Montag, 16. November 2009

Räume und Signale. Gedichte und Romane

„ Die Dinge sind alle nicht so faßbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alle sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert.“
(Rainer Maria Rilke in einem Brief an Franz Xaver Kappus am 17.2.1903 in Paris.)

Und trotzdem: Gedichte eröffnen innere Räume. Satzanfänge in Romanen geben Signale. Sie weisen in eine Richtung und zeigen dem Leser den Weg. Heute werde ich einige Romananfänge zitieren und den Leser einladen, sich davon berühren zu lassen. Mein nächster Text wird sich dann mit Gedichten beschäftigen.

„Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei.“
(Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz)

Es sind weniger als dreißig Buchstaben, die uns in der deutschen Sprache zur Verfügung stehen, aber daraus können unendlich viele Worte gebildet werden, die wiederum in unzähligen Kombinationen miteinander auf der Bühne der Sprache auftreten und sich entfalten können. Sie produzieren Textgewebe, Klangteppiche, Wortbilder die in Art, Stimmung und Bedeutung nicht unterschiedlicher sein könnten.

„Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt ohne es zu wecken, verfährt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit.“ (Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert)

Viel äußere Materie ist für die Bildung von Worten nicht nötig – ob sie nun gesprochen oder geschrieben werden – aber „innere Materie“. Ohne einen Innenraum, eine menschliche Seele, die den Klang von Worten aufnimmt, die den Sinn von Sätzen annimmt, die den Worten Bedeutung gibt und ihnen ein Ankommen ermöglicht, die Verbindungen schafft und dem Wortgeflecht ein Netz bietet, ist der Dichter, der Poet, der Schriftsteller oder Publizist, der Schreiber oder Autor verloren, einsam und seine Worte zerplatzen wie Seifenblasen.

„Pst! Der Rosengarten lag noch farblos, doch schon erkennbar am Fuß der Mauer.“ (Adolf Muschg: Der Rote Ritter)

Mit Worten klopfen wir an Türen, und je nach Stimmlage, Ausdruck oder mitgeschicktem Blick, öffnen sich die Türen sanft, vorsichtig, abrupt, schnell, nur einen Spalt breit oder weit und einladend. Worte sind Brücken. Ausgespannte Regenbögen. Worte schneiden ab oder verbinden. Sind kalt oder warm. Werden schnell oder langsam gesprochen – geschrieben - gelesen.

„Vor einem Jahr kam mein Vater auf die denkbar schwerste Weise zu Schaden, er starb.“
(Jurek Becker: Bronsteins Kinder)

Erinnerungen und Träume, Vorstellungen und Wünsche bekommen in der Welt der Bedeutungen durch Worte die Chance sich zu zeigen – mittelbar, mit-teil-bar zu sein. Neben den Buchstaben brauchen wir Worte und Satzgefüge, damit sich die physische Welt in allen ihren Erscheinungen abbilden lässt. Und damit die seelische und geistige Ebene vermittelbar wird.

„Noch bevor Ebling zu Hause war, läutete sein Mobiltelefon.“
(Daniel Kehlmann: Ruhm)

Worte sind wie brennende Fackeln in der Dunkelheit. Sie leuchten grell oder sanft, blau oder rot. Epische Weiten entstehen. Düfte, Klänge oder Farben mischen sich ein – auch sie: aus Worten geschaffen. Aber es kann auch Enge entstehen. Konsequenz. Ein inneres Ringen.

„Ich bin nicht Stiller.“
(Max Frisch: Stiller)

Wenn Worte still auf dem Papier ihrer Leser harren, dann sind sie auf ihre Umgebung angewiesen. Auf Satzzeichen, links und rechts, oben oder darunter stehende Bekannte, Verwandte und Freunde, auf das große Ganze, das sich ergibt, wenn Worte sich zusammentun und etwas entstehen lassen.

„Eine kleine Station an der Strecke, welche nach Russland führt.“

(Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß)

Der erste Satz in einem Roman sendet Signale aus. Noch ist ganz offen, wohin sich die Erzählung bewegt. Aber mit jedem Satz wird das Muster des Wortteppichs deutlicher.

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