem Gespräch einfinden.) In diesem Sinne lade ich meine Leser und Leserinnen dazu ein, an dem Dialog über Fragen und Antworten teilzunehmen und sich einzubringen. Wer hat eine gute Antwort darauf, was eine Antwort eigentlich ist?

Freitag, 19. März 2010

Und noch einmal: zeitgemäße Erwachsenenbildung

Vor einigen Wochen habe ich an einer Fortbildung teilgenommen. Heute frage ich mich, was davon hängengeblieben ist. Wozu machen wir Fortbildungen und was sollte durch diese Art der Weiterbildung für denjenigen, der daran teilnimmt entstehen? Was sind Lernprozesse, die nachhaltig wirken? Ich werde in diesem Artikel erneut versuchen zu beschreiben, was meines Erachtens für eine zeitgemäße Erwachsenenbildung nötig ist.

Die Fortbildung dauerte eine Woche. Fünf Kurse gab es zu belegen, sodass jedes Thema an fünf Tagen jeweils zur gleichen Zeit, etwa anderthalb bis zwei Stunden, besprochen und bearbeitet werden konnte. Titel des Seminars und Dozenten waren vorher bekannt. Mehr nicht. Wer und wie viele Menschen teilnehmen würden, was die Themen im Speziellen beinhalten oder hinterfragen würden, welche Art von Eigenarbeit zu leisten sei und vor allem, wie man sich vorbereiten könne, wurde den Teilnehmern vorenthalten.

Diese Umstände brachten es mit sich, dass die Spielregeln zunächst einfach waren: gefragt war lediglich Anwesenheit. Und so unterschrieben wir auch jeden Tag auf einer Liste, dass wir anwesend waren. Mehr nicht. Der Unterricht - die Seminarstunden - fanden auf klassische Art und Weise statt: Wir saßen zusammen im Seminarraum, haben geredet und zugehört. Und es stand ein Lehrer vorne. Er hat uns erzählt, was er zu sagen hat. Wir durften Zwischenfragen stellen und es entwickelten sich immer wieder auch kurze Gruppengespräche. Mehr aber nicht.

Dadurch, dass nicht bekannt oder transparent war, was das Ziel der Woche (oder auch: das Erfahrungsangebot) war, dass nicht besprochen wurde, mit welchen Vorerfahrungen oder Fragen die Teilnehmenden gekommen waren und dadurch, dass die Themen nicht eigenständig vorbereitet und eingebettet werden konnten, war es für die Teilnehmenden nur schwer möglich, aktiv und mitverantwortlich für den Prozess zu sein, der sich in den Kursstunden abspielte.

Als ich jetzt meine Unterlagen von der Fortbildung sortiert und abgeheftet habe - die verschiedenen Kurse haben eine ganz unterschiedliche Quantität und Qualität von Papieren meinerseits hervorgebracht – frage ich mich was geblieben ist und was „effektiver“ hätte verlaufen können.

Zwischen der veralteten Form, dass ein Lehrer vorne steht und seinen Schützlingen das ihnen fehlende Wissen verbal näherbringt – die Teilnehmer nehmen einfach passiv das auf, was ihnen vermittelt wird – und einem lockeren Treffen nach dem Motto: „Wir lassen uns mal auf den Prozess ein und schauen was entsteht!“ - die Teilnehmer gestalten aktiv selber, was geschieht - liegen meines Erachtens viele Möglichkeiten der zeitgemäßen, bereichernden, aktivierenden und nachhaltigen Seminargestaltung.

Für die Lehrenden, diejenigen, die die Didaktik – ihre Lehrkunst – verantworten und die Lernenden, diejenigen, die die Mathetik – die eigene Lernkunst – verantworten, gibt es einiges zu wissen, damit Fortbildungs- und Weiterbildungsprozesse in der Erwachsenenbildung zu einem wirklichen Erlebnis werden und saftige Früchte tragen.

Deshalb nun ein Blick auf Lehrende und Lernende, denn diese beiden „Parteien“ begegnen sich in einem Seminar. Eine Begegnung in der professionellen Erwachsenenbildung bringt immer Haltungen oder Rollen mit sich. Der eine ist Dozent, der andere Student. Als Dozent habe ich andere Erwartungen an eine Lehr- und Lernbegegnung und andere Aufgaben zu erfüllen, als wenn ich Student, der sogenannte Lernende bin. Aber auch dann habe ich Erwartungen. Und Aufgaben zu erfüllen. Aber andere als der Dozent.

Als Teilnehmender bringe ich Vorerfahrungen mit, habe Gründe und Motive für die Fortbildung, kämpfe mit Blockaden und bin, durch persönliche Umstände so oder so gestimmt (um nur ein paar Aspekte zu nennen). Was die beiden aber eint, das ist ihr Menschsein an einem gemeinsamen Ort, aus einem bestimmten Grund und zu einer speziellen Zeit. Und das ist ein wichtiger Aspekt in der Erwachsenenbildung: mitmenschliche Begegnung. Ohne echte Begegnungsfähigkeit werden es alle Beteiligten schwer haben und Fortbildungen auf professioneller Ebene nutzlos.

Des Weiteren gibt es meines Erachtens zwei grundlegende Herangehensweisen, um die sich beide Seiten bemühen sollten: „Selbstlose“ Wahrnehmung und „selbstständige“ Urteilsbildung in Bezug auf die Inhalte, das Thema der Zusammenkunft. Wie schnell mischt sich schon bei der ersten Wahrnehmung ein Urteil ein?

„Selbstlose“ Wahrnehmung bedeutet, dass ich in der Lage bin, Inhalte zunächst ‚sachlich‘ aufzunehmen und in meiner Reaktion zwischen Innen- und Außenschwelle zu unterscheiden.

WAS kommt mir auf inhaltlicher Ebene entgegen und welche Fragen entstehen? Was wird gesagt? Wer sagt es? Wann? In welchem Kontext? Etc. Eine Hilfe ist der Versuch, das Gehörte oder Gelesene zu wiederholen. Nach dieser ersten, äußeren Wahrnehmung entsteht eine zweite, innere Fragestellung.

WIE kommt mir der Inhalt entgegen? Was macht er mit mir, wie reagiere ich auf der Gefühlsebene darauf? Erzeugen die Inhalte Wärme, Verständnis und an welcher Stelle berühren sie mich?

Es scheint mir wichtig zu sein, dass sowohl die lehrende als auch die lernende Seite diese Fähigkeiten der Unterscheidung zwischen Innen- und Außenseite übt. Sympathie und Antipathie sind wichtige Kräfte – besonders dann, wenn bewusst mit ihnen umgegangen werden kann.

Nach der Wahrnehmung kommt die Urteilsbildung. Und auch das ist ein Feld, auf dem es schnell zu destruktiven Zwischenfällen kommt. Worauf gründet sich unsere Meinung, unser Statement, unsere weitere Argumentation? Auf welcher Ebene bewegt sie sich? Können wir darüber sprechen, wie und warum wir zu unseren Urteilen kommen? Was ist überhaupt ein Urteil und wie kommen wir dazu? „Woher“ kommt es? Können wir erläutern und begründen wie wir uns zu dem dargestellten Inhalt stellen? Die „selbstständige“ Urteilsbildung ist eine wichtige Fähigkeit, die dazu beiträgt, offen, ehrlich und überzeugend Sachfragen zu bewegen.

Ein weiteres Feld ist für beide Seiten die tägliche Vor- und Nachbereitung der Seminarzusammenkunft – vor allem dann, wenn das Seminar über mehrere Tage geht. Zum einen gilt es die Aufmerksamkeit auf die bewussten Tagesprozesse zu lenken und zum anderen den oftmals unbewussten Nachtprozessen nachzuspüren.

Der Tag verlangt warme Klarheit. Gute Vorbereitung. Scharfe Urteilsfähigkeiten. Struktur, Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Damit die Teilnehmer zu Mitgestaltern werden, brauchen sie Informationen – und die Möglichkeit sich einzubringen. Eine Seminareinheit will eingeleitet werden, will Raum für Prozesse haben und braucht eine angemessene Ausleitung. Zu einer Rückschau auf das Geschehen kommt die Auswertung hinzu und dann ein Vorblick.

Die Nachtprozesse arbeiten auf einer anderen Ebene. Wenn wir schlafen durchlaufen wir noch einmal das Tagesgeschehen. Und so passiert es oft, dass wir an der Schwelle zwischen Tag und Nacht, an der Schwelle zwischen Wachen und Schlafen Einsichten haben, Fragen oder Antworten bekommen, den Impuls erhalten jemanden anzusprechen oder heute etwas stiller zu sein (um nur ein paar Beispiele zu nennen). Tag- und Nachtlernen gehören zusammen. Ohne die Einbeziehung der unbewussten und dunklen Seite der Nacht, kommt es selten zu fruchtbaren ganzheitlichen Seminarereignissen am Tag.

