Samstag, 12. Februar 2011

Der offene Zwischenraum zwischen Autor und Leser. Fragensammlung III

„Ich“ sitze an meinem Schreibtisch und lasse meinen Blick durch das Fenster nach draußen gleiten. Die Wolken hängen tief. Es ist grau, kalt und nass. Das lässt sich sehen. Aber auch spüren. Das Sonnenlicht dringt kaum durch die Wolken und es beginnt schon wieder zu dämmern. Ich bin froh, dass hinter mir der Ofen brennt. Die Wärme erreicht mich. Leider kann ich nicht schreiben, dass der Himmel blau und die Welt weiß sei – das hätte ich gerne getan. Aber ich habe mir heute vorgenommen, mich nicht in die Welt der literarischen Phantasie zu begeben, sondern mich mit irdischen und wahren Fakten auseinander zu setzen.

Was haben mein literarisches Ich, vielleicht müsste ich das sogar in die Pluralform setzen (…), und mein Alltags-Ich miteinander zu tun? Wie gehen sie auseinander hervor? Wenn ich mit Schülern ein Werk besprochen habe, das in der Ich-Perspektive geschrieben ist, zum Beispiel „Stiller“ von Max Frisch, dann ist oft eine ganz besondere Stille eingetreten, wenn die Schüler tatsächlich verstanden haben, dass es sich bei dem Ich-Erzähler nicht um den Autor handelt, sondern, dass das erzählende „Ich“ und der Autor zwei verschiedene Instanzen sind.

Eine Ich-Perspektive bringt Nähe. Zwischen Autor und Leser - über den Text, den Inhalt. Vor allem aber zwischen Ich-Figur und Leser – denn zwischen diesen beiden beginnt etwas zu schwingen. Wenn sich der Leser einer Erzählung die in der Ich-Perspektive geschrieben ist, mit den Inhalten verbindet, ist er ganz nah am Geschehen. Er ist dabei. Drinnen. Die Kraft der Gedanken, der Vorstellung und des sich Einlebens gehen in das Geschehnis über. Es passiert etwas, der Leser wird Teil der Erzählung. Das literarische Ich und das Ich des Lesers verschmelzen miteinander. Ich – als Leser – lese mich durch die Erzählung und reise mit dem literarischen Ich mit – wohin es auch immer unterwegs ist – Ich und Ich kommen sich, für die Erzählung, ganz nah.

Die Schüler haben gemerkt, welch unendliche Möglichkeiten wir als Menschen in unserem Vorstellungsleben haben, Dinge entstehen zu lassen, konstruktiv zu sein, frech und haltlos – weit über die physischen Gegebenheiten eines Menschen hinaus. Wir können kreativ sein, etwas hervorbringen, gründen, schöpfen, kreieren, konstruieren, konstituieren. Nicht selten entspann sich an diese Bewusstseinsmomente ein Gespräch über Wahrheit. Über Realität, Wirklichkeit, über die Kraft der Phantasie und über die Möglichkeit, mit Worten Berge zu versetzen. Dabei stand der „Schnittpunkt Mensch“ im Zentrum. Zwischen Himmel und Hölle. Zwischen der sogenannten Realität und der Welt der Dichtung. Zwischen mir und dir. Zwischen innen und außen.

Wenn sich jede Ich-Perspektive ausschließlich auf den Autor oder die Autorin beziehen ließe, dann gäbe es keinen offenen literarischen Raum. Das schreibende Ich wäre kein Schöpfer, es könnte kein beschriebenes Ich hervorbringen. Es gäbe keine Wunden zwischen mir und dir, keine Berührungspunkte. Kreativität wäre dann beschränkt, eingeengt, nichts Neues könnte sich ereignen. In diesem Zusammenhang bin ich ein Anhänger des Konstruktivismus.

„Sie“ steht an ihrem Schreibtisch und ihr Blick bahnt sich einen Weg durch das Fenster nach draußen. Keine Wolke ist zu sehen. Der Himmel ist blau, die Luft sieht warm und trocken aus. Sehen und spüren verbinden sich zu einer neuen Realität, was wahr ist, bleibt offen. Sie weiß nicht, was sie sieht. Das Sonnenlicht erreicht sie mit Wucht und es ist hell, hell und nochmal hell. Sie ist froh, dass es so warm ist, dann braucht sie keinen Ofen – aber ihr ist kalt. Denn heute muss sie schreiben, dass der Himmel grau und die Welt dunkel sei – aber das will sie nicht, fast weigert sie sich. Weil ihr heute bevorsteht, etwas von ihrem literarischen Ich zu erzählen – Phantasie und Fakten des realen Lebens sind da nicht auseinander zu halten, Perspektiven machen keinen Sinn mehr.

Fragen von mir zu dir
Womit berühre ich dich, wenn ich von mir erzähle?
Erzähle ich von mir, wenn ich von mir erzähle?

Fragen von dir zu mir
Warum vertrauen sich Leser und Autor?
Welche Bedeutung hat der Leser für den Autor?

Beobachter-Fragen
Wie ließe sich die Situation aus einer anderen Perspektive beschreiben?
Wie lassen sich Sprachspiele kommentieren?

Inhalts-Fragen
Wenn das WAS bleibt, ist nur das WIE variabel – verändert sich dadurch der Inhalt?
Was geschieht, wenn Subjekt und Objekt ihre Plätze vertauschen?

Kommentare:

  1. Liebe Sophie, darüber muss ich mit dir noch näher reden. Bis bald, Elfriede

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  2. Liebe Sophie, darüber muss ich mit dir noch näher reden. Bis bald, Elfriede

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