Samstag, 4. Juni 2011

Zwei Frauen in einer Stadt. Über Literatur

Als Anna beim Zähneputzen in den Spiegel schaut, entscheidet sie sich für den blauen Kajalstift. Damit akzentuiert sie diskret das Blau ihrer Augen. Sie legt sich eine blaue Kette um, geht zum Kleiderschrakt und wählt etwas aus, was zum heutigen Blau passt. Nach einem Kaffee und einem Croissant sitzt sie im Auto. Noch schlaftrunken, aber voller Offenheit für das, was kommt. Das Motorengeräusch und die Musik aus dem Lautsprecher verbinden sich miteinander.

Maria kommt etwas später, sie hat einen weiteren Weg. Beide Frauen mittlernen Alters parken hinter dem schäbigen 70er-Jahre-Bau, ihre Autos stehen hintereinander – wie früher so oft. Sie haben sich lange nicht gesehen. Das Gespräch beginnt unmittelbar, eine Nähe stellt sich ein. Die beiden schlendern die sonnige Straße entlang und ranken sich an Erinnerungen empor – obgleich sie beide müde und erschöpft sind.

Wie eh und je stehen alt-ehrwürdige und funktional-rechteckige Gebäude nebeneinander, Menschen gehen ein und aus – es sieht so aus, wie es schon vor Jahren aussah: die Zeit steht still, Menschen laufen geschäftig hin und her und alle Autos fahren in eine Richtung. Der Morgen ist noch jung, aber das städtische Leben bereits erwacht – Menschen haben Ziele.

Auf einmal fragt Maria: „Wann und wo ist dir in deinem Leben die Literatur begegnet?“

Anna schweigt, sie denkt zurück. „Literatur? Gab es einen Moment in meinem Leben, als sich die Literatur mir vorstellte? Als ich begann Literatur von Literatur zu unterscheiden? Sachtexte von literarischen Texten zu trennen, Märchen von Kurzgeschichten? Gab es einen Zeitpunkt, in dem die Literatur angeklopft, sich vorgestellt und sich in ihrem Leben einen Platz erobert hat?

Annas Schritt verlangsamt sich. Die Frage macht sie nachdenklich. Ihr ganzes Leben schon ist sie von Literatur umgeben – aber das hat sie sich nie klargemacht. Literatur hat sowohl innen als auch außen einen Platz. Irgendetwas bewegt sich da lemniskatengleich zwischen Punkt und Umkreis – und umgekehrt.

Anna: „Ich glaube, es waren die Männer. Max Frisch und Hermann Hesse. Sie waren die ersten, die mir literarisch begegnet sind. An ihre Romane erinnere ich mich, die habe ich in meiner Jugend gelesen – und ich weiß noch gut, wie mir bewusst wurde, dass ich im Moment des Lesens in zwei Welten lebte: in der, in der ich las und in der, in der ich literarisch unterwegs war. Das hat mich schon damals sehr beeindruckt und einen doppelten Sprung verursacht.“

Maria: „Und die Literatur und du – was hat das in dieser Stadt miteinander zu tun?“

Anna: „Die Literatur war immer ein Schatz für mich. Ein existentiell-nebensächlicher Faktor.Sie spielte nebenbei immer eine Rolle. Aber sie stand nicht im Rampenlicht. Sie war lange ein Mitläufer. Kein Mitspieler. Und das habe ich eines Tages geändert. Da wurde die Literatur ein Mitspieler in meinem Leben. Hier in dieser Stadt. Ich habe ihr einen offiziellen Platz gegeben. Habe ihr einen Status verliehen. Habe Germanistik studiert und danach begonnen zu schreiben.

Für die Germanistik musste ich lernen Texte auseinander zu nehmen. Ich drang in die Literatur ein. Ich musste Begriffe finden, die den Text durchschnitten, erklärten, zerpflückten. Jegliche Literatur wurde so zerstört. Was blieb, waren Analysen und Fachbegriffe. Der Klang einer Geschichte verrauchte im Hörsaal und wurde zu einem Nichts…“

Maria: „Das hört sich ja schrecklich an. Warum bist du heute wieder hier? Warum willst du Autoren ihre Werke lesen hören?“

Anna: „Was ich damals gelernt habe, ist Texte in ihrem Aufbau, in ihrer Struktur zu verstehen. Nicht aber ihr Geheimnis zu ergründen. Und das ist geblieben. Gott sei Dank! Die Texte, die ich lesen und bearbeiten musste, haben mich einmal so wütend gemacht, dass sie mich dazu geführt haben, selbst zu schreiben. Selbst zum Baumeister zu werden, Texte zu kreieren. Und das war ein Ereignis!

Mittlerweile habe ich mir den Zauber der Literatur so richtig zurückerobert. Lesend, schreibend und hörend. Einen Autor seine eigenen Worte lesen zu hören, eröffnet noch einmal einen neuen Horizont, einen besonderen Zugang zum Werk. Eine neue Welt: Das Zittern in der Stimme, die Verhaltenheit oder die Souveränität, die Überzeugung! Figuren werden präsent. Unwiderstehlich. Der Autor verrät durch seine Stimme noch mehr als durch geschriebene Worte. Ich mag es sehr, Autoren zu hören, die ihre eigenen Worte lesen.“

Maria schweigt. Sie taucht in ihre eigene Welt ein. Denkt an ihr Referendariat. An den durchstrukturierten Stundenaufbau, durch den sie ihren Schülern im Deutschunterricht etwas „beibringen“ soll, einen Sinn für Literatur... Sie denkt an Vorbereitung, Durchführung und Evaluation…. Wo bleibt da das Ereignis, das literarische Ereignis?

Die beiden Frauen lassen sich durch die Stadt treiben. Keine Worte mehr. Sie suchen ein Ereignis. Ja, ein literarisches Ereignis. Sie wollen das Dreieck: Autor, Text und Zuhörer – mit der Welt, die dahinter liegt. Und sie finden diese Welt. Unter freiem Himmel. Mit vielen anderen Menschen. Jeder für sich und doch alle zusammen. Literarische Worte öffnen Welten. Anna ist so berührt, so dass ihr ein paar kleine Tränen die Wangen hinunter rollen, die das Blau des Kajalstrichs verschwimmen lassen.

Kommentare:

  1. Liebe Anna,

    danke für deine Worte und Gedanken. Sie haben mich sehr berührt und meine Augen haben einen anderen Glanz plötzlich. Ich spüre eine tiefe dankbarkeit in mir, für deine Worte, für diese Welten in, um und mit der Literatur, die du vor meinem Inneren hast entstehen lassen, und die ich wie selbstsverständlich in mir trage. Nur, dass es dies eben nicht ist, selbstverständlich, dies ist mir beim Lesen eben klar geworden. Tage wie beim Bücherfest in Tübingen lassen mich auftanken, mich frei werden von Didaktik und strukturellem ... die Poesie, die Poetik in all ihren Formen, ich will sie nicht wieder verlieren. Deshalb mein Motto für die nächste Zeit: Dranbleiben!!!
    Und danke an dich, die du mich immer wieder daran erinnerst!
    Liebe Grüße, Maria

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  2. Liebe Anna,habe ich es richtig verstanden: Literatur aus Wut? Das Wort "Edda" bedeutet etwa: Wut verwandelt in Worte... In literarischen Texten fließt ein, was das soziale Leben noch nicht aufnehmen kann. Samuel Ton Coster

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