Begegnungsfähigkeit, selbstlose Wahrnehmung und selbstständige Urteilsbildung sowie die Einbeziehung von Tag- und Nachtlernprozessen scheinen mir sowohl für Lehrende als auch Lernende grundlegende Fähigkeiten und anzuwendende Fertigkeiten zu sein, die sich auf den Ertrag von Fortbildungen maßgeblich auswirken.

Immerhin hat mich die magere Fortbildung, die ich vor ein paar Wochen gemacht habe, dazu verleitet, mir generell über Lehr- und Lernprozesse Gedanken zu machen und diesen Text zu schreiben. Anmerkungen, Ergänzungen und Fragen sind herzlich willkommen!

Samstag, 13. März 2010

Geschichtsschreibung. Für Silke

Als ich an diesem Morgen erwachte, sah ich durch das Fenster den blauen Himmel und den strahlenden Sonnenschein. Und ich wusste es sofort: Damit würde ich heute nichts anfangen können. Die Welt war zu hell. Ich wusste nicht, worauf ich mein Augenmerk da draußen richten sollte. Alles strahlte mir entgegen und die Dinge fanden keinen Widerhall in meinem Innern. Innen und außen ließen sich nicht verbinden. Zudem war die Welt kalt. Es lag Schnee. Überall glitzernder Schnee. Deshalb leuchtete die Welt so unverschämt.

Und ich spürte plötzlich, dass ich froh darüber war, dass die Welt heute so hell war und strahlte, denn dann konnte ich die Welt sich selber überlassen. Als ich unter der Dusche stand, klangen plötzlich Melodien in meinem Innern. Melodien aus einer tiefen Ferne, die ich jedoch sehr gut kannte. Und ich wusste es direkt: da kam eine alte Erinnerung auf. Es war die Musik der „Schmetterlinge“ einer österreichischen politrock Gruppe aus den 70er Jahren.

Über dreißig Jahre ist das her. Und da kommen plötzlich Klänge auf. Melodien, einzelne Worte… Ich sehe Szenen vor mir und kann fast wieder mitsingen. „Wir hatten Gräber und ihr hattet Siege. Wir haben für euch unsere Finger gerührt. Wir fraßen zu lange gezuckerte Lüge, beim falschen Wirt. Wir haben euch eure Kriege geführt. Jetzt führen wir unsere Kriege!“

Die fremden Worte „Père Lachaise“ kommen hoch. Worte, die damals in den Gesängen der aufmüpfigen „Schmetterlinge“ Signalwirkung hatten. Damals. Nie war ich dort, auf dem berühmten Friedhof in Paris. Aber ich habe noch immer die inneren Bilder vor mir, die damals entstanden. Die Erinnerung sitzt offensichtlich sehr tief und irgendetwas bringt sie heute ans Licht.

Die „Schmetterlinge“ waren mit politischer Geschichtsschreibung befasst. Die Gruppe wollte die großen Geschehnisse von unten beleuchten. So heißt ihr Hauptwerk auch: „Proletenpassion“. Es thematisiert die Herrschaftsstrukturen und sozialen Fragen in Europa vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Alle großen Revolutionen werden von unten besungen: Die Bauernkriege, 1500 – 1525. Die Französische Revolution, 1789 – 1792. Die Pariser Kommune, 1870/71. Die russische „Oktoberrevolution“ 1917. Der europäische Faschismus, 1923 – 1945.

Ich sehe die Schallplatten noch vor mir. Eine dunkelrote Sammlung mit mehreren Platten: „Proletenpassion“. Ein einfaches Wort. Aber was bedeutet es? Und wer schreibt eigentlich die Geschichte? Die Herrschenden oder die Unterdrückten? Gibt es wirklich nur diese beiden Kategorien? Und zu welchem Zweck das alles… Das ist DIE Frage, an die ich mich erinnere. Damals wurde alles in Frage gestellt. Noch nicht einmal der Geschichtsschreibung, die mir in der Schule vermittelt wurde, konnte man glauben. Wie war es wirklich?

Die Musik der „Schmetterlinge“ hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Und ich konnte damals jedes Lied mitsingen. Die drängenden Gesänge, in denen Geschichten über die Geschichte erzählt wurden. Von der unterdrückten, armen und schwachen Seite aus. Die „Schmetterlinge“ waren mein großes Vorbild. So wollte ich auch werden. Wirklich verstehen, was in der Welt vorgeht. Und dann Stellung beziehen. Ich bin zu jedem Konzert gegangen. Damals. Im Schauspielhaus Bochum. Das war eine bewegende und bewegte Zeit.

Ich trinke einen Espresso, schaue in die winterliche Landschaft und tauche in die Vergangenheit ein. Ich erinnere mich an meine Jugendfreundin Silke. Damals haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Die Erinnerungen an Silke und die „Schmetterlinge“ gehören zusammen. Als wir beide noch Mädchen waren, 14, 15 Jahre alt, da haben wir zusammen gesungen, in der Songgruppe „Trotz alledem“. Wir haben auf Straßen und Plätzen gestanden, im Sommer und im Winter und haben gesungen. Politische Überzeugungen preisgegeben. Wir wollten unsere Mitmenschen aufklären, die Welt verändern.

Zu den „Schmetterlingen“ blickten wir auf. Wie oft haben wir die „Proletenpassion“ wohl gehört? Unzählige Male. Und haben aus voller Kehle mitgesungen. Und Texte und Inhalte einfach hingenommen. Dass man Geschichte von verschiedenen Blickpunkten aus betrachten kann, das haben wir erst später verstanden.

Mit Silke habe ich mir damals auch vorgestellt, was aus uns werden könnte, wenn wir einmal groß wären. Älter wären. Selbstständig und erwachsen. Silke, das dunkle zarte Mädchen, mit den langen Fingern. Geige hat sie gespielt. Und französisch konnte sie sprechen. Sie hat gemalt und gedichtet. Und wir beide haben uns eine Welt vorgestellt, in der es keine Unterdrückung mehr gibt. Keine Atomkraftwerke, keine Startbahn West, keinen Kalten Krieg. Eine Welt, in der das Volk regiert. Und in der wir einen Platz finden und den Menschen erzählen, wie es früher war. Wir hatten große Pläne, viele Ideen und Ideale…

Silke, eine liebe Freundin aus Kinder- und Jugendtagen. Ein paar Jahre später, als wir an verschiedenen Orten studieren gingen, hat sie sich von der Welt zurückgezogen. Irgendwie konnte sie nicht mehr. Schon ganz früh. Sie hat ihren Platz nicht gefunden. Ist krank geworden, psychisch erkrankt. Und das ist sie immer noch. Sie lebt zurückgezogen. Abgeschottet von der Welt. Ganz für sich. Ob sie auch manchmal an unsere gemeinsamen Nachmittage und Wochenenden denkt? An unsere Wünsche und Träume? An die Zeit, als die „Schmetterlinge“ unser großes Vorbild waren? Als wir über alle Revolutionen dieser Erde gesungen haben – immer aus dem Blickwinkel der Unterdrückten? Und der Welt erzählen wollten, wie es wirklich war?

Wie kommt es, dass die Klänge und Worte der „Proletenpassion“ plötzlich hochkommen? Dass innerlich eine Musik erklingt, die ich so viele Jahre nicht gehört habe – geschweige denn an sie gedacht hätte… Wenn die äußere Welt schweigt, dann spricht die innere. Und die eigene Geschichte erzählt sich im Kontext der großen, allgemeinen Geschichte. Unter dem weißen Schnee liegen die Wunden verborgen und geschützt - nicht nur die der Geschichte - und irgendwann wird es wieder Frühling.

Donnerstag, 4. März 2010

Minne und Krasser Scheiß. Worte und Begriffe

Als meine erwachsene, studierende Tochter zu Weihnachten ein Geschenk auspackte, das ihr außerordentlich gut gefiel, entwand sich ihrem Inneren ein großes Kompliment, sie strahlte und sagte: „Krasser Scheiß!“ Und das war ernst gemeint. Sie hat sich wirklich unglaublich über das Geschenk gefreut, das sie in Händen hielt.

Sprache, und damit Worte und ihre Bedeutung, wandeln sich. Das ist offensichtlich. Ich hätte in ihrem Alter und in einer vergleichbaren Situation vielleicht „wow“ oder „cool“ gesagt – und hätte das schon sehr gewagt gefunden. Aber die Konjunktur dieser Worte neigt sich ja schon ihrem stillen Ende zu. Heute stehen andere Begriffe auf dem Plan und wer weiß, welche Buchstabenkombinationen nun auf dem Weg sind, geboren zu werden und sich einen Platz und Rang zu erobern.

Meine jüngere Tochter fragte mich neulich, was eigentlich „Minne“ sei. Mit diesem Wort konnte sie nichts anfangen. Da es aber in ihrer Schullektüre öfters vorkam (…Parzivalepoche…) hielt sie es immerhin für angebracht, sich nach der Bedeutung zu erkundigen. „Minne“ ist kein geläufiges Wort für Liebe mehr, es stammt aus dem Mittelalter. Auch ich kannte es als Jugendliche nicht. Manche Worte muss man also richtig „lernen“ – deren Bedeutung ergibt sich nicht nebenbei oder aus sich selbst. Andere Worte gibt es, die ihre Bedeutung über einen langen Zeitraum behalten oder sich verwandeln. So gehören das Herkunfts- und Synonymwörterbuch zu meinen liebsten Nachschlagewerken.

