Montag, 17. August 2009

Verwandtschaft und Freundschaft – Bezug haben und Bezug nehmen

Heute bin ich mit der Frage erwacht, wie sich eigentlich Freundschaft und Verwandtschaft zueinander verhalten. Und während ich vor meinem Laptop sitze und beginne mir darüber Gedanken zu machen, schaut und lächelt mich Christine Ballivet von einem Foto aus an.

Ich denke: Jeder Mensch nimmt bei seiner Geburt einen Platz in einem Kaleidoskop von Beziehungen, zunächst rein verwandtschaftlicher Art, ein. Zu den verwandtschaftlichen gesellen sich im Laufe des Lebens auch freundschaftliche Verbindungen. In ihrer Bedeutung unterscheiden sich diese beiden Formen der zwischenmenschlichen Bezogenheiten - gibt es Kriterien, die den Unterschied zwischen Freundschaft und Verwandtschaft deutlich machen, und welche sind es?

Zu Beginn des Lebens stehen die verwandtschaftlichen Fakten eindeutig im Vordergrund. Jeder hat - normalerweise - Mutter und Vater, möglicherweise Geschwister, Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen und so weiter. Die erste Feststellung betrifft also Tatsachen, die durch die Gegebenheit der physischen Geburt entstehen und auch festliegen. Das verwandtschaftliche Netz kann im Leben natürlich wachsen – oder auch schrumpfen – die spezielle Positionierung des Einzelnen bleibt aber definitiv und unumstößlich. Eine Mutter bleibt immer eine Mutter. Lebenslänglich.

Und ich denke weiter: Wenn ich mir das Netz anschaue, in dem ich lebe, dann wird sichtbar, wie viele verschiedene Rollen darin für mich Platz haben. Ich kann zum Beispiel gleichzeitig Mutter, Tochter, Schwester, Tante u.a.m. sein. Festhalten lässt sich, dass das verwandtschaftliche Netz meist vielschichtig ist, jedoch starr bleibt. Die Positionen zueinander sagen per se nichts darüber aus, welcher inneren Art die Verbindung ist. Fest liegt lediglich, dass eine Verwandtschaft vorliegt, wie die Beziehung aber gelebt wird, wie das emotionale Verhältnis untereinander ist, wird damit nicht gesagt. Das letzte Jahrhundert hat deutlich gemacht, dass die verwandtschaftlichen Bande nicht mehr so tragfähig sind wie sie es mal waren. Darum werden Freundschaften immer wichtiger. „Zählen“ gute Freunde also mehr als Verwandte?

Selbstgewählte Freundschaften haben einen anderen Duktus als gegebene Verwandtschaftsverhältnisse. Sie entstehen und entwickeln sich im Laufe des Lebens und spielen im Beziehungsnetzwerk vieler Menschen heute eine große Rolle. Freundschaften bauen wir schon als kleine Kinder auf, in der Schule, das ganze Erwachsenenleben hindurch und auch im Alter. Freundschaften können in jedem Alter begonnen werden – und auch enden. Sie sind fragil.

Und ich mache mir klar, dass es sehr unterschiedliche Arten von Freundschaften gibt, was sich schon durch die jeweilige Bezeichnung zeigt: da gibt es Arbeits-, Kindheits-, Frauen- oder Männerfreundschaften – um nur einige zu nennen -, enge und weitläufige Freundschaften, zufällige und innige Freundschaften, aktuelle und veraltete, kurzzeitige und jahrzehntewährende – hier ist jegliche Art der Nähe oder Ferne, der Bedeutung oder Zufälligkeit und des Zwecks möglich.

Freundschaften lassen sich also weder so exakt wie Verwandtschaftsverhältnisse definieren, noch sind sie unumstößlich. Einen interessanten Umstand finde ich, dass wir uns die Frage stellen können, ob wir Freunde waren, sind oder es werden wollen. Diese Frage lässt sich in Bezug auf Verwandtschaft nicht stellen. Der Unterschied zwischen Freundschaft und Verwandtschaft hat in erster Linie mit der Beständigkeit der Begriffe zu tun. Eine Freundschaft lebt aus dem freien Willen der Beteiligten. Sympathie, Wertschätzung und Zuneigung spielen dabei eine Rolle. Freundschaften werden „gewollt“ und müssen bewusst gepflegt werden – gerade daraus kann eine Verbindlichkeit entstehen, die über Verwandtschaft hinausgeht.

Verwandtschaft entsteht aus anderen Gründen als Freundschaft und bleibt in ihren Strukturen statisch. Ganz abgesehen davon, in welcher inneren Beziehung die Beteiligten zueinander stehen. Die Gestaltung der Beziehung, sowohl auf verwandtschaftlicher als auch auf freundschaftlicher Ebene, obliegt aber immer den Beteiligten. Gestaltbar ist jede Art der Verbindung zwischen Menschen. Aus Verwandten können Freunde werden und aus Freunden (angeheiratete) Verwandte.

In unserem emotionalen Leben kann die Bedeutung von Verwandtschaft und Freundschaft eine ähnliche Rolle spielen, muss aber nicht. Wie schon gesagt, impliziert eine Freundschaft mitunter deutlicher Wärme, Interesse und Zugewandtheit. In der Zuweisung des Freundesbegriffes schwingt die emotionale Bindung mit. Ein Freund bleibt aber nicht unbedingt ein Freund – obwohl die Zeit oft dazu beiträgt. Feindschaft kann sowohl unter Freunden als auch unter Verwandten entstehen. Der Unterschied der Folge davon ist, dass eine Freundschaft daran zerbricht – die Verwandtschaft aber nicht.

Und nun frage ich mich, ob der Unterschied zwischen Verwandtschaft und Freundschaft also der ist, dass das erstgenannte eine unumstößliche, allerdings „nur“ lebenslängliche und manchmal auch bedeutungslose Tatsache ist, während das zweitgenannte zukunftsträchtig und bedeutungsvoll ist, immer wieder gepflegt, erneuert, errungen und lebendig gehalten werden kann – und das auch über den Tod hinaus?

Christine Ballivet „war“ eine Freundin von mir. Wir haben uns gekannt und gemocht, haben zusammen gearbeitet und gelacht. Nicht, dass wir uns gestritten hätten, oder dass die Freundschaft zerbrochen wäre, nein, es gibt einen anderen Grund warum ich die Vergangenheitsform gewählt habe und mich gleichzeitig frage, ob diese Formulierung so stimmt. Christine lebt nicht mehr, sie ist vor ein paar Monaten gestorben. „Ist“ sie dann eine Freundin, oder „war“ sie eine? Fast mutet es ja an, als ob sie durch ihren Tod von der freundschafts- auf die verbindliche Ebene der Verwandtschaft gewechselt ist. Denn, ich fühle nichts anderes als dass sie eine Freundin ist. Und immer bleiben wird.

Die Gefährtin auf dem irdischen Plan ist in die geistige Welt eingegangen - gibt es auch das, eine Freundschaft zwischen Lebenden und Toten?

Kommentare:

  1. Schoener Text! gefaellt mir sehr gut...

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  2. Wem verdanke ich denn dies Lob?
    Herzlich, Sophie

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  3. Danke sehr an den Webmaster.

    Gruss Nadja

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