Freitag, 4. November 2011

Kinder, Krieg und Komplexität. Emilie und Karl

„Kriegskinder“ nennt man sie, die „vergessene Generation“ – heutige Großmütter und Großväter – die in den Wirren des Zweiten Weltkriegs geboren wurden. Wie war das damals eigentlich mit den Flüchtlingsströmen? Wie ging es diesen Kindern, die in die Unbehaustheit einer gepeinigten Generation geboren wurden und deren Kinderjahre durch die zerstörerische Politik der großen Männer in den Regierungen geprägt war? Was wissen wir davon und was ist daraus entstanden?

Wohin mussten sie ziehen, tagelang mit ihren kleinen Füssen laufen? Ihr Zuhause, ihre Betten und geliebten Spielsachen hinterlassend? Was hat sich in ihre Seelen eingegraben? Wie sind sie mit Angst und Furcht, Mord und Totschlag umgegangen? Wie oft mussten sie mit hungrigem Magen frierend ins Bett gehen? Und wie lang haben die Kinder und Mütter auf die Väter und Männer gewartet und gehofft?

Im Alter kommt die Vergangenheit hoch. Unbewusst. Irgendwie. Hat sie eine Verbindung zu den Wunden, die in Kindertagen geschlagen wurden? Emilie und Karl gehören zu dieser Generation. Sie haben ihr Berufsleben erfolgreich hinter sich gelassen, sind gesund, lebenslustig und erfreuen sich vieler kultureller Aktivitäten. Trotzdem scheint es mir so, als wenn sich ihre Vergangenheit nun bemerkbar macht.

Ich beobachte Emilie. Sie hat sich Zettel und Stift geholt und setzt sich mit ihrem Tee an den Küchentisch. Es wird eine Menge einzukaufen geben. Die Tage werden geplant – was gibt es wann zu essen? Es soll an nichts fehlen, morgens, mittags, abends – eventuell noch zwischendurch. Sie stellt sich die Mahlzeiten vor und berechnet die Anzahl der Eier. Natürlich stehen Milch, Butter und die verschiedensten Käsesorten auf ihrer Liste, aber auch Ingwer, Zitronengras und Kardamon. Die Listen werden lang und länger – sie differenziert die einzukaufenden Dinge gleich nach den Orten, an denen sie erstanden werden können.

Derweil sitzt Karl im Lehnstuhl und liest die Zeitung. Er ist bei den Immobilien angekommen, überfliegt die Angebote. Immer öfter denkt er daran, das alte Haus hinter sich zu lassen. Obgleich er schon Jahrzehnte darin wohnt, ist es ihm nicht zur Heimat geworden. Es müsste renoviert werden, so viele Ecken des Hauses schreien nach Pflege. Aber seit die Kinder groß und aus dem Haus sind, ist seine Energie diesbezüglich geschwunden. Seine Kräfte setzt er nun für die Malerei ein – ein Atelier hat er sich im verlassenen Kinderzimmer eingerichtet - werden dort Bilder gemalt, die die Vergangenheit aufarbeiten, oder solche, die die Zukunft vorbereiten?

Emilie beginnt vorzukochen. Sie will schon mal möglichst viel vorbereiten. Der Zeit vorauseilen – wer weiß, was kommt. Sie brutzelt, kocht und backt und der Kühlschrank ist wie immer zu klein. Wenn die Familie kommt, soll alles bereitet sein, sie möchte sich ihren Gästen zuwenden und dann nicht beschäftigt sein. Im Winter lassen sich die Vorbereitungen auf dem Balkon aufbewahren, aber auch da verdirbt schon mal etwas. Überhaupt passiert es immer öfter, dass Reste bleiben, Tag für Tag, und dass sie gegessen werden müssen, bevor die Speisen ganz verderben. Zur Sicherheit bewahrt sie auch einige Konservendosen in ihrem Keller auf – manche stehen dort seit Jahren.

Neulich hat Karl sich selber sagen hören, dass ein Umzug für ihn kein Problem sei, denn er sei ja in seinem Leben schon so oft umgezogen… Ist ihm dabei gar nicht aufgefallen, dass er schon fast sein halbes Leben in gerade diesem Haus lebt? Für die Kinder braucht es nicht erhalten zu bleiben – die sorgen für sich selber. Und so denkt er auch nicht. Nein, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied und bleibende, zu übertragende Werte gibt es nicht. Karl lehnt sich zurück, trinkt einen Schluck Rotwein und schließt die Augen. Was will er – abgesehen von den Bildern -noch vom Leben? Das Haus bedeutet ihm nicht viel… Eigentlich hat er doch alles meisterhaft geschafft.

Könnte es sein, dass Emilie und Karl in dieser Hinsicht von ihrer Kindheit gelenkt werden – und je älter sie werden, um so mehr? Getrieben von einer Kraft, die ihnen in ihren Kindertagen, als sie am Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Flucht waren, zur Überlebensstrategie, zum Normalzustand wurde? Die bange Frage, wie lange der Hunger bleibt, die Sorge um die nächste Mahlzeit – da wurde schon mal etwas Verdorbenes gegessen. Und die unausgesprochene Frage, wo das nächste Haus steht, das Obdach gewährt und für kurze Zeit Schutz bietet, prägte sich in der Zeit, als ganz Europa erschüttert wurde, tief in die Kinderseelen ein.

In Deutschland herrscht äußerer Friede. In den Herzen der Menschen aber, die im und nach dem Krieg geboren wurden, kommen die unverdauten Schrecknisse wieder ans Licht. Der Krieg und die Nachkriegszeit: wie gestern. Und gleichzeitig: wie in einem fremden Film. 'Persönliche Eigenheiten' nennt man die Charakterzüge. 'Individualitäten die das Leben geprägt hat'. Gibt es für die Kriegskinder auf ihre alten Tage, nachdem die meisten Lebensherausforderungen geschafft zu sein scheinen, ein Trauma aufzuarbeiten, eine Wunde zu heilen?

Kommentare:

  1. Vielleicht ist das schöne am Alter dass nicht nur die schwere Erlebnissen zurück kommen aber dass man in die Seele ein Kind werden kann ... nicht nur seine Wunde heilen aber diejenigen die man begegnet.
    Josiane

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  2. Tja liebe Sophie, vielleicht wirst du staunen wie lange das noch zu verarbeiten gilt. Ich bin in die spätern Nachkriegsjahre 1956 hineingeboren worden. Habe nichts damit zu tun gehabt, und doch ganz viel damit zu tun.
    Empfindsame Seelen übernehmen Aufgaben!
    Ich finde schön wie du schreibst.

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  3. Sehr nett. In der Tat prägend für diese Generation, aber auch die älteren, deren Eltern, die ja "die Kinder durchbringen" mussten. Und bei uns, was hat uns geprägt? Vi

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