Samstag, 21. Mai 2011

Es geht um die Mitte: Empörung

Stéphane Hessel hat einen Aufsehen erregenden Essay geschrieben. Schon vor ein paar Monaten. „Empört euch!“ heißt er – und er hat wahrhaft empörenden, aufrüttelnden Charakter. Ich bin erst jetzt auf das Büchlein gestoßen und tief bewegt von den Worten des alten Mannes.

Stéphane Hessel wurde im Ersten Weltkrieg 1917 in Berlin geboren und lebt seit 1924 in Paris. Letztes Jahr hat er, 93 Jahre alt, seinen Weckruf verfasst. Er ist der Sohn von Franz Hessel – der einer meiner alten literarischen Freunde ist (zum Beispiel: Der Kramladen des Glücks, 1913). Franz Hessel hat den Begriff des „Großstadt-Flaneurs“ geprägt. Gemeinsam mit seinem Freund Walter Benjamin hat er Proust übersetzt und sich literarisch mit Berlin und Paris beschäftigt.

Walter Benjamin hat sich 1940 das Leben genommen, um den Nazischergen zu entfliehen. Franz Hessel ist 1941 gestorben. Stéphane Hessel aber hat all das mitgemacht, was das letzte Jahrhundert an Dramen, Aufregungen und Verwirrungen geboten hat. Er hat seinem Leben äußerlich einen anderen Akzent als sein Vater und dessen Freund gesetzt, ist innerlich aber mit beiden eng verbunden. Nur durch einen beherzten Trick konnte Hessel im letzten Augenblick dem Strang im KZ Buchenwald entweichen und sein Leben - und damit seine Mission - weiterführen.

Während des Zweiten Weltkrieges gehörte er zur Résistance um General de Gaulle und danach zu den Mitautoren der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen. In seinem Essay schaut er in die heutige politische Welt und stellt er dar, worüber er sich empört. Empörung, so Hessel, sei das Grundmotiv der Résistance gewesen, und daraus sei die Kraft erwachsen, Widerstand zu leisten. Und das ist die Botschaft, die sein kleines aber auflagenstarkes Büchlein heute so vehement in die Welt ruft.

Natürlich kann man darüber diskutieren, was gesellschaftspolitisch die schlimmsten Vernachlässigungen sind, was die wichtigsten zu erreichenden Ziele sind oder welche Nöte wie zu bewerten seien. Darüber wird auf der Welt-Bühne „verhandelt“ und gestritten. Ethische, moralische und demokratische Grundwerte lassen sich auf allgemeine Formeln bringen. Wie aber entstehen die vielen verschiedenen Blickwinkel und durch welche Motive handelt der Einzelne?

Was mich in dieser Hinsicht bewegt, ist die Tatsache, dass Hessel uns von seiner persönlichen Empörung innerhalb seines Lebenslaufes erzählt – und dazu aufruft, nachzuspüren, was des Lesers eigene Empörung ausmacht. „Empörung“ ist etwas sehr persönliches, ein intimes Geschehen ganz im Innern des Menschen. Empörung ist ein seelisches Ereignis, das ich in meiner Mitte, ja, ich glaube gar in meinem Herzen spüre.

Empörung entsteht und zeigt sich unwillkürlich. Durch etwas, was ich sehe, erlebe, höre oder lese. Empörung ist zunächst ein privates Gefühl, eine Reaktion, die sich möglicherweise durch meinen Lebenslauf erklären lässt. Wenn ich innehalte und das mich Empörende gedanklich durchdringe, können mich meine Füße an die Orte tragen, an denen meine Hände etwas zu tun haben, was meine Empörung lindert, die Verhältnisse verändert. Die Initialzündung dazu geschieht im Gefühl – erst dann folgen Denken und Taten.

„Ich wünsche allen, jedem Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar. Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank dem Engagement der Vielen – zu mehr Gerechtigkeit und Freiheit […]“

Hessel blickt zum einen in die Welt und zum anderen auf sich selbst. Er ruft dazu auf Zusammenhänge zu schaffen, uns mit der Welt zu verbinden, unsere eigenen Herzen als ernstzunehmende Organe einzusetzen. Und er zeigt, wie die private, persönliche Ebene mit der gesellschaftlichen, weltpolitischen zusammenhängt.

Die menschliche Mitte ist es, die ausgebildet werden muss. Dort ist der Ort allen weiteren Geschehens, von dort nimmt Geschichte (und die Politik!) ihren Lauf. Hessel ist seiner Empörung von damals treu geblieben, er hat sie durch sein ganzes Leben getragen und sein Engagement daraus gespeist. Und noch heute fühlt er sie und trägt dazu bei, sie zu verwandeln. Empörung kann in Tatkraft transformiert werden, die einen Beitrag an die Entstehung einer Kultur des Herzens leistet.

Auch Walter Benjamin hat schon eine Kultur des Herzens erwähnt (in seinem Essay: Zur Kritik der Gewalt), er war in dieser Hinsicht aber pessimistisch gestimmt, er sah in einem Engel-Bild von Klee, „Angelus Novus“, den Geschichtsengel, der in einer Abwehrhaltung gegen einen Sturm auf das Weltgeschehen schaut (in seinen Geschichtsphilosophischen Thesen). Möge es eines Tages weitere Engelbilder geben, die zeigen, dass Veränderung möglich ist.

Dafür braucht es Menschen, die sich, gespeist aus persönlicher Empörung, beherzt in ihr Leben stellen. Mag jemand erzählen, worüber er oder sie sich empört – und was möglicherweise daraus folgt?

Stéphane Hessel: Empört euch! Ullstein Verlag Berlin, 8. Auflage 2011.

Kommentare:

  1. Liebe Sophie!!

    Herrlich herzlicher Tekst hat du geschrieben! Ich habe sie gebraucht.

    Worueber ich mich empoere sind die folgen der Privatisierung der Kinderbetreuung in Holland. Ich empeore mich darueber dass Mitten in einer Demokratie ich als simpler 'Arbeiter' mich gefangen fuehle in was ich als ein Gefaengnis betrachte, ein Kaefig gebaut durch Menschen die sich 'Manager' nennen.

    Herzlich Babs

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  2. Liebe sophie,
    danke für deinen schönen blog. Ich finde es auch sehr wichtig, sich zu empören. Empören ist wohl ein moralisches Gefühl, wir empören uns wegen Ungerechtigkeit...ohne Empörung gehts nicht.
    Ich empöre mich im Moment vor allem wegen meiner Ausbildung in der schule und es ist wunderbar das auch mal schriftlich zu tun!!! Machs gut und liebe Grüsse Elfriede

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  3. Ich finde Empörung gefährlich. Die Leute empören sich über alles mögliche, und finden sich dann im Recht weil sie echt empört sind. Auch die Gegner von Hessel waren empört, also finde ich eher wir sollten über diese Konfrontationsmechanismen hinausgehen - und Argumente verwenden, vorzugsweise solche die es uns erlauben die eigenen Fehler zu sehen (anstatt sie hinter Empörung zu verstecken). Ich erinnere mich mit Scham an gewisse Empörungen meinerseits.
    VCM

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  4. Empörung als Inspiration. Ein sehr guter Gedanke, der sehr zu meinen aktuellen Gedanken passt!
    Denn immer wieder sitze ich mit Menschen da und es kommt ständig zu Situationen, in denen über dies und das gesprochen wird und sich eine Haltung einstellt von: Mensch ist das alles schlimm und nicht richtig was hier oder dort läuft, alles geht langsam den Bach runter und wir stehen da als kleine Menschen und können ja eh nichts tun. Mich macht das zu Weilen fertig. Vor allem, weil es so pessimistisch ist, dass es scheinbar automatisch zur Trägheit führen muss. Ich dachte bis vor kurzem: scheiße. Wo sind denn die Leute, die aus genau diesem Gefühl dass etwas nicht stimmt auch in die Aktion gehen und war immer dagegen einfach nur zu klagen über Zustande, Umstände oder Entwicklungen. Aber das muss es ja scheinbar nicht sein. Der nächste Schritt muss also sein, sich mit dem was man sagt auch so zu verbinden, dass es genug empört, um daraus einen echten Aktionismus zu entwickeln. Dafür müssten wir es nur schaffen, nicht immer im selben Moment über alles gleichzeitig sprechen und denken zu wollen.
    Danke für die Inspiration! Du wirst bald wieder von mir hören, versprochen! :)

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