Sonntag, 11. August 2013

Firenze 1490. Was webte zwischen den Beteiligten des Kreises um Lorenzo de Medici? Teil II


Marsilio Ficino, der große, alte und gleichzeitig neue Platoniker, ist im Jahr 1490 bereits siebenundfünfzig Jahre alt und hat noch neun Jahre seines Lebens vor sich. Einst war er Lorenzos Lehrer. Sein Naturell ist zum einen von Neugier zum anderen von einer soliden Bildung geprägt, er hat sich tief in Platons Schriften versenkt und sie in rasantem Tempo übersetzt.

Das entscheidende Wissen, nämlich, das Wissen des Menschen um sich selbst und den Gedanken der Unsterblichkeit der menschlichen Seele entnimmt er den Schriften Platons und diskutiert dies mit den engen Freunden in der Akademie in Careggi, einem Vorort von Firenze, ganz in der Nähe der dortigen Medici Villa. Er ist der geistige Gastgeber für die philosophischen Gespräche und ein gütiger, weiser Mann, der den Platonismus wortgewandt einführt, darstellt und unter neuen Prämissen vertritt.

Angelo Poliziano ist 1490 erst sechsunddreißig Jahre alt und kommt aus Montepulciano. Sein Gastgeschenk in den Freundeskreis um Lorenzo ist die Dichtkunst, er ist Poet, Epiker und Dramatiker und auf der seelischen Ebene wohl ein echter Freund Lorenzos. In seinem Hause steht er als Schreiber und Erzieher im Dienst, auch des Griechischen und Lateinischen ist er mächtig und er bekleidet einen Lehrstuhl an der Universität von Firenze.

Seit dem Tod von Clarice lebt er meistens wieder mit Lorenzo in der Via Largha, dem Hauptwohnsitz der Medici in der Stadt, unter einem Dach – wenn er nicht in Fiesole bei Pico ist. Ständig ist er mit Schreiben und Disputieren beschäftigt – wenn er durch die Stadt läuft, wird er als großer Gelehrter von allen Seiten begrüßt. In der Kirche S. Ambrogio hat Cosimo Rosselli gerade ein Fresko fertig gestellt, auf dem er mit Marsilio Ficino und Pico della Mirandola zu sehen ist. Er wird noch vier Jahre leben, und nach seinem mysteriösen Tod 1494 zusammen mit Pico im Kloster San Marco (in einem Grab!) beigesetzt werden.

Pico della Mirandola ist in jenem Jahr erst siebenundzwanzig Jahre alt, auch er hat nur noch vier Jahre zu leben und ist als statthafter Mann und bezaubernder Jüngling ob seines unglaublichen Wissens bereits ein Stern am Philosophenhimmel. Er hat das Bild des freien Menschen in seiner Rede über die Würde des Menschen dargestellt. Dichter und Bildhauer möge der Mensch zugleich sein, sein Leben als Kunstwerk selber erschaffen und gestalten. Dieser Einleitungstext zu seinen Thesen wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht. Gedanklich aber dürfte der Inhalt in jener Zeit entstanden sein.

Im Diskurs mit Marsilio Ficino vertritt er das Aristotelische, bezieht jedoch, als christlicher Gelehrter, auch die Kabbala mit ein. Alles Wissen scheint in ihm Platz zu finden, er spricht, neben Latein und Griechisch auch Arabisch, Aramäisch und Hebräisch. Immer wieder springt Lorenzo für ihn in die Bresche und befreit ihn aus Unannehmlichkeiten, wie zum Beispiel der Verfolgung durch den Papst ob seiner Thesen.

Michelangelo Buonarotti ist zu dieser Zeit gerade dem Elternhaus entflohen, er ist 1490 fünfzehn Jahre alt – lebt seit einem Jahr in der Medici Villa in der Via Largha – und hat noch vierundsiebzig Jahre seines langen Lebens vor sich. Lorenzo hat ihm, auf Grund seiner Menschenkenntnis und seines weiten Blicks die Pforten geöffnet und ermöglicht ihm sowohl eine Erziehung als auch eine Maler- und Bildhauerlehre.

Sein Leben wird äußerlich von Päpsten und Machthabern regiert werden, innerlich eröffnet sich ihm im Bildhauergarten und an der gemeinsamen Tafel der Medici der Zugang zu sich selbst als Künstler: er findet den Weg, den es zwischen Idee und Materie gibt und bildet seine Fähigkeiten aus. Der Renaissancekünstler par excellence entfaltet sich als Künstler im Bildhauergarten der Medici im Marmor aus Carrara.

Die exemplarisch genannten Männer (vielleicht die entscheidendsten – vielleicht auch nicht) kamen aus unterschiedlichen Familien, sie variieren in Status, Einfluss und vor allem im Alter – brachten aber offensichtlich ähnliche Motive und Intentionen mit. Wie sind die Beziehungen zueinander vorstellbar? Nahmen sie einander gedanklich so ernst, wie es scheint? Wo trafen sie sich, an Lorenzos Familientafel, in der Platonischen Akademie in Careggi, in der Bibliothek, bei einem Ausritt, auf dem Markt oder am Ufer des Arno – und wie sprachen sie miteinander?

Wenn es um Lorenzos Schicksalsnetzwerk geht, ist in einer Vollständigkeit nach so langer Zeit nicht ganz klar, wer alles dazugehört hat. Wer hat wen inspiriert, wo kommen die Gedanken zusammen, wie transformieren sie sich zu dem, was sie heute noch sind? Viele Menschen müssen dazu gehört haben, damit das entstehen konnte, was uns heute als der Gedanke, die Idee der Renaissance erscheint. Aber auch Gegenspieler gab es. Warum versuchten jene zu vernichten, was gerade im Entstehen, im Kommen war?

Fortsetzung folgt

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