Montag, 23. November 2009

Gedichte. Weltinnenräume

Neben der Epik und der Dramatik präsentiert die Lyrik eine andere Art der Wortkunst – ursprünglich ist sie die zum Spiel der Leier gehörige Dichtung. Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, dass Romananfänge wie Signale wirken. Dass sie Zeichen setzen, den Blick richten und einen Weg weisen. In dem nun folgenden Text will ich beschreiben, wie es sich mit Gedichten verhält. Gedichte sind etwas gänzlich anderes und haben kein Ziel, das sie anvisieren.

Lyrik
das Nichtwort
ausgespannt
zwischen
Wort und Wort.

(Hilde Domin, 1993.)

Gedichte erwachsen aus der Spannung von Worten, sie erbitten Räume. Innere Räume. Herzensräume. „Weltinnenräume“ im einzelnen Menschen – so wie es Rilke nennen würde. Gedichte erklingen und erblühen im Innern, wenn die Spannung zu etwas Neuem, einer Geburt führt. Sanft oder schroff, hart oder weich, verständlich oder unverständlich, erinnernd oder hoffend, flehend oder bittend, in die Vergangenheit oder in die Zukunft weisend.

[…]
Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.

Ich sorge mich, und in mir steht das Haus.
Ich hüte mich, und in mir ist die Hut.
Geliebter, der ich wurde: an mir ruht
der schönen Schöpfung Bild und weint sich aus.

Rainer Maria Rilke, aus: Die Gedichte 1910 bis 1922.
(München oder Irschenhausen, August/September 1914)

Wenn ich ein Konzert höre, ein Live-Konzert, in dem Musiker ihre Musik nach außen setzen, Klänge erklingen lassen, die sie in diesem speziellen Moment produzieren und zu verschenken haben, wenn der Raum von klingender Musik erfüllt ist, wie das nächtliche Himmelszelt von Sternen übersät ist, dann geschieht etwas. Wenn Musik erklingt, sich im Raum ausbreitet und dann verhallt, ereignet sich etwas im Hier und Jetzt. Die Zuhörer werden in einen Klangregen getaucht. Von außen. Wie in einen warmen Frühlingsregen – oder auch wie in ein stürmisches Gewitter. Klänge nähern sich dem Menschen und dringen von außen nach innen.

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben

(Rose Ausländer)

Eine entgegengesetzte Tätigkeit zum Musikhören ist die Beschäftigung mit Gedichten, die Annäherung an verdichtete Wortkunstwerke. In Gedichten klingen die Worte nicht von außen, sondern von innen. Gedichte sind Ver-dicht-ungen, sind Worte in ihrer kräftigsten und reinsten Form, die in der Lage sind, neue und gegensätzliche Welten entstehen zu lassen. Gedichte können nur im Innern des Menschen erblühen – sie haben außen keinen Stand – auch, wenn sie dunkel, verwirrend und erschütternd sind.

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends […]


(Paul Celan, 1952, in: Todesfuge.)

Gedichte lassen sich auch nicht „erklären“ – auch wenn sie dialektisch geschrieben sind und unseren „Verstand“ ansprechen. Gedichte sind auf immaterielle Türen im Innenraum „Mensch“ angewiesen, persönliche und verwundbare Eingänge, die sich individuell und ganz bescheiden öffnen. Große Tore sind für etwas anderes da – Gedichte, Wortkunstwerke in verdichteter Form – schlüpfen oft unbemerkt durch kleine Lücken und bewegen sich leise aber unaufhaltsam.

Angst und Zweifel

Zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst

aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kennt keinen Zweifel

(Erich Fried)

Gedichte können Herzen erwärmen, innere Lichter anzünden, wie Rosenknospen erblühen. Gedichte brauchen Stille und erwachen, wenn ein offener Raum für Wort-Bilder entsteht. Diese Bilder, ob schaurig oder schön, können leben, wenn Worte anwesend sind und sich ausbreiten dürfen. Klare, definierte Worte. Wenn ein Dichter ein Gedicht verschenkt, wenn er es der Öffentlichkeit übergibt, dann braucht es ihn nicht mehr. Gedichte machen sich dann, wie auch andere Textgewebe, selbstständig – sie präsentieren sich in gedruckter Form, warten und bieten sich an.

Der Leser ist es, der den Wortverknüpfungen oder -schöpfungen, wie zum Beispiel „Maschentausendabertausendweit“ von Else Lasker-Schüler, zum Leben verhilft.

Wenn klingende Musik wie ein Regen von Sternschnuppen auf den Menschen niedergeht, dann sind Dichtungen wie knospende Rosen im Herzen, die erblühen können.

Kommentare:

  1. Lieber Wilfried,

    ich hoffe, dass ich dir meine Gedanken über die Kraft der Sprache durch meine letzten beiden Blog-Beiträge etwas näher bringen konnte.

    Herzlich, Sophie

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Sophie,

    das hast Du sicherlich getan und dafür herzlichen Dank.

    Viele Grüsse
    Wilfried

    AntwortenLöschen