Freitag, 7. Januar 2011

Der vierte König. Der Weg des Scheiterns

Immer wieder muss ich an die Geschichte vom vierten König denken. So viele Jahre waren mir nur die drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar bekannt – mit ihren erhabenen Häuptern, ihren verwunderlichen Gaben, Weihrauch, Myrrhe und Gold und ihrem kurzen und gelungenen Besuch beim neugeborenen Kind in Bethlehem. Der vierte König heißt Artaban und er verkörpert den menschlichen, irdischen Weg zum Christentum. Den Weg, der vom Scheitern geprägt ist, und den manch einer von uns vielleicht kennt.

Artaban ist der vierte Weise aus dem Morgenland, er will mit den drei anderen dem Stern nach Bethlehem folgen, um dem neuen König zu huldigen. Er nimmt für ihn einen Saphir, einen Rubin und eine Perle mit. Aber er erreicht seine Gefährten nicht rechtzeitig, da er einem Kranken, der ihm im Weg lag, geholfen und sein Leben gerettet hat. Die anderen sind bereits fort, als er am vereinbarten Ort anlangt. Artaban macht sich alleine auf die weite und unbekannte Reise, er folgt dem Stern unbeirrbar. Denn dem Lauf des Sterns zu folgen, so heißt es, bedeutet, die Fäden des Lebensmysteriums vom Anfang bis zum Ende zu entwirren.

Seine Reise verzögert sich. Er muss den Saphir verkaufen, um sich eine Ausrüstung zu beschaffen, damit er allein die Wüste durchqueren kann. Er folgt dem Stern weiter, denn die Sterne repräsentieren die Gedanken des Ewigen und somit des Neuen. Artaban bleibt seinem Weg treu und er lässt sich von seinem Glauben, seiner Liebe und einer Hoffnung tragen, den neuen König noch begrüßen zu dürfen, obgleich die Zeit weit vorangeschritten ist und der Stern bereits verblasst.

Als er endlich nach Bethlehem kommt, ist die heilige Familie schon geflohen – seine drei Gefährten, die ihm voraus waren, bereits weitergezogen. Erschöpft findet er einen Unterschlupf bei einer jungen Frau mit einem kleinen Kind, und er kann, auf Grund des Hinweggebens seines Rubins, verhindern, dass auch das kleine Kind in diesem Haus den Schergen des Herodes zum Opfer fällt.

Artaban zieht weiter. Müde und schwach. Er sucht den König, verliert seine Spur nicht, aber immer ist er zu spät. Jahre vergehen. Oft ist er der Verzweiflung nahe. Nach dreiunddreißig Jahren kommt er als alter und gebrechlicher Mann wieder nach Jerusalem, bereit zu sterben, aber noch immer ein Suchender nach dem neuen König, auch, wenn er schon fast aufgegeben hat. Einzig seine Perle ist ihm als Gabe noch geblieben. Da kommt ihm ein Trupp Soldaten entgegen, der ein junges Mädchen vor sich her treibt, die als Sklavin verkauft werden soll.

Das Mädchen umklammert in Todesangst die schwachen Knie Artabans und fleht um Hilfe. Und wieder droht die Seele Artabans im Zweifel zu zerplatzen – soll er auch noch die letzte Gabe hingeben, ohne den König gefunden zu haben? Artaban gibt sich geschlagen, er schenkt die Perle dem Mädchen, damit sie ein Lösegeld hat. Er selber gesteht sich ein, dass seine Suche gescheitert ist, dass sie vorüber ist und dass er nun sterben könne, ohne den Stern gefunden zu haben.

Er liegt am Straßenrand und sieht, wie Menschenmengen an ihm vorbei nach Golgatha ziehen, um dabei zu sein, wenn zwei berüchtigte Räuber und einer, der Jesus von Nazareth genannt wird, gekreuzigt werden sollen. Artaban gibt sich seiner Schwäche hin, und hört eine Stimme, die zu seinem Herzen spricht. „Wahrlich ich sage euch: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Und so ist er im Tod dem neuen König, den er so lange gesucht hat, ganz nah. Er findet ihn.

Diese Geschichte berührt mich sehr. Was habe ich mir nicht schon alles gewünscht, mir vorgenommen und mich zu etwas entschlossen. Wunsch, Vorsatz, Entschluss – so einfache Worte. Ja, manches ist bereits rund geworden, wenn ich zurück blicke, – aber vieles, vieles!, auch nicht – überhaupt nicht! Und manchmal zweifle ich, ob ich auf dem richtigen Weg bin, ob mein Stern noch leuchtet und ob ich meine Weggefährten erkenne.

Die Geschichte von Artaban gibt mir Trost. Sie zeigt, wie so viele andere Geschichte auch, zum Beispiel „Herr der Ringe“ oder „Parzival“, wie recht man daran tut, seinen Wünschen, Vorhaben und Entschlüssen treu zu bleiben, auch wenn es noch so aussichtslos scheint, denn selten wissen wir, an welcher Stelle des großen Weges wir uns gerade befinden.

Scheitern, oder besser: vermeintliches Scheitern, tut weh. Und am Erfolg (vermeintlichen Erfolg?) ranken wir uns gerne empor. Wenn ich aber all die wunderbaren Kommentare lese, die sich so still und leise und unaufhörlich auf meine Weihnachtsfragen eingefunden haben, dann sehe ich, wie viel Schmerz, Unsicherheit und mühsame Wege wir alle beschreiten, um dem Stern zu folgen, den Glauben zu tragen, die Liebe zu leben und unsere Hoffnungen nicht aufzugeben.

