Donnerstag, 4. März 2010

Minne und Krasser Scheiß. Worte und Begriffe

Als meine erwachsene, studierende Tochter zu Weihnachten ein Geschenk auspackte, das ihr außerordentlich gut gefiel, entwand sich ihrem Inneren ein großes Kompliment, sie strahlte und sagte: „Krasser Scheiß!“ Und das war ernst gemeint. Sie hat sich wirklich unglaublich über das Geschenk gefreut, das sie in Händen hielt.

Sprache, und damit Worte und ihre Bedeutung, wandeln sich. Das ist offensichtlich. Ich hätte in ihrem Alter und in einer vergleichbaren Situation vielleicht „wow“ oder „cool“ gesagt – und hätte das schon sehr gewagt gefunden. Aber die Konjunktur dieser Worte neigt sich ja schon ihrem stillen Ende zu. Heute stehen andere Begriffe auf dem Plan und wer weiß, welche Buchstabenkombinationen nun auf dem Weg sind, geboren zu werden und sich einen Platz und Rang zu erobern.

Meine jüngere Tochter fragte mich neulich, was eigentlich „Minne“ sei. Mit diesem Wort konnte sie nichts anfangen. Da es aber in ihrer Schullektüre öfters vorkam (…Parzivalepoche…) hielt sie es immerhin für angebracht, sich nach der Bedeutung zu erkundigen. „Minne“ ist kein geläufiges Wort für Liebe mehr, es stammt aus dem Mittelalter. Auch ich kannte es als Jugendliche nicht. Manche Worte muss man also richtig „lernen“ – deren Bedeutung ergibt sich nicht nebenbei oder aus sich selbst. Andere Worte gibt es, die ihre Bedeutung über einen langen Zeitraum behalten oder sich verwandeln. So gehören das Herkunfts- und Synonymwörterbuch zu meinen liebsten Nachschlagewerken.

Als ich den letzten Blogtext von Jelle van der Meulen auf mögliche Fehler durchging (http://jellevandermeulen.blogspot.com/2010/03/alle-groen-worte-brauchen-respekt-uber.html), ist in mir die Frage entstanden, was eigentlich der Unterschied zwischen „Begriff“ und „Wort“ ist. Er spricht in seinem Text von „Worten“. Ich hatte die Neigung, an manchen Stellen das Wort „Wort“ durch den Begriff „Begriff“ zu ersetzen. Und da haben wir es schon. Was ist da richtig? Was ist passend, emergent, evident, einleuchtend, plausibel, überzeugend, schlüssig, nachvollziehbar? (Und das Synonymwörterbuch schlägt noch viel mehr Worte im Umkreis vor!)

Wo unterscheiden sich Worte von Begriffen – wo trennen sich die beiden voneinander, wo überschneiden sie sich, was ist wann gemeint? Das entsprechende Verb zum Begriff „Begriff“ ist „begreifen“. Diese Verbindung hat mir schon immer gefallen, weil ein Geheimnis darin liegt. Wie kann man einen Begriff begreifen – anfassen, berühren, ertasten? Und doch hat ein Begriff etwas von der physischen Ebene. Gemeint ist aber, dass wir einen Begriff mit unserem Verstand – oder unserem Herzen - ergreifen, so dass er einen lebendigen Ort in uns erhält. Der DUDEN sagt, ein Begriff sei der „geistige, abstrakte Gehalt von etwas“. Aha.

Das Wort „Wort“ hat kein zugehöriges Verb. „Worten“ – das wäre schön, aber das gibt es wohl noch nicht. Dafür aber wartet der DUDEN mit einem schönen Bedeutungshintergrund auf. Ein Wort sei das „feierlich Gesprochene“. Im Griechischen verweist „Wort“ auf „sagen“, im Russischen auf „lügen“… Das Instrument beider Worte oder Begriffe ist die Sprache, die wir sprechen. Schriftlich oder mündlich. Ob wir mit Worten etwas sagen oder lügen hängt von inneren Dispositionen ab – das Wort an sich ist nur das Kleid, in dem die Bedeutung erscheint.

Aber zurück: Ist Liebe nun ein großes Wort oder ein großer Begriff? Wer könnte darüber etwas sagen?

Jelle van der Meulen verweist am Ende seines Textes darauf, dass die Quelle eines bestimmten Wortes (Anthroposophie) im Herzen des Menschen läge und die Sprache des Herzens ja bekanntlich die Poesie sei. Diesem Blick möchte ich noch eine andere Perspektive hinzufügen. Walter Benjamin, der sich sicherlich auch als Platoniker bezeichnen würde, hat in seinem Sprachaufsatz geschrieben: "Jede Mitteilung geistiger Inhalte ist Sprache." Das bedeutet, dass gerade dann eine stimmige Sprache entsteht, wenn die Worte und Begriffe einen geistigen Inhalt tragen. Er schaut also aus umgekehrter Richtung. Besonders reich wird die Sprache also dann, wenn sie geistigen Inhalts ist und aus dem Herzen der Menschen heraus gesprochen wird – ganz unabhängig davon, ob Worte oder Begriffe verwendet werden.

In diesem Sinne war auch der Ausspruch meiner ältesten Tochter: „Krasser Scheiß“ wirklich als Kompliment zu verstehen und die Frage meiner jüngeren Tochter, was denn „Minne“ sei, eine echte Frage die aus ihrem Herzen kam. Schließlich sind es die jüngeren unter uns, die die neuesten Nachrichten aus der geistigen Welt mitbringen. Da muss man schon mal über den Schatten von Worten springen und für neue Bedeutungen offen sein.

Kommentare:

  1. krasser scheiß mama :)

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  2. Liebe Sophie, Worte und Begriffe sind nicht identisch. Mich überzeugt die Sichtweise von Owen Barfield, der in seinem „Poetic Diction“ schreibt, dass Wörter „keine Flaschen“ sind. In meiner Übersetzung: „Bedeutung kann nie von einem zu einem anderen Menschen transportiert werden; Wörter sind keine Flaschen; jeder Mensch muss die Bedeutung für sich selber intuitiv ergreifen, und die Funktion des Poetischen liegt darin, diese Intuition durch passende Suggestion zu vermitteln“. Mit Begriffe ist das genau so: sie sind geistige „Erscheinungen“, die nicht identisch mit der Sprache sind. Deswegen können Begriffe auf unterschiedlichen Arten und Weisen „passend suggeriert“ werden: über Wörter, Bilder, Farben, Bewegungen (Tanz). Mir fällt übrigens immer wieder auf, dass vor allen die Deutschen, auch wenn es um Sprache geht, erst auf die Begriffen schauen. Die Deutschen haben eine intime Beziehung zu den Begriffen. Das Wort Begriff würde man ins Englisch mit „concept“ übersetzen, was allerdings eine andere Bedeutung hat. Der Begriff concept heißt etwas anderes als der Begriff Begriff. Ich meine, dass die Engländer eher auf die Beziehung zwischen Sprache und Begriffen schauen. Sie erleben Begriffen weniger als „Architektur“, als feste „Bauwerken“ mit festen Namen und so weiter... Deswegen gerade Owen Barfield (ein Engländer aus Kent, also: ein Engländer pur sang): Wörter sind keine Flaschen... Herzlich, Jelle van der Meulen

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  3. Liebe Sophie,

    ich habe mich ertappt, dass ich deinen Text mit fast durchgängigem Schmunzeln und großem Vergnügen gelesen habe. Die Gegenüberstellung der Worte Minne und Krasser scheiß, sowie des Wortes und des Begriffs fand ich sehr interessant und belebend. - Es war auch so, dass ich im Philosophiestudium erst nach längerer Zeit den Unterschied zwischen Wort und Begriff einigermaßen erfasst habe. Die Begtriffsklärung ist ja ein Hauptthema in der Philosophie. - Ständig sind irgendwelche Begriffe zu klären. - Und unter ihrem Gewicht verblassen die Worte zu bloßem Handwerkszeug, ganz im Gegensatz zur Poesie, wo das Wort im Mittelpunkt steht und die Begriffe zur Seite gedrängt werden.
    Also, wirklich ein toller und humorvoller Wieder-Einstieg in dein Schreib-Dasein!
    Elfriede

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