Montag, 22. April 2013

Island. Wenn die Erde spricht und der Wille des Menschen gefordert wird


Gen Norden
Vor ihr liegt die weite Steppe. Noch grau, kraftlos und müde, die Wut des Winters hängt in jedem Grashalm, ermattet neigen sie sich der Erde zu. Am Horizont erhebt sich der Berg, sanft wie ein Schneehügel sieht er aus, Wolken umspielen den Gipfel, ihr Auge kann nicht unterscheiden, wo das Wasser sich als gefrorener Teppich zeigt und wo als schwindelnde Watte im Blau des Gewölbes. Das kalte Weiß der Erde und das unerreichbare des Himmels verbinden sich hier und gehen ineinander über. Darunter grollt die Hölle, es bereitet sich etwas vor, der Ausbruch des Vulkans kündigt sich an.

Stoisch weiden die Pferde. Suchen nach Nahrung im alten, glitschigen Kalt. Müde erhebt sich der Blick der Alten. Doch die Fohlen nehmen die Schwere nicht an, sie traben, trotten, tölten. Erfreuen sich der Freiheit im Gespann, das eine zottiger als das andere, treu suchen sie die Nähe zu den Menschen. Der Wind streift ihnen durchs braune Fell, lässt die Mähnen flattern und erweckt ihre Neugier Tag für Tag – ob Sonne, Schnee oder Nebel. Sie sind gewillt die Lasten zu tragen.

Gen Süden
Die kleine Kapelle steht dort wie ein Spielzeugauto, mitten auf der Ebene – das Nichts ringsumher. Menschen zeigen sich hier selten, aber der Wasserfall tost unumwunden. Das kalte Nass donnert die Schlucht herab, Jahr für Jahr schmelzen die Gletscher, erfrieren erneut und zerfließen dann wieder. Das Wasser ist eisig und erfrischt die Gemüter. Wenn die Sonne sich zeigt, erhebt sich ein Regenbogen und lässt Hoffnung erwachen. Farben werden geboren und Verbindungen lassen sich erahnen, bis erneut die Asche fällt.

Dort, wo der Schwefel ans Licht kommt, wächst Grün und Orange aus der Stumpfheit hervor. Diese Farben leuchten im Dampf des heißen Gewässers, der den Himmel zu erreichen trachtet. Immer wieder versucht er‘s aufs Neue. Die tiefe Hitze der Erde schenkt sich der Kälte. Versöhnung von Luft und Wasser, Himmel und Erde – das gewaltige Schauspiel ununterbrochen, über Jahre und Jahrhunderte.

Gen Osten
Sie stapft über das unerschrockene Moos. Dazwischen Steine, grau, braun, schwarz - große und kleine, harte und leichte, immer wieder Pfützen, ein Bach, nie weiß ihr Fuß, worauf er treffen wird, wenn er sich neigt und neuen Halt sucht. Lang ist es her, dass hier die Lava geflossen ist. Das Leben ergreift erneut Besitz. Die knurpeligen Pflänzchen sind mutig und zäh und vorallem bescheiden. Flüsternd erobern sie Nahrung und geben sich mit wenig zufrieden. Auch diese Ebene ist weit. Voller Unruhe stellt sie sich dem Wind, der ihr nichts anhaben kann.

In der Ferne ragt der schwarze Berg auf. Erloschen und leer liegt das Feuer im Geröll der Zeit versunken. Was einst loderte, zischte und brodelte ist nunmehr zu einem erkalteten Mahnmal mutiert. Kalt, trocken, still aber heftig. Wer weiß schon, was die Erde bewegt, warum sie immer wieder zornig wird und das Innerste nach außen schleudert, um zu transformieren was nicht bleiben kann wie es war. Nur der erkaltete Krater hat die heiße Flut aus dem Erdinneren überlebt. Wie ein Gerippe trotzt er der Zeit.

Gen Westen
Die tosende Gischt bricht sich am Ufer. Blau ist das Wasser, unendlich und kraftvoll. Steil ragen die Felsen empor, tonnenschwer und doch leicht wie der Wind. Zu Gesten erstarrt, die ihr den Atem stocken lassen, zeigen sich die Kräfte, die einst die Schwere bewegten. Ihre Nachrichten schreien die fliegenden Gesellen in die offenen Lüfte. Und landen gekonnt auf den Spitzen der Steine. Hunderte, Tausende sind es, die zusammengehören und gemeinsam ihre wachsamen Runden drehen. Zusammen werden sie eins, fliegen dem Himmel entgegen und kommen zurück, setzen einzeln an der Steilküste auf, als gäb es die Fläche nicht.

Der Hafen ist klein. Schwarz und Blau treffen aufeinander. Schiffe und Menschen sind aneinander geknotet, wenn sie die schützende Mauer verlassen. Der Fischfang ist nötig, um das Überleben zu sichern. Die Gischt peitscht gewaltig, wenn der Wind sich nicht schlafen legt. Doch die Nacht ist still – über Wasser, Stein, Steppe und Geröll – wenn der Himmel erglüht, die Nordlichter tanzen und die Botschaften am Horizont funkeln. Himmel und Erde treffen aufeinander und wollen erkannt sein, im Willen des Menschen.

Kommentare:

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  2. Eine Landschaft bei der man nicht weiß, ob man demütig vor unbeschreiblicher Schönheit niederknien soll, oder ob man der kargen felsigen Trostlosigkeit besser den Rücken zuwendet.

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