Ich danke euch sehr für jeden einzelnen Kommentar, denn jedes Fragment zeigt ein Stück eines jeden Sterns am abendlichen Himmel, dem jeder von uns folgt, der jeder von uns wird und ist.

Henry van Dyke: Der vierte Weise. Verlag am Goetheanum, Dornach (CH).

Kommentare:

  1. Liebe Sophie,
    jetzt kommen am Schluss doch noch die Tränen.
    Von Herzen Dank für Deine Fragen und die Geschichte vom vierten König.
    Alles Liebe
    E.

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  2. wolfkollmann@libero.it7. Januar 2011 um 20:30

    Sophie! Deine Text-Gabe ist gross und vollen Herzens sind deine Worte um das Geschehen im Geschriebenen. Obwohl du wissend bist, zeigst du dich Nicht-Wissend und in der Möglichkeit des Scheitern. - Seit den Urtagen meines Seins, trage ich den Schmerz der Weihnacht in mir, Staunen schon, aber Glück, Liebe, ja, Hoffnung, auch, aber dieser Schmerz, wie er sich einstellt, als ob er mir gehören würde, als ob er nur zu meiner Zeit kommen wollte, als ob ich erst im Aufblicken mich selbst erschaffen würde, schenkend, nicht denkend, offen und nicht besorgt, behutsam und nicht erfolgreich. Noch nicht am Ende dieser Tage, trage ich in mir das Verstehen, wie einen Saphir. Und stehe vor meinen Aufgaben ohne Rubin. Und halte in den Händen eine Perle, und weiss es nicht. Wieviel ist zu schreiben, wieviel zu deuten, wonach zu schauen, wohin zu gehen, womit zu hoffen, wodurch zu sprechen, womit zu vertrauen? Alles ist da, seit je. Alles ist fort, seit dem Anbeginn. - Der Sophienblog ist in diesen weihnachtlichen Tagen meine Heimstatt gewesen, meine magische Sphäre, mein mystischer Anker, meine losen Tagebuchblätter, mein inneres Zuhören, mein Lesen im anderen, mein Verstehen im Herzen. - Dir, liebe Sophie, und allen Begegnungen im Wort sei von Herzen gedankt.

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  3. Vielleicht können wir uns im nächsten Jahr wiedertreffen, wenn du noch einmal neue FRagen erfinden willst? Heute hat es getaut und die Vögel haben gesungen und gepiepst, als ich aufwachte. Diese zeit war schon eine besondere, auch draußen, nicht nur im Herzen oder in den Worten oder in den Verbindungen, so vorsichtig sie auch waren.
    "Liebe ist ein unauslöschliches Feuer." Hildegard von Bingen. Liebe Grüße an alle für ein gutes JAhr. Anna.

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  4. Diese Weihnachtszeit, war anders als sonst....innig wie immer, und doch fröhlichr, leichter, anders tief....

    Liebe Anna,
    danke für Deine Worte, Dir auch ein gutes neues Jahr.

    Gerne würde ich von Euch hören, wie es weitergangen sein wird, Monat um Monat.

    Vielleicht eine Frage im Monat?
    Bezogen auf die Fragen der Weihnachtszeit?

    herzlicher Gruß
    SST

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  5. Gute Idee SST! - Eine Frage pro Monat wäre doch eine gute Fortsetzung!
    Doch nun zu deinem Text liebe Sophie.
    Gerade heute morgen haben wir uns beim Frühstück über das Thema Scheitern unterhalten und pling, der Computer öffnet sich und es geht weiter. - Liebe Sophie, vielen Dank für diesen wunderbaren Text, der mir vor Rührung Trost und Tränen bescherte. Ich fühlte mich direkt angesprochen. Ja. Ich werde versuchen, ihn, den vierten König und seine Geschichte mitzunehmen morgen, in meinem Herzen zu tragen und ihn bei mir zu behalten auf meinem turbulenten Lebensweg. Vielen Dank und L.G. Elfriede

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  6. Gute Idee SST! - Eine Frage pro Monat wäre doch eine gute Fortsetzung!
    Doch nun zu deinem Text liebe Sophie.
    Gerade heute morgen haben wir uns beim Frühstück über das Thema Scheitern unterhalten und pling, der Computer öffnet sich und es geht weiter. - Liebe Sophie, vielen Dank für diesen wunderbaren Text, der mir vor Rührung Trost und Tränen bescherte. Ich fühlte mich direkt angesprochen. Ja. Ich werde versuchen, ihn, den vierten König und seine Geschichte mitzunehmen morgen, in meinem Herzen zu tragen und ihn bei mir zu behalten auf meinem turbulenten Lebensweg. Vielen Dank und L.G. Elfriede

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  7. War schön jeden Tag eine überraschende Frage zu entdecken. Ein interessanten roten Faden Sophie und auch ich würde mich freuen wenn es weiter geht.

    Kennst du "Die Legende vom vierten König" von Edzard Schaper ? Änlich aber noch anders. Hab mit ihm in die Weihnacht Zeit gelebt.

    Bis bald.
    Josiane

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  8. ...und dann gibt es noch:

    "Der letzt König"
    von Rudolf Treichler

    "Die Könige aus dem Morgenland"
    von Michel Tournier

    "Roter König, weißer Stern" Die Legende vom Vierten König
    von Willi Fährmann und Jindra Capek

    Letzteres ist ein Kinderbuch und handelt von einem kleinen Indianerhäuptling der sich aus Nordamerika auf den Weg nach Bethlehem macht. Wunderschön. Ich erzähle diese Geschichte in der Dreikönigszeit immer den Kinder.

    Danke für die Fragen und gleichfalls für die Antworten. Es war eine gute Zeit.

    KlausMaria

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