Samstag, 16. Juli 2011

Ein Foto. Alte und neue Welt treffen aufeinander

Meine Großmutter kam noch aus dem 19. Jahrhundert. Lange vor ihrer Geburt wanderte die Familie aus dem Süden Deutschlands mit dem Deutschen Orden nach Estland aus und gehörte dort zu den sogenannten deutschen Kulturträgern. Jedenfalls wird das so erzählt. Das Land stand, inmitten seiner wechselvollen Geschichte, in jenen Jahren unter dem Schutz der russischen Zarenkrone, in der Schule wurde russisch gesprochen und ein Pass trug das russische Siegel.

Die Straßennamen jedoch waren deutsch, alles was mit der Universität und Kulturellem zu tun hatte ging von der deutschen Bevölkerung aus, man sprach und studierte auf Deutsch. Die Ebene des Alltags mit Kutscher, Gärtner und der Landbevölkerung spielte sich auf Estnisch ab. Das Kindermädchen sprach Französisch, was ebenfalls die Sprache der Empfänge war. Meine Großmutter konnte bis ins hohe Alter fünf Sprachen sprechen.

Sie war 21 Jahre alt, als sich die Oktoberrevolution abspielte – bis dahin kannte sie kein elektrisches Licht und nichts von dem, was dazu gehörte. Mädchen, Frauen und Damen trugen Kleider, lange Kleider. Frauen in Hosen waren undenkbar. Als Kind hörte ich den Erzählungen meiner Großmutter von damals immer staunend zu. Nichts von dem fand sich in meiner Welt.

Weder konnte ich mir diese Form der Vielsprachigkeit vorstellen, noch konnte ich mir auch nur halbwegs denken, wie man ohne Strom leben könnte. In unserer Neubauhochhaussiedlung wurde nur deutsch gesprochen, schon als kleine Kinder fuhren wir mit dem Fahrstuhl bis in unsere Etage, das Telefon klingelte ohne Unterlass, die Ferien verbrachten wir in fremden Ländern, wohin wir mit dem Auto fuhren und das Gemüse wurde im Supermarkt gekauft.

Meine Großmutter erzählte mir auch von ihrem Sommerhäuschen am See. Dorthin fuhr man für die hellen Monate, in denen es nachts nicht dunkel wurde. Und sie schwärmte von den Blaubeeren – den unendlich vielen Beeren, die im Sommer gesammelt und eingemacht wurden. In mir entstanden innere Bilder. Bilder, von denen ich nie ganz sicher war, ob sie etwas mit der Realität zu tun hatten.

Viele, viele Jahre später, meine Großmutter war fast einhundert jährig einige Zeit vorher gestorben, fuhr ich dann einmal nach Estland, um den Spuren meiner Familie, die die alte Zeit und die alte Welt gewaltsam hinter sich lassen musste, zu folgen. Krieg und Vertreibung und wieder Krieg standen damals an. Der eine Bruder auf der deutschen Seite, der andere auf der russischen. Die Schwester nach Sibirien verbannt. Flüchtlingstracks gen Westen, manchmal ein Wiedersehen, oft aber auch eine gnadenlose Stille zwischen Menschen, die sich nahe standen und sich in dieser Welt nicht wieder sehen konnten.

Ich las die alten überlieferten Geschichten, die schrecklichen und die schönen Erinnerungen, sah mir alte Fotos an, studierte historische Stadtpläne, begegnete alten Wappen meiner Familie und versuchte mir aufs Neue vorzustellen, „wie das alles war“.

Äußerlich war ich eine Touristin, innerlich suchte ich den Boden unter meinen Füßen. Das Haus meiner Groß- und Urgroßeltern, direkt neben der Universität in der Gartenstraße in Dorpat war abgebrannt, es stand nicht mehr. An dieser Stelle hatte man einen kleinen Platz errichten lassen, der an die Vergangenheit mahnte. Meine Vorfahren waren Fotographen gewesen, die ersten damals, dort oben, im Norden. Auch die Zarenfamilie in St. Petersburg hatte mein Urgroßvater fotografiert – so hieß es. Aber für mich blieb das alles eine vage Vorstellung, Geschichte eben.

Als ich dann aber in ein Antiquariat trat und mich umsah – möglicherweise hatte meine Familie mit solchen Möbeln, die dort zum Verkauf angeboten wurden, gelebt? – sah ich eine Schachtel mit alten Fotos. Retuschierte Fotos auf dicken Kartons. Die abgebildeten Portraits sagten mir natürlich nichts. Aber dann drehte ich ein Bild um und las die Aufschrift: Fotoatelier Arthur Schulz. Gartenstraße 1. Dorpat (heute Tartu). Der Fotograf war mein Urgroßvater.

Und plötzlich wurde alles real. Die Geschichten bekamen Hand und Fuß. Dieses Bild hatte mein Urgroßvater gemacht. Ihm gehörte das damals einzige Fotoatelier in Dorpat. Meine Großmutter hatte mit ihm dort gearbeitet. Bis zum Hitler-Stalin-Pakt, der beinhaltete, dass die Deutsch-Balten innerhalb eines Tages fliehen mussten. Das Foto ist also durch die Hände meiner Familie gegangen. Ganz real. Mein Urgroßvater hat es produziert und so in den Händen gehalten, wie ich es jetz hielt.

Und ich stand in dem Antiquariat und die vielen wundersamen Geschichten meiner Familie sammelten sich in meiner Hand. Der Blick auf das Foto von damals trifft auf meinen Blick heute. Geschichten wurden zu Geschichte und ich hielt sie in der Hand. Zwei Generationen später. In einer Welt ohne Kutscher, ohne Sommerhäuschen am See, ohne ein französisches Kindermädchen und ohne eine Dampflock mit der man tagelang und voller Abenteuer unterwegs war, bevor man in der Reichshauptstadt Berlin ankam.

Kommentare:

  1. Es gibt eine Zeit im leben wo man die Vergangenheit nicht mehr braucht, dann eine andere wo man Spuren sucht. Dann kommt die Zeit wenn Zukunft eine lehre Seite ist, eine Seite die schon lange geschrieben ist aber die nicht so einfach ist zu entziffern. Da bin ich und da wird die neue Geschichte erzählt. Manchmal, wenn man Glück hat vermischen sich Vergangenheit und Zukunft im jetzt. Da bist du Sophie und du hast ein Schatz erfunden.
    Eine schöne Reise durch den Sommer wünsche ich dich mit viele lieben Grüssen.
    Josiane

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  2. wolfkollmann@libero.it25. Juli 2011 um 13:16

    Liebe Josiane!
    Welche Freude dich immer wieder zu lesen und dir zu begegnen auf dem Sophienblog. - Dieser Gedanke der Zeit ist zauberhaft, weil er birgt in sich eine neues Erkennen der Freiheit und lässt zu, schöpferisch mit dem Leben umzugehen! Sei herzlich umarmt! Wolf

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