Freitag, 1. April 2011

Leben und Lernen. Wie aber lehrt man?

Lebensprozesse sind Prozesse, die allen Lebewesen zu Grunde liegen und, so lange jemand oder etwas lebt, aktiv sind. Rund um die Uhr. Ein Prozess ist immer ein Geschehen, ein Vorgang und in Bezug auf die Lebensprozesse kann es nicht anders sein, als dass diese Prozesse in Gang sind, aktiv und lebendig agieren. Sonst ist das Lebewesen, wie auch immer es geartet sein mag, krank oder tot. Solange wir leben, körperlich, physisch leben, ist unsere Körperlichkeit von diesen Prozessen durchdrungen und auf sie angewiesen.

Worum geht es mir? Rudolf Steiner hat die sieben physischen Lebensprozesse in einem Vortrag (Das Rätsel des Menschen) dargestellt. Kurz und knapp. Aber sie leuchten ein, diese Prozesse, deshalb ist es nicht notwendig, viele Worte darum zu machen. Was sich allerdings in der Tiefe in ihnen verbirgt, ist ein Geheimnis, ein Mysterium dem ich nicht auf der Spur bin. Beschreiben kann ich aber die Prozesse und ihre Übertragungsmöglichkeiten über die physische Ebene hinaus:

An erster Stelle steht die „Atmung“. Die Atmung durchzieht unser Leben von der Geburt bis zum Tod – es ist das erste und das letzte, was wir tun. Unser ganzes Leben ist von Atmung durchzogen, einer Ein- und Ausatmung ¬– Tag und Nacht, bewusst oder unbewusst, schneller oder langsamer, immer atmen wir.

Der zweite Lebensprozess, den Steiner beschreibt, ist die „Wärmung“. Die Erwärmung. Wenn wir nicht ungefähr, und es geht dabei um sehr kleine Einheiten, unsere normale Körpertemperatur von etwa 37°C haben, werden wir krank. Zu warm oder zu kalt geht nicht, jedes Lebewesen hat seine spezifische Temperatur. Auch die ausgewogene Wärme gehört zur physischen Existenz in einem Körper.

Dann kommt die „Ernährung“. Immer wieder brauchen wir neue Nahrung, die unseren Körper beschäftigt und ihn erhält. Es scheint ja Menschen zu geben, die sich von Lichtnahrung ernähren, aber das sind doch die wenigsten, die meisten von uns müssen regelmäßig essen und trinken um zu überleben. Auf geheimnisvolle Art und Weise verwandelt sich ein Stück Kartoffel zu dem, was wir unseren Körper nennen.

Der vierte Prozess ist die „Absonderung“. Wenn es sie nicht gäbe, würden wir vergiften. All das, was der Körper nicht, oder nicht mehr braucht, wird ausgeschieden. Die gesamte Verdauung ist ein komplizierter, geheimnisvoller und lebenserhaltender Vorgang. Und auch in diesem Bereich braucht es ein sensibles Gleichgewicht zwischen dem, was bleibt und verwandelt wird und dem, was gehen muss.

Der fünfte Lebensprozess ist die „Erhaltung“. Ein Prozess, der uns am Leben erhält, uns immer wieder erneuert und uns zum Beispiel durch Müdigkeit anzeigt, wenn es notwendig ist, sich zur Ruhe zu legen, um „erhalten“ zu bleiben, um uns zu erneuern, Lebenskräfte wieder zum Erwachen anzuregen.

Der sechste Prozess ist das „Wachstum“. Obgleich wir nach dem 21. Lebensjahr nicht weiter in die Höhe wachsen, ist doch weiterhin eine Ausdehnung in verschiedene Richtungen möglich. In der Kindheit wachsen wir in die Höhe, im Alter werden wir kleiner, Haare und Nägel wachsen sogar über den Tod hinaus.

Und der siebte Lebensprozess ist die „Reproduktion“. Ohne sie würde die Menschheit aussterben. Fortpflanzung ist möglich und nötig – und ein großes Wunder.

Diese sieben Lebensprozesse begleiten uns tagtäglich auf der physischen Ebene durch unser Leben. Etwa bis zum 7. Lebensjahr haben sie, körperlich gesehen, konstituierenden Charakter. Danach werden diese Kräfte und Prozesse etwas freier, obgleich sie weiterhin aktiv sind. Etwa ab dem 21. Lebensjahr haben wir körperlich eine Reife erreicht, die sich nicht mehr grundlegend ändert – bis auf die Abbauprozesse, die irgendwann einsetzen.

Was ist nun mit diesen Kräften der Lebensprozesse während unseres Erwachsenenalters möglich, wenn wir sie nicht mehr so stark für den körperlichen Aufbau benötigen, wenn sich ein Rhythmus gebildet hat, der uns trägt?