Als ich den letzten Blogtext von Jelle van der Meulen auf mögliche Fehler durchging (http://jellevandermeulen.blogspot.com/2010/03/alle-groen-worte-brauchen-respekt-uber.html), ist in mir die Frage entstanden, was eigentlich der Unterschied zwischen „Begriff“ und „Wort“ ist. Er spricht in seinem Text von „Worten“. Ich hatte die Neigung, an manchen Stellen das Wort „Wort“ durch den Begriff „Begriff“ zu ersetzen. Und da haben wir es schon. Was ist da richtig? Was ist passend, emergent, evident, einleuchtend, plausibel, überzeugend, schlüssig, nachvollziehbar? (Und das Synonymwörterbuch schlägt noch viel mehr Worte im Umkreis vor!)

Wo unterscheiden sich Worte von Begriffen – wo trennen sich die beiden voneinander, wo überschneiden sie sich, was ist wann gemeint? Das entsprechende Verb zum Begriff „Begriff“ ist „begreifen“. Diese Verbindung hat mir schon immer gefallen, weil ein Geheimnis darin liegt. Wie kann man einen Begriff begreifen – anfassen, berühren, ertasten? Und doch hat ein Begriff etwas von der physischen Ebene. Gemeint ist aber, dass wir einen Begriff mit unserem Verstand – oder unserem Herzen - ergreifen, so dass er einen lebendigen Ort in uns erhält. Der DUDEN sagt, ein Begriff sei der „geistige, abstrakte Gehalt von etwas“. Aha.

Das Wort „Wort“ hat kein zugehöriges Verb. „Worten“ – das wäre schön, aber das gibt es wohl noch nicht. Dafür aber wartet der DUDEN mit einem schönen Bedeutungshintergrund auf. Ein Wort sei das „feierlich Gesprochene“. Im Griechischen verweist „Wort“ auf „sagen“, im Russischen auf „lügen“… Das Instrument beider Worte oder Begriffe ist die Sprache, die wir sprechen. Schriftlich oder mündlich. Ob wir mit Worten etwas sagen oder lügen hängt von inneren Dispositionen ab – das Wort an sich ist nur das Kleid, in dem die Bedeutung erscheint.

Aber zurück: Ist Liebe nun ein großes Wort oder ein großer Begriff? Wer könnte darüber etwas sagen?

Jelle van der Meulen verweist am Ende seines Textes darauf, dass die Quelle eines bestimmten Wortes (Anthroposophie) im Herzen des Menschen läge und die Sprache des Herzens ja bekanntlich die Poesie sei. Diesem Blick möchte ich noch eine andere Perspektive hinzufügen. Walter Benjamin, der sich sicherlich auch als Platoniker bezeichnen würde, hat in seinem Sprachaufsatz geschrieben: "Jede Mitteilung geistiger Inhalte ist Sprache." Das bedeutet, dass gerade dann eine stimmige Sprache entsteht, wenn die Worte und Begriffe einen geistigen Inhalt tragen. Er schaut also aus umgekehrter Richtung. Besonders reich wird die Sprache also dann, wenn sie geistigen Inhalts ist und aus dem Herzen der Menschen heraus gesprochen wird – ganz unabhängig davon, ob Worte oder Begriffe verwendet werden.

In diesem Sinne war auch der Ausspruch meiner ältesten Tochter: „Krasser Scheiß“ wirklich als Kompliment zu verstehen und die Frage meiner jüngeren Tochter, was denn „Minne“ sei, eine echte Frage die aus ihrem Herzen kam. Schließlich sind es die jüngeren unter uns, die die neuesten Nachrichten aus der geistigen Welt mitbringen. Da muss man schon mal über den Schatten von Worten springen und für neue Bedeutungen offen sein.

Samstag, 30. Januar 2010

Schnittpunkte: Schily, Ströbele und Mahler

Der eine wird 1932 in Bochum geboren, ein anderer 1936 in einer schlesischen Kleinstadt und ein dritter 1939 in Halle. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in früher Kindheit durch den Krieg in Deutschland und dessen Folgen geprägt werden. Jeder auf seine Art. Ihre Lebenswege werden sich einige Jahre später schneiden. Es wird eine gemeinsame Wegstrecke geben. Und dann einen Moment, in dem jeder seine eigene Abzweigung nimmt. Sie werden einander diametral entgegen stehen.

Einer beginnt 1952 Jura zu studieren, ein anderer 1955 und ein dritter 1960. Der Schnittpunkt: Sie begegnen sich Mitte der 60er Jahre als Anwälte in Berlin. Dort ist ordentlich etwas los. Ein neues Kapitel der deutschen Geschichte wird geschrieben: Die APO (außerparlamentarische Opposition) wird „gegründet“ – die Studenten geraten in Bewegung und beginnen unangenehme Fragen zu stellen und eigene Ansichten zu vertreten.

Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler arbeiten als Anwälte in einem sozialistischen Anwaltskollektiv. Sie vertreten linke Größen, später RAF Terroristen und, wenn es sein muss, auch einander. Ein Foto vom Beginn der 70er Jahre zeigt die drei in einem Gerichtssaal. Sie streiten miteinander und füreinander, hinterfragen Recht und Gerechtigkeit und argumentieren geschickt und auf höchstem Niveau. Sie wollen das Land verändern, die Republik „erneuern“. Schily und Ströbele verteidigen Mahler, als dieser wegen eines Molotowcocktails vor Gericht steht.

Menschen begegnen einander. Und manchmal berühren sie sich dabei. Zum Beispiel durch politische Überzeugungen, durch berufliche Fähigkeiten oder auf der Ebene der zwischenmenschlichen Begegnung. Nicht immer entsteht aus einem Schnittpunkt, einem Kreuzungspunkt der Biographie des einen mit dem anderen, ein Stück gemeinsamen Weges. Aber manchmal. Diese Überschneidungen spielen dann auch im biographischen Netzwerk des einen mit dem Netzwerk des anderen eine Rolle – manchmal entzünden sich daraus Aktivitäten, Initiativen, Bewegungen – es entsteht Bedeutung. Zwischenmenschliche, berufliche oder/und politische.

In der Betrachtung der drei individuellen Lebensläufe ist ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte zu finden. Notstandsgesetze. Rudi Dutschke. Prozesse in Stammheim. Herbst 77. Rüstungspolitik. Die Gründung der Grünen. Um nur ein paar Stichworte zu nennen. Individualitäten prägen Geschichte. Die Geschichte prägt Individuen.

Individuelles und Überpersönliches - Allgemeinmenschliches - trifft und überschneidet sich. Im Rückblick wird etwas vom Zeitgeist erlebbar und sichtbar. Biographische Entscheidungen sind immer mit Raum und Zeit verbunden. In dem Film „Die Anwälte“ werden drei Portraits gezeigt, die nicht enger miteinander verknüpft und gleichzeitig nicht weiter voneinander entfernt sein könnten. Die Dramaturgie des Lebens hat ordentlich mitgemischt. Die Stimmung, Fragen und Nöte der Jahre strahlen von der Leinwand ab und zeigen wie Brüche zu Gräben werden.

Was lässt sich eigentlich von außen erkennen, welche Möglichkeiten in der Biographie des Mitmenschen verborgen sind, welche Schätze oder Verwundungen darin versteckt liegen? Hätte man in den 70er Jahren vermuten können, wo die drei Männer vierzig Jahre später stehen? Hätte man ihre unterschiedliche Entwicklung „absehen“ können? Wonach richtet sich eigentlich die individuelle Entwicklung? Ohne karmische Verknüpfungen in der Vergangenheit macht das keinen Sinn – ist das nicht nachvollziehbar.

Denn die drei Männer vermeiden heute eine Begegnung miteinander. Wie ja bekannt ist: Otto Schily war Bundesinnenminister (SPD). Hans-Christian Ströbele ist bis heute das linke Gewissen der Grünen. Und Horst Mahler sitzt jetzt im Gefängnis, er gehört zu den rechtsextremen Holocaustleugnern. Zuletzt sind sich die drei 2002 begegnet. Wieder in einem Gerichtssaal. Im Verbotsverfahren gegen die Partei der Nationalsozialisten. Otto Schily tritt als Kläger gegen die NPD auf. Horst Mahler tritt als Verteidiger der NPD auf. Und Hans-Christian Ströbele ist parlamentarischer Beobachter.

Wie muss man sich das auf persönlicher Ebene wohl vorstellen?

