Samstag, 28. Juni 2014

Totengedenken: Coenraad van Houten


* 14.02.1922 in Weesp, Holland
† 28.03.2013 in Überlingen, Deutschland

Noch zehn Tage vor seinem Tod steht Coenraad van Houten vor mir, sein Blick gleitet an mir vorbei aus dem Fenster, in die Weite. Seine Hände zittern ein wenig, er deutet in die Ferne und sagt: „Das Neue kommt, es bricht durch, wir brauchen Menschen, die das wahrnehmen, das Neue will geboren werden.“ Und dann setzen wir uns und er bittet mich zu erzählen, was in meiner Welt passiert. Er hält den Blick nicht mehr durchgängig, zwischendurch gleitet er ab, fängt sich am Horizont und Coen macht Bemerkungen, die aus einer übergeordneten Perspektive stammen.

Wir sprechen Deutsch miteinander, aber nach Momenten der inneren Einkehr kommt es immer wieder vor, dass er Niederländisch oder Englisch spricht und dann plötzlich fragend inne hält, um sich zu vergewissern, woher ich komme und in welcher Sprache wir miteinander sprechen – obwohl wir uns schon so lange kennen. Seine alten Hände, die seine Mitteilungen mit Gesten begleiten, wissen manchmal besser, was gesagt werden will und wofür er Worte sucht. Coen tastet sich mit seinen Fingerspitzen durch die Sprache, in der er sich ausdrücken will.

Seine letzten Jahre hat der vielgereiste Weltbürger in Deutschland am Bodensee verbracht. Langsam senkte sich eine äußere Ruhe und innere Großzügigkeit über ihn, die lange auf sich hat warten lassen. Bis zum Schluss, als seine starken Ätherkräfte ihn nach einundneunzig Jahren verließen, hat er daran gearbeitet Wege zu bereiten, auf dem das Individuum einen unverstellten Blick auf die eigenen Beschränkungen und Potentiale zu werfen lernt, er hat untersucht, wie das persönliche Karma im Alltag wirkt und welche Lern- und Gestaltungsmöglichkeiten sich daraus ergeben.

Diese Leistungen, die weit über ihn hinausgehen werden, hat er in den letzten einundzwanzig Jahren entwickelt. Seine Leitfrage war: Wenn in den ersten drei Jahrsiebten, nach der physischen Geburt, der Geburt des Äther- und Astralleibes sowie des Ich, der Mensch ganz geboren ist, was geschieht dann mit den Kräften die frei werden? Kann der erwachsene Mensch sie zum bewussten Lernen verwenden? Die sieben Lebensprozesse begleiten uns unser ganzes Leben, sie haben sich mit etwa einundzwanzig Jahren so eingespielt, dass sie transformiert für bewusste Lernprozesse zur Verfügung stehen können. So seine These, die sich schnell bewahrheitete.

Coenraad van Houten hat die sieben Lernprozesse aus den sieben Lebensprozessen abgeleitet und damit die Erwachsenenbildung aus anthroposophischer Perspektive ergriffen und erweitert. Aber dabei ist es nicht geblieben, neben den Lernprozessen, die mittlerweile überall in der Erwachsenenbildung Eingang gefunden haben, ist Coen mit seinem Team einen Schritt tiefer gegangen. Fähigkeiten, die wir uns bewusst aneignen wollen, sind mithilfe der Lernprozesse handhabbar, Potenziale und Hindernisse aber, die verborgen in uns liegen, brauchen andere Werkzeuge, um ans Licht zu kommen, damit sie eingesetzt bzw. überwunden werden können.

Wenn die sieben Lernprozesse in einem weiteren Schritt auf Schicksalsereignisse im eigenen Leben übertragen werden, treten sieben Schicksalslernprozesse zu Tage. Der Blick in die Vergangenheit der eigenen Biographie vertieft sich dabei so, dass durch den Kreuzungspunkt hindurch Kräfte für die Handhabung der Zukunft frei werden. Ist es denn nicht unser Alltag, in dem sich Probleme, Konflikte, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zeigen? Warum passiert mir eigentlich dieses und jenes immer wieder? Das soziale Netz als Ort der persönlichen Schulung hat Coen mit der Entwicklung der sieben Schicksalslernprozesse besonders hervorgehoben.

Und er ging noch einen Schritt weiter, denn auch für die Geistige Forschung stehen die sieben Lebensprozesse Pate. Diesen Weg konnte er am Ende seines Lebens noch in einem letzten Buch beschreiben, die konkrete Ausgestaltung der Arbeitsformen müssen aber nun Mitarbeiter und Hinterbliebene übernehmen. Hier steht noch Arbeit an.

Coenraad van Houten war ein lebenslustiger fröhlicher Holländer, der sich trotz seiner Leibesfülle tanzend bewegen konnte. Die Dinge neu, groß und anders sehen, sich nicht in gewohnten Bahnen bewegen, sondern unerprobte Wege wagen, sich selber ernst nehmen und gleichzeitig mutig mit dem eigenen Doppelgänger jonglieren – das war Coen. Er wollte nicht vor der Wand stehen bleiben, sondern hat stets unkonventionelle und unerwartete Wendungen gesucht. Er hat die künstlerische Arbeit in die Schulungskurse integriert, selbstlose Wahrnehmung und selbstständige Urteilsbildung als tägliche Übungen eingeführt und ließ nicht locker, am Morgen einen sogenannten ‚Nachtfang‘ zu etablieren, um das Tag- mit dem Nachtlernen zu verbinden.

Mit unendlich vielen Menschen hat er auf der ganzen Welt gearbeitet, immer ging es darum, der Freiheit zu ihrem Recht zu verhelfen und in einen Einklang mit den Impulsen aus der geistigen Welt zu kommen. In diesen Prozessen blieb es nicht aus, dass er sich selber im Weg stehen konnte. Kein Licht ohne Schatten. Auch Coen hat mit seinem karmischen Doppelgänger gerungen, manche Begegnungen im Zwischenmenschlichen wurden davon kräftig überschattet. Aber er konnte auch über sich selber lachen und seine Schwächen humoristisch nehmen. So hat er sich selbst, als ich ihn in einer Vorstellungsrunde in einem Seminar kennenlernte, als „zahnloser Tiger“ präsentiert.

In den einundzwanzig Jahren, die er in England das Centre for Social Development mit Kollegen aufgebaut und geleitet hat, fanden unzählige Schulungskurse in Anthroposophie statt. Damals kam durch einen Impuls von Bernard Lievegoed die Biographiearbeit auf, mit der Coen begann, die Individualität des Einzelnen in eine Beziehung zur jeweiligen Schicksalssituation zu stellen. Er bildete Gudrun Burkhard aus, die im Verlauf die weitere Entwicklung der Biographiearbeit übernahm, während er sich, wie bereits geschildert, der Karmaarbeit zuwendete.

In diesen Jahren trat die Kanadierin Shirley Routledge in England in sein Leben, die, nach dem Tod von Coens Ehefrau Djobs (Johanna Engel), mit der er seit 1948 verheiratet war und drei Söhne hat, an seiner Seite blieb, seine treueste Mitarbeiterin und später seine zweite Frau wurde. Coen war in den Jahren in England innerlich mit einem erneuerten Selbstverständnis als Lehrer beschäftigt. Was ist zeitgemäß, in welcher Form begegnen sich Lernende und Lehrende, wie wird Wissen weitergereicht? Welche innere Haltung braucht ein Erwachsenenbildner, wenn die Lernenden ihren Lernprozess eigenverantwortlich übernehmen?

Schon früh war Coen klar, dass es für ihn darum ging ein Lehrer zu sein, ohne ein Lehrer zu sein - dass er für die Zukunft arbeitet, die weit über seine eigene Lebensdauer hinausgehen würde, dass er Anregungen gab. Es galt Techniken, Methoden und Wege zu entwickeln, die den Willen des Einzelnen erwecken, die Zugang zum jeweiligen Kreativitätspotential eröffnen. Sein Leitmotiv war dabei stets, den ganzen Menschen zu erreichen, der seine Wurzeln in der materiellen Erde und seinem Alltagsleben hat und dessen Flügel bis in den Himmel der geistigen Motive und in eine Spiritualität reichen, die Anthroposophie genannt wird.

Die genannten Lernimpulse, die er in seiner zweiten Lebenshälfte gestalten und weiterführen konnte, hat er vor seiner Lebensmitte entdeckt und vorbereitet, um sie dann vornehmlich in England und Deutschland mit vielen Kollegen zu bearbeiten (zum Beispiel mit dem Netzwerk NALM – New Adult Learning Movement). Das Werk Rudolf Steiners hat ihn zeitlebens begleitet. Vor dem berufsbiographischen Wendepunkt hat er sowohl die Geschäftswelt kennengelernt, seine Familie gegründet als auch die Anthroposophie gründlich studiert. In seinen privaten Studien hat er sich fortwährend besonders mit dem Grundsteinspruch beschäftigt und verbunden.

Seine eigenen großen Lehrer waren neben Rudolf Steiner Bernard Lievegoed im NPI in Zeist und Willen Zeylmanns van Emmichhoven in der Anthroposophischen Gesellschaft, ebenfalls in Holland. Doch schon in seiner Kindheit wurden Zeichen gesetzt: Coen war Schüler an der Waldorfschule in Den Haag. Auf die Schulzeit folgte ein kurzes Chemiestudium. Dann meldete er sich im Zweiten Weltkrieg als Freiwilliger in die Holländische Armee. Als er nach Indonesien kam, erlebte er menschliche Wunder und Tragödien, die ihn tief prägten. Nach Kriegsende war er in Hongkong im Schiffsbau tätig, reiste durch die ganze Welt und kehrte mit einunddreißig Jahren in die Niederlande zurück wo er erst in der heimischen Van-Houten-Kakao-Produktion tätig war, ein Studium in Sozialpädagogik absolvierte und dann ins NPI wechselte.

Noch als alter Mann hat er aber immer wieder, mit seinen leuchtenden kleinen Augen, von seiner Begegnung mit Ita Wegmann erzählt. Er muss noch ein Vorschuljunge gewesen sein, und er erinnert sich an eine große in Schwarz gehaltene Dame, die in seinem Elternhaus zu Besuch war und der er als kleiner Junge die Hand gegeben hat. Sie war es auch, die ihm in späteren Jahren einmal erschien und ihm wie zuzuraunen schien: 'Führe nicht mehr, ermögliche… Auch wenn sich Gut und Böse nicht mehr eindeutig getrennt voneinander präsentieren, sondern durcheinanderlaufen, so versuche das Unmögliche möglich zu machen, das Neue bricht durch und die geistige Welt braucht die Zusammenarbeit mit den Lebenden...'

Trotz seines an Erfahrungen und Möglichkeiten reichen Lebens, den vielen Gelegenheiten die Welt kennen zu lernen und dem Geschenk mit Menschen auf der ganzen Welt zu arbeiten, blieb Coen innerlich ein einsamer Mann. Äußerlich konnte er poltern, innerlich war er unbeholfen. Er hat nach Gefährten Ausschau gehalten. Er suchte Menschen, die auf gleicher Ebene mit ihm arbeiten und konnte es dann nicht ertragen, wenn sie da waren – manches Mal mündeten die Begegnungen in einen Scherbenhaufen, denn sich auf Augenhöhe zu begegnen, bedeutet auch immer Gefahr. Und so war auch seine Zusammenarbeit mit der Dornacher Führungsriege zum einen von inhaltlichen Gesprächen und zum anderen von Divergenzen geprägt.

Coens Stimme wurde am Ende seines Lebens brüchiger und die Worte standen ihm nicht immer zu Gebote, aber in seinen Handbewegungen, seinen Gesten und Bewegungen war bis zum Schluss zu lesen, dass er das Althergebrachte zu überwinden trachtete und mit Hilfe der Anthroposophie die Zeichen der geistigen Welt zu lesen bereit war. Dafür hat Coen sich hier zur Verfügung gestellt, und, dessen bin ich gewiss, wird es auch von der anderen Seite aus tun. Entsprechend dem ersten Lebensprozess hat er am Morgen des Gründonnerstags 2013 im Beisein seiner Frau aufgehört zu atmen. Ich habe in Coenraad van Houten einen Lehrer gesucht und einen Freund gefunden – über seinen Tod hinaus.

(Dieser Nachruf wurde zuerst in der Johanninummer 2014 der Vieteljahresschrift "Anthroposophie" veröffentlicht.)

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