Dienstag, 6. April 2010

Wenn das Du eine Stadt ist: Zur Lesbarkeit von Paris

…Paris hat mich eingeladen. Über die Stimme meines Sohnes. Er lebt für ein Jahr dort. Ein schöner Anlass, die Stadt an der Seine zu besuchen, zu erkunden, mir von ihr etwas erzählen zu lassen – sie zu lesen. In der Stadt gibt es, wie in allen Großstädten, unglaublich viel Steinernes zu sehen und zu bestaunen. Die Gebäude, Bauten oder Denkmäler bestehen aus Gestein, aus abertausenden von Steinen, erbaut von Menschenhand – Paris eine steinerne Metropole, mit großzügigen aber kargen Parks dazwischen.

…dazwischen erwachen die steinernen Steine zum Leben, wenn ich etwas von ihrer Geschichte erfahre. Wenn ich lese, höre und ein Gespür dafür entwickele, was oder wen sie erlebt – welchen Raum sie den verschiedenen Ereignissen gegeben haben. Vor meiner Reise habe ich also Anknüpfungspunkte gesucht und mich gefragt, welchen Blick ich auf die Metropole werfen, wie ich mich ihr annähern will – auf welche Art werden die Steine zu sprechen beginnen, wie werden sie sich lesen lassen? Dichter, Schriftsteller und Philosophen boten sich an. Und so habe ich sie in mein inneres Gepäck gepackt und bin an die Seine gereist.

…gereist ist auch Rilke vor gut einhundert Jahren. Weil er bei dem großen Meister Rodin als Privatsekretär angestellt wurde. Aber zwei Könige halten es nicht leicht miteinander aus. Einfacher war es vielleicht, den „Panther“ im Jardin des Plantes zu schreiben, oder „Das Karussell“ im Jardin du Luxembourg – Gedichte, die ich sehr mag. Rilke hat seinen Roman «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» in der alten Bibliothèque nationale geschrieben und da der Protagonist in der Erzählung versucht sehen zu lernen, beschreibt der Autor ausführlich, durch welche Straßen er streift, welche Gebäude er sieht und wie es ihm dabei ergeht. Malte hat es in Paris wahrhaftig nicht leicht gehabt.

…nicht leicht gehabt hat es auch Walter Benjamin, der stets durch meine Gedanken spaziert. Er kam nach Rilke aus der deutschen Metropole an die Seine. Neben der Faszination der Stadt die ihn getrieben hat, ist er vor den Nazis geflüchtet – was ihm nur bedingt gelungen ist. Auch er hat in der Bibliothèque nationale geschrieben. Allerdings etwas gänzlich anderes als Rilke. Er war von den gläsernen Passagen, den Regenschirmen der Armen, in den Einkaufszonen der Stadt fasziniert und wollte mit diesem Blick die Geschichte der Stadt lesen. Sein „Passagenwerk“ ist nicht vollendet worden und die Nachwelt rätselt noch immer, ob das Manuskript noch irgendwo zwischen den Büchern zu finden ist.

…zu finden war für den Deutschen Franz Hessel in Paris zu gleicher Zeit der Flaneur, der seitdem durch die Literatur streicht und immer mehr Ansehen genießt. Hessel hat sich neben seinen eigenen Schriften an Übersetzungen gemacht – und durch ihn sind unter anderem die Franzosen Balzac und Proust - der vielleicht noch immer auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist - auch in deutscher Sprache lebendig geworden.

…lebendig gehalten werden auf dem alten Friedhof Peré Lachaise viele Menschen, die einmal durch die Straßen der Stadt spaziert sind. Ich mag diesen stillen Ort. Die Verblichenen haben sich in der Totenstadt versammelt – und auch hier: nur Stein. Die Wege werden von Bäumen begrenzt, aber ansonsten herrscht die Farbe grau vor. Es ist eine bizarre Lebendigkeit, die da zwischen den Toten zu spüren ist. Ob sie in der französischen Revolution ihr Leben lassen mussten und unbenannt blieben oder herrschaftlich bestattet wurden - die ältesten Gräber sind die von Abaelard und Héloise – dem berühmten Liebespaar, aber auch Proust, Balzac, Moliére und viele, viele mehr, sind dort in ihrem Totenreich zu besuchen.

…und zu besuchen sind natürlich nicht nur Erinnerungsorte, sondern auch die Wirkungsplätze verschiedener Bürger. Die ehrwürdige Universität Sorbonne wäre als Ort zu nennen – ich laufe einmal um das alte Gebäude herum. Schon Pico della Mirandola war dort – vor mehr als fünfhundert Jahren – und natürlich viele andere Philosophen. Ich denke an Merleau-Ponty, Derrida, Foucault… Sie alle leben nicht mehr, aber ihre Worte ziehen weiterhin Kreise.

…Kreise zieht für mich auch die französische Sprache, sie spricht bis in meine Träume hinein, obgleich ich ihrer nicht mächtig bin. Ich hatte eine Freundin, Christine Ballivet, sie sprach sehr gut Deutsch, aber der Klang ihrer Worte, ihre Sprachmelodie war immer französisch. Und so bin ich auch mit ihr durch Paris gelaufen und habe mich gefragt, was sie mir wohl in der Stadt gezeigt, wie sie mir die Hauptstadt ihres Landes präsentiert hätte. Ihre Stimme klang in der Luft – besonders in dem Moment, als ich von Montmartre hinab sah, auf die Stadt mit ihren vielen Dächern und die Seine.

…die Seine hat sich Celan zur Verfügung gestellt, als er im Leben nicht mehr weiterkonnte. Ich denke an seine vielen dunklen Worte. Mir gegenüber hat er in der großen Stadt geschwiegen. Seine gedruckten Worte und Metaphern sind aber überall zu spüren, auch wenn sie mahnend von anderen Orten erzählen.

…erzählen. Orte erzählen, Menschen, Steine und Ereignisse erzählen von den Wundern und Wunden des Lebens. Und so danke ich dir, lieber Fabian, dass ich durch dich nach Paris kam - nun erschöpft und reich beschenkt - und ein wenig von dem hören und lesen konnte, was die große Stadt an der Seine mir über Ostern zu erzählen hatte.

Kommentare:

  1. Ich danke dir liebe sophie, dass du mich mitgenommen hast auf deinem literarischen und philosophischen spaziergang durch die erinnerungsträchtige Stadt Paris. Natürlich, sie waren ja alle dort, Rilke, Benjamin, Celan, Proust... . Deine wunderschöne Beschreibung hat mich sehr zu einer Parisreise inspiriert. Schade, dass ich die Koffer nicht gepackt habe, als du mich aufgefordert hast. L.G. von Elfriede

    AntwortenLöschen
  2. Ich danke dir liebe sophie, dass du mich mitgenommen hast auf deinem literarischen und philosophischen spaziergang durch die erinnerungsträchtige Stadt Paris. Natürlich, sie waren ja alle dort, Rilke, Benjamin, Celan, Proust... . Deine wunderschöne Beschreibung hat mich sehr zu einer Parisreise inspiriert. Schade, dass ich die Koffer nicht gepackt habe, als du mich aufgefordert hast. L.G. von Elfriede

    AntwortenLöschen