Freitag, 26. März 2010

Von einer Frage- zu einer Antwortkultur

Elfriede, du hast danach gefragt, wie sich eigentlich das Wesen von Fragen und Antworten beschreiben lässt. Eigentlich dachte ich, dass ich dazu viele Ideen hätte und einfach darauf los schreiben, dir eine Antwort geben könne. Aber es sieht nicht danach aus. Ich beobachte mich selbst, wie ich beginne unruhig zu werden, ziellos im Internet zu surfen und Fragebögen von Schriftstellern (Max Frisch und Marcel Proust) aufzuschlagen… Aber ich weiß unmittelbar, dass das zu nichts führt. Also versuche ich einen Raum in mir selber zu öffnen, Zugang zu finden. Wo liegen meine eigenen Fragen, wo mögliche Antworten, die darauf warten in Worte gefasst zu werden?

Fragen zu stellen war mir schon immer sympathisch. Fragen bringen eine lebendige, aktivierende Unruhe, die Bewegung erzeugt. Gute Fragen können ein Gespräch richtig vorantreiben. Und irgendwie klappt das meistens auch ganz gut. Ich höre oder lese etwas und schon zeigen sich Anknüpfungsmöglichkeiten – Fragen (und Anmerkungen) eben.

Vor vielen Jahren habe ich einmal eine Arbeit über ein ausgefallenes Thema geschrieben, den Manichäismus. Und ich lernte in diesem Zusammenhang jemanden kennen, der ein echter Experte auf diesem Gebiet ist. Ich setzte mich also hin und begann in einem Brief (damals noch handschriftlich) meine Fragen zu formulieren.

Leider habe ich keine Kopie mehr von diesem Brief, aber es waren sicherlich „echt gute“ und vor allem unglaublich viele Fragen. Und weißt du, was mir der Experte antwortete? Er war tief beeindruckt von meinen vielen Fragen. Er war berührt, betroffen und erschüttert, und brachte zum Ausdruck, dass er noch nie so viele Fragen, die zum Thema gehörten, auf so engem Raum versammelt gesehen habe. Und er sagte mir, dass ich die halbe Arbeit ja schon geschafft hätte – jetzt müsste ich die Fragen nur noch selber beantworten…

Darüber war ich natürlich nicht sehr glücklich. Ich war zwar froh, mich als gute Fragestellerin geoutet zu haben, aber Antworten hatte ich mir tatsächlich von ihm erhofft. Ja, wie ist das mit Antworten? Brauchen Fragen immer Antworten? Und was geschieht mit Fragen, die nicht beantwortet werden?

Deutlich ist, dass die Frage zuerst kommt. Und wenn sie Glück hat, wird ihr eine Antwort gegeben – nicht immer aus Worten. Dann scheint die Sache komplett zu sein. Frage und zugehörige Antwort. Aber umgekehrt? Erst die Antwort und dann die Frage? Auf welcher Ebene müsste das dann geschehen? Zwischen Frage und Antwort gibt es also einen geheimnisvollen Zusammenhang, ein Ineinanderspielen, ein Auseinanderhervorgehen und eine Weiterentwicklung. Aus Fragen entstehen Antworten und aus guten Antworten weiterführende Fragen.

Eine der Ur-Fragen, die heute oft zur Floskel geworden ist, ist ja die nach dem Befinden des Anderen. Es ist die Frage, um die sich das Parzival-Epos von Wolfram von Eschenbach dreht. Parzival, der naive, unwissende und selbstbezogene Jüngling, lernt, den Blick auf seine Umgebung, seine Mitmenschen zu richten. Ihm war beigebracht worden, dass er nicht zu viele Fragen stellen möge – nicht neugierig sein solle – und durch diese Nicht-Frage, durch seine Stille, seine Zurückhaltung und sein Staunen, hat sich ein großes Unglück auf der Gralsburg vollzogen.

Parzival hätte nach dem Befinden Anfortas fragen müssen, können, sollen, dürfen - dann wäre der siechende Gralskönig sofort erlöst worden. Aber er wusste nicht, dass er eine Frage zu stellen hatte. In der Folge der nicht gestellten Frage ist ihm aber eine Antwort gebracht worden – obwohl er nicht gewusst hat, dass er diesbezüglich überhaupt eine Frage hatte. Die Antwort war die innere Unruhe, das Schuldgefühl, das Versagen und damit das Verzagen.

Die darauffolgende Leistung Parzivals besteht in dieser Hinsicht darin, dass er mit dieser Unruhe einen Weg gesucht hat, um eine neue Chance zu bekommen. Und er tut viereinhalb Jahre nichts anderes, als den Weg zur Gralsburg zu suchen, damit er seine Frage stellen kann. Als er dann endlich wieder vor dem Gralskönig steht und seine Frage stellt (Oheim, was wirret dir?), bedarf es keiner verbalen Antwort mehr. Die Antwort ist das Wunder, das sich vollzieht: Anfortas gesundet.

Fragen und Antworten brauchen Zeit und Raum, sie haben eine eigene Biographie. Manchmal zeigen sie sich in einem verhüllenden Kleid. Die Frage „Wie geht’s?“, wird heute ständig gestellt, diese Frage haben wir in den vergangenen 700 Jahren verinnerlicht. (Vor 1200 übrigens war das keine geläufige Frage!) Heute scheint mir die Herausforderung eher die Antwort zu sein. Wie antwortet man eigentlich adäquat auf eine Frage? Welchen Raum brauchen Antworten und wie kreiert er sich?

Zu einer Fragekultur gehört eine Antwortkultur. Fragen stellen können wir. Nun ist die Herausforderung also die Antwort. Gibt es auch dafür ein Urbild? Deutlich zu sein scheint mir, dass wir uns daran gewöhnen müssen, dass es nicht nur eine einzige Antwort gibt. Es gibt unzählige „richtige“, passende, weiterführende und immer wieder neue Antworten. Zeit, Raum und die Perspektive spielen dabei eine große Rolle. Schließlich geht es um den zwischenmenschlichen Raum, in dem sich eine Antwort ausbreiten kann.

Und damit ist auch gesagt, dass der Dialog die Urform des Fragens und Antwortens ist – das hat uns schon Sokrates gezeigt. (Natürlich kann man sich auch selber Fragen stellen und sie beantworten – aber so richtig kreativ wird es ja erst, wenn sich mindestens zwei Menschen zu einem Gespräch einfinden.) In diesem Sinne lade ich meine Leser und Leserinnen dazu ein, an dem Dialog über Fragen und Antworten teilzunehmen und sich einzubringen. Wer hat eine gute Antwort darauf, was eine Antwort eigentlich ist?

Freitag, 19. März 2010

Und noch einmal: zeitgemäße Erwachsenenbildung

Vor einigen Wochen habe ich an einer Fortbildung teilgenommen. Heute frage ich mich, was davon hängengeblieben ist. Wozu machen wir Fortbildungen und was sollte durch diese Art der Weiterbildung für denjenigen, der daran teilnimmt entstehen? Was sind Lernprozesse, die nachhaltig wirken? Ich werde in diesem Artikel erneut versuchen zu beschreiben, was meines Erachtens für eine zeitgemäße Erwachsenenbildung nötig ist.

Die Fortbildung dauerte eine Woche. Fünf Kurse gab es zu belegen, sodass jedes Thema an fünf Tagen jeweils zur gleichen Zeit, etwa anderthalb bis zwei Stunden, besprochen und bearbeitet werden konnte. Titel des Seminars und Dozenten waren vorher bekannt. Mehr nicht. Wer und wie viele Menschen teilnehmen würden, was die Themen im Speziellen beinhalten oder hinterfragen würden, welche Art von Eigenarbeit zu leisten sei und vor allem, wie man sich vorbereiten könne, wurde den Teilnehmern vorenthalten.

Diese Umstände brachten es mit sich, dass die Spielregeln zunächst einfach waren: gefragt war lediglich Anwesenheit. Und so unterschrieben wir auch jeden Tag auf einer Liste, dass wir anwesend waren. Mehr nicht. Der Unterricht - die Seminarstunden - fanden auf klassische Art und Weise statt: Wir saßen zusammen im Seminarraum, haben geredet und zugehört. Und es stand ein Lehrer vorne. Er hat uns erzählt, was er zu sagen hat. Wir durften Zwischenfragen stellen und es entwickelten sich immer wieder auch kurze Gruppengespräche. Mehr aber nicht.

Dadurch, dass nicht bekannt oder transparent war, was das Ziel der Woche (oder auch: das Erfahrungsangebot) war, dass nicht besprochen wurde, mit welchen Vorerfahrungen oder Fragen die Teilnehmenden gekommen waren und dadurch, dass die Themen nicht eigenständig vorbereitet und eingebettet werden konnten, war es für die Teilnehmenden nur schwer möglich, aktiv und mitverantwortlich für den Prozess zu sein, der sich in den Kursstunden abspielte.

Als ich jetzt meine Unterlagen von der Fortbildung sortiert und abgeheftet habe - die verschiedenen Kurse haben eine ganz unterschiedliche Quantität und Qualität von Papieren meinerseits hervorgebracht – frage ich mich was geblieben ist und was „effektiver“ hätte verlaufen können.

Zwischen der veralteten Form, dass ein Lehrer vorne steht und seinen Schützlingen das ihnen fehlende Wissen verbal näherbringt – die Teilnehmer nehmen einfach passiv das auf, was ihnen vermittelt wird – und einem lockeren Treffen nach dem Motto: „Wir lassen uns mal auf den Prozess ein und schauen was entsteht!“ - die Teilnehmer gestalten aktiv selber, was geschieht - liegen meines Erachtens viele Möglichkeiten der zeitgemäßen, bereichernden, aktivierenden und nachhaltigen Seminargestaltung.

Für die Lehrenden, diejenigen, die die Didaktik – ihre Lehrkunst – verantworten und die Lernenden, diejenigen, die die Mathetik – die eigene Lernkunst – verantworten, gibt es einiges zu wissen, damit Fortbildungs- und Weiterbildungsprozesse in der Erwachsenenbildung zu einem wirklichen Erlebnis werden und saftige Früchte tragen.

Deshalb nun ein Blick auf Lehrende und Lernende, denn diese beiden „Parteien“ begegnen sich in einem Seminar. Eine Begegnung in der professionellen Erwachsenenbildung bringt immer Haltungen oder Rollen mit sich. Der eine ist Dozent, der andere Student. Als Dozent habe ich andere Erwartungen an eine Lehr- und Lernbegegnung und andere Aufgaben zu erfüllen, als wenn ich Student, der sogenannte Lernende bin. Aber auch dann habe ich Erwartungen. Und Aufgaben zu erfüllen. Aber andere als der Dozent.

Als Teilnehmender bringe ich Vorerfahrungen mit, habe Gründe und Motive für die Fortbildung, kämpfe mit Blockaden und bin, durch persönliche Umstände so oder so gestimmt (um nur ein paar Aspekte zu nennen). Was die beiden aber eint, das ist ihr Menschsein an einem gemeinsamen Ort, aus einem bestimmten Grund und zu einer speziellen Zeit. Und das ist ein wichtiger Aspekt in der Erwachsenenbildung: mitmenschliche Begegnung. Ohne echte Begegnungsfähigkeit werden es alle Beteiligten schwer haben und Fortbildungen auf professioneller Ebene nutzlos.

Des Weiteren gibt es meines Erachtens zwei grundlegende Herangehensweisen, um die sich beide Seiten bemühen sollten: „Selbstlose“ Wahrnehmung und „selbstständige“ Urteilsbildung in Bezug auf die Inhalte, das Thema der Zusammenkunft. Wie schnell mischt sich schon bei der ersten Wahrnehmung ein Urteil ein?

„Selbstlose“ Wahrnehmung bedeutet, dass ich in der Lage bin, Inhalte zunächst ‚sachlich‘ aufzunehmen und in meiner Reaktion zwischen Innen- und Außenschwelle zu unterscheiden.

WAS kommt mir auf inhaltlicher Ebene entgegen und welche Fragen entstehen? Was wird gesagt? Wer sagt es? Wann? In welchem Kontext? Etc. Eine Hilfe ist der Versuch, das Gehörte oder Gelesene zu wiederholen. Nach dieser ersten, äußeren Wahrnehmung entsteht eine zweite, innere Fragestellung.

WIE kommt mir der Inhalt entgegen? Was macht er mit mir, wie reagiere ich auf der Gefühlsebene darauf? Erzeugen die Inhalte Wärme, Verständnis und an welcher Stelle berühren sie mich?

Es scheint mir wichtig zu sein, dass sowohl die lehrende als auch die lernende Seite diese Fähigkeiten der Unterscheidung zwischen Innen- und Außenseite übt. Sympathie und Antipathie sind wichtige Kräfte – besonders dann, wenn bewusst mit ihnen umgegangen werden kann.

Nach der Wahrnehmung kommt die Urteilsbildung. Und auch das ist ein Feld, auf dem es schnell zu destruktiven Zwischenfällen kommt. Worauf gründet sich unsere Meinung, unser Statement, unsere weitere Argumentation? Auf welcher Ebene bewegt sie sich? Können wir darüber sprechen, wie und warum wir zu unseren Urteilen kommen? Was ist überhaupt ein Urteil und wie kommen wir dazu? „Woher“ kommt es? Können wir erläutern und begründen wie wir uns zu dem dargestellten Inhalt stellen? Die „selbstständige“ Urteilsbildung ist eine wichtige Fähigkeit, die dazu beiträgt, offen, ehrlich und überzeugend Sachfragen zu bewegen.

Ein weiteres Feld ist für beide Seiten die tägliche Vor- und Nachbereitung der Seminarzusammenkunft – vor allem dann, wenn das Seminar über mehrere Tage geht. Zum einen gilt es die Aufmerksamkeit auf die bewussten Tagesprozesse zu lenken und zum anderen den oftmals unbewussten Nachtprozessen nachzuspüren.

Der Tag verlangt warme Klarheit. Gute Vorbereitung. Scharfe Urteilsfähigkeiten. Struktur, Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Damit die Teilnehmer zu Mitgestaltern werden, brauchen sie Informationen – und die Möglichkeit sich einzubringen. Eine Seminareinheit will eingeleitet werden, will Raum für Prozesse haben und braucht eine angemessene Ausleitung. Zu einer Rückschau auf das Geschehen kommt die Auswertung hinzu und dann ein Vorblick.

Die Nachtprozesse arbeiten auf einer anderen Ebene. Wenn wir schlafen durchlaufen wir noch einmal das Tagesgeschehen. Und so passiert es oft, dass wir an der Schwelle zwischen Tag und Nacht, an der Schwelle zwischen Wachen und Schlafen Einsichten haben, Fragen oder Antworten bekommen, den Impuls erhalten jemanden anzusprechen oder heute etwas stiller zu sein (um nur ein paar Beispiele zu nennen). Tag- und Nachtlernen gehören zusammen. Ohne die Einbeziehung der unbewussten und dunklen Seite der Nacht, kommt es selten zu fruchtbaren ganzheitlichen Seminarereignissen am Tag.

Begegnungsfähigkeit, selbstlose Wahrnehmung und selbstständige Urteilsbildung sowie die Einbeziehung von Tag- und Nachtlernprozessen scheinen mir sowohl für Lehrende als auch Lernende grundlegende Fähigkeiten und anzuwendende Fertigkeiten zu sein, die sich auf den Ertrag von Fortbildungen maßgeblich auswirken.

Immerhin hat mich die magere Fortbildung, die ich vor ein paar Wochen gemacht habe, dazu verleitet, mir generell über Lehr- und Lernprozesse Gedanken zu machen und diesen Text zu schreiben. Anmerkungen, Ergänzungen und Fragen sind herzlich willkommen!

Samstag, 13. März 2010

Geschichtsschreibung. Für Silke

Als ich an diesem Morgen erwachte, sah ich durch das Fenster den blauen Himmel und den strahlenden Sonnenschein. Und ich wusste es sofort: Damit würde ich heute nichts anfangen können. Die Welt war zu hell. Ich wusste nicht, worauf ich mein Augenmerk da draußen richten sollte. Alles strahlte mir entgegen und die Dinge fanden keinen Widerhall in meinem Innern. Innen und außen ließen sich nicht verbinden. Zudem war die Welt kalt. Es lag Schnee. Überall glitzernder Schnee. Deshalb leuchtete die Welt so unverschämt.

Und ich spürte plötzlich, dass ich froh darüber war, dass die Welt heute so hell war und strahlte, denn dann konnte ich die Welt sich selber überlassen. Als ich unter der Dusche stand, klangen plötzlich Melodien in meinem Innern. Melodien aus einer tiefen Ferne, die ich jedoch sehr gut kannte. Und ich wusste es direkt: da kam eine alte Erinnerung auf. Es war die Musik der „Schmetterlinge“ einer österreichischen politrock Gruppe aus den 70er Jahren.

Über dreißig Jahre ist das her. Und da kommen plötzlich Klänge auf. Melodien, einzelne Worte… Ich sehe Szenen vor mir und kann fast wieder mitsingen. „Wir hatten Gräber und ihr hattet Siege. Wir haben für euch unsere Finger gerührt. Wir fraßen zu lange gezuckerte Lüge, beim falschen Wirt. Wir haben euch eure Kriege geführt. Jetzt führen wir unsere Kriege!“

Die fremden Worte „Père Lachaise“ kommen hoch. Worte, die damals in den Gesängen der aufmüpfigen „Schmetterlinge“ Signalwirkung hatten. Damals. Nie war ich dort, auf dem berühmten Friedhof in Paris. Aber ich habe noch immer die inneren Bilder vor mir, die damals entstanden. Die Erinnerung sitzt offensichtlich sehr tief und irgendetwas bringt sie heute ans Licht.

Die „Schmetterlinge“ waren mit politischer Geschichtsschreibung befasst. Die Gruppe wollte die großen Geschehnisse von unten beleuchten. So heißt ihr Hauptwerk auch: „Proletenpassion“. Es thematisiert die Herrschaftsstrukturen und sozialen Fragen in Europa vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Alle großen Revolutionen werden von unten besungen: Die Bauernkriege, 1500 – 1525. Die Französische Revolution, 1789 – 1792. Die Pariser Kommune, 1870/71. Die russische „Oktoberrevolution“ 1917. Der europäische Faschismus, 1923 – 1945.

Ich sehe die Schallplatten noch vor mir. Eine dunkelrote Sammlung mit mehreren Platten: „Proletenpassion“. Ein einfaches Wort. Aber was bedeutet es? Und wer schreibt eigentlich die Geschichte? Die Herrschenden oder die Unterdrückten? Gibt es wirklich nur diese beiden Kategorien? Und zu welchem Zweck das alles… Das ist DIE Frage, an die ich mich erinnere. Damals wurde alles in Frage gestellt. Noch nicht einmal der Geschichtsschreibung, die mir in der Schule vermittelt wurde, konnte man glauben. Wie war es wirklich?

Die Musik der „Schmetterlinge“ hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Und ich konnte damals jedes Lied mitsingen. Die drängenden Gesänge, in denen Geschichten über die Geschichte erzählt wurden. Von der unterdrückten, armen und schwachen Seite aus. Die „Schmetterlinge“ waren mein großes Vorbild. So wollte ich auch werden. Wirklich verstehen, was in der Welt vorgeht. Und dann Stellung beziehen. Ich bin zu jedem Konzert gegangen. Damals. Im Schauspielhaus Bochum. Das war eine bewegende und bewegte Zeit.

Ich trinke einen Espresso, schaue in die winterliche Landschaft und tauche in die Vergangenheit ein. Ich erinnere mich an meine Jugendfreundin Silke. Damals haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Die Erinnerungen an Silke und die „Schmetterlinge“ gehören zusammen. Als wir beide noch Mädchen waren, 14, 15 Jahre alt, da haben wir zusammen gesungen, in der Songgruppe „Trotz alledem“. Wir haben auf Straßen und Plätzen gestanden, im Sommer und im Winter und haben gesungen. Politische Überzeugungen preisgegeben. Wir wollten unsere Mitmenschen aufklären, die Welt verändern.

Zu den „Schmetterlingen“ blickten wir auf. Wie oft haben wir die „Proletenpassion“ wohl gehört? Unzählige Male. Und haben aus voller Kehle mitgesungen. Und Texte und Inhalte einfach hingenommen. Dass man Geschichte von verschiedenen Blickpunkten aus betrachten kann, das haben wir erst später verstanden.

Mit Silke habe ich mir damals auch vorgestellt, was aus uns werden könnte, wenn wir einmal groß wären. Älter wären. Selbstständig und erwachsen. Silke, das dunkle zarte Mädchen, mit den langen Fingern. Geige hat sie gespielt. Und französisch konnte sie sprechen. Sie hat gemalt und gedichtet. Und wir beide haben uns eine Welt vorgestellt, in der es keine Unterdrückung mehr gibt. Keine Atomkraftwerke, keine Startbahn West, keinen Kalten Krieg. Eine Welt, in der das Volk regiert. Und in der wir einen Platz finden und den Menschen erzählen, wie es früher war. Wir hatten große Pläne, viele Ideen und Ideale…

Silke, eine liebe Freundin aus Kinder- und Jugendtagen. Ein paar Jahre später, als wir an verschiedenen Orten studieren gingen, hat sie sich von der Welt zurückgezogen. Irgendwie konnte sie nicht mehr. Schon ganz früh. Sie hat ihren Platz nicht gefunden. Ist krank geworden, psychisch erkrankt. Und das ist sie immer noch. Sie lebt zurückgezogen. Abgeschottet von der Welt. Ganz für sich. Ob sie auch manchmal an unsere gemeinsamen Nachmittage und Wochenenden denkt? An unsere Wünsche und Träume? An die Zeit, als die „Schmetterlinge“ unser großes Vorbild waren? Als wir über alle Revolutionen dieser Erde gesungen haben – immer aus dem Blickwinkel der Unterdrückten? Und der Welt erzählen wollten, wie es wirklich war?

Wie kommt es, dass die Klänge und Worte der „Proletenpassion“ plötzlich hochkommen? Dass innerlich eine Musik erklingt, die ich so viele Jahre nicht gehört habe – geschweige denn an sie gedacht hätte… Wenn die äußere Welt schweigt, dann spricht die innere. Und die eigene Geschichte erzählt sich im Kontext der großen, allgemeinen Geschichte. Unter dem weißen Schnee liegen die Wunden verborgen und geschützt - nicht nur die der Geschichte - und irgendwann wird es wieder Frühling.

Donnerstag, 4. März 2010

Minne und Krasser Scheiß. Worte und Begriffe

Als meine erwachsene, studierende Tochter zu Weihnachten ein Geschenk auspackte, das ihr außerordentlich gut gefiel, entwand sich ihrem Inneren ein großes Kompliment, sie strahlte und sagte: „Krasser Scheiß!“ Und das war ernst gemeint. Sie hat sich wirklich unglaublich über das Geschenk gefreut, das sie in Händen hielt.

Sprache, und damit Worte und ihre Bedeutung, wandeln sich. Das ist offensichtlich. Ich hätte in ihrem Alter und in einer vergleichbaren Situation vielleicht „wow“ oder „cool“ gesagt – und hätte das schon sehr gewagt gefunden. Aber die Konjunktur dieser Worte neigt sich ja schon ihrem stillen Ende zu. Heute stehen andere Begriffe auf dem Plan und wer weiß, welche Buchstabenkombinationen nun auf dem Weg sind, geboren zu werden und sich einen Platz und Rang zu erobern.

Meine jüngere Tochter fragte mich neulich, was eigentlich „Minne“ sei. Mit diesem Wort konnte sie nichts anfangen. Da es aber in ihrer Schullektüre öfters vorkam (…Parzivalepoche…) hielt sie es immerhin für angebracht, sich nach der Bedeutung zu erkundigen. „Minne“ ist kein geläufiges Wort für Liebe mehr, es stammt aus dem Mittelalter. Auch ich kannte es als Jugendliche nicht. Manche Worte muss man also richtig „lernen“ – deren Bedeutung ergibt sich nicht nebenbei oder aus sich selbst. Andere Worte gibt es, die ihre Bedeutung über einen langen Zeitraum behalten oder sich verwandeln. So gehören das Herkunfts- und Synonymwörterbuch zu meinen liebsten Nachschlagewerken.

Als ich den letzten Blogtext von Jelle van der Meulen auf mögliche Fehler durchging (http://jellevandermeulen.blogspot.com/2010/03/alle-groen-worte-brauchen-respekt-uber.html), ist in mir die Frage entstanden, was eigentlich der Unterschied zwischen „Begriff“ und „Wort“ ist. Er spricht in seinem Text von „Worten“. Ich hatte die Neigung, an manchen Stellen das Wort „Wort“ durch den Begriff „Begriff“ zu ersetzen. Und da haben wir es schon. Was ist da richtig? Was ist passend, emergent, evident, einleuchtend, plausibel, überzeugend, schlüssig, nachvollziehbar? (Und das Synonymwörterbuch schlägt noch viel mehr Worte im Umkreis vor!)

Wo unterscheiden sich Worte von Begriffen – wo trennen sich die beiden voneinander, wo überschneiden sie sich, was ist wann gemeint? Das entsprechende Verb zum Begriff „Begriff“ ist „begreifen“. Diese Verbindung hat mir schon immer gefallen, weil ein Geheimnis darin liegt. Wie kann man einen Begriff begreifen – anfassen, berühren, ertasten? Und doch hat ein Begriff etwas von der physischen Ebene. Gemeint ist aber, dass wir einen Begriff mit unserem Verstand – oder unserem Herzen - ergreifen, so dass er einen lebendigen Ort in uns erhält. Der DUDEN sagt, ein Begriff sei der „geistige, abstrakte Gehalt von etwas“. Aha.

Das Wort „Wort“ hat kein zugehöriges Verb. „Worten“ – das wäre schön, aber das gibt es wohl noch nicht. Dafür aber wartet der DUDEN mit einem schönen Bedeutungshintergrund auf. Ein Wort sei das „feierlich Gesprochene“. Im Griechischen verweist „Wort“ auf „sagen“, im Russischen auf „lügen“… Das Instrument beider Worte oder Begriffe ist die Sprache, die wir sprechen. Schriftlich oder mündlich. Ob wir mit Worten etwas sagen oder lügen hängt von inneren Dispositionen ab – das Wort an sich ist nur das Kleid, in dem die Bedeutung erscheint.

Aber zurück: Ist Liebe nun ein großes Wort oder ein großer Begriff? Wer könnte darüber etwas sagen?

Jelle van der Meulen verweist am Ende seines Textes darauf, dass die Quelle eines bestimmten Wortes (Anthroposophie) im Herzen des Menschen läge und die Sprache des Herzens ja bekanntlich die Poesie sei. Diesem Blick möchte ich noch eine andere Perspektive hinzufügen. Walter Benjamin, der sich sicherlich auch als Platoniker bezeichnen würde, hat in seinem Sprachaufsatz geschrieben: "Jede Mitteilung geistiger Inhalte ist Sprache." Das bedeutet, dass gerade dann eine stimmige Sprache entsteht, wenn die Worte und Begriffe einen geistigen Inhalt tragen. Er schaut also aus umgekehrter Richtung. Besonders reich wird die Sprache also dann, wenn sie geistigen Inhalts ist und aus dem Herzen der Menschen heraus gesprochen wird – ganz unabhängig davon, ob Worte oder Begriffe verwendet werden.

In diesem Sinne war auch der Ausspruch meiner ältesten Tochter: „Krasser Scheiß“ wirklich als Kompliment zu verstehen und die Frage meiner jüngeren Tochter, was denn „Minne“ sei, eine echte Frage die aus ihrem Herzen kam. Schließlich sind es die jüngeren unter uns, die die neuesten Nachrichten aus der geistigen Welt mitbringen. Da muss man schon mal über den Schatten von Worten springen und für neue Bedeutungen offen sein.

Samstag, 30. Januar 2010

Schnittpunkte: Schily, Ströbele und Mahler

Der eine wird 1932 in Bochum geboren, ein anderer 1936 in einer schlesischen Kleinstadt und ein dritter 1939 in Halle. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in früher Kindheit durch den Krieg in Deutschland und dessen Folgen geprägt werden. Jeder auf seine Art. Ihre Lebenswege werden sich einige Jahre später schneiden. Es wird eine gemeinsame Wegstrecke geben. Und dann einen Moment, in dem jeder seine eigene Abzweigung nimmt. Sie werden einander diametral entgegen stehen.

Einer beginnt 1952 Jura zu studieren, ein anderer 1955 und ein dritter 1960. Der Schnittpunkt: Sie begegnen sich Mitte der 60er Jahre als Anwälte in Berlin. Dort ist ordentlich etwas los. Ein neues Kapitel der deutschen Geschichte wird geschrieben: Die APO (außerparlamentarische Opposition) wird „gegründet“ – die Studenten geraten in Bewegung und beginnen unangenehme Fragen zu stellen und eigene Ansichten zu vertreten.

Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler arbeiten als Anwälte in einem sozialistischen Anwaltskollektiv. Sie vertreten linke Größen, später RAF Terroristen und, wenn es sein muss, auch einander. Ein Foto vom Beginn der 70er Jahre zeigt die drei in einem Gerichtssaal. Sie streiten miteinander und füreinander, hinterfragen Recht und Gerechtigkeit und argumentieren geschickt und auf höchstem Niveau. Sie wollen das Land verändern, die Republik „erneuern“. Schily und Ströbele verteidigen Mahler, als dieser wegen eines Molotowcocktails vor Gericht steht.

Menschen begegnen einander. Und manchmal berühren sie sich dabei. Zum Beispiel durch politische Überzeugungen, durch berufliche Fähigkeiten oder auf der Ebene der zwischenmenschlichen Begegnung. Nicht immer entsteht aus einem Schnittpunkt, einem Kreuzungspunkt der Biographie des einen mit dem anderen, ein Stück gemeinsamen Weges. Aber manchmal. Diese Überschneidungen spielen dann auch im biographischen Netzwerk des einen mit dem Netzwerk des anderen eine Rolle – manchmal entzünden sich daraus Aktivitäten, Initiativen, Bewegungen – es entsteht Bedeutung. Zwischenmenschliche, berufliche oder/und politische.

In der Betrachtung der drei individuellen Lebensläufe ist ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte zu finden. Notstandsgesetze. Rudi Dutschke. Prozesse in Stammheim. Herbst 77. Rüstungspolitik. Die Gründung der Grünen. Um nur ein paar Stichworte zu nennen. Individualitäten prägen Geschichte. Die Geschichte prägt Individuen.

Individuelles und Überpersönliches - Allgemeinmenschliches - trifft und überschneidet sich. Im Rückblick wird etwas vom Zeitgeist erlebbar und sichtbar. Biographische Entscheidungen sind immer mit Raum und Zeit verbunden. In dem Film „Die Anwälte“ werden drei Portraits gezeigt, die nicht enger miteinander verknüpft und gleichzeitig nicht weiter voneinander entfernt sein könnten. Die Dramaturgie des Lebens hat ordentlich mitgemischt. Die Stimmung, Fragen und Nöte der Jahre strahlen von der Leinwand ab und zeigen wie Brüche zu Gräben werden.

Was lässt sich eigentlich von außen erkennen, welche Möglichkeiten in der Biographie des Mitmenschen verborgen sind, welche Schätze oder Verwundungen darin versteckt liegen? Hätte man in den 70er Jahren vermuten können, wo die drei Männer vierzig Jahre später stehen? Hätte man ihre unterschiedliche Entwicklung „absehen“ können? Wonach richtet sich eigentlich die individuelle Entwicklung? Ohne karmische Verknüpfungen in der Vergangenheit macht das keinen Sinn – ist das nicht nachvollziehbar.

Denn die drei Männer vermeiden heute eine Begegnung miteinander. Wie ja bekannt ist: Otto Schily war Bundesinnenminister (SPD). Hans-Christian Ströbele ist bis heute das linke Gewissen der Grünen. Und Horst Mahler sitzt jetzt im Gefängnis, er gehört zu den rechtsextremen Holocaustleugnern. Zuletzt sind sich die drei 2002 begegnet. Wieder in einem Gerichtssaal. Im Verbotsverfahren gegen die Partei der Nationalsozialisten. Otto Schily tritt als Kläger gegen die NPD auf. Horst Mahler tritt als Verteidiger der NPD auf. Und Hans-Christian Ströbele ist parlamentarischer Beobachter.

Wie muss man sich das auf persönlicher Ebene wohl vorstellen?

Auf die Frage, „wie es dazu kommen konnte“, kann niemand antworten. Entwicklungen lassen sich nicht voraussehen. Veränderungen nicht berechnen. Auf dieser Ebene kann nur gelebt werden. Und zum Leben gehört das Staunen. Das Fehler machen. Die Neubesinnung. Die Umkehr. Die Möglichkeit der Veränderung. Die Lähmung. Folgen aber hat alles. Konsequenzen. Egal wie man sich entscheidet – jede Entscheidung zieht etwas nach sich.

In dem Film „Die Anwälte“ werden drei Lebensläufe gezeigt. Nebeneinander. Auf der Leinwand. Individuelle Interviews aus dem Jahr 2009 zur „Sache“ und den „Kollegen“ – verbinden die dokumentarische Ebene: Film-, Foto- und Textmaterial aus den letzten 40 Jahren. Schnittpunkte werden beleuchtet. Biographische Überzeugungen, die explizit verbalisiert werden, stehen individuellen Entwicklungen und Lebensverläufen gegenüber. Das Ende: Ströbele ein unbeirrbarer Linker, Schily ein Bürgerlicher in der konservativen Mitte, Mahler ein Rechtsextremer.

Dieser Film löst Betroffenheit aus. In mir. Weil er schonungslos berichtet. Weil er den großen Wurf macht, einen Spannungsbogen zeigt. Wunden nicht verschweigt. Weil er sichtbar macht, was es heißt zu leben. Mutig zu leben. Sich zu zeigen, sich einzubringen. Streitbar zu sein. Überzeugungen auszuleben. Mit und ohne Verständnis. Individuell und in der Verzahnung mit anderen Menschen, politischen Überzeugungen und Entwicklungen, mit der Nachkriegsgeschichte Deutschlands.

Ich selbst bin im Geist dieser Zeit aufgewachsen. Namen, Ereignisse, Fragen und Ansichten gehören zu meiner Kindheit. Zum täglichen Gespräch. Das Ringen „von damals“ schlummert in mir. Irgendwie habe ich das alles mitgemacht. Jetzt kann ich auf meine eigene Herkunft zurückblicken – auf der Leinwand.

Im Film blickt jeder der Beteiligten, der drei älteren Herren, auf seinen eigenen Weg zurück. Und doch entsteht ein Bild des großen Ganzen. Dafür ist dieser Film sehr zu loben, weil er weit über persönliche Fragen und Dimensionen hinausgeht. Dieser Film regt an, neue Perspektiven einzunehmen. Und auf Zeiten, Mitmenschen, und vor allem auf das eigene Leben neu zu schauen.

Alle genannten sachlichen Informationen, Hintergründe und ein Trailer des Films sind zu finden unter: http://die-anwaelte.realfictionfilme.de/index.php

Dienstag, 26. Januar 2010

Der konstruktivistische Zeitgeist. Leben ohne Boden unter den Füßen und ohne Sternenhimmel über dem Kopf.

Innerhalb meines berufsbegleitenden Masterstudienganges der Pädagogik an der Alanus Hochschule sitze ich in einem Seminar über Pädagogische Psychologie. Das Seminar wird von einem Privatdozenten der Universität Bonn geleitet. Ein geachteter, ehrenwerter Repräsentant seines Faches, ein Hochschullehrer, der den Stand der heutigen Psychologie darstellt und vertritt.

Er führt uns in sein Fach ein und skizziert die Fragestellungen, die uns als Pädagogen mit der Psychologie verbinden. Ich höre dem Dozenten zu, bin thematisch bei den Ausführungen, aber nicht sehr angestrengt, denn durch mein eigenes Studium der Erziehungswissenschaft sind mir die Begriffe geläufig, ich habe von Themen, Berichten, Bereichen und Perspektiven schon gehört. Es geht um Lernmodelle, um intrinsische und extrinsische Motivation, um Schule und Gesellschaft und einiges mehr. Nebenbei macht der Dozent aber eine Bemerkung über das Selbstverständnis der wissenschaftlichen Psychologie heute, über den Zeitgeist. Diese Bemerkung packt mich.

Er sagt: „Obgleich das griechische Wort ‚Psychologie‘ mit ‚Lehre der Seele‘ übersetzt werden kann, gibt es in der heutigen Psychologie den Begriff der Seele nicht mehr. Jegliche psychologischen Betrachtungen über den Menschen werden ohne den Begriff der Seele gemacht.“ Und weiter: „Die heutige Psychologie arbeitet ohne ein explizites, deutlich beschreibbares, klar umrissenes Menschenbild.“

Das sind Tatsachen, die ich eigentlich schon kenne. Plötzlich aber werden diese Aussagen real und ich frage mich, wie ich mir das konkret vorstellen soll. Wie kann das gehen und was bedeutet dieser Umstand eigentlich? Die Human-Psychologie arbeitet mit dem Menschen – und es gibt kein explizites Menschenbild mehr worauf sie sich gründet. Und die Psychologie sagt von sich selbst, dass sie auf der Ebene der menschlich-seelischen Ereignisse kundig und tätig ist – es gibt aber explizit keine Seele mehr, die zum Menschen gehört. Auf welchem Boden steht die Psychologie heute? Was ist ihre Grundlage? Wie ist ihr Selbstverständnis? Wie schaut sie auf Menschen?

Ob der Betroffenheit, die im Seminar entsteht, denn es ist zu spüren, dass noch weitere Teilnehmer mit diesen Fragen ringen, erläutert der Dozent entschuldigend: „Alle Disziplinen sind von ihren Grundfragen abgerückt. Es gibt keine Antworten mehr darauf. Die Wissenschaft hat ihr Augenmerk auf andere Ebenen gerichtet. Auch die Biologen wissen nicht, was Leben ist, die Physiker können die Natur nicht mehr definieren und die Erziehungswissenschaftler äußern sich nicht mehr darüber, welches Bild vom Menschen ihren Ansichten, Forderungen oder Erkenntnissen zu Grunde liegt.“

Durch diese Aussagen spüre ich plötzlich, welchem Zeitgeist wir unterlegen sind. Ich bin in der Gegenwart angekommen. Die Orientierungslosigkeit und die menschliche Verlorenheit unserer Zeit ist bei uns im Seminarraum spürbar. Der Mensch, ein Konstrukteur und Schöpfer seiner selbst. Gewissheiten, Allgemeingültigkeiten oder auch Überzeugungen gehören der Vergangenheit an. Ein Aufgehoben sein gibt es nicht mehr. Das Mittelalter ist längst vorbei, wir leben noch immer im Zeitalter der Aufklärung – ja, und da gibt es eben keinen festen Boden mehr.

Mir wird plötzlich klar, dass die einzige sich heute anbietende Schlussfolgerung in diesem Zusammenhang die kraftvolle Geistesströmung des Konstruktivismus ist, dessen Annahme es ist, dass es keine fest stehenden Korrelationen zwischen Himmel und Erde, Mensch und Umwelt, zwischen Innen und Außen, Subjekt und Objekt, Wahrnehmung und Außenwelt gibt. Das Passungsverhältnis zwischen äußerer Realität und innerer Erkenntnis entspricht dem Verhältnis von Schlüssel und Schloss. Es ist möglich, mit verschiedenen Schlüsseln ein Schloss aufzuschließen und die meisten Wissenschaften sind dazu übergegangen, einen Dietrich zu benutzen…

Der Mensch erfindet also seine Wirklichkeit. Das, was von Menschen als objektive Wirklichkeit bezeichnet wird, ist immer subjektiv. Und ich höre die eindringliche Stimme des Kommunikationswissenschaftlers Watzlawick imaginär: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ Die heutige Wirklichkeit wird von uns erfunden, erzeugt und konstruiert sowie entdeckt. Sowohl das Subjekt, als auch das Objekt sind Konstruktionen des Menschen - in diesem Sinne gibt es keine gemeinsame - reale - Wirklichkeit mehr. Alles ist möglich. Also auch eine Psychologie ohne den Begriff der menschlichen Seele. Und ein Blick auf Menschen – ohne Menschenbild.

Jedes Menschenbild ist eine persönliche Konstruktion und Interpretation des Menschen in der Welt. Und ich unterstelle, dass jeder Mensch ein implizites Menschenbild hat. Abgesehen davon, ob er das auch explizit verbalisiert und begründet. Ob ein Bild nun anthroposophisch, buddhistisch, hinduistisch, humanistisch, christlich oder sonst wie geprägt ist, spielt dabei keine Rolle. Nicht die Frage nach seiner Richtigkeit ist das Entscheidende, sondern die Frage ist, was auf ein Menschenbild folgt – was daraus entsteht, welche Möglichkeiten sich entwickeln. Ob und wie der Mensch handelnd in die Welt eingreift, hängt maßgeblich davon ab, wo und wie er sich als Mensch, als „human being“, positioniert.

Der Boden unter unseren Füssen führt uns zwischen Himmel und Erde und von Mensch zu Mensch nur dann zu einem Ziel, wenn wir wissen, wohin wir wollen und die Sterne am Himmel bekommen nur dann eine Bedeutung, wenn wir sie ihnen geben.

Dienstag, 19. Januar 2010

Moskau. Macht, Masse und Innerlichkeit in Europa.

Ausgehend von der Einsicht, dass Europa eine Idee, ein Urbild, ein Gedanke und weniger ein geographischer Raum zu sein scheint, blicke ich auf Moskau. Wie zeigt sich Europa an seinen östlichen Grenzen? Gibt es eine eindeutige Antwort auf die Frage, was die Idee „Europa“ beinhaltet, was diese Idee ist? Feststellen lässt sich, dass innerhalb dieses Europa-Urbilds Moskau einen Beitrag leistet. Es ist die größte Stadt, stellt also das größte Abbild dieses Gedankens dar. - Wo genau verläuft eigentlich die Ostgrenze von Europa? Und, gibt es innerhalb von Ideen überhaupt Grenzen? -

In Moskau leben über 10 Millionen Einwohner, plus all die Menschen, die jeden Tag in die Stadt fahren um dort zu arbeiten, oder die als Touristen kommen. Es wird geschätzt, dass sich jeden Tag mehr als 20 Millionen Menschen an dem Ort, den wir Moskau nennen, aufhalten. Moskau ist eine Stadt der unüberschaubaren Ansammlungen, der Menge, des Gedränges, Gemenges und des Getümmels. Es ist die Stadt der Masse. Menschen- und Automassen prägen das Bild. Die Spannung der Stadt offenbart sich zwischen den goldenen Zwiebeltürmen der Vorzeit und den verkommenen Metrostationen der Jetztzeit.

Im Außen gibt es für die Russen noch immer nicht so viel zu holen. Zwar teilt sich die Stadt ihren Sowjetcharme der unendlich vielen - baufälligen - Hochhäuser mit den sakralen Bauten der russisch-orthodoxen Kirche, zu spüren bleiben aber die alles umschlingenden, kalten Winter. Ein Riss geht durch die Stadt. Die lange, schneereiche Jahreszeit scheint überall und immer präsent zu sein, obwohl der Himmel blau ist und die Sonne warm scheint. Moskau ist keine Stadt des Südens, des Draußen- und Aufgehobenseins - Moskau ist eine Stadt der Innenräume, die erkämpft werden müssen.

Gerade das ist die delikate Wunde der fast 900jährigen Geschichte dieser Stadt. Innenräume geben klare Statements. Was aber, wenn sich der Zweck ändert? Wenn die älteste Kirche zugunsten eines modernen Sowjetschwimmbades weichen muss? Wenn Revolutionen die Geschichte prägen und ihre Spuren hinterlassen? Was, wenn das Statement eines Raumes Verwirrung auslöst? Wenn nicht mehr klar ist, was sich hinter dem Zweck, der Aussage verbirgt?

Der Moskauer Kreml verdeutlicht dieses Bild: das Machtzentrum des Landes ist eingezäunt. Schon seit eh und je. Die stolzen Mauern des Kremls umrunden einen Ort der Macht, den Ort der Macht. Es ist das Herrschaftszentrum über das unendlich große, mütterliche, russische Reich. Diese Macht ist spürbar. Als Energie, als Kraft deutlich wahrnehmbar. Im Äußeren aber nicht festzumachen, indifferent. Strahlen die alten Kirchen - mit ihren goldenen Türmen - diese Kraft aus? Oder das Parlamentsgebäude aus sowjetischer Zeit? Sind es die Aufpasser und Wächter, die darauf achten, dass die Touristen die markierten Wege nicht verlassen? Die gigantische Zarenkanone? Die russische Macht ist nicht zu fassen. Aber wahrzunehmen. Der Kreml ist ein alter Ort und der Zar ist auch nach hundert Jahren noch präsent. Spürbar ist ein gewaltiger Zeitstrom in dem alles gegenwärtig scheint. Gegenwart und Vergangenheit verschränken sich hier. Mir verschlossen bleibt die Zukunft. Wohin wird sie das Land führen?

Auf den Straßen gibt es keine Kinder. Es sind Erwachsene, alte Leute, die das Stadtbild prägen. Unendliche Menschenkolonnen. Wer mit der Metro fahren will, muss sich in diesen Strom einordnen. Die langen, steil abwärts führenden Rolltreppen nehmen mich mit in den Schlund der Stadt. Mit rasender Geschwindigkeit braust die Metro durch die Schattenwelt. Wer nicht weiß, wo er hin will, ist verloren. Hier kann man sich nur einordnen. Mitgehen. Sich vom Strom des Geschehens mitreißen lassen. Es gibt prächtige U-Bahn Stationen und verkommene, marode und abgewirtschaftete, alles deutet auf die wechselvolle Geschichte des Landes hin.

Möglicherweise ließe sich die russische Geschichte anhand der Metro-Stationen erzählen. Was aber wären diese Orte ohne Menschen? Unten, vor den unendlich langen Rolltreppen stehen kleine Glashäuschen. Darin sitzt ein Wärter, ein Wächter. Oft ist es eine Frau. Ihr Job ist es, die Reisenden auf der Rolltreppe zu beobachten. Den ganzen Tag Unmengen von Menschen an sich vorbeiziehen zu lassen. Diese Fülle prägt die Stadt Moskau, sie ist Teil der Idee Europas. Unterirdisch wird das durch den Menschenstrom in der Metro sichtbar, oberirdisch durch die nicht enden wollenden Autokolonnen. Fahrräder oder Motorräder gibt es nicht. Das wäre auch viel zu gefährlich. Aber auch sechsspurige Straßen werden von Menschen mit kleinen Besen aus Birkenzweigen gereinigt…

Und die Menschen - sie strahlen etwas aus. Faszinierend finde ich das Antlitz der Russen. Ich sitze im Bus und betrachte Gesichter. Viele sind verschlossen, in sich gekehrt und haben einen groben Ausdruck. Ich sehe breite Gesichter mit einem nach innen gekehrten Blick. Drückt sich in diesen Gesichtern Ohnmacht aus? Nein, es ist Innerlichkeit. Eine verschlossene Tür zum Innenraum des Menschen. Die Russen präsentieren sich äußerlich verschlossen, fast abweisend. Innerlich aber lässt sich ein reiches und warmes Seelenleben erahnen. Wie ließe es sich sonst aushalten zu beobachten, dass sich ein altes Mütterchen vier Klohäuschen aus blau-weißem Plastik kauft, sie an den Straßenrand stellt und die Menschen einlädt für 15 Rubel ihre Toilette zu benutzen? Ohne eine reiche Innenwelt ist das unvorstellbar. Die russische Seele offenbart sich, sobald die Menschen sprechen - oder in einer Kirche singen. In ihrer warmen, klangvollen Sprache, die reich an Vokalen ist.

Ein großes Abbild dieser warmen, offenen Seele finde ich in der Tretjakowa-Galerie. Dort hängt die unglaublich große und prächtige, feine und schöne Ikone von Andrej Rubljew - ich glaube, es gibt keine größere Ikone auf der Welt - es ist der Pantokrator, gemalt 1408. Die Kraft dieser Christusgestalt geht von seiner Feinheit aus, von seiner Offenheit. Von seinem Ja zu jedem einzelnen Menschen. Und ich möchte fast schreiben: von seiner Liebe. Sein Blick von innen nach außen und gleichzeitig von außen nach innen umfasst alles. Nimmt alles auf. Der Pantokrator symbolisiert Macht, Kraft, Autorität - und Ohnmacht, Schwäche, Bedeutungslosigkeit in einem. Sein Blick strahlt Herzenskräfte aus. Das, was wir das menschliche Leben nennen. Er schaut aus dem Zentrum des einzelnen Menschen in seiner Verwundbarkeit in die Welt und gleichzeitig in diese Mitte hinein. Trotz der Zerbrechlichkeit. Er wird zum Schnittpunkt von Innerlich- und Äußerlichkeit. Für den Besucher erlebbar, wenn er dem Bildnis gegenüber steht.

Die Ikone feiert ihr 600-jähriges Bestehen. Rubljew hat wohl kaum geahnt, dass er ein göttliches Abbild des modernen russischen Menschen in seiner Innerlichkeit gestaltet hat. Dass dieses Bild als Vermittler zwischen Außen- und Innenwelt des Menschen in Moskau im 21. Jahrhundert dienen kann. Das Abbild wird zum Urbild: Christus zum Menschen, der Mensch zu Christus. Oberwelt und Unterwelt verschränken sich miteinander. Die östliche Metropole, begriffen als das Tor in die westliche Welt. Der Einzelne ist Teil der Masse - Ohnmacht ergänzt Macht. Die Aura der Stadt präsentiert sich im Zeitenstrom der Geschichte. Moskau, ein Abbild der Idee Europas: Macht, Masse und Innerlichkeit.

Montag, 11. Januar 2010

Biographische Wege. Einfache, doppelte und netzartige

Die eigene Biographie wird oft mit einer Lebenslinie verglichen, einem Weg, den das Individuum geht oder gegangen ist. Selten wird das Bild benutzt, dass das eigene Leben aus einem Netz von langen oder kurzen, dicken oder dünnen Linien besteht, die sich kreuzen oder trennen und von denen man nie weiß, welche Bedeutung sie haben oder haben werden. Dieses Bild finde ich weitaus passender.

Auf der einen Seite ereignen sich die Dinge linear – ein Ereignis nach dem anderen – von der Geburt bis zum Tod. Unterstützt wird dieser Blickwinkel durch die Tatsache, dass sich der Mensch physisch immer nur an einem Ort aufhalten kann. Dagegen spricht aber, dass der Mensch nicht nur ein physisches Leben, sondern auch ein seelisches und geistiges führt.

Insofern ereignen sich „die Dinge“ auf den verschiedenen Ebenen polyphon. Es passiert vieles gleichzeitig und es finden unerwartete Durch- oder Abbrüche statt. Neben überraschenden Abgründen oder hochaufgetürmten Wänden können sich plötzlich auch mehrere gangbare Wege eröffnen – auch, wenn man sich physisch nur an einer Stelle befindet. Das Bild des „Lebensweges“ stimmt also und muss gleichzeitig weitläufiger und größer gefasst werden, als nur auf die physische Ebene bezogen. Es ist ein großartiges, verwirrendes und unüberschaubares Labyrinth von vielen Wegen.

In der Literatur werden Lebensläufe - so, wie das Leben innerlich und äußerlich ge-laufen wird, wie es ver-läuft - oft dargestellt. Schon im Mittelalter wurde in der höfischen Literatur von Lebenswegen berichtet. Klassische Helden sind in der deutschen mittelalterlichen Literatur meist Männer - Ritter - die abenteuerliche Wege beschreiten und für König Artus kämpfen. Helden sind diejenigen, die die Anforderungen von außen glänzend bestehen - sie besiegen Ungeheuer, böse Zwerge und retten Prinzessinnen aus verwunschenen Schlössern.

Bereits um 1200 entwickelt sich, in der sogenannten Artusepik, ein neuer Helden-Typus. Helden strahlen dort auf geheimnisvolle Weise nicht mehr durchgehend, und es geht auch nicht mehr nur noch um die bösen, gewitzten, hinterhältigen oder niederträchtigen Herausforderungen und Angriffe, die dem Kämpfer von außen entgegen kommen, sondern es geht auch um die inneren Anfechtungen, die aus individueller Persönlichkeit heraus entstehen. Neu ist nicht das Phänomen der Krise an sich, sondern neu ist die eigene Schuld, der persönliche Fehler, das individuelle Versagen.

Der mediävistische Fachbegriff für diese Art der Erzählungen ist: Doppelwegsepik. Was verbirgt sich dahinter? Nein, es sind nicht zwei Wege, die gleichzeitig gegangen werden, sondern es sind zwei Chancen, die dem Probanden gewährt werden. Zunächst zieht er, strahlend und seines Sieges meist gewiss, in die Welt hinaus um seine Abenteuer – seine Aventuiren – zu bestehen und seiner Dame zu dienen. Wenn er erfolgreich zurückkehrt – und jeder, der ein wirklicher Held ist, tut das – wird er am Artushof, ob seiner Erfolge, seiner Schönheit, seines Mutes oder seiner Taten, gefeiert.

Die „älteren“ Geschichten enden an dieser Stelle. Die Erzählungen aber, die zur sogenannten Doppelwegsepik zählen, beginnen nach dem ersten Erfolg spannend zu werden, denn es folgt ein Abstieg. Der Held macht etwas falsch, er verliert seine Ehre, genügt den Ansprüchen nicht oder er gerät in einen Hinterhalt, den er selber heraufbeschwört. Die Folge ist, dass er sich neu bewähren muss. Sein Glanz ist ermattet, seine Ehre angekratzt, sein Sieg fraglich oder sein Ansehen und Ruhm verblasst – das kann er nicht auf sich sitzen lassen.

Er muss also aufs Neue aufstehen, sich zeigen und „ausreiten“, Möglichkeiten suchen, Wege beschreiten. Und das tut er auch. Er zieht ein weiteres Mal aus, um sich zu zeigen und selber zu spüren, wer er ist. Wenn er seine eigenen Fehler überwindet, sein Scheitern und die damit verbundene Krise in sich integriert, dann erstrahlt er ein zweites Mal und sein Heldentum wird ihm nicht wieder genommen. Er hat es dann „wirklich“ und „für immer“ geschafft – er ist auf dem Königsweg angekommen und ein „echter“ Artusritter.

Wie kommt es, dass dieses persönliche Scheitern, in das der Held geraten ist, ihn nicht niederwirft und „auf den Boden“ legt? Die höfische Gesellschaft gesteht dem Individuum also bereits um 1200 eigenverschuldete Krisen, Fehler und Unzulänglichkeiten zu, obwohl das offizielle Konzept das nicht vorsieht. Die Doppelwegstruktur der mittelalterlichen Epik hat Signalcharakter. Und trotzdem tun wir uns heute noch schwer, biographische Tiefpunkte - unbekannte Seitenwege oder Sackgassen - auszuhalten. In der Literatur werden diese vielen Wege aber auf allen Ebenen deutlich beschrieben.

Nach den Helden, die einen doppelten Weg gehen mussten, wurden auch die sogenannten Antihelden, die Scheiternden, die Untergehenden und Schwachen literarisch gezeigt, es gibt eine Menge Beschreibungen von denjenigen, die es nicht geschafft haben. Heute stecken die Ungeheuer, bösen Zwerge oder zu rettenden Prinzessinnen in uns selber. Der „Kampf“ findet also im Inneren statt. Und sowohl die literarischen Gestalten der Gegenwart als auch die realen Menschen stehen vor den gleichen Herausforderungen.

Entsteht nicht gerade aus dem Scheitern und der Katharsis am Tiefpunkt eine Kreativität, neue Fähigkeiten, Geistesgegenwart und persönliche Integrität, die zukunftsweisend - auch über ein Leben hinaus - sind? Biographien, das, was das Leben des Einzelnen (in die Erde) schreibt, erweisen sich bei genauem Hinsehen als ein weitläufiges Wegenetz – eingegrenzt von Geburt und Tod (und neuer Geburt und neuem Tod). Selten wissen wir, an welchem Punkt des Gesamtweges wir uns gerade befinden.

Von dem Mut, dem Stolz und dem Glanz der mittelalterlichen Helden, die das Vertrauen hatten, dass die eingeschlagenen Wege die richtigen sind, könnte sich manch einer heute eine Scheibe abschneiden. Aber auch ein "König Artus", der eine anerkennende Instanz ist, könnte sich heute deutlicher zeigen.

Individueller, biographischer Sinn konstruiert sich erst durch die vielen Wege, die wir tatsächlich und gleichzeitig und mutig beschreiten – auch, wenn wir nicht wissen, wann und wo wir ankommen. Die biographische „Lebenslinie“ präsentiert sich als biographisches Netz, das die unterschiedlichsten Wege beinhaltet. Schaut sich das eigentlich die Literatur vom Leben ab, oder das Leben von der Literatur?

Freitag, 1. Januar 2010

Wunsch und Wille. Vorsätze im neuen Jahr

Wenn es um Weihnachten geht, sind Wünsche nicht fern. Besonders Kinder wiegen sich in Wünschen, die sie auf Wunschlisten schreiben und ihrer Umgebung bekannt machen, damit ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Kinder wünschen sich gerne etwas von anderen - Geschenke.

Zu Neujahr sieht das anders aus. Da geht es zwar auch um Wünsche, aber da sind es meist die Erwachsenen, die sich etwas wünschen. Und sie wünschen sich keine Geschenke von anderen, sondern, sie wünschen sich etwas von sich selbst. Sie wollen etwas verändern, etwas erreichen, etwas anfangen, aufhören, abschließen, durchhalten und so weiter. Da gibt es unendlich viele gute Vorsätze zu verzeichnen.

Der Begriff „Wunsch“ ist etymologisch nicht weit von dem Begriff „Wille“ entfernt. Wünschen und wollen gehören zusammen. Das eine Wort richtet seine Aufmerksamkeit mehr nach außen, in die Umwelt und das andere nach innen, in die Innenwelt des Individuums.

Unser Wille lässt uns Ziele verfolgen. Er lässt unsere Füße gehen, unsere Hände zugreifen oder zuschauen, er richtet unseren Blick aus. Der Wille ist tief im Menschen verankert und lässt sich nicht so einfach verändern. Er hat mit unseren innersten Intentionen zu tun und ist uns nicht immer bewusst. (Mit welchem „Letter of intent“, welcher „Absichtserklärung“ seid ihr angetreten? Wo wollt ihr in der Zukunft landen?)

Wie der Wille im Inneren eines Menschen aktiviert wird, wie der Wille in Bewegung kommt und sein Ziel anstrebt und verfolgt, das liegt oft im Verborgenen unseres Bewusstseins. Meist lässt sich nur im Nachhinein etwas darüber sagen, wie der Wille eines Menschen ausgerichtet ist, denn wenn das Ziel erreicht ist, sieht man den dahinter stehenden Willen deutlicher.

Wunsch und Wille richten sich im Zeitenstrom auf die Zukunft. Wünsche entstehen jedoch in der Gegenwart. Sie hängen von der momentanen Lebenssituation und vom sozialen Umkreis ab. Der Wille jedoch nistet sich in der Vergangenheit in uns ein. Er entsteht in einer ganz privaten, individuellen und persönlichen Vergangenheit, die mit der gegenwärtigen sozialen Umgebung unter Umständen gar nichts zu tun hat. Aber auch er sucht seine Erfüllung in der Zukunft, er strebt unablässig in das Kommende. Wunsch und Wille müssen also in der Gegenwart gestaltet werden, um in der Zukunft anzukommen.

Als Schwierigkeit kommt hinzu, dass es ja auch viele unbewusste Wünsche gibt, einen Willen, den wir gar nicht in Worte fassen können, gar nicht im Bewusstsein haben. Da gibt es die verbotene Ebene, die notwendige, natürliche und unnatürliche, die geheimen und unmöglichen Wünsche oder Willensrichtungen. Es gibt das Sehnen und Begehren, das Verlangen und die Träume, das Bedürfnis und den Drang.

Walter Benjamin beginnt seine kleine Erzählung „Wintermorgen“ in der Sammlung: „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ mit den folgenden - einfachen und doch so tiefsinnigen - Worten:

"Die Fee, bei der man einen Wunsch frei hat, gibt es für jeden. Allein nur wenige wissen sich des Wunsches zu entsinnen, den sie taten; nur wenige erkennen darum später im eigenen Leben die Erfüllung wieder."

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein glückliches neues Jahr und hoffe, dass viele von euch im anbrechenden Jahr etwas von der Erfüllung mitbekommen, die sie sich einst in Wünschen und Willensbekundungen mit auf den Weg nahmen – denn an der Realisierung dessen, was wir als Vorsatz in uns tragen, können wir einen aktiven Beitrag leisten.

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Gelingendes Leben

"Aber heute fürchte ich nichts, heute zeige ich mich freimütig, schutzlos dem Tag, mache die Demutsgebärde des angegriffenen, schwächeren Wolfs, zwinge den Übermächtigen zur Großmut und wage, mich zu freuen, weil der Morgen frisch und bitter riecht, weil der Himmel makellos ist, weil eine späte rote Rose aufgeblüht ist am schon verdorrenden Busch, weil ich den Tod nicht scheue, weil ich lebe, weil ich auf eine Art lebe, die nur ich weiß und kann, ein Leben unter Milliarden, aber das meine, das etwas sagt, was kein anderes sagen kann. Das Einmalige eines jeden Lebens. Es macht heiter, zu wissen, dass jeder Recht hat mit sich selbst. Schön ist es, älter zu werden, erlöst von sich, von der gewaltigen Anstrengung, etwas zu werden, etwas darzustellen in dieser Welt. Gelassen sich einfügen, irgendwo, wo gerade Platz ist, und überall man selbst zu sein und zugleich weiter nichts als einer von Milliarden. Dies alles, in vielen Worten gesagt, dauert zu fühlen drei, vier Atemzüge lang."

Luise Rinser

Sonntag, 20. Dezember 2009

Im Krankenhaus. Wenn Seele und Geist weggeschickt werden.

Das deutsche Gesundheitssystem funktioniert in Krankenhäusern. Da ihr Arzt das Krankenhaus am Sonntag darüber informiert hatte, dass sie kommen würde, war alles vorbereitet. Sie musste nur ihre Plastikkarte abgeben. Das war gewissermaßen der Eintrittsschein in die Welt der medizinischen Versorgung. Von da an war sie ein „Fall“. Eine Patientin, die medizinisch betreut und versorgt wurde.

Da sie niemand kannte, und in dem großen Gefüge eines Krankenhauses mit all seinen Abläufen die menschliche Zuständigkeit ständig wechselte, wurden jede Menge Datenaufkleber gedruckt. Für die diversen Akten und Schriftstücke, für Laboruntersuchungen und alles weitere, was sie betraf. Die Etiketten mit ihrem Namen verteilten sich in alle Richtungen des großen Gebäudekomplexes.

Die neue Patientin war ein hinzugekommenes Rädchen im Getriebe. Nichts sollte verwechselt werden. An dieser Stelle ging es ganz explizit um physische Individualität. Auch an das Bett der neu Aufgenommenen wurde ein Schild mit ihrem Namen gemacht und selbst um ihr Handgelenk wurde ein Bändchen gelegt, auf welchem Name und Geburtsdatum zu lesen waren.

(Wie gut, dass kein Bändchen um einen Zeh ihres Fußes gelegt wurde. Später hörte sie, dass man das in amerikanischen Filmen bei Verstorbenen so sehen kann.)

Über das Namensbändchen war sie irritiert. Ob die Schwestern wohl meinten, dass sie selbst vergessen könnte, wer sie sei? Nachdem sie aus der Narkose nach der OP wieder erwachte, bemerkte sie, dass eine Schwester das Bändchen an ihrem Arm verstohlen abriss. Das brauche man nun nicht mehr, sagte sie, denn nun könne die Patientin sich ja selber wieder artikulieren. Die OP war also gut verlaufen – sie wusste nicht viel darüber, was die Ärzte konkret getan hatten – nein, sie wusste es nur so ungefähr. Und einen Moment Zeit, dass man es ihr hätte in Ruhe erklären können – den gab es wohl nicht. Sie war wach, lag still in ihrem Bett und wartete ab.

Um gesund zu werden wird ein Patient in einem Krankenhaus um zwei Dinge gebeten. Einerseits um totale Hingabe. Übergabe und Vertrauen in das, was Ärzte wollen und einfach tun. Und andererseits um einen kritischen Geist. Mitdenken, nachfragen, nicht locker lassen. (Ja, was sie nicht alles unterschreiben musste!) Eben das Gegenteil von Hingabe. Irgendwo zwischen diesen beiden Extremen liegt der goldene Mittelweg. Weder das eine noch das andere funktioniert in seiner Reinform. Gerade das, worum implizit gefragt wird, ist eine menschliche Mitte, die den Körper, die Seele und den Geist mit einbezieht. Diese Mitte in einem Krankenhaus zu bewahren, ist gar nicht so einfach.

Eine Nacht wird normalerweise von Stille und Dunkelheit getragen. Auch im Krankenhaus kommt zu später Stunde so langsam Ruhe auf und es wird dunkler. Aber eben nicht ganz. Auf der einen Seite ist es still, schwer und dunkel und auf der anderen Seite bleibt es unruhig. Die nächtlichen Stunden werden von Geräuschen und stoisch aufblinkenden kleinen Lichtern durchzogen, sowie von einer unablässigen und unklaren Unruhe und Bewegung durchströmt. Es ist gerade so still, dass jedes Geräusch zu hören ist. Eine Stimme auf dem Flur. Türen, die auf und zu gemacht werden. Ein Klingelknopf, der in einem anderen Zimmer getätigt wird. Betten, die verschoben werden. Patienten, die neu eingeliefert werden. Ein leises Klappern – schlicht, jede kleine Bewegung ist in der Stille der Nacht hörbar, wenn man nicht schläft.

Als sie, zu nächtlicher Stunde nach Baldrian oder einem Beruhigungstee fragte, bot man ihr Valium an. Das dürfe sie ruhig nehmen – dann könne sie sicher schlafen. Etwas anderes gäbe es nicht. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte sich nicht noch einmal so abgeben, so verlieren, sich selber so verlassen wie bei der Narkose. Nein, und wenn sie die Nacht wach bleiben würde, Valium wollte sie nicht nehmen.

Sie war keine 24 Stunden im Krankenhaus. Wie viele zuständige Schwestern oder Ärzte in dieser Zeit an ihr Bett traten, konnte sie nicht erinnern. Sie weiß noch, dass es einen Zeitraum gab, da in sehr kurzen Abständen ihr Puls, ihr Blutdruck und ihre Temperatur gemessen wurden. All das wurde in Akten abgelegt. Was es zu bedeuten hatte – das wusste sie nicht. Alles schien irgendwie normal zu sein. Aber für sie war alles neu, fremd und nicht vertraut. Sie war noch nie operiert worden.

Physisch nahm alles seinen Gang. Komplikationslos. Da sie am Morgen zwar die Erlaubnis erhielt zu duschen, ihr aber kein Handtuch angeboten wurde - denn sie selbst hatte keins dabei, weil sie ja gar nicht darauf eingestellt war, über Nacht dortzubleiben - beschloss sie, das Krankenhaus so zu verlassen. Ungeduscht. Nur weg. Zurück auf bekanntes Terrain. Dort gesund werden. Als sie nach dem Frühstück zurück an ihr Bett kam, lag da der Entlassungsbrief - das hieß, dass sie gehen konnte.

Wie verlässt man ein Krankenhaus? Geht man einfach? Oder gibt es jemanden, dem man die Hand geben konnte? Der explizit wissen sollte, dass man geht? Schließlich war doch auf physischer Ebene einiges passiert. Die Tagschwestern waren erst seit kurzem im Dienst und hatten - bis auf „Messungen“ - noch gar nicht mit ihr gesprochen. Der Arzt hatte sein Okay zur Entlassung gegeben, war aber längst in anderen Zimmern verschwunden. Sie „kannte“ niemanden, ging aber trotzdem zu einer der jungen Frauen in weißem Kittel und gab ihr die Hand um Auf Wiedersehen zu sagen.

Ein Aufenthalt in einem normalen Krankenhaus bedeutet, dass alles getan wird, was auf physischer Ebene zu tun ist, um Gesundheit zu erlangen. Seele und Geist werden aber durch eine Narkose explizit weggeschickt, ja verbannt. Sie brauchen dann Zeit, um sich langsam wieder anzunähern. Denn sie gehören zur Gesundheit des Menschen dazu. An diesem Erlebnis wurde ihr sehr deutlich, was es hieß, wenn man sich nur um eine Ebene - die physische - des Menschen kümmert.

Die Seele hätte eine Chance gehabt mitzukommen, wenn auf der menschlichen Ebene etwas mehr Anteilnahme genommen worden wäre. Ganz abgesehen vom Geist, der die Geschehnisse erst in einen größeren Zusammenhang bringen musste, um irgendwie mitzugehen. Zu wünschen ist, dass eines Tages auch die „normalen“ Krankenhäuser daran denken, dass der Mensch nicht nur aus physischer Materie besteht.

Um gesund zu werden ist sie nun dabei, neben der physischen Genesung, auch seelisch und geistig wieder eins zu werden.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Novellen. Der Falke aus Florenz

Boccaccio (1313-1375) war der erste Gelehrte an der neugegründeten Universität in Florenz, der öffentlich über die „Göttliche Komödie“ von Dante (1265-1321) sprach. Er war, mit seinem Dichter-Freund Petrarca (1304-1374), ein großer Dante-Freund und -Kenner. Boccaccio war ein Erzähler und Humanist der ersten Stunden, in der erwachenden Renaissance in Florenz.

Nachdem 1348 die Pest in Florenz ihr Unwesen getrieben hat (und in Prag die erste deutsche Universität eröffnet wurde) begann Boccaccio das „Dekamerone“ zu schreiben. Angelehnt an die „Göttliche Komödie“ mit ihren einhundert Gesängen, schuf er einen Novellenzyklus aus einhundert Erzählungen.

Die Rahmenhandlung des Dekamerone erzählt vom pestverseuchten Leben in der Stadt am Arno – und gehört auch heute noch zu den wenigen brauchbaren dokumentarischen Berichten über diese Unglückszeit. Drei junge Männer und sieben junge Damen treffen sich in der Kirche Santa Maria Novella - von dort nimmt die Binnenhandlung, nehmen die „Novellen“ oder auch „Neuigkeiten“ ihren Ausgangspunkt - und beschließen gemeinsam aufs Land zu ziehen, um der Ansteckungsgefahr zu entgehen.

Sie ziehen Richtung Fiesole in ein Landhaus. Auch heute, siebenhundert Jahre später, steht das Gebäude noch da – an der Via Boccaccio – und beherbergt eine Fakultät der Europäischen Universität (!). Damals war es ein verwaistes aber intaktes Landhaus, in das die Gruppe der Überlebenswilligen geflüchtet ist, um die Zeit miteinander zu verbringen.

Eine Funktion des Erzählens ist es schon immer, sich die Zeit auf angenehme, aufregende, lustvolle, interessante oder bereichernde Weise zu vertreiben. Und so beginnt auch diese Gruppe junger Florentiner sich dort in der Diaspora Geschichten zu erzählen. Jeder Tag wird durch eine „Königin“ oder einen „König“ bestimmt. Sie geben jeweils ein Thema vor. Und jeder der zehn Beteiligten erzählt dann im Verlaufe eines Tages – am Morgen, in der glühenden Hitze des Nachmittags oder in der Dunkelheit des Abends, vor oder nach dem Essen, im Haus, im Garten oder am Fluss - eine Geschichte zum Thema. So entstehen im Laufe von zehn Tagen einhundert Erzählungen: einhundert Novellen eben. Das Dekamerone – das Zehntagewerk.

Wer alte Erzählungen mag, findet in diesem Novellenzyklus sicher die eine oder andere wunderbare Geschichte. Eine von ihnen hat besondere Aufmerksamkeit erlangt, es ist die sogenannte Falkennovelle, die 9. Novelle des 5. Tages. Sie ist, wenn es nach Paul Heyse geht, konstituierend für die Novelle an sich.

Wie definiert man eine Novelle? Im Gegensatz zu einer Kurzgeschichte oder zu einem Roman? Wo fängt eine Novelle an, wo hört sie auf, wo sind ihre Grenzen? Lyrik und Dramatik lassen sich deutlich definieren, aber innerhalb der Epik gibt es einige unscharfe Ränder. Die Form lässt sich nicht eindeutig festlegen. Deshalb hat der deutsche Dichter Paul Heyse (1830-1914 in München) auf den Inhalt verwiesen. Er nennt eine Erzählung dann eine Novelle, wenn sie symbolisch „einen Falken“ aufweist.

In Florenz lebt ein Edelmann namens Federigo. Er liebt Monna Giovanna und richtet ein Fest nach dem anderen aus, um ihre Gunst zu erlangen. Er stiftet sein ganzes Vermögen, um ihr Geschenke und seine Aufwartung zu machen. Sie aber erhört ihn nicht. Sie heiratet einen anderen, einen reichen Kaufmann, und bekommt mit ihm einen Sohn. Federigo ist mittlerweile einsam und verarmt, er hat nur noch einen einzigen Falken und lebt in einem kleinen Landhaus nahe Florenz. In seinem Herzen liebt er noch immer Monna Giovanna.

Als Monna Giovannas Ehemann stirbt, zieht auch sie aufs Land, in die Nähe des kleinen Gutes von Federigo. Aber erst zu dem Zeitpunkt, als Monna Giovannas Sohn erkrankt, und sich, um zu genesen, von ganzem Herzen den prächtigen Falken von Federigo zum spielen wünscht, geht sie zu ihm - die ihn vorher nie beachtet hat. Federigo ist erstaunt und beglückt. Monna Giovanna will bei ihm speisen. Da Federigo nichts anderes als seinen Falken besitzt, dreht er ihm kurzerhand den Hals um, und serviert ihn seiner geliebten Dame.

Erst nach dem Essen offenbart die Mutter des kranken Knaben, dass sie gekommen sei, um um den Falken zu bitten. Federigo ist untröstlich – endlich hat er die Aufmerksamkeit seiner Dame, und nun kann er ihr nicht dienen. Den Falken haben sie bereits gemeinsam verspeist. Monna Giovanna kehrt erschüttert zu ihrem Sohn zurück, nachdem sie den Falken von Federigo nicht erhalten konnte. Ihr Sohn stirbt. Und sie erwacht und erkennt, wem sie in Federigo begegnet ist. Nach einer angemessenen Trauerzeit heiraten die beiden und Federigo wird wieder ein reicher und geachteter Bürger von Florenz.

Soweit die humanistische Erzählung von Boccaccio aus der Renaissance in Florenz.

Nicht jede Novelle, die seitdem geschrieben wurde, endet in dieser Weise klassisch. Wenn aber jede gute Novelle so einen „Falken“, so eine „unerhörte Begebenheit“ (wie es Goethe nennt), so einen delikaten Wendepunkt aufweist, dann sind die Erzählungen alles andere als alt und märchenhaft, sondern modern und riskant und unüberschaubar. Ein Scheitern wird nicht ausgeschlossen und die Stringenz, Treue und Naivität, die Federigo an den Tag legt, wünsche ich manch einer literarischen Gestalt, die sonst noch durch die Weltliteratur spaziert.

Boccaccio, dem alten Italiener, gebührt, ob seines Novellenzyklus‘, noch heute ein Platz in der Weltliteratur. Den Mut zu einer Renaissance - nicht nur in der Literatur - der symbolischen Wiederauferstehung des Falken zwischen Federigo und Monna Giovanna , könnten wir, in jeder Hinsicht, heute in Mitteleuropa wieder gut gebrauchen. Vielleicht spielt die Europäische Universität - in der Via Boccaccio zwischen Florenz und Fiesole - dabei eine Rolle. Einen würdigen Ort hat sie ja gefunden, auch Pico della Mirandola (1463-1494) hat - einhundert Jahre später - in jenen Gefilden seine 900 Thesen geschrieben.

P.S. Warum nur hat Lorenzo di Medici 1473 die Universität von Florenz nach Pisa verlegen lassen?

Donnerstag, 26. November 2009

26.11.2009. Christine Ballivet

Heute vor einem Jahr ist Christine Ballivet in Lyon mitten bei ihrer Arbeit verstorben. Den ganzen Tag schon denke ich daran, einen Blog-Beitrag für oder über sie zu schreiben - denn ihr Tod hat mich sehr betroffen gemacht.

Nun habe ich im Internet eine Blogseite gefunden, die ihr gewidmet ist! Und auf dieser Seite kann man auch den Vortrag von Yeshayahu Ben-Aharon lesen, den er am 1. Juni 2007 in Colmar gehalten hat, und mit dessen französischer Übertragung Christine am Abend ihres Todes im Kreise ihrer Freunde beschäftigt war.

Vielleicht ist das Lesen dieses Vortrages eine angemessene Beschäftigung auf Erden für ihren ersten Geburtstag in der geistigen Welt.

http://www.dialogos.oslo.no/doorstodialogue/

Montag, 23. November 2009

Gedichte. Weltinnenräume

Neben der Epik und der Dramatik präsentiert die Lyrik eine andere Art der Wortkunst – ursprünglich ist sie die zum Spiel der Leier gehörige Dichtung. Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, dass Romananfänge wie Signale wirken. Dass sie Zeichen setzen, den Blick richten und einen Weg weisen. In dem nun folgenden Text will ich beschreiben, wie es sich mit Gedichten verhält. Gedichte sind etwas gänzlich anderes und haben kein Ziel, das sie anvisieren.

Lyrik
das Nichtwort
ausgespannt
zwischen
Wort und Wort.

(Hilde Domin, 1993.)

Gedichte erwachsen aus der Spannung von Worten, sie erbitten Räume. Innere Räume. Herzensräume. „Weltinnenräume“ im einzelnen Menschen – so wie es Rilke nennen würde. Gedichte erklingen und erblühen im Innern, wenn die Spannung zu etwas Neuem, einer Geburt führt. Sanft oder schroff, hart oder weich, verständlich oder unverständlich, erinnernd oder hoffend, flehend oder bittend, in die Vergangenheit oder in die Zukunft weisend.

[…]
Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.

Ich sorge mich, und in mir steht das Haus.
Ich hüte mich, und in mir ist die Hut.
Geliebter, der ich wurde: an mir ruht
der schönen Schöpfung Bild und weint sich aus.

Rainer Maria Rilke, aus: Die Gedichte 1910 bis 1922.
(München oder Irschenhausen, August/September 1914)

Wenn ich ein Konzert höre, ein Live-Konzert, in dem Musiker ihre Musik nach außen setzen, Klänge erklingen lassen, die sie in diesem speziellen Moment produzieren und zu verschenken haben, wenn der Raum von klingender Musik erfüllt ist, wie das nächtliche Himmelszelt von Sternen übersät ist, dann geschieht etwas. Wenn Musik erklingt, sich im Raum ausbreitet und dann verhallt, ereignet sich etwas im Hier und Jetzt. Die Zuhörer werden in einen Klangregen getaucht. Von außen. Wie in einen warmen Frühlingsregen – oder auch wie in ein stürmisches Gewitter. Klänge nähern sich dem Menschen und dringen von außen nach innen.

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben

(Rose Ausländer)

Eine entgegengesetzte Tätigkeit zum Musikhören ist die Beschäftigung mit Gedichten, die Annäherung an verdichtete Wortkunstwerke. In Gedichten klingen die Worte nicht von außen, sondern von innen. Gedichte sind Ver-dicht-ungen, sind Worte in ihrer kräftigsten und reinsten Form, die in der Lage sind, neue und gegensätzliche Welten entstehen zu lassen. Gedichte können nur im Innern des Menschen erblühen – sie haben außen keinen Stand – auch, wenn sie dunkel, verwirrend und erschütternd sind.

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends […]


(Paul Celan, 1952, in: Todesfuge.)

Gedichte lassen sich auch nicht „erklären“ – auch wenn sie dialektisch geschrieben sind und unseren „Verstand“ ansprechen. Gedichte sind auf immaterielle Türen im Innenraum „Mensch“ angewiesen, persönliche und verwundbare Eingänge, die sich individuell und ganz bescheiden öffnen. Große Tore sind für etwas anderes da – Gedichte, Wortkunstwerke in verdichteter Form – schlüpfen oft unbemerkt durch kleine Lücken und bewegen sich leise aber unaufhaltsam.

Angst und Zweifel

Zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst

aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kennt keinen Zweifel

(Erich Fried)

Gedichte können Herzen erwärmen, innere Lichter anzünden, wie Rosenknospen erblühen. Gedichte brauchen Stille und erwachen, wenn ein offener Raum für Wort-Bilder entsteht. Diese Bilder, ob schaurig oder schön, können leben, wenn Worte anwesend sind und sich ausbreiten dürfen. Klare, definierte Worte. Wenn ein Dichter ein Gedicht verschenkt, wenn er es der Öffentlichkeit übergibt, dann braucht es ihn nicht mehr. Gedichte machen sich dann, wie auch andere Textgewebe, selbstständig – sie präsentieren sich in gedruckter Form, warten und bieten sich an.

Der Leser ist es, der den Wortverknüpfungen oder -schöpfungen, wie zum Beispiel „Maschentausendabertausendweit“ von Else Lasker-Schüler, zum Leben verhilft.

Wenn klingende Musik wie ein Regen von Sternschnuppen auf den Menschen niedergeht, dann sind Dichtungen wie knospende Rosen im Herzen, die erblühen können.

Montag, 16. November 2009

Räume und Signale. Gedichte und Romane

„ Die Dinge sind alle nicht so faßbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alle sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert.“
(Rainer Maria Rilke in einem Brief an Franz Xaver Kappus am 17.2.1903 in Paris.)

Und trotzdem: Gedichte eröffnen innere Räume. Satzanfänge in Romanen geben Signale. Sie weisen in eine Richtung und zeigen dem Leser den Weg. Heute werde ich einige Romananfänge zitieren und den Leser einladen, sich davon berühren zu lassen. Mein nächster Text wird sich dann mit Gedichten beschäftigen.

„Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei.“
(Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz)

Es sind weniger als dreißig Buchstaben, die uns in der deutschen Sprache zur Verfügung stehen, aber daraus können unendlich viele Worte gebildet werden, die wiederum in unzähligen Kombinationen miteinander auf der Bühne der Sprache auftreten und sich entfalten können. Sie produzieren Textgewebe, Klangteppiche, Wortbilder die in Art, Stimmung und Bedeutung nicht unterschiedlicher sein könnten.

„Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt ohne es zu wecken, verfährt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit.“ (Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert)

Viel äußere Materie ist für die Bildung von Worten nicht nötig – ob sie nun gesprochen oder geschrieben werden – aber „innere Materie“. Ohne einen Innenraum, eine menschliche Seele, die den Klang von Worten aufnimmt, die den Sinn von Sätzen annimmt, die den Worten Bedeutung gibt und ihnen ein Ankommen ermöglicht, die Verbindungen schafft und dem Wortgeflecht ein Netz bietet, ist der Dichter, der Poet, der Schriftsteller oder Publizist, der Schreiber oder Autor verloren, einsam und seine Worte zerplatzen wie Seifenblasen.

„Pst! Der Rosengarten lag noch farblos, doch schon erkennbar am Fuß der Mauer.“ (Adolf Muschg: Der Rote Ritter)

Mit Worten klopfen wir an Türen, und je nach Stimmlage, Ausdruck oder mitgeschicktem Blick, öffnen sich die Türen sanft, vorsichtig, abrupt, schnell, nur einen Spalt breit oder weit und einladend. Worte sind Brücken. Ausgespannte Regenbögen. Worte schneiden ab oder verbinden. Sind kalt oder warm. Werden schnell oder langsam gesprochen – geschrieben - gelesen.

„Vor einem Jahr kam mein Vater auf die denkbar schwerste Weise zu Schaden, er starb.“
(Jurek Becker: Bronsteins Kinder)

Erinnerungen und Träume, Vorstellungen und Wünsche bekommen in der Welt der Bedeutungen durch Worte die Chance sich zu zeigen – mittelbar, mit-teil-bar zu sein. Neben den Buchstaben brauchen wir Worte und Satzgefüge, damit sich die physische Welt in allen ihren Erscheinungen abbilden lässt. Und damit die seelische und geistige Ebene vermittelbar wird.

„Noch bevor Ebling zu Hause war, läutete sein Mobiltelefon.“
(Daniel Kehlmann: Ruhm)

Worte sind wie brennende Fackeln in der Dunkelheit. Sie leuchten grell oder sanft, blau oder rot. Epische Weiten entstehen. Düfte, Klänge oder Farben mischen sich ein – auch sie: aus Worten geschaffen. Aber es kann auch Enge entstehen. Konsequenz. Ein inneres Ringen.

„Ich bin nicht Stiller.“
(Max Frisch: Stiller)

Wenn Worte still auf dem Papier ihrer Leser harren, dann sind sie auf ihre Umgebung angewiesen. Auf Satzzeichen, links und rechts, oben oder darunter stehende Bekannte, Verwandte und Freunde, auf das große Ganze, das sich ergibt, wenn Worte sich zusammentun und etwas entstehen lassen.

„Eine kleine Station an der Strecke, welche nach Russland führt.“

(Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß)

Der erste Satz in einem Roman sendet Signale aus. Noch ist ganz offen, wohin sich die Erzählung bewegt. Aber mit jedem Satz wird das Muster des Wortteppichs deutlicher.

Samstag, 14. November 2009

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt Dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler, 1906

Montag, 26. Oktober 2009

Herzlich willkommen auf dieser Erde - Johann sei gegrüßt!

Für Johann Maximilian Pannitschka, geb. 23.10.2009 in Berlin

Als ich von deiner Geburt hörte, dachte ich an Pico della Mirandola. Sein physisches Leben ist schon lange vergangen, aber das, was ihn beschäftigt hat, ist uns über seine Bücher, Briefe, Bilder und die Aufzeichnungen anderer erhalten geblieben. Er war ein großer Humanist, der in der italienischen Renaissance von 1463 bis 1494 in Italien zu Beginn der Neuzeit gelebt hat. Er hat - unter anderem - 900 Thesen geschrieben, die er dem Papst vorlegen wollte. Diese Thesen leitet eine Abhandlung über die Würde des Menschen ein (geschrieben 1486). Pico malt darin mit seinen Worten ein Bild des Menschen, der die höchste Verantwortung in Freiheit für sich selber trägt. Folgender Text ist daraus entnommen:

Gott spricht zum Menschen nach der Schöpfung:
" Wir haben dir keinen bestimmten Wohnsitz noch ein eigenes Gesicht, noch irgendeine besondere Gabe verliehen, o Adam, damit du jeden beliebigen Wohnsitz, jedes beliebige Gesicht und alle Gaben, die du dir sicher wünscht, auch nach deinem Willen und nach deiner eigenen Meinung haben und besitzen mögest. Den übrigen Wesen ist ihre Natur durch die von uns vorgeschriebenen Gesetze bestimmt und wird dadurch in Schranken gehalten. Du bist durch keinerlei unüberwindliche Schranken gehemmt, sondern du sollst nach deinem eigenen freien Willen, in dessen Hand ich dein Geschick gelegt habe, sogar jene Natur dir selbst vorherbestimmen. Ich habe dich in die Mitte der Welt gesetzt, damit du von dort bequem um dich schaust, was es alles in dieser Welt gibt. Wir haben dich weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen, weder als einen Sterblichen noch als einen Unsterblichen geschaffen, damit du als dein eigener, vollkommen frei und ehrenhalber schaltender Bildhauer und Dichter dir selbst die Form bestimmst, in der du zu leben wünscht. Es steht dir frei, in die Unterwelt des Viehs zu entarten. Es steht dir ebenso frei, dich in die höhere Welt des Göttlichen durch den Entschluß deines eigenen Geistes zu erheben."

Dieser Text beschäftigt mich schon lange. Der mündige Mensch, ein Bildhauer und Dichter seines Lebens, der sich selbst bestimmt und gestaltet.

Ausgehend von einem allgemeinen Verständnis eines Bildhauers, der ‚Bildwerke haut’, dem eines Künstlers, der plastische Kunstwerke aus Stein, Holz oder anderen Materialien herstellt, entsteht das Bild eines willensstarken Menschen, der das, was in seinem Inneren lebt durch äußere Formen zum Ausdruck bringt. Zu denken ist zum Beispiel an die herausragenden und formstarken Plastiken von Michelangelo (1475-1564) der in Marmor gearbeitet hat. Es lässt sich nur ahnen, welcher Wille, welche physischen Kräfte und seelischen Gestimmtheiten notwendig waren, um solche Werke zu vollbringen. Ein Schlag mit dem Stemmeisen am Marmor ist nicht mehr ungeschehen zu machen – das Absplittern des Steines kann nicht rückgängig gemacht werden. Die bildhauerische Arbeit verlangt eindeutige Formen, anschaubare Konturen.

Eine plastische Skulptur vermittelt weniger offene Vorstellungen - im Gegensatz zum Dichter, - sondern sie zeigt, wie die Verhältnisse gerade sind. Er schafft konkrete, materielle Formen die einen Ausdruck tragen. Der Bildhauer braucht konkrete Vorstellungen und einen festen Willen für seine Arbeit – sonst würde er nichts zustande bringen.

Ähnlich und doch anders ist das Bild des Dichters, er bewegt sich auf der imaginativen Ebene. Dichter sind Komponisten sprachlicher Kunstwerke. Dichten ist, mit Worten Bilder entstehen zu lassen. Dem Dichter steht die Sprache mit all ihren Variationen als Ausdrucksmittel zur Verfügung. Jeder Betrachter muss für sich das innere, seelische Bild, das ein Dichter in seinen Werken entstehen lässt, in sich selber zu Leben erwecken und Raum schaffen um es sichtbar und erlebbar machen. Dabei hat man es nur indirekt mit etwas Materiellem zu tun, sondern vielmehr mit etwas innerlich seelisch erlebbarem. Hier kann es um Rück- oder Vorblicke des Lebens gehen, um Ahnungen und Träume, um das Verarbeiten von Erlebnissen, oder um das Entstehen von Visionen.

Während die zeitliche Dimension des Bildhauers die Gegenwart ist, in der ein fruchtbarer Moment einer Figur oder Gegebenheit festgehalten bzw. sichtbar gemacht wird, befindet sich der Dichter im Spiel zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die menschliche Sprache erlaubt uns mit ihren sprachlichen Eigenschaften einen weiten Bogen von ferner Vergangenheit, zu weit vor uns liegender Zukunft, zu schlagen. Die Gedichte eines Rainer Maria Rilke (1875-1926) veranschaulichen das zum Beispiel. Innerhalb der Sprache ist es möglich Vergangenes zu reflektieren, Seinszustände zu beschreiben und Zukunftsvisionen zu malen. Der Dichter hat innerhalb der Sprache ein differenziertes und großes Spektrum sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten für Bilder und Vorstellungen zur Verfügung, die durch Rhythmus und Klang ergänzt werden.

Während der Bildhauer eine allgemeine Welt-Sprache spricht, die, kulturell bezogen, weiträumig verstanden werden kann, ist der Dichter im Allgemeinen an seine eigene Muttersprache gebunden. Übersetzungen oder Übertragungen von Gedichten mögen das zeigen: die generelle Idee des Bildes, über das der Dichter spricht, kann vielleicht in eine andere Sprache übersetzt werden, um jedoch das Bild aus Worten in seiner Tiefe und Originalität zu verstehen, muss man der ursprünglichen Sprache kundig sein.

Picos Beschreibung des Menschen, der wie ein Dichter sein Leben erdichtet und wie ein Bildhauer, sein Leben ‚behaut’, ist ein Bild für den freien Menschen. Ich wünsche dir, lieber Johann, von ganzem Herzen, dass du im Laufe deines Lebens den Bildhauer und Dichter in dir entdeckst, erweckst und kreativ nutzt.

Von Herzen, deine Tante Sophie

G. Pico della Mirandola: Über die Würde des Menschen (Oratio de hominis dignitate).

Montag, 19. Oktober 2009

Lehrende und Lernende. Oder: Erwachsenenbildung zwischen gestern und morgen.

Liebe Olga.
Heute möchte ich gerne unser Gespräch über eine zeitgemäße Erwachsenenbildung weiterführen. Wie du ja weißt, waren meine Erfahrungen in Stuttgart nicht sehr glücklich. Nun war ich in Alfter an der Alanus Hochschule. Ich werde meine Eindrücke zusammenfassen.

Eigentlich wissen wir es ja alle schon längst: Im 21. Jahrhundert angelangt gibt es keine allwissenden Lehrer oder Dozenten mehr, die, wie im „Nürnberger Trichter“, Wissen an ihre Schüler oder Studenten weitergeben. Und es gibt auch keine Schüler oder Studenten mehr, die sich auf so etwas einlassen. Lernende sind individuell, haben Vorerfahrungen, wissen was sie wollen und können für einen Lehrenden sehr unbequem sein. Schüler und Lehrer oder Studenten und Dozenten müssen sich neu definieren – neu aufeinander zugehen, Rollen einnehmen und Haltungen sichtbar machen. Was macht einen Lernenden im 21. Jahrhundert aus und was einen Lehrenden?

Meine Erfahrungen Jugendliche zu unterrichten reichen noch nicht, als das ich etwas darüber schreiben könnte. Aber in Bezug auf die Erwachsenenbildung wäre einiges zu sagen. Selbst als Dozentin in der Erwachsenenbildung tätig, bin ich jetzt auch wieder in die Rolle einer Studentin geschlüpft. So, wie du auch diese beiden Rollen kennst. Ich will dir von meinen Erfahrungen berichten.

Das Leitbild in der Erwachsenenbildung bei NALM halte ich in Hinsicht auf die Grundhaltung der Lehrenden für heutig, passend, angemessen (konstruktivistisch würde man es „viabel“ - lebensdienlich - nennen). Es beinhaltet neben den verschiedenen Feldern, auf denen sich „Bildung“ im weitesten Sinne ereignet, drei Haltungen, die der Lehrende je nach Situation einnehmen kann.

Er ist zunächst derjenige, der Lernprozesse möglich macht, also ein Setting anbietet, inhaltliche Angebote macht, einen Weg skizziert und sich selbst mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen zur Verfügung stellt, er schafft Möglichkeiten. In der Erwachsenenbildung nennt man ihn deshalb den „Möglichmacher“ oder weiter gefasst, den „Lern(prozess)begleiter“ für diejenigen, die etwas lernen wollen.

Auf einer anderen Ebene ist der Lehrende genauso ein Mensch, wie der Lernende auch. Er ist ein „Mitmensch“, der Gefühle und Bedürfnisse hat, Erfolgs- oder Mißerfolgserlebnisse durchläuft, der „mal gut“ und „mal nicht so gut“ drauf ist. Er setzt sich aus seinen Erfahrungen und Erlebnissen zusammen, seinen Erwartungen und Hoffnungen. Auch diese Ebene kann einen Platz zwischen Lehrenden und Lernenden haben.

Ja und dann gibt es noch die Ebene des Faches. Ein Lehrender vertritt eine Disziplin, er ist Vertreter eines Faches, er ist ein Fachmann auf seinem Gebiet. Zu seinen Aufgaben gehört es in dieser Beziehung, die Grundlagen und Grundfragen darzustellen und erlebbar zu machen. Darüber hinaus ist es aber gut möglich, dass der Lernende im Laufe der Zeit fachlich über den Lehrenden hinaus geht. Die dritte Haltung nennt man deshalb den „Diener“ in Bezug auf das Fach.

In den letzten zehn Tagen habe ich meine ersten Erfahrungen als Studentin an der Alanus Hochschule gemacht und ich muss sagen, dass ich von dem Miteinander zwischen „Lehrenden und Lernenden“ in Bezug auf Angebot, Atmosphäre und Fachkompetenz sehr angetan bin. Die Dozenten sind mir als Möglichmacher, Mitmenschen und Diener (ihres Faches) begegnet. Als Lernende fühlte ich mich geachtet, anerkannt und erwünscht. Denn: ohne Lernende auch keine Lehrenden. Mein fachlicher Wissensdurst wurde gestillt und die Seminargestaltung ließ alle Beteiligten sich ernsthaft, frei, konstruktiv und alltagstauglich einbringen.

Die Alanus Hochschule nimmt den Diskurs mit der heutigen Zeit und somit der Wissenschaft des 21. Jahrhunderts, also mit uns als Zeitgenossen auf. Im Fachbereich Bildungswissenschaften kann man einen (offiziell anerkannten!) Master in Pädagogik machen, der den Schwerpunkt Waldorfpädagogik und Reformpädagogik beinhaltet. Eingebettet ist dieser Studiengang in den Diskurs der Erziehungswissenschaft, der an anderen (normalen) Hochschulen „gelehrt“ wird. Einig ist man sich in dieser Hinsicht, dass die Praxis der Waldorfschulen hoch anzuerkennen ist, die Theorie jedoch den heutigen wissenschaftlichen Maßstäben nicht genügt.

So ist die Alanus Hochschule bereit, das Werk Steiners kritisch zu untersuchen. Sie weiht die Studenten nicht in Mysterien ein, sondern lädt sie ein, sich eigenverantwortlich und kritisch auf Texte einzulassen, die die Ideen, Gedanken und Überzeugungen Steiners darstellen. Die Lernenden übernehmen die Verantwortung dafür, was und wie sie lernen. Obgleich es natürlich auch an dieser Hochschule ein Modulhandbuch gibt und gewisse Kriterien erfüllt sein müssen, sind es doch die Lernenden, die ihre Fragen einbringen und somit zu Mitgestaltern werden. Auf der Ebene des Möglichmachens, des Mitmenschlichen und der Weiterentwicklung des Fachlichen.

Im Gegensatz zur Universität Tübingen, wo ich das Fach Erziehungswissenschaft studiert habe, stellt man an der Alanus Hochschule pädagogische Grundfragen – und versucht sie auch individuell zu beantworten. Jegliches pädagogische Handeln hängt vom individuellen Menschenbild der Beteiligten ab. Ob ich den Menschen, nach dem gängigen wissenschaftlichen Bild als „biologischen Roboter, Produkt der Gene, der zufälligen Evolution und des sozialen Milieus“ ansehe oder ihn als entwicklungsfähigen Menschen nehme, der Entwicklungsgesetzen und –schritten unterliegt und eine Entscheidungsspanne (auch Freiheit genannt) zwischen Gut und Böse zur Verfügung hat, ist ein großer Unterschied.

Dies sind menschliche Grundfragen, denen sich Lehrende und Lernende immer wieder stellen können. Daraus erwächst eine eigenständige Urteilsbildung. In Bezug auf die Überlebenschancen des steinerschen Erziehungsimpulses geht die Alanus Hochschule mutige Wege. Sie stellt sich mit ihren Inhalten und Wegen der Zukunft. Ein interessanter Studienort!

Herzlich, Sophie

Montag, 5. Oktober 2009

Parzival im Netz. Oder: Ich und die Anderen

Wenn die Parzival-Geschichte verfilmt würde (was hoffentlich niemals geschieht!) dann würden die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen sicherlich von den Ritten Parzivals auf seinem Pferd geprägt sein. Parzival reitet von Station zu Station durch die Zeit – er lässt sich von seinem Pferd führen, denn er lenkt es nicht. Wolfram von Eschenbach betont immer wieder, wie weit, wie schnell und wie gut Parzival reitet. Der Held auf dem Pferd – das ist das verbindende Element zwischen den verschiedenen Ereignissen auf horizontaler Ebene. Parzival reitet mit wehender Mähne seiner Zukunft entgegen.

Auf vertikaler Ebene werden die Ereignisse von anderen Elementen geprägt – nicht von Pferden, die auf der physischen Ebene die Transportmittel von Event zu Event darstellen, sondern durch Begegnungen mit verschiedenen Schicksalsgenossen. Diese Begegnungen lassen sich natürlich auch in eine zeitliche Kategorie hineinstellen, da sie nacheinander geschehen, sie haben aber weniger mit einem chronologischen Ablauf im Zeitstrom, als mit Höhen und Tiefen in der inneren Entwicklung des Helden zu tun.

Den Schnittpunkt zwischen den horizontalen Ereignissen und den vertikalen bildet die Mitte Parzivals, seine Seele. Gerade diese Ebene, die des sozialen Miteinanders, hat der „Held“ zwischen dem geistigen Strom (er ist durch seine Mutter ein Angehöriger der Gralsgesellschaft) und dem physischen (er ist, wie sein Vater, ein Artusritter) die ihm beide mitgegeben sind, auszubilden.

Was wäre Parzival ohne seine Mitmenschen – ohne das Leid, das ihm zugefügt wurde, ohne die Kränkungen, die Schmerzen, die Sünden, Fehler und Versäumnisse? Aber auch ohne die Hilfe, den Glauben an ihn, die Liebe, die Sühne, die Begegnung mit ihm? Das „Glück“ seiner Entwicklung ist ja, dass er nie weiß, was kommt, dass aber immer etwas kommt. Und das er auch gar nicht weiß, was er „will“ – die Zukunft ist ihm verschlossen, er hat keine Vorstellung davon –aber er ist mit wehender Mähne unterwegs.

Wenn man die Geschehnisse zurückverfolgt – also die ganze Entwicklung überblickt – dann fallen bestimmte Figuren auf, die eine besondere Bedeutung für das innere Leben des Helden haben. Erst im Laufe der Geschehnisse wird das Netz sichtbar, in dem sich Parzival bewegt. Zunächst hat er ja keinen anderen Ansprechpartner als seine Mutter. Damit etwas passiert, etwas in Bewegung kommt, braucht es andere Faktoren, neue Herausforderungen, Fragen und Gegebenheiten – Figuren stellen sich ihm in den Weg.

Je nach Blickwinkel, bekommen die verschiedenen Figuren Zuordnungen, die sichtbar machen, was Parzival ihnen verdankt, was er an oder mit ihnen lernt, wie er seinen Weg durch sie geht – und auch, was sie in ihm herausfordern. Mit diesem Blickwinkel fallen folgende Figuren in ihrer Rolle für Parzival auf:

Ermöglichungsfiguren: Herzeloyde und Gahmuret. Der Held braucht Eltern. Ohne sie kann er nicht auf der Erde leben. Seinem Vater begegnet Parzival nie. Denn der will dem mächtigsten Herrn auf Erden dienen und zieht in den Orient – um dort zu sterben, bevor Parzival geboren wird. Aber er hinterlässt seinem Sohn ein Erbe: den Mut zum Aufbruch, zur Suche nach sich selbst. Herzeloyde, als ängstliche, alleinerziehende Mutter versucht den Knaben vor der Welt zu schützen, damit er nicht so werde wie sein Vater: tot und ein Held. Aber gerade die Welt sucht Parzival – und so zieht er davon.

Leit- und Opferfiguren: Titurel, Jeschute und Ither. Titurel ist der erste Gralskönig auf Erden. Er hat sein Amt an seinen Sohn Frimutel abgegeben, der jedoch bald verstorben ist. Nun ist Anfortas der leidende Gralskönig. Um zu sterben, muss der greise Titurel warten, bis ein würdiger Nachfolger das Amt übernimmt. Titurel „leitet“ Parzival. Damit aber Parzival „ausgebildet“ wird, etwas lernt, muss er etwas tun, sich in das Leben hineinstellen. Und so führen die missachteten Bedürfnisse des aufbegehrenden Parzivals zu Taten, die er später sehr bereut. Ein Überfall auf eine begehrliche Frau, ein Totschlag für die rote Rüstung. Jeschute und Ither „opfern“ sich, um Parzival Erfahrungen zu ermöglichen, die Vorboten für spätere Herausforderungen sind und wegweisend für ihn werden.

Lehrerfiguren: Gurnemanz und Trevrizent. Zwei weise Männer bieten dem Ungestümen und Verzweifelten an, ihm ihr Wissen weiterzugeben. Die Lehre Gurnemanz‘ bleibt äußerlich, Parzival kann sie noch nicht individualisieren. Anders ist das am Ende der Geschichte beim Karfreitagsgespräch mit Trevrizent. Parzival hört die Schuld, kennt seine Sünden und geht über seinen Lehrer hinaus, der keinen anderen Weg als die Buße sieht. Parzival macht sich die Lehren zu Eigen, führt sie fort und überwindet die althergebrachten Ge- und Verbote.

Signalfiguren: Sigune und Kundrie. Dreimal begegnet Parzival Sigune im Wald um die Gralsburg. Das erste Mal sitzt sie mit ihrem toten Geliebten unter einer Linde, das zweite Mal in der Baumkrone und das dritte Mal hat sie sich in einer Klause einmauern lassen. Jedes Mal gibt sie wichtige Informationen weiter (wie zum Beispiel seinen Namen!), die Parzival eigentlich zur Verfügung stehen müssten. Und als Kundrie Parzival vor dem Artushof verflucht, und später seine Gralsberufung kund tut, spricht sie das aus, was sich in seinem Gewissen regt.

Helfer- und Orientierungsfigur: Iwanet und Artus. Iwanet ist ein Knappe von Artus. Er hilft dem unbeholfenen Parzival die Rüstung Ithers anzulegen und somit eine neue (äußere) Identität anzunehmen. Im Laufe der Geschehnisse hat er immer wieder mit der Kleidungsänderung des Handlungsträgers zu tun. Artus ist König und Kraft seines Amtes befähigt, Urteile zu fällen. Gerade das macht er aber in Bezug auf Parzival nicht. Er ist sowohl beim Totschlag Ithers dabei, als auch bei der Verfluchung Kundries. Artus präsentiert sich auf der physischen Ebene als „Orientierungspunkt“ für Parzival – auf der Gegenseite zum Gralskönig Anfortas, der die geistige Ebene repräsentiert.

Träger- und Gegnerfiguren: Condwiramurs und Lähelin. Condwiramurs ist die einzige Figur, die Parzival nie in Frage stellt. Auch sie eine alleinerziehende Mutter - wie Herzeloyde - jedoch voller Vertrauen, Anerkennung und Wertschätzung dem Helden gegenüber. Sie gibt, was sie geben kann und nimmt, was sie bekommt. Anders ist das mit Lähelin. Er hat es auf die Ländereien des Protagonisten abgesehen. Da er sich aber „nur“ auf der physischen Ebene bewegt, und Seele und Geist nicht erreichen kann, ist er eine marginale Bedrohung.

Freund- und Bruderfigur: Gawan und Feirefiz. Gawan wird wie ein lichter Spiegel des Helden präsentiert. Er taucht meistens dort auf, wo Parzival nicht ist. Physisch ist er ihm selten nah, seelisch aber umso mehr. Als Parzival in bitterster Bedrängnis in die „Blutstropfenszene“ gerät, ist er derjenige, der ihn „erkennt“ da er wie sein Bruder ist. Sein „echter“ Bruder, Feirefiz, wird zum Maß der Integrität, als die beiden miteinander kämpfen und sich, kurz vor einer Katastrophe, über den gemeinsamen Vater gegenseitig annehmen. Gawan und Feirefiz, zwei Brüder, einer seelisch und der andere physisch.

Erkenntnisfigur oder Zielfigur oder Aufwachfigur oder Alles-in-allem-Figur: Anfortas. Anfortas stellt sich für den Schmerz zur Verfügung. Selber die Gralsregeln verfehlt, ist er darauf angewiesen, dass Parzival die eigene Verwundung, die Verfehlung am Anderen, das Dunkle in der Welt erkennt und anerkennt. Dadurch kann er geheilt werden. Eine physische Wunde wird durch seelische Anteilnahme und geistige Erkenntnis der Zusammenhänge geheilt. Auf die Heilung Anfortas‘ ist der Weg Parzivals ausgerichtet. Hier findet das mitmenschliche, soziale Wunder statt.

Und das mitmenschliche, soziale Wunder kann sich nur zwischen den Figuren ereignen - der eine braucht den anderen. Parzival wäre nicht Parzival, wenn er nicht sein Schicksalsnetzwerk - mit jeder einzelnen Figur! - um sich hätte, um daran zu wachsen.

Das Netz in Parzival.
Oder: Die Anderen und Ich.

Montag, 28. September 2009

„Lerne das Gefundene zu behandeln als das Gesuchte.“ Adolf Muschg und seine „Kinderhochzeit“

Die Kunststiftung Hohenkarpfen hat zu ihrer Mitgliederversammlung (25.9.2009) zum 25-jährigen Bestehen ihres Vereins im ehrwürdigen Sitzungssaal des Rathauses Donaueschingen offiziell eingeladen. Nach den zügig vorgetragenen und rundherum positiven Regularien hatte die Stiftung einen renommierten Autor eingeladen um aus seinem letzten Werk zu lesen.

Somit habe ich den Schweizer Adolf Muschg zum dritten Mal aus seinem Buch „Kinderhochzeit“ lesen hören. Jedes Mal wählt er eine andere Stelle aus, jedes Mal holt er die Figuren in den Raum und jedes Mal berührt es mich, mit welcher Innerlichkeit er seine eigenen Worte vorträgt. Worte, die sich gebildet haben, dann auf das Papier gebannt wurden und sich nun wieder von der schriftlichen Form durch eine Lesung in eine mündliche Wiedergabe verwandeln. Der große Vorteil, wenn Worte gesprochen werden ist ja, dass sie einen deutlicheren Klang, einen Geschmack mitliefern.

Wenn man die Namen der beiden Protagonisten des Romans bei google eingibt, bekommt man zwei markante Ergebnisse: Bei „Klaus Marbach“ stößt man sofort auf eine Menge „realer“ Personen, die dies und das, da und dort vertreten, gemacht haben oder tun wollen. Wenn man aber „Manon de Montmollin“ eingibt, landet man direkt in der „Kinderhochzeit“ von Muschg.

Dies ist symptomatisch für den gesamten Roman. Es ist das Leitmotiv. Geschichte und Literatur tun sich zusammen. Es geht um Reales und Fiktionales, Gewesenes und Erdachtes, Mögliches und Unmögliches. Klaus und Manon gehören in das Netzwerk des Autors, so wie du und ich. Auf der Ebene der Geschichten gibt es da keinen Unterschied, ob es sich um literarische oder reale Figuren handelt. Der Anlass für das Buch ist ein dunkles Kapitel. Es ist nur ein Buchstabe, der Geschichte von Geschichten trennt.

In Muschgs neuem Roman geht es um Grenzen. Auf allen Ebenen. Symbolträchtiger Ort des Geschehens ist eine Stadt Nieburg, die durch den Rhein geteilt wird. Die eine Seite ist schweizerisch, die andere deutsch. Was hat sich hier in der Nazizeit abgespielt? Wer trägt „Schuld“, wer ist „Opfer“, wer hat hingeschaut, wer weggeschaut, wie geht man mit dem eigenen Gewissen um – und, was ist überhaupt passiert?

Nicht immer kann jemand, der schreiben kann, auch reden. Adolf Muschg ist aber so jemand – er kann reden, und wie! Seine gesprochenen Worte unterscheiden sich von seinen geschriebenen kaum. Und das bedeutet, dass sie die gleiche Quelle haben. Er ist als Autor und Zeitgenosse der Knotenpunkt für das, was im Roman und auch sonst gesagt werden muss: etwas über die Geschichte von Figuren, von Orten und von Unternehmungen.

Im Donaueschinger Rathaus steht Muschg souverän am Pult und spricht und liest immer im Wechsel – nicht anders als die Redner vor ihm, die Zahlen und Dankesworte, zwecks Abarbeitung ihrer Mitgliederversammlung, vorgetragen haben.

Im Folgenden ein paar Worte über den Inhalt, obgleich gerade der verschlungen ist und nur einen Teil des Textgewebes ausmacht. Da ich den umfangreichen Roman aber gelesen habe, kann ich über das, was vorgetragen wurde hinausgehen: Den Rahmen der Erzählung bildet das Jahr 2003. Sie beginnt in der Neujahrsnacht in Istanbul - Klaus Marbach wird von seiner Frau Manon de Montmollin mit einer unerwarteten Nachricht überrascht. Die Erzählung endet ein Jahr später mit Klaus’ Tod. Aber das ist nur einer von vielen ineinander greifenden Strängen der Erzählung, nur eine Perspektive, die dem Leser angeboten wird.

Genauso könnte man sagen, dass sich die Erzählung über den Zeitraum von zwei Generationen erstreckt und davon handelt, wie die eine aus der anderen hervorgeht. Es geht um Gewissensfragen und um Spuren, die Taten, Ideen und Menschen hinterlassen. Die Erzählung beginnt wie ein Krimi: mit einem Mord der aufgeklärt werden muss. Wie konnte es in unserer zivilisierten Welt dazu kommen?

Väterlose Söhne spielen für das Geschehen eine Rolle, millionenschwere Erben tauchen auf, verschiedene Ehen verbreiten einen Hauch der Unzulänglichkeit um sich, Grenzen und Grenzstädte setzen Zeichen: Rheinfelden, Görlitz, Berlin und ein Bild aus dem Jahr 1949, eben das, das Kinderhochzeit genannt wird, greifen ineinander.

Auch geht es um die Ehe von Imogen Selber-Weiland und Iring Selber sowie deren Tod 2003. Neben dem Auftritt des Herrn „Selber“ kommen die Bemühungen eines Herrn „Nicht“ dazu, der gerade in seinem Fall für Klaus Marbach unschätzbare Recherche-Dienste leistet. Die Namensgebung leistet da interessante Interpretationsansätze. Es gibt viele Spuren, Stränge und Wege durch den Roman, der Inhalt lässt sich hier nur unzulänglich zusammenfassen – er will gelesen sein.

Obgleich Klaus Marbach ein wichtiger Protagonist ist, muss sich der Leser darauf einlassen auch vieles von anderen Figuren zu erfahren, allerdings ohne ihre Gesamtgeschichte zu überschauen - sofern so etwas überhaupt möglich wäre. Klaus’ Ende gar wird durch das Erleben seiner um ihn bangenden, sich von ihm scheiden lassenden Frau erzählt - und sie weiß, naturgemäß, nicht viel von ihm. So bleibt am Ende der Erzählung eine Hoffnung: „Die Antwort will nicht gesucht sein, sie findet sich. Sie findet dich.“

Adolf Muschg versteht es in seinem Roman ein spannendes Beziehungsnetz aufzubauen und die Hauptfiguren zu verfolgen, die nicht weniger Relevanz im Donaueschinger Rathaus haben, als die Zuhörer. Er hat mit seinem Roman Tatsachen geschaffen – genau so, wie die Verantwortlichen der Kunststiftung Hohenkarpfen. Er hat das Motiv entschlüsselt, das sich Klaus Marbach als Lebensmotto gesetzt hat: „Lerne das Gefundene zu behandeln als das Gesuchte“.

Adolf Muschg: Kinderhochzeit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 2008
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