Auf die Frage, „wie es dazu kommen konnte“, kann niemand antworten. Entwicklungen lassen sich nicht voraussehen. Veränderungen nicht berechnen. Auf dieser Ebene kann nur gelebt werden. Und zum Leben gehört das Staunen. Das Fehler machen. Die Neubesinnung. Die Umkehr. Die Möglichkeit der Veränderung. Die Lähmung. Folgen aber hat alles. Konsequenzen. Egal wie man sich entscheidet – jede Entscheidung zieht etwas nach sich.

In dem Film „Die Anwälte“ werden drei Lebensläufe gezeigt. Nebeneinander. Auf der Leinwand. Individuelle Interviews aus dem Jahr 2009 zur „Sache“ und den „Kollegen“ – verbinden die dokumentarische Ebene: Film-, Foto- und Textmaterial aus den letzten 40 Jahren. Schnittpunkte werden beleuchtet. Biographische Überzeugungen, die explizit verbalisiert werden, stehen individuellen Entwicklungen und Lebensverläufen gegenüber. Das Ende: Ströbele ein unbeirrbarer Linker, Schily ein Bürgerlicher in der konservativen Mitte, Mahler ein Rechtsextremer.

Dieser Film löst Betroffenheit aus. In mir. Weil er schonungslos berichtet. Weil er den großen Wurf macht, einen Spannungsbogen zeigt. Wunden nicht verschweigt. Weil er sichtbar macht, was es heißt zu leben. Mutig zu leben. Sich zu zeigen, sich einzubringen. Streitbar zu sein. Überzeugungen auszuleben. Mit und ohne Verständnis. Individuell und in der Verzahnung mit anderen Menschen, politischen Überzeugungen und Entwicklungen, mit der Nachkriegsgeschichte Deutschlands.

Ich selbst bin im Geist dieser Zeit aufgewachsen. Namen, Ereignisse, Fragen und Ansichten gehören zu meiner Kindheit. Zum täglichen Gespräch. Das Ringen „von damals“ schlummert in mir. Irgendwie habe ich das alles mitgemacht. Jetzt kann ich auf meine eigene Herkunft zurückblicken – auf der Leinwand.

Im Film blickt jeder der Beteiligten, der drei älteren Herren, auf seinen eigenen Weg zurück. Und doch entsteht ein Bild des großen Ganzen. Dafür ist dieser Film sehr zu loben, weil er weit über persönliche Fragen und Dimensionen hinausgeht. Dieser Film regt an, neue Perspektiven einzunehmen. Und auf Zeiten, Mitmenschen, und vor allem auf das eigene Leben neu zu schauen.

Alle genannten sachlichen Informationen, Hintergründe und ein Trailer des Films sind zu finden unter: http://die-anwaelte.realfictionfilme.de/index.php

Dienstag, 26. Januar 2010

Der konstruktivistische Zeitgeist. Leben ohne Boden unter den Füßen und ohne Sternenhimmel über dem Kopf.

Innerhalb meines berufsbegleitenden Masterstudienganges der Pädagogik an der Alanus Hochschule sitze ich in einem Seminar über Pädagogische Psychologie. Das Seminar wird von einem Privatdozenten der Universität Bonn geleitet. Ein geachteter, ehrenwerter Repräsentant seines Faches, ein Hochschullehrer, der den Stand der heutigen Psychologie darstellt und vertritt.

Er führt uns in sein Fach ein und skizziert die Fragestellungen, die uns als Pädagogen mit der Psychologie verbinden. Ich höre dem Dozenten zu, bin thematisch bei den Ausführungen, aber nicht sehr angestrengt, denn durch mein eigenes Studium der Erziehungswissenschaft sind mir die Begriffe geläufig, ich habe von Themen, Berichten, Bereichen und Perspektiven schon gehört. Es geht um Lernmodelle, um intrinsische und extrinsische Motivation, um Schule und Gesellschaft und einiges mehr. Nebenbei macht der Dozent aber eine Bemerkung über das Selbstverständnis der wissenschaftlichen Psychologie heute, über den Zeitgeist. Diese Bemerkung packt mich.

Er sagt: „Obgleich das griechische Wort ‚Psychologie‘ mit ‚Lehre der Seele‘ übersetzt werden kann, gibt es in der heutigen Psychologie den Begriff der Seele nicht mehr. Jegliche psychologischen Betrachtungen über den Menschen werden ohne den Begriff der Seele gemacht.“ Und weiter: „Die heutige Psychologie arbeitet ohne ein explizites, deutlich beschreibbares, klar umrissenes Menschenbild.“

Das sind Tatsachen, die ich eigentlich schon kenne. Plötzlich aber werden diese Aussagen real und ich frage mich, wie ich mir das konkret vorstellen soll. Wie kann das gehen und was bedeutet dieser Umstand eigentlich? Die Human-Psychologie arbeitet mit dem Menschen – und es gibt kein explizites Menschenbild mehr worauf sie sich gründet. Und die Psychologie sagt von sich selbst, dass sie auf der Ebene der menschlich-seelischen Ereignisse kundig und tätig ist – es gibt aber explizit keine Seele mehr, die zum Menschen gehört. Auf welchem Boden steht die Psychologie heute? Was ist ihre Grundlage? Wie ist ihr Selbstverständnis? Wie schaut sie auf Menschen?

Ob der Betroffenheit, die im Seminar entsteht, denn es ist zu spüren, dass noch weitere Teilnehmer mit diesen Fragen ringen, erläutert der Dozent entschuldigend: „Alle Disziplinen sind von ihren Grundfragen abgerückt. Es gibt keine Antworten mehr darauf. Die Wissenschaft hat ihr Augenmerk auf andere Ebenen gerichtet. Auch die Biologen wissen nicht, was Leben ist, die Physiker können die Natur nicht mehr definieren und die Erziehungswissenschaftler äußern sich nicht mehr darüber, welches Bild vom Menschen ihren Ansichten, Forderungen oder Erkenntnissen zu Grunde liegt.“

Durch diese Aussagen spüre ich plötzlich, welchem Zeitgeist wir unterlegen sind. Ich bin in der Gegenwart angekommen. Die Orientierungslosigkeit und die menschliche Verlorenheit unserer Zeit ist bei uns im Seminarraum spürbar. Der Mensch, ein Konstrukteur und Schöpfer seiner selbst. Gewissheiten, Allgemeingültigkeiten oder auch Überzeugungen gehören der Vergangenheit an. Ein Aufgehoben sein gibt es nicht mehr. Das Mittelalter ist längst vorbei, wir leben noch immer im Zeitalter der Aufklärung – ja, und da gibt es eben keinen festen Boden mehr.

Mir wird plötzlich klar, dass die einzige sich heute anbietende Schlussfolgerung in diesem Zusammenhang die kraftvolle Geistesströmung des Konstruktivismus ist, dessen Annahme es ist, dass es keine fest stehenden Korrelationen zwischen Himmel und Erde, Mensch und Umwelt, zwischen Innen und Außen, Subjekt und Objekt, Wahrnehmung und Außenwelt gibt. Das Passungsverhältnis zwischen äußerer Realität und innerer Erkenntnis entspricht dem Verhältnis von Schlüssel und Schloss. Es ist möglich, mit verschiedenen Schlüsseln ein Schloss aufzuschließen und die meisten Wissenschaften sind dazu übergegangen, einen Dietrich zu benutzen…

Der Mensch erfindet also seine Wirklichkeit. Das, was von Menschen als objektive Wirklichkeit bezeichnet wird, ist immer subjektiv. Und ich höre die eindringliche Stimme des Kommunikationswissenschaftlers Watzlawick imaginär: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ Die heutige Wirklichkeit wird von uns erfunden, erzeugt und konstruiert sowie entdeckt. Sowohl das Subjekt, als auch das Objekt sind Konstruktionen des Menschen - in diesem Sinne gibt es keine gemeinsame - reale - Wirklichkeit mehr. Alles ist möglich. Also auch eine Psychologie ohne den Begriff der menschlichen Seele. Und ein Blick auf Menschen – ohne Menschenbild.

Jedes Menschenbild ist eine persönliche Konstruktion und Interpretation des Menschen in der Welt. Und ich unterstelle, dass jeder Mensch ein implizites Menschenbild hat. Abgesehen davon, ob er das auch explizit verbalisiert und begründet. Ob ein Bild nun anthroposophisch, buddhistisch, hinduistisch, humanistisch, christlich oder sonst wie geprägt ist, spielt dabei keine Rolle. Nicht die Frage nach seiner Richtigkeit ist das Entscheidende, sondern die Frage ist, was auf ein Menschenbild folgt – was daraus entsteht, welche Möglichkeiten sich entwickeln. Ob und wie der Mensch handelnd in die Welt eingreift, hängt maßgeblich davon ab, wo und wie er sich als Mensch, als „human being“, positioniert.

Der Boden unter unseren Füssen führt uns zwischen Himmel und Erde und von Mensch zu Mensch nur dann zu einem Ziel, wenn wir wissen, wohin wir wollen und die Sterne am Himmel bekommen nur dann eine Bedeutung, wenn wir sie ihnen geben.