Coenraad van Houten hat sich die Frage gestellt, wie Erwachsene eigentlich – möglicherweise im Unterschied zu Kindern und Jugendlichen – lernen. Wie funktioniert das? Was brauchen wir als erwachsene Menschen, um in nachhaltige Lernprozesse einzusteigen, wenn „Lernen“ bedeutet, dass wir uns verändern? Aus den sieben Lebensprozessen hat er die sieben Lernprozesse für den erwachsenen Menschen transformiert:

Aus dem Lebensprozess der Atmung wird im Lernprozess die „Wahrnehmung“. Für jede Art des Lernens ist es notwendig, zunächst einmal ganz frei das wahrzunehmen, worum „es geht“ – was es zu lernen gilt. Den zu betrachtenden Gegenstand anzuschauen, hinzuhören, zu berühren, zu betrachten. Diese erste Wahrnehmung braucht Offenheit, braucht einen Freiraum, in dem sich noch keine Urteile bilden (was ja oft passiert…).

Im zweiten Prozess wird aus der physischen Erwärmung die seelische Erwärmung, die Annäherung, eine erste zarte „Verbindung“. Ein gefühlsmäßiges Darauf-zu-Gehen, ein Einlassen auf den Gegenstand, das Gegenüber. Ohne eine Wärme für das, was wir lernen wollen, bleibt der Prozess im wahrsten Sinne seiner Bedeutung kalt.

Im dritten Prozess, der Ernährung, setzt im Lernprozess dann ein „Verarbeiten“, ein „Verdauen“ ein. An dieser Stelle entscheidet sich individuell, wie man mit dem Lernprozess weiter vorgeht. Wo sind die Elemente, an die ich andocken kann, wohin führt mich das, was ich an Inhalten verdaue? Was entsteht aus der Verdauung?

Der Lebensprozess der Absonderung transformiert sich im Lernprozess in einen Schritt der „Individualisierung“. Was nehme ich, höchstpersönlich und individuell, weiter mit, was ist für mich die Essenz, an der ich weiterarbeite? Alle sieben Schritte werden persönlich und individuell gemacht, aber der vierte Prozess, der mittlere Schritt, zeigt den individuellen Umgang in besonderem Maße. Jeder von uns wird an dieser Stelle etwas anderes mitnehmen.

Die Essenz, die im vorangegangenen Schritt individualisiert wurde, muss nun im fünften Prozess erhalten werden. Die „Übung“ setzt ein. Das, was wir errungen haben, will erhalten und getragen werden – und auch dies geschieht nicht von alleine, sondern nur dann, wenn wir uns darum bemühen.

Der sechste Lernprozess ist das Wachstum, die „Pflege“ dessen, was entstanden ist. Ohne die „Sorge“ um das, was wir gelernt, errungen haben, geht es nicht. Die Dinge wollen gepflegt werden, sonst verflüchtigen sie sich. (Wenn ich eine Sprache lerne ist es evident, dass ich meine Kenntnisse nutzen – pflegen! - muss, sonst verlerne ich alles wieder…)

Und im siebten Schritt, der Reproduktion im Lebensprozess, steht im Lernprozess die „Kreativität“, die Möglichkeit etwas Neues zu erschaffen. Eigenständig über das hinaus zu gehen, womit ich angefangen habe. Aus dem, was ich „gelernt“ habe, was ich durch die sieben Prozesse entwickelt und in mir getragen habe entsteht nun etwas, was aus mir hervorgeht.

Im Gegensatz zu den Lebensprozessen, die sich „von alleine“ abspielen, müssen, können und dürfen wir die Lernprozesse selbst und bewusst steuern.

Meine Forschungsfrage ist, was sich aus den Lebens- und Lernprozessen für LEHR-Prozesse ableiten lässt. Wie „lehren“ wir in der Erwachsenenbildung, damit die Teilnehmer oder die „Lernenden“ in diese Prozesse so einsteigen können, dass sie ihre Prozesse eigenständig und individuell gestalten können. Wie „lehren“ wir, wenn es so etwas überhaupt gibt, damit Lernende zu ihren eigenen Lehrenden werden? (Und was machen die Lehrenden dann?)

Kommentare:

  1. wolfkollmann@libero.it9. April 2011 um 10:02

    Danke für deinen Artikel. So ist es eben, wenn sich die Dinge wandeln! Für mich hat sich alles gewandelt, obwohl ich der gleiche bin, wie vor Nalm, lebe ich Erfahrungen anders. Bei unserem letzten Begegnen in Engen war ich durchdrungen vom Scheitern, vor allem vom Scheitern in der Schule als Lehrer. Das Unterrichten ging mir gar nicht so schlecht von der Hand, ob der tausend Fehler und vielleicht gerade deshalb war es nicht genug, um in mir wieder Frieden zu finden. Dann tauchten plötzlich Knospen auf und jetzt Blüten. Und jetzt lese ich dich und trage seit Tagen die Gewissheit in mir, dass die wirklich neue Gegenwartschule nur eine Schicksalschule sein kann. Anders, anders geht es nicht, aber vor allem geht es nicht mehr. Ich hätte nie Lehrer sein können, ohne diesen Hammer, ohne diese Transformation mit dem Schicksalslernen begonnen zu haben. Danke dir Sophie, dass du mich begleitet hast, über diese Schwelle zu treten. Wolf

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  2. ... eine Schicksalschule ... genau das ist es die Gegenwartschule von heute.

    Herzlichen Gruss an beiden.

    Josiane

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