Samstag, 7. Januar 2012

Worte: Graublau-verdichtet

Lieber Peter,

dein kleiner, erster Gedichtband „Graublau“ ruft eine schüchterne Verlegenheit in mir auf. Ich finde in dem Bändchen Gedichte, die weit über meinen persönlichen Umraum hinausgehen, sie beschreiben Ebenen im Horizontalen in beide Richtungen, die ich nur erahnen und mich ihnen zuwenden kann, Ebenen im Vertikalen deren Höhen und Tiefen ich mich über das Einlassen der Worte anzunähern versuche. Deine Gedichte haben eine eindeutige Quelle: das Herz im Innern. Was sie aber vermögen, ist das Weltenherz im Umkreis zu erreichen. In diesem Umkreis lösen sich die einzelnen Worte auf. Die klare grammatische Struktur der Buchstabenkombinationen wird zugunsten eines entstehenden Klangbildes aufgelöst.

Graue Asche

Graue
Trostlosigkeit
andauernder Tage

Asche
erloschener Vergangenheit
auf jeglichem Tun

ist da kein Gott
der erlöst
von ständiger Wiederkehr?

Gott schweigt
Harrt wie wir
Auf uns


Deine Gedichte schreien, ganz leise. Sie sind eindringlich und erfassen mich im Laufe des Tages mit allen Poren. Ich lese sie mit meinen Augen und ich spüre, wie die Bedeutung der Worte durch meinen Körper strömt. Um sie aus meinem Innern wieder ans Licht zu bringen, müssen sie meine Haut ganz zart durchbrechen, ich muss sie sich neu gebären und frei lassen. Sie nutzen die Poren, schlüpfen als Buchstaben hinaus und setzen sich auf der Erde nieder. Die Worte deiner Gedichte sind durch mich hindurch gezogen und ich setze sie frei, weil mein Inneres sie nicht erträgt.

Spätwinter

Regen
auf durchnässten
Schuhen
und eine Handvoll Erde
im Schnee
der zerfließt
Erde –
das was wir
alle suchen
die im Regen
wandern


Es ist nicht leicht, über deine Gedichte etwas zu schreiben, denn sie erreichen mich nicht auf der kognitiven Ebene – eigentlich kann ich mich vor ihnen nur künstlerisch verbeugen. Alles, was ich hier auszudrücken vermag sind stammelnde Worte, die zu umschreiben versuchen, dass deine Gedichte eine Herzenssprache sprechen, die wir alle noch lernen müssen. Mein Wille dirigiert meine Finger, die Worte auf der Tastatur zusammensetzen, mein Kopf kommt kaum nach. Rudolf Steiner sagte einmal (in „Wahrheit und Wissenschaft“), dass es darum ginge, „den Menschen als [eine] auf sich selbst begründete Persönlichkeit zu begreifen“. Genau davon sprechen deine Gedichte. Der Schmerz im Irdischen transformiert sich im Geistigen.


Wehmut

Wehmut komm
Vertreibe
die leeren Stunden

Erzähle vom
Verlorenen
das nie mehr gefunden

Gespenster ziehen
wo Welten standen
Nichts ist geblieben

Im Herzen weht es nach
vom Duft und Klang
der Lieben


Es gibt keine Schuld, keine Strafe, keinen Täter: aber suchende Menschen – Individuen, die im Irdischen das Geistige zu erfassen vermögen, die Verantwortung übernehmen.

Deine Persönlichkeit zeigt sich in deinen Gedichten in einer weltumspannenden und zeitlosen Form. Deine Worte gehen von deiner „selbstbegründeten Persönlichkeit“ aus und durchbrechen Raum und Zeit. Das Individuelle wird zur Welt, die Welt zeigt sich im Individuellen. Deine Gedichte gehen über das Wesentliche und Unvergängliche hinaus, sie situieren sich im Bedeutungsvollen – was für das Alltagsbewusstsein nicht immer leicht zu ertragen ist.

Herzlich,
Sophie

Peter Antonenko: Graublau. Gedichte – Erster Band. Edition Antonenko. CvB-Verlag, Herdwangen-Schönach, 2011.

Kommentare:

  1. schöne Gedichte, klingen in dem Raum, aus dem heraus auf die Weihnachtsfragen geantwortet wurde...
    SST 7.1.2012

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  2. Liebe Sophie,lieber Peter (unbekannterweise),
    eher beiläufig schaue ich auf deinem Blog, Sophie, noch in Gedanken versunken über meine künstlerische Arbeit mit Aschen und Erden...und lese Gedichte über Asche und Erde...
    Welch ein ZuFall...Wege die sich kreuzen...

    Lieben Gruß
    Panka

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  3. Liebe Sophie,
    wie zart du dich dem Gedichtband von Peter genähert hast! und es klingt etwas mit in meinem Herzen von dieser feinen Sprache. Danke!

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