Dienstag, 19. Januar 2010

Moskau. Macht, Masse und Innerlichkeit in Europa.

Ausgehend von der Einsicht, dass Europa eine Idee, ein Urbild, ein Gedanke und weniger ein geographischer Raum zu sein scheint, blicke ich auf Moskau. Wie zeigt sich Europa an seinen östlichen Grenzen? Gibt es eine eindeutige Antwort auf die Frage, was die Idee „Europa“ beinhaltet, was diese Idee ist? Feststellen lässt sich, dass innerhalb dieses Europa-Urbilds Moskau einen Beitrag leistet. Es ist die größte Stadt, stellt also das größte Abbild dieses Gedankens dar. - Wo genau verläuft eigentlich die Ostgrenze von Europa? Und, gibt es innerhalb von Ideen überhaupt Grenzen? -

In Moskau leben über 10 Millionen Einwohner, plus all die Menschen, die jeden Tag in die Stadt fahren um dort zu arbeiten, oder die als Touristen kommen. Es wird geschätzt, dass sich jeden Tag mehr als 20 Millionen Menschen an dem Ort, den wir Moskau nennen, aufhalten. Moskau ist eine Stadt der unüberschaubaren Ansammlungen, der Menge, des Gedränges, Gemenges und des Getümmels. Es ist die Stadt der Masse. Menschen- und Automassen prägen das Bild. Die Spannung der Stadt offenbart sich zwischen den goldenen Zwiebeltürmen der Vorzeit und den verkommenen Metrostationen der Jetztzeit.

Im Außen gibt es für die Russen noch immer nicht so viel zu holen. Zwar teilt sich die Stadt ihren Sowjetcharme der unendlich vielen - baufälligen - Hochhäuser mit den sakralen Bauten der russisch-orthodoxen Kirche, zu spüren bleiben aber die alles umschlingenden, kalten Winter. Ein Riss geht durch die Stadt. Die lange, schneereiche Jahreszeit scheint überall und immer präsent zu sein, obwohl der Himmel blau ist und die Sonne warm scheint. Moskau ist keine Stadt des Südens, des Draußen- und Aufgehobenseins - Moskau ist eine Stadt der Innenräume, die erkämpft werden müssen.

Gerade das ist die delikate Wunde der fast 900jährigen Geschichte dieser Stadt. Innenräume geben klare Statements. Was aber, wenn sich der Zweck ändert? Wenn die älteste Kirche zugunsten eines modernen Sowjetschwimmbades weichen muss? Wenn Revolutionen die Geschichte prägen und ihre Spuren hinterlassen? Was, wenn das Statement eines Raumes Verwirrung auslöst? Wenn nicht mehr klar ist, was sich hinter dem Zweck, der Aussage verbirgt?

Der Moskauer Kreml verdeutlicht dieses Bild: das Machtzentrum des Landes ist eingezäunt. Schon seit eh und je. Die stolzen Mauern des Kremls umrunden einen Ort der Macht, den Ort der Macht. Es ist das Herrschaftszentrum über das unendlich große, mütterliche, russische Reich. Diese Macht ist spürbar. Als Energie, als Kraft deutlich wahrnehmbar. Im Äußeren aber nicht festzumachen, indifferent. Strahlen die alten Kirchen - mit ihren goldenen Türmen - diese Kraft aus? Oder das Parlamentsgebäude aus sowjetischer Zeit? Sind es die Aufpasser und Wächter, die darauf achten, dass die Touristen die markierten Wege nicht verlassen? Die gigantische Zarenkanone? Die russische Macht ist nicht zu fassen. Aber wahrzunehmen. Der Kreml ist ein alter Ort und der Zar ist auch nach hundert Jahren noch präsent. Spürbar ist ein gewaltiger Zeitstrom in dem alles gegenwärtig scheint. Gegenwart und Vergangenheit verschränken sich hier. Mir verschlossen bleibt die Zukunft. Wohin wird sie das Land führen?

Auf den Straßen gibt es keine Kinder. Es sind Erwachsene, alte Leute, die das Stadtbild prägen. Unendliche Menschenkolonnen. Wer mit der Metro fahren will, muss sich in diesen Strom einordnen. Die langen, steil abwärts führenden Rolltreppen nehmen mich mit in den Schlund der Stadt. Mit rasender Geschwindigkeit braust die Metro durch die Schattenwelt. Wer nicht weiß, wo er hin will, ist verloren. Hier kann man sich nur einordnen. Mitgehen. Sich vom Strom des Geschehens mitreißen lassen. Es gibt prächtige U-Bahn Stationen und verkommene, marode und abgewirtschaftete, alles deutet auf die wechselvolle Geschichte des Landes hin.

Möglicherweise ließe sich die russische Geschichte anhand der Metro-Stationen erzählen. Was aber wären diese Orte ohne Menschen? Unten, vor den unendlich langen Rolltreppen stehen kleine Glashäuschen. Darin sitzt ein Wärter, ein Wächter. Oft ist es eine Frau. Ihr Job ist es, die Reisenden auf der Rolltreppe zu beobachten. Den ganzen Tag Unmengen von Menschen an sich vorbeiziehen zu lassen. Diese Fülle prägt die Stadt Moskau, sie ist Teil der Idee Europas. Unterirdisch wird das durch den Menschenstrom in der Metro sichtbar, oberirdisch durch die nicht enden wollenden Autokolonnen. Fahrräder oder Motorräder gibt es nicht. Das wäre auch viel zu gefährlich. Aber auch sechsspurige Straßen werden von Menschen mit kleinen Besen aus Birkenzweigen gereinigt…

Und die Menschen - sie strahlen etwas aus. Faszinierend finde ich das Antlitz der Russen. Ich sitze im Bus und betrachte Gesichter. Viele sind verschlossen, in sich gekehrt und haben einen groben Ausdruck. Ich sehe breite Gesichter mit einem nach innen gekehrten Blick. Drückt sich in diesen Gesichtern Ohnmacht aus? Nein, es ist Innerlichkeit. Eine verschlossene Tür zum Innenraum des Menschen. Die Russen präsentieren sich äußerlich verschlossen, fast abweisend. Innerlich aber lässt sich ein reiches und warmes Seelenleben erahnen. Wie ließe es sich sonst aushalten zu beobachten, dass sich ein altes Mütterchen vier Klohäuschen aus blau-weißem Plastik kauft, sie an den Straßenrand stellt und die Menschen einlädt für 15 Rubel ihre Toilette zu benutzen? Ohne eine reiche Innenwelt ist das unvorstellbar. Die russische Seele offenbart sich, sobald die Menschen sprechen - oder in einer Kirche singen. In ihrer warmen, klangvollen Sprache, die reich an Vokalen ist.

Ein großes Abbild dieser warmen, offenen Seele finde ich in der Tretjakowa-Galerie. Dort hängt die unglaublich große und prächtige, feine und schöne Ikone von Andrej Rubljew - ich glaube, es gibt keine größere Ikone auf der Welt - es ist der Pantokrator, gemalt 1408. Die Kraft dieser Christusgestalt geht von seiner Feinheit aus, von seiner Offenheit. Von seinem Ja zu jedem einzelnen Menschen. Und ich möchte fast schreiben: von seiner Liebe. Sein Blick von innen nach außen und gleichzeitig von außen nach innen umfasst alles. Nimmt alles auf. Der Pantokrator symbolisiert Macht, Kraft, Autorität - und Ohnmacht, Schwäche, Bedeutungslosigkeit in einem. Sein Blick strahlt Herzenskräfte aus. Das, was wir das menschliche Leben nennen. Er schaut aus dem Zentrum des einzelnen Menschen in seiner Verwundbarkeit in die Welt und gleichzeitig in diese Mitte hinein. Trotz der Zerbrechlichkeit. Er wird zum Schnittpunkt von Innerlich- und Äußerlichkeit. Für den Besucher erlebbar, wenn er dem Bildnis gegenüber steht.

Die Ikone feiert ihr 600-jähriges Bestehen. Rubljew hat wohl kaum geahnt, dass er ein göttliches Abbild des modernen russischen Menschen in seiner Innerlichkeit gestaltet hat. Dass dieses Bild als Vermittler zwischen Außen- und Innenwelt des Menschen in Moskau im 21. Jahrhundert dienen kann. Das Abbild wird zum Urbild: Christus zum Menschen, der Mensch zu Christus. Oberwelt und Unterwelt verschränken sich miteinander. Die östliche Metropole, begriffen als das Tor in die westliche Welt. Der Einzelne ist Teil der Masse - Ohnmacht ergänzt Macht. Die Aura der Stadt präsentiert sich im Zeitenstrom der Geschichte. Moskau, ein Abbild der Idee Europas: Macht, Masse und Innerlichkeit.

Montag, 11. Januar 2010

Biographische Wege. Einfache, doppelte und netzartige

Die eigene Biographie wird oft mit einer Lebenslinie verglichen, einem Weg, den das Individuum geht oder gegangen ist. Selten wird das Bild benutzt, dass das eigene Leben aus einem Netz von langen oder kurzen, dicken oder dünnen Linien besteht, die sich kreuzen oder trennen und von denen man nie weiß, welche Bedeutung sie haben oder haben werden. Dieses Bild finde ich weitaus passender.

Auf der einen Seite ereignen sich die Dinge linear – ein Ereignis nach dem anderen – von der Geburt bis zum Tod. Unterstützt wird dieser Blickwinkel durch die Tatsache, dass sich der Mensch physisch immer nur an einem Ort aufhalten kann. Dagegen spricht aber, dass der Mensch nicht nur ein physisches Leben, sondern auch ein seelisches und geistiges führt.

Insofern ereignen sich „die Dinge“ auf den verschiedenen Ebenen polyphon. Es passiert vieles gleichzeitig und es finden unerwartete Durch- oder Abbrüche statt. Neben überraschenden Abgründen oder hochaufgetürmten Wänden können sich plötzlich auch mehrere gangbare Wege eröffnen – auch, wenn man sich physisch nur an einer Stelle befindet. Das Bild des „Lebensweges“ stimmt also und muss gleichzeitig weitläufiger und größer gefasst werden, als nur auf die physische Ebene bezogen. Es ist ein großartiges, verwirrendes und unüberschaubares Labyrinth von vielen Wegen.

In der Literatur werden Lebensläufe - so, wie das Leben innerlich und äußerlich ge-laufen wird, wie es ver-läuft - oft dargestellt. Schon im Mittelalter wurde in der höfischen Literatur von Lebenswegen berichtet. Klassische Helden sind in der deutschen mittelalterlichen Literatur meist Männer - Ritter - die abenteuerliche Wege beschreiten und für König Artus kämpfen. Helden sind diejenigen, die die Anforderungen von außen glänzend bestehen - sie besiegen Ungeheuer, böse Zwerge und retten Prinzessinnen aus verwunschenen Schlössern.

Bereits um 1200 entwickelt sich, in der sogenannten Artusepik, ein neuer Helden-Typus. Helden strahlen dort auf geheimnisvolle Weise nicht mehr durchgehend, und es geht auch nicht mehr nur noch um die bösen, gewitzten, hinterhältigen oder niederträchtigen Herausforderungen und Angriffe, die dem Kämpfer von außen entgegen kommen, sondern es geht auch um die inneren Anfechtungen, die aus individueller Persönlichkeit heraus entstehen. Neu ist nicht das Phänomen der Krise an sich, sondern neu ist die eigene Schuld, der persönliche Fehler, das individuelle Versagen.

Der mediävistische Fachbegriff für diese Art der Erzählungen ist: Doppelwegsepik. Was verbirgt sich dahinter? Nein, es sind nicht zwei Wege, die gleichzeitig gegangen werden, sondern es sind zwei Chancen, die dem Probanden gewährt werden. Zunächst zieht er, strahlend und seines Sieges meist gewiss, in die Welt hinaus um seine Abenteuer – seine Aventuiren – zu bestehen und seiner Dame zu dienen. Wenn er erfolgreich zurückkehrt – und jeder, der ein wirklicher Held ist, tut das – wird er am Artushof, ob seiner Erfolge, seiner Schönheit, seines Mutes oder seiner Taten, gefeiert.

Die „älteren“ Geschichten enden an dieser Stelle. Die Erzählungen aber, die zur sogenannten Doppelwegsepik zählen, beginnen nach dem ersten Erfolg spannend zu werden, denn es folgt ein Abstieg. Der Held macht etwas falsch, er verliert seine Ehre, genügt den Ansprüchen nicht oder er gerät in einen Hinterhalt, den er selber heraufbeschwört. Die Folge ist, dass er sich neu bewähren muss. Sein Glanz ist ermattet, seine Ehre angekratzt, sein Sieg fraglich oder sein Ansehen und Ruhm verblasst – das kann er nicht auf sich sitzen lassen.

Er muss also aufs Neue aufstehen, sich zeigen und „ausreiten“, Möglichkeiten suchen, Wege beschreiten. Und das tut er auch. Er zieht ein weiteres Mal aus, um sich zu zeigen und selber zu spüren, wer er ist. Wenn er seine eigenen Fehler überwindet, sein Scheitern und die damit verbundene Krise in sich integriert, dann erstrahlt er ein zweites Mal und sein Heldentum wird ihm nicht wieder genommen. Er hat es dann „wirklich“ und „für immer“ geschafft – er ist auf dem Königsweg angekommen und ein „echter“ Artusritter.

Wie kommt es, dass dieses persönliche Scheitern, in das der Held geraten ist, ihn nicht niederwirft und „auf den Boden“ legt? Die höfische Gesellschaft gesteht dem Individuum also bereits um 1200 eigenverschuldete Krisen, Fehler und Unzulänglichkeiten zu, obwohl das offizielle Konzept das nicht vorsieht. Die Doppelwegstruktur der mittelalterlichen Epik hat Signalcharakter. Und trotzdem tun wir uns heute noch schwer, biographische Tiefpunkte - unbekannte Seitenwege oder Sackgassen - auszuhalten. In der Literatur werden diese vielen Wege aber auf allen Ebenen deutlich beschrieben.

Nach den Helden, die einen doppelten Weg gehen mussten, wurden auch die sogenannten Antihelden, die Scheiternden, die Untergehenden und Schwachen literarisch gezeigt, es gibt eine Menge Beschreibungen von denjenigen, die es nicht geschafft haben. Heute stecken die Ungeheuer, bösen Zwerge oder zu rettenden Prinzessinnen in uns selber. Der „Kampf“ findet also im Inneren statt. Und sowohl die literarischen Gestalten der Gegenwart als auch die realen Menschen stehen vor den gleichen Herausforderungen.

Entsteht nicht gerade aus dem Scheitern und der Katharsis am Tiefpunkt eine Kreativität, neue Fähigkeiten, Geistesgegenwart und persönliche Integrität, die zukunftsweisend - auch über ein Leben hinaus - sind? Biographien, das, was das Leben des Einzelnen (in die Erde) schreibt, erweisen sich bei genauem Hinsehen als ein weitläufiges Wegenetz – eingegrenzt von Geburt und Tod (und neuer Geburt und neuem Tod). Selten wissen wir, an welchem Punkt des Gesamtweges wir uns gerade befinden.

Von dem Mut, dem Stolz und dem Glanz der mittelalterlichen Helden, die das Vertrauen hatten, dass die eingeschlagenen Wege die richtigen sind, könnte sich manch einer heute eine Scheibe abschneiden. Aber auch ein "König Artus", der eine anerkennende Instanz ist, könnte sich heute deutlicher zeigen.

Individueller, biographischer Sinn konstruiert sich erst durch die vielen Wege, die wir tatsächlich und gleichzeitig und mutig beschreiten – auch, wenn wir nicht wissen, wann und wo wir ankommen. Die biographische „Lebenslinie“ präsentiert sich als biographisches Netz, das die unterschiedlichsten Wege beinhaltet. Schaut sich das eigentlich die Literatur vom Leben ab, oder das Leben von der Literatur?

Freitag, 1. Januar 2010

Wunsch und Wille. Vorsätze im neuen Jahr

Wenn es um Weihnachten geht, sind Wünsche nicht fern. Besonders Kinder wiegen sich in Wünschen, die sie auf Wunschlisten schreiben und ihrer Umgebung bekannt machen, damit ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Kinder wünschen sich gerne etwas von anderen - Geschenke.

Zu Neujahr sieht das anders aus. Da geht es zwar auch um Wünsche, aber da sind es meist die Erwachsenen, die sich etwas wünschen. Und sie wünschen sich keine Geschenke von anderen, sondern, sie wünschen sich etwas von sich selbst. Sie wollen etwas verändern, etwas erreichen, etwas anfangen, aufhören, abschließen, durchhalten und so weiter. Da gibt es unendlich viele gute Vorsätze zu verzeichnen.

Der Begriff „Wunsch“ ist etymologisch nicht weit von dem Begriff „Wille“ entfernt. Wünschen und wollen gehören zusammen. Das eine Wort richtet seine Aufmerksamkeit mehr nach außen, in die Umwelt und das andere nach innen, in die Innenwelt des Individuums.

Unser Wille lässt uns Ziele verfolgen. Er lässt unsere Füße gehen, unsere Hände zugreifen oder zuschauen, er richtet unseren Blick aus. Der Wille ist tief im Menschen verankert und lässt sich nicht so einfach verändern. Er hat mit unseren innersten Intentionen zu tun und ist uns nicht immer bewusst. (Mit welchem „Letter of intent“, welcher „Absichtserklärung“ seid ihr angetreten? Wo wollt ihr in der Zukunft landen?)

Wie der Wille im Inneren eines Menschen aktiviert wird, wie der Wille in Bewegung kommt und sein Ziel anstrebt und verfolgt, das liegt oft im Verborgenen unseres Bewusstseins. Meist lässt sich nur im Nachhinein etwas darüber sagen, wie der Wille eines Menschen ausgerichtet ist, denn wenn das Ziel erreicht ist, sieht man den dahinter stehenden Willen deutlicher.

Wunsch und Wille richten sich im Zeitenstrom auf die Zukunft. Wünsche entstehen jedoch in der Gegenwart. Sie hängen von der momentanen Lebenssituation und vom sozialen Umkreis ab. Der Wille jedoch nistet sich in der Vergangenheit in uns ein. Er entsteht in einer ganz privaten, individuellen und persönlichen Vergangenheit, die mit der gegenwärtigen sozialen Umgebung unter Umständen gar nichts zu tun hat. Aber auch er sucht seine Erfüllung in der Zukunft, er strebt unablässig in das Kommende. Wunsch und Wille müssen also in der Gegenwart gestaltet werden, um in der Zukunft anzukommen.

Als Schwierigkeit kommt hinzu, dass es ja auch viele unbewusste Wünsche gibt, einen Willen, den wir gar nicht in Worte fassen können, gar nicht im Bewusstsein haben. Da gibt es die verbotene Ebene, die notwendige, natürliche und unnatürliche, die geheimen und unmöglichen Wünsche oder Willensrichtungen. Es gibt das Sehnen und Begehren, das Verlangen und die Träume, das Bedürfnis und den Drang.

Walter Benjamin beginnt seine kleine Erzählung „Wintermorgen“ in der Sammlung: „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ mit den folgenden - einfachen und doch so tiefsinnigen - Worten:

"Die Fee, bei der man einen Wunsch frei hat, gibt es für jeden. Allein nur wenige wissen sich des Wunsches zu entsinnen, den sie taten; nur wenige erkennen darum später im eigenen Leben die Erfüllung wieder."

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein glückliches neues Jahr und hoffe, dass viele von euch im anbrechenden Jahr etwas von der Erfüllung mitbekommen, die sie sich einst in Wünschen und Willensbekundungen mit auf den Weg nahmen – denn an der Realisierung dessen, was wir als Vorsatz in uns tragen, können wir einen aktiven Beitrag leisten.

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Gelingendes Leben

"Aber heute fürchte ich nichts, heute zeige ich mich freimütig, schutzlos dem Tag, mache die Demutsgebärde des angegriffenen, schwächeren Wolfs, zwinge den Übermächtigen zur Großmut und wage, mich zu freuen, weil der Morgen frisch und bitter riecht, weil der Himmel makellos ist, weil eine späte rote Rose aufgeblüht ist am schon verdorrenden Busch, weil ich den Tod nicht scheue, weil ich lebe, weil ich auf eine Art lebe, die nur ich weiß und kann, ein Leben unter Milliarden, aber das meine, das etwas sagt, was kein anderes sagen kann. Das Einmalige eines jeden Lebens. Es macht heiter, zu wissen, dass jeder Recht hat mit sich selbst. Schön ist es, älter zu werden, erlöst von sich, von der gewaltigen Anstrengung, etwas zu werden, etwas darzustellen in dieser Welt. Gelassen sich einfügen, irgendwo, wo gerade Platz ist, und überall man selbst zu sein und zugleich weiter nichts als einer von Milliarden. Dies alles, in vielen Worten gesagt, dauert zu fühlen drei, vier Atemzüge lang."

Luise Rinser

Sonntag, 20. Dezember 2009

Im Krankenhaus. Wenn Seele und Geist weggeschickt werden.

Das deutsche Gesundheitssystem funktioniert in Krankenhäusern. Da ihr Arzt das Krankenhaus am Sonntag darüber informiert hatte, dass sie kommen würde, war alles vorbereitet. Sie musste nur ihre Plastikkarte abgeben. Das war gewissermaßen der Eintrittsschein in die Welt der medizinischen Versorgung. Von da an war sie ein „Fall“. Eine Patientin, die medizinisch betreut und versorgt wurde.

Da sie niemand kannte, und in dem großen Gefüge eines Krankenhauses mit all seinen Abläufen die menschliche Zuständigkeit ständig wechselte, wurden jede Menge Datenaufkleber gedruckt. Für die diversen Akten und Schriftstücke, für Laboruntersuchungen und alles weitere, was sie betraf. Die Etiketten mit ihrem Namen verteilten sich in alle Richtungen des großen Gebäudekomplexes.

Die neue Patientin war ein hinzugekommenes Rädchen im Getriebe. Nichts sollte verwechselt werden. An dieser Stelle ging es ganz explizit um physische Individualität. Auch an das Bett der neu Aufgenommenen wurde ein Schild mit ihrem Namen gemacht und selbst um ihr Handgelenk wurde ein Bändchen gelegt, auf welchem Name und Geburtsdatum zu lesen waren.

(Wie gut, dass kein Bändchen um einen Zeh ihres Fußes gelegt wurde. Später hörte sie, dass man das in amerikanischen Filmen bei Verstorbenen so sehen kann.)

Über das Namensbändchen war sie irritiert. Ob die Schwestern wohl meinten, dass sie selbst vergessen könnte, wer sie sei? Nachdem sie aus der Narkose nach der OP wieder erwachte, bemerkte sie, dass eine Schwester das Bändchen an ihrem Arm verstohlen abriss. Das brauche man nun nicht mehr, sagte sie, denn nun könne die Patientin sich ja selber wieder artikulieren. Die OP war also gut verlaufen – sie wusste nicht viel darüber, was die Ärzte konkret getan hatten – nein, sie wusste es nur so ungefähr. Und einen Moment Zeit, dass man es ihr hätte in Ruhe erklären können – den gab es wohl nicht. Sie war wach, lag still in ihrem Bett und wartete ab.

Um gesund zu werden wird ein Patient in einem Krankenhaus um zwei Dinge gebeten. Einerseits um totale Hingabe. Übergabe und Vertrauen in das, was Ärzte wollen und einfach tun. Und andererseits um einen kritischen Geist. Mitdenken, nachfragen, nicht locker lassen. (Ja, was sie nicht alles unterschreiben musste!) Eben das Gegenteil von Hingabe. Irgendwo zwischen diesen beiden Extremen liegt der goldene Mittelweg. Weder das eine noch das andere funktioniert in seiner Reinform. Gerade das, worum implizit gefragt wird, ist eine menschliche Mitte, die den Körper, die Seele und den Geist mit einbezieht. Diese Mitte in einem Krankenhaus zu bewahren, ist gar nicht so einfach.

Eine Nacht wird normalerweise von Stille und Dunkelheit getragen. Auch im Krankenhaus kommt zu später Stunde so langsam Ruhe auf und es wird dunkler. Aber eben nicht ganz. Auf der einen Seite ist es still, schwer und dunkel und auf der anderen Seite bleibt es unruhig. Die nächtlichen Stunden werden von Geräuschen und stoisch aufblinkenden kleinen Lichtern durchzogen, sowie von einer unablässigen und unklaren Unruhe und Bewegung durchströmt. Es ist gerade so still, dass jedes Geräusch zu hören ist. Eine Stimme auf dem Flur. Türen, die auf und zu gemacht werden. Ein Klingelknopf, der in einem anderen Zimmer getätigt wird. Betten, die verschoben werden. Patienten, die neu eingeliefert werden. Ein leises Klappern – schlicht, jede kleine Bewegung ist in der Stille der Nacht hörbar, wenn man nicht schläft.

Als sie, zu nächtlicher Stunde nach Baldrian oder einem Beruhigungstee fragte, bot man ihr Valium an. Das dürfe sie ruhig nehmen – dann könne sie sicher schlafen. Etwas anderes gäbe es nicht. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte sich nicht noch einmal so abgeben, so verlieren, sich selber so verlassen wie bei der Narkose. Nein, und wenn sie die Nacht wach bleiben würde, Valium wollte sie nicht nehmen.

Sie war keine 24 Stunden im Krankenhaus. Wie viele zuständige Schwestern oder Ärzte in dieser Zeit an ihr Bett traten, konnte sie nicht erinnern. Sie weiß noch, dass es einen Zeitraum gab, da in sehr kurzen Abständen ihr Puls, ihr Blutdruck und ihre Temperatur gemessen wurden. All das wurde in Akten abgelegt. Was es zu bedeuten hatte – das wusste sie nicht. Alles schien irgendwie normal zu sein. Aber für sie war alles neu, fremd und nicht vertraut. Sie war noch nie operiert worden.

Physisch nahm alles seinen Gang. Komplikationslos. Da sie am Morgen zwar die Erlaubnis erhielt zu duschen, ihr aber kein Handtuch angeboten wurde - denn sie selbst hatte keins dabei, weil sie ja gar nicht darauf eingestellt war, über Nacht dortzubleiben - beschloss sie, das Krankenhaus so zu verlassen. Ungeduscht. Nur weg. Zurück auf bekanntes Terrain. Dort gesund werden. Als sie nach dem Frühstück zurück an ihr Bett kam, lag da der Entlassungsbrief - das hieß, dass sie gehen konnte.

Wie verlässt man ein Krankenhaus? Geht man einfach? Oder gibt es jemanden, dem man die Hand geben konnte? Der explizit wissen sollte, dass man geht? Schließlich war doch auf physischer Ebene einiges passiert. Die Tagschwestern waren erst seit kurzem im Dienst und hatten - bis auf „Messungen“ - noch gar nicht mit ihr gesprochen. Der Arzt hatte sein Okay zur Entlassung gegeben, war aber längst in anderen Zimmern verschwunden. Sie „kannte“ niemanden, ging aber trotzdem zu einer der jungen Frauen in weißem Kittel und gab ihr die Hand um Auf Wiedersehen zu sagen.

Ein Aufenthalt in einem normalen Krankenhaus bedeutet, dass alles getan wird, was auf physischer Ebene zu tun ist, um Gesundheit zu erlangen. Seele und Geist werden aber durch eine Narkose explizit weggeschickt, ja verbannt. Sie brauchen dann Zeit, um sich langsam wieder anzunähern. Denn sie gehören zur Gesundheit des Menschen dazu. An diesem Erlebnis wurde ihr sehr deutlich, was es hieß, wenn man sich nur um eine Ebene - die physische - des Menschen kümmert.

Die Seele hätte eine Chance gehabt mitzukommen, wenn auf der menschlichen Ebene etwas mehr Anteilnahme genommen worden wäre. Ganz abgesehen vom Geist, der die Geschehnisse erst in einen größeren Zusammenhang bringen musste, um irgendwie mitzugehen. Zu wünschen ist, dass eines Tages auch die „normalen“ Krankenhäuser daran denken, dass der Mensch nicht nur aus physischer Materie besteht.

Um gesund zu werden ist sie nun dabei, neben der physischen Genesung, auch seelisch und geistig wieder eins zu werden.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Novellen. Der Falke aus Florenz

Boccaccio (1313-1375) war der erste Gelehrte an der neugegründeten Universität in Florenz, der öffentlich über die „Göttliche Komödie“ von Dante (1265-1321) sprach. Er war, mit seinem Dichter-Freund Petrarca (1304-1374), ein großer Dante-Freund und -Kenner. Boccaccio war ein Erzähler und Humanist der ersten Stunden, in der erwachenden Renaissance in Florenz.

Nachdem 1348 die Pest in Florenz ihr Unwesen getrieben hat (und in Prag die erste deutsche Universität eröffnet wurde) begann Boccaccio das „Dekamerone“ zu schreiben. Angelehnt an die „Göttliche Komödie“ mit ihren einhundert Gesängen, schuf er einen Novellenzyklus aus einhundert Erzählungen.

Die Rahmenhandlung des Dekamerone erzählt vom pestverseuchten Leben in der Stadt am Arno – und gehört auch heute noch zu den wenigen brauchbaren dokumentarischen Berichten über diese Unglückszeit. Drei junge Männer und sieben junge Damen treffen sich in der Kirche Santa Maria Novella - von dort nimmt die Binnenhandlung, nehmen die „Novellen“ oder auch „Neuigkeiten“ ihren Ausgangspunkt - und beschließen gemeinsam aufs Land zu ziehen, um der Ansteckungsgefahr zu entgehen.

Sie ziehen Richtung Fiesole in ein Landhaus. Auch heute, siebenhundert Jahre später, steht das Gebäude noch da – an der Via Boccaccio – und beherbergt eine Fakultät der Europäischen Universität (!). Damals war es ein verwaistes aber intaktes Landhaus, in das die Gruppe der Überlebenswilligen geflüchtet ist, um die Zeit miteinander zu verbringen.

Eine Funktion des Erzählens ist es schon immer, sich die Zeit auf angenehme, aufregende, lustvolle, interessante oder bereichernde Weise zu vertreiben. Und so beginnt auch diese Gruppe junger Florentiner sich dort in der Diaspora Geschichten zu erzählen. Jeder Tag wird durch eine „Königin“ oder einen „König“ bestimmt. Sie geben jeweils ein Thema vor. Und jeder der zehn Beteiligten erzählt dann im Verlaufe eines Tages – am Morgen, in der glühenden Hitze des Nachmittags oder in der Dunkelheit des Abends, vor oder nach dem Essen, im Haus, im Garten oder am Fluss - eine Geschichte zum Thema. So entstehen im Laufe von zehn Tagen einhundert Erzählungen: einhundert Novellen eben. Das Dekamerone – das Zehntagewerk.

Wer alte Erzählungen mag, findet in diesem Novellenzyklus sicher die eine oder andere wunderbare Geschichte. Eine von ihnen hat besondere Aufmerksamkeit erlangt, es ist die sogenannte Falkennovelle, die 9. Novelle des 5. Tages. Sie ist, wenn es nach Paul Heyse geht, konstituierend für die Novelle an sich.

Wie definiert man eine Novelle? Im Gegensatz zu einer Kurzgeschichte oder zu einem Roman? Wo fängt eine Novelle an, wo hört sie auf, wo sind ihre Grenzen? Lyrik und Dramatik lassen sich deutlich definieren, aber innerhalb der Epik gibt es einige unscharfe Ränder. Die Form lässt sich nicht eindeutig festlegen. Deshalb hat der deutsche Dichter Paul Heyse (1830-1914 in München) auf den Inhalt verwiesen. Er nennt eine Erzählung dann eine Novelle, wenn sie symbolisch „einen Falken“ aufweist.

In Florenz lebt ein Edelmann namens Federigo. Er liebt Monna Giovanna und richtet ein Fest nach dem anderen aus, um ihre Gunst zu erlangen. Er stiftet sein ganzes Vermögen, um ihr Geschenke und seine Aufwartung zu machen. Sie aber erhört ihn nicht. Sie heiratet einen anderen, einen reichen Kaufmann, und bekommt mit ihm einen Sohn. Federigo ist mittlerweile einsam und verarmt, er hat nur noch einen einzigen Falken und lebt in einem kleinen Landhaus nahe Florenz. In seinem Herzen liebt er noch immer Monna Giovanna.

Als Monna Giovannas Ehemann stirbt, zieht auch sie aufs Land, in die Nähe des kleinen Gutes von Federigo. Aber erst zu dem Zeitpunkt, als Monna Giovannas Sohn erkrankt, und sich, um zu genesen, von ganzem Herzen den prächtigen Falken von Federigo zum spielen wünscht, geht sie zu ihm - die ihn vorher nie beachtet hat. Federigo ist erstaunt und beglückt. Monna Giovanna will bei ihm speisen. Da Federigo nichts anderes als seinen Falken besitzt, dreht er ihm kurzerhand den Hals um, und serviert ihn seiner geliebten Dame.

Erst nach dem Essen offenbart die Mutter des kranken Knaben, dass sie gekommen sei, um um den Falken zu bitten. Federigo ist untröstlich – endlich hat er die Aufmerksamkeit seiner Dame, und nun kann er ihr nicht dienen. Den Falken haben sie bereits gemeinsam verspeist. Monna Giovanna kehrt erschüttert zu ihrem Sohn zurück, nachdem sie den Falken von Federigo nicht erhalten konnte. Ihr Sohn stirbt. Und sie erwacht und erkennt, wem sie in Federigo begegnet ist. Nach einer angemessenen Trauerzeit heiraten die beiden und Federigo wird wieder ein reicher und geachteter Bürger von Florenz.

Soweit die humanistische Erzählung von Boccaccio aus der Renaissance in Florenz.

Nicht jede Novelle, die seitdem geschrieben wurde, endet in dieser Weise klassisch. Wenn aber jede gute Novelle so einen „Falken“, so eine „unerhörte Begebenheit“ (wie es Goethe nennt), so einen delikaten Wendepunkt aufweist, dann sind die Erzählungen alles andere als alt und märchenhaft, sondern modern und riskant und unüberschaubar. Ein Scheitern wird nicht ausgeschlossen und die Stringenz, Treue und Naivität, die Federigo an den Tag legt, wünsche ich manch einer literarischen Gestalt, die sonst noch durch die Weltliteratur spaziert.

Boccaccio, dem alten Italiener, gebührt, ob seines Novellenzyklus‘, noch heute ein Platz in der Weltliteratur. Den Mut zu einer Renaissance - nicht nur in der Literatur - der symbolischen Wiederauferstehung des Falken zwischen Federigo und Monna Giovanna , könnten wir, in jeder Hinsicht, heute in Mitteleuropa wieder gut gebrauchen. Vielleicht spielt die Europäische Universität - in der Via Boccaccio zwischen Florenz und Fiesole - dabei eine Rolle. Einen würdigen Ort hat sie ja gefunden, auch Pico della Mirandola (1463-1494) hat - einhundert Jahre später - in jenen Gefilden seine 900 Thesen geschrieben.

P.S. Warum nur hat Lorenzo di Medici 1473 die Universität von Florenz nach Pisa verlegen